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Barbara Senckel: Mit geistig Behinderten leben und arbeiten

Cover Barbara Senckel: Mit geistig Behinderten leben und arbeiten. Eine entwicklungspsychologische Einführung. Verlag C.H. Beck (München) 2007. 8., durchgesehene Auflage. 412 Seiten. ISBN 978-3-406-38111-9.

Seit Erstellung der Rezension ist eine neuere Auflage mit der ISBN 978-3-406-68499-9 erschienen, auf die sich unsere Bestellmöglichkeiten beziehen.
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Thema

In dem umfangreichen - erstmalig im Jahre 1994 erschienenen -inzwischen in 8. Auflage vorliegenden Buch von Barbara Senckel geht es primär um die Psychologie der menschlichen Entwicklung allgemein und sekundär um spezielle Aspekte in der Entwicklung von Menschen mit geistiger Behinderung. Der Untertitel und der Haupttitel müssten eigentlich getauscht werden, es handelt sich um eine entwicklungs- psychologisches Einführung (fast ein Lehrbuch) unter besonderer Berücksichtigung der Lebenswelten geistigbehinderter Menschen. Es ist vermutlich dem Jahr der Ersterscheinung des Buches 1994 geschuldet, dass im Titel nicht wie im Text des Buches von geistig behinderten "Menschen" die Rede ist, sondern von geistig Behinderten, obgleich sich die Terminologie spätestens seit Inkrafttreten des Sozialgesetzbuch SGB IX "Rehabilitation und Teilhabe behinderter Menschen" im Jahre 2001 durchgesetzt hat.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist in zwei Teile und zweiundzwanzig Kapitel gegliedert.

Der erste Teil folgt in neun Kapiteln chronologisch den Lebensphasen:

  • Pränatale Entwicklung und Geburt (1.Kap.),
  • das erste Lebensjahr (2. Kap.),
  • das Kleinkindalter (3. Kap.),
  • das Grundschulalter (4. Kap.),
  • Pubertät und Adoleszens (5. Kap.),
  • das junge Erwachsenenalter (6. Kap.),
  • Krisen in der Lebensmitte (7. Kap.),
  • die zweite Lebenshälfte (8. Kap.),
  • Trennung: Sterben und Trauern (9. Kap.).

In den letzten drei Kapiteln (7.- 9.Kap.) werden Themen angesprochen, die nicht zum entwicklungspsychologischen Standardrepertoire gehören, aber von  immens hoher Bedeutung sind.

In den dreizehn – ebenfalls sehr deutlich aus psychoanalytischer Perspektive geschriebenen - Kapiteln des zweiten Teils werden - so weist es das Inhaltsverzeichnis aus - "ausgewählte Themen der menschlichen Entwicklung" aufgegriffen:

  • "Das psychoanalytische Persönlichkeitsmodell (10. Kap.),
  • die Beziehungs- und Ich-Entwicklung (11. Kap.),
  • Sexualentwicklung (12. Kap.),
  • Entwicklung des Norm- und Wertebewusstseins (13. Kap.),
  • Aggression (14. Kap.),
  • Angst (15. Kap.),
  • die Entwicklung der Schutzfunktionen (16. Kap.),
  • Selbstwertgefühl (17. Kap.),
  • Wahrnehmung (18. Kap.),
  • Intelligenz und Denken (19. Kap.),
  • die Entwicklung des Spielens (20. Kap.),
  • Sprachentwicklung (21. Kap.),
  • Kommunikation (22. Kap.)".

Das – gemessen am Umfang des Buches (über 400 Seiten) – knappe Literaturverzeichnis weist weitgehend ältere Grundlagenliteratur aus. Ein umfangreiches Stichwortregister im Anhang erleichtert das Auffinden gesuchter Textstellen. Einleitung und Nachwort sind als Schlüssel zum Verständnis des Buches zu betrachten.

Jedes Kapitel ist so strukturiert, dass zunächst die allgemeinen Entwicklungszusammenhänge dargelegt werden und - darauf aufbauend - die speziellen Aspekte und Probleme der Entwicklung von Menschen mit geistiger Behinderung zur Sprache kommen, die anhand prägnanter Praxisbeispiele vertieft werden.

Autorin /Adressaten

Die Autorin Barbara Senckel (geb. 1948 wie es der Klappentext ausweist) ist Dozentin für Psychologie an einer Fachschule für Heilerziehungspflege und einem Seminar für Heilpädagogik sowie psychologische Fachberaterin einer großen Behinderteneinrichtung ("Anstalt Stetten", S.20). Sie vertritt einen psychoanalytischen Theorieansatz.

In der Einleitung (eigentlich einem Vorwort) sowie im Nachwort erläutert Barbara Senckel, für wen sie hauptsächlich dieses Buch geschrieben hat: für ihre Schülerinnen und Schüler, also für künftige Heilerziehungspfleger und Heilpädagogen. Ihre vergebliche Suche nach verständlicher und praxisorientierter Literatur hat zur Entstehung des Buches beigetragen.

Da die Autorin die Absicht verfolgt, "in Handlungen umsetzbares Grundwissen zu vermitteln", verzichtet sie im Text weitgehend darauf,

  • divergierende Theoriepositionen darzulegen und
  • empirische Forschungsergebnisse zu vermitteln.

In der Einleitung weist die Autorin außerdem darauf hin, dass sie auf "fachsprachliche Ausdrucksweise" soweit wie möglich verzichtet habe, "um Laien den Zugang zu den ohnehin oft abstrakten und deshalb schwer verständlichen Theorien zu erleichtern" (S 19).

Es ist der Autorin ein wichtiges Anliegen, die Leserinnen und Leser über das Verständnis der Entwicklung geistig behinderter Menschen zur "Selbstbegegnung" und "Selbsterkenntnis" zu führen, getreu dem Motto des Buches "«tua res agitur`- es geht um deine Sache" (S. 398).

Diskussion

Es ist ein großer Vorzug des Buches, dass es klar und verständlich geschrieben ist und ihm ein Entwicklungsverständnis zu Grunde liegt, das die gesamte Lebensspanne einbezieht. Erwachsene Lesende, ob jünger oder älter, die sich auf eine grundlegende psychoanalytische Sichtweise einlassen können, werden nicht umhin kommen, sich zum Beispiel mit dem eigenen Selbstwertgefühl, mit eigenen Krisen, Ängsten, Trennungs- und Trauerprozessen auseinander zu setzen - auch und gerade während der Lektüre derjenigen Passagen, die sich - immer in achtungsvoller Sprache – mit geistig behinderten Menschen befassen. Dabei ist es sehr hilfreich, dass die einzelnen Kapitel vor allem im zweiten Teil für sich gelesen werden können. Sie bieten einen fundierten Einstieg in komplexe Themengebiete, die weit über entwicklungs-psychologische Aspekte hinausgehen, als Beispiel sei das letzten Kapitel genannt, in dem es um Kommunikation und ihre Störungen geht.

Doch die Verständlichkeit des Textes würde nicht zwangsläufig leiden, wenn der Lesende erführe, welcher Autor / welche Autorin welcher Forscherin wann und wo nachlesbar was gesagt hat, aufgrund welcher Überlegungen / Forschungsergebnisse / Experimente er / sie zu welchen (Hypo)thesen Theorien gelangt ist, welche Gegenpositionen vertreten werden und welche kritischen Stimmen es gibt. Daran ist der wissenschaftlich orientierte Leser (auch der Laie) durchaus interessiert. Babara Senckel beschränkt sich auf globale Literaturverweise. Hinweise auf das Jahr der Veröffentlichung Seitenangaben fehlen häufig, bisweilen tauchen genannte Autoren nicht einmal im Literaturverzeichnis auf ( z.B. "Otto Ranke"-S.29)".

Hinzu kommt, dass neuere Entwicklungen und Forschungsergebnisse nicht hinreichend berücksichtigt worden sind. An einem Beispiel aus dem Kapitel über Pränatale Entwicklung und Geburt sei dies belegt. Barbara Senckel schreibt: "Bei einer Geburt mit sechsundzwanzig Wochen kann der tausend Gramm schwere Säugling überleben,…"(S.27). Das ist schon lange nicht mehr aktuell, Mediziner gingen bisher davon aus, dass Frühgeburten mit einem Gewicht von 400 Gramm nicht lebensfähig sind, doch auch diese Grenze ist inzwischen unterschritten (am 22/23.9.07 titelte die Hannoversche Allgemeine Zeitung "Start ins Leben mit 300 Gramm. Ein kleines Wunder an der Uniklinik Göttingen: "Extrem-Frühchen" überlebt ohne Komplikationen).

Um nicht missverstanden zu werden, dieses Faktum konnte selbstverständlich bei der achten, durchgesehenen Auflage 2006 nicht berücksichtigt werden, wohl aber die lange Jahre - bereits 2000- gültige Grenze von 400/500 Gramm Mindestgewicht bei Frühgeborenen.

Gleichwohl macht die Tatsache, dass das Buch bereits in der achten Auflage vorliegt, deutlich, dass es derzeit auf dem deutschen Buchmarkt keinen adäquaten Ersatz für dieses Buch gibt.

Eine Erweiterung zu einem Lehrbuch böte sich daher an. Dabei wäre es sicherlich auch hilfreich, zur Bearbeitung einzelner Kapiteln weitere Autorinnen und Autoren heranzuziehen, zu deren Spezialgebiet das jeweiligen Kapitel gehört.

Mit Hilfe gängiger optischer Verfahren: verschiedener Schrifttypen, Rahmungen, farblicher Unterlegen, Tabellen, Graphiken u.a. könnten

  • Originaltexte eingefügt,
  • Forschungsergebnisse dargestellt
  • weitere Theorieansätze sowie
  • kritische Stimmen diskutiert und
  • neueste Entwicklungen verarbeitet und außerdem
  • exakte Literaturverweise eingefügt werden.

Bei eine Modifikation des Titels sollte das wunderschöne, sehr passende Farbbild "Mutter und Kind" von Walter Knobelspieß (Birkenfeld) auf dem Umschlag sowie das eindringliche, ebenfalls sehr passende schwarz-weiß Bild "Micha und Mama" von Michael Rahnfeld (1990) auf der Innentitelseite unbedingt wieder verwendet und durch weitere Bilder der beiden Künstler ergänzt werden.

Fazit

Nach einer Überarbeitung wäre das Buch zur Lektüre für Schülerinnen und Schüler einschlägiger Fachschulen sowie Studierenden von Hochschulen verschiedener Fachdisziplinen ebenso mit Nachdruck zu empfehlen wie interessierten Laien und vor allem Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die mit geistig behinderten Menschen leben und arbeiten.


Rezensentin
Prof. Dr. Wiebke Ammann
Fachhochschule Hannover


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Zitiervorschlag
Wiebke Ammann. Rezension vom 16.10.2008 zu: Barbara Senckel: Mit geistig Behinderten leben und arbeiten. Eine entwicklungspsychologische Einführung. Verlag C.H. Beck (München) 2007. 8., durchgesehene Auflage. ISBN 978-3-406-38111-9.

Seit Erstellung der Rezension ist eine neuere Auflage mit der ISBN 978-3-406-68499-9 erschienen, auf die sich unsere Bestellmöglichkeiten beziehen. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/2127.php, Datum des Zugriffs 16.11.2018.


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