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Iris Hauth, Peter Falkai u.a. (Hrsg.): Psyche – Mensch – Gesellschaft

Cover Iris Hauth, Peter Falkai, Arno Deister (Hrsg.): Psyche – Mensch – Gesellschaft. Psychiatrie und Psychotherapie in Deutschland: Forschung, Versorgung, Teilhabe. MWV Medizinisch Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft (Berlin) 2016. 256 Seiten. ISBN 978-3-95466-285-2. D: 49,95 EUR, A: 51,45 EUR, CH: 60,00 sFr.
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Thema

Der Herausgeberband der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) ist eine aktuelle Standortbestimmung der Fachgebiete Psychiatrie und Psychotherapie in Deutschland. Durch die verschiedenen Beiträge sollen sowohl die Bandbreite der Fachgebiete wie auch die aktuellen Entwicklungen und zentralen Herausforderungen beleuchtet sowie kritisch hinterfragt werden. Ziel ist es über Ursachen, Behandlungsmöglichkeiten und den aktuellen Stand der Forschung zu informieren und der Stigmatisierung psychischer Erkrankungen entgegen zu wirken.

Herausgeberin und Herausgeber

  • Dr. med. Iris Hauth ist Chefärztin und Geschäftsführerin der ALEXIANER St. Joseph GmbH in Berlin-Weißensee. Sie ist Humanmedizinerin und Fachärztin für Neurologie und Psychotherapie sowie für Psychotherapeutische Medizin. Die Schwerpunkte ihrer klinischen Tätigkeit sind Depressionen, schizophrene Psychosen, postpartale psychische Störungen und innovative Versorgungsformen. Seit 2004 ist sie im Vorstand der DGPPN und war von 2015 bis 2016 Präsidentin der DGPPN.
  • Prof. Dr. med. Peter Falkai ist Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie an der Ludwig-Maximilians-Universität in München. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in den parthomorphologischen Aspekten der Schizophrenie. Er war von 2011 bis 2012 Präsident der DGPPN und ist Autor der Schizophrenie Behandlungsleitlinien der DGPPN sowie der World Federation of Biological Psychiatry (WFSBP).
  • Prof. Dr. med. Arno Deister ist Chefarzt des Zentrums für Psychosoziale Medizin des Klinikums Itzehoe. Er ist Humanmediziner und Facharzt für Neurologie, Psychiatrie, Psychotherapie, Psychosomatische Medizin und Forensische Psychiatrie. Die Schwerpunkte seiner wissenschaftlichen Arbeit liegen in der Psychosenforschung, der Sozialpsychiatrie und der Struktur des Gesundheitssystems. Er wird 2017/2018 Präsident der DGPPN.

Entstehungshintergrund

Psychische Erkrankungen sind keine Seltenheit, sie werden inzwischen ebenso häufig diagnostiziert wie Volkskrankheiten. Trotzdem sind sie stark stigmatisiert und gesellschaftlich relevante Diskurse über die Versorgung und Integration psychisch erkrankter Menschen in unserer Gesellschaft finden selten eine breite Öffentlichkeit. Der Herausgeberband will durch Information der Stigmatisierung entgegen wirken, eine aktuelle Standortbestimmung aufzeigen und den gesellschaftlichen Diskurs über die Entwicklungen in der psychiatrischen Versorgung anstoßen.

Aufbau und Inhalt

Einem Vorwort der Herausgeber folgen zunächst die Kontaktadressen der Autoren und Autorinnen der verschiedenen Kapitel.

Im ersten Kapitel stellen die Autoren Frank Jacobi und Susanne Müllender Psychische Störungen als individuelles und gesellschaftliches Gesundheitsproblem dar. Zunächst wird die Häufigkeit von psychischen Störungen in Deutschland thematisiert, da das Risiko psychisch zu erkranken auf rund 50%. geschätzt wird. Die Autoren erläutern die Bedeutung von Stigmatisierung, öffentlicher Wahrnehmung und der Erstellung einer Diagnose. Anschließend wird das Zusammenspiel der Faktoren, die ursächlich für eine psychische Erkrankung sind, aufgezeigt. Die Darstellung des Erkrankungsverlauf und der Einfluss der verschiedenen Therapieformen auf die psychischen Störungen machen bewusst, welche Möglichkeiten der Einflussnahme auf den Verlauf bestehen. Und zeigen zudem das Probleme durch die mangelnde Zugangswege in therapeutische Behandlung entstehen. Das Kapitel wird abgerundet durch ein angehängtes Interview zum Thema „Psychische Erkrankungen in der Arbeitswelt“ mit Christian Gravert.

Der schon im ersten Kapitel thematisierte Punkt der Krankheitsentstehung wird im zweiten Kapitel Warum werden Menschen psychisch krank? von Peter Falkai und Andrea Schmitt tiefer gehend behandelt. Hier werden vorwiegend die organischen Ursachen und Veränderungen erläutert. Zudem wird der Weg von einem Risikofaktor zu einem Auslöser der Erkrankung aufgezeigt. Es folgt ein Hot Spot zum Thema E-Menthal-Health in dem neue Behandlungswege aufgezeigt werden.

Wolfgang Maier erklärt im dritten Kapitel „Lebenskrise oder Krankheit? Psychische Störungen richtig diagnostizieren“ wie die aktuellen Methoden zur Diagnostik entstanden sind. Wie im Titel benannt soll der Unterschied zwischen Lebenskrisen und psychischen Erkrankungen aufgezeigt werden. Hierzu erklärt der Autor verschiedene Erkrankungskonzepte und die Möglichkeiten der aktuellen Diagnostikmethoden. Das abschließende Interview mit Sabine Köhler handelt von den Herausforderungen in der ambulanten Versorgung.

Der vierte Beitrag der Autorin Sabine C. Herpertz „Psychische Erkrankungen sind behandelbar – Möglichkeiten, Erfolge, Grenzen“ behandelt die Einsatzmöglichkeiten von Psychopharmaka, Psychotherapie sowie Psychosozialen Therapien. Dabei werden die hauptsächlich verwendeten Methoden und ihre Einflussnahme bei bestimmten Krankheitsbildern prägnant dargestellt.

Iris Hauth stellt im fünften Kapitel „Versorgung neu gedacht“ die aktuelle psychiatrisch-psychotherapeutische Versorgung in der Bundesrepublik mit einem Rückblick auf die historische Entwicklung dar. Die gesetzlichen Grundlagen, Entwicklungen und ihre Auswirkung auf die Versorgung werden thematisiert. Abschließend entwirft die Autorin neu gedachte, komplexe Versorgungsstrukturen, die in Zukunft möglich sein können. Das abschließende Interview mit Prof. Dr. med. Hanfried Helmchen zeigt die Veränderungen in der Versorgung in den vergangenen Jahrzehnten.

Die Herausforderung der Forschung bei psychischen Störungen wird von Andreas Meyer-Lindenberg im 6. Kapitel vorgestellt. Der Autor hat exemplarisch verschiedene Innovationen ausgewählt die aktuell zu einem erweiterten Verständnis der Erkrankungen betragen. Diese liegen im Bereich der Neurowissenschaften. Das es jedoch gerade in der Erforschung psychischer Störungen notwendig ist Disziplinübergreifend zu arbeiten wird macht der Beitrag ebenso deutlich.Vertieft wird dies durch das abschließende Interview „Psyche und Gehirn: Neuropsychologie und Psychiatrie“ mit Prof. Dr. Dr. h. c. Herta Flor.

Psychische Krankheiten verhindern ist der Titel des Beitrags von Joachim Klosterkötter in dem er verschiedene Präventionsansätze sowie den Unterschied zwischen Therapie und Prävention erklärt. Der Autor überträgt die Präventionsmodelle auf die konkrete Anwendung bei psychischen Erkrankungen. Ebenso wird der Unterschied von Krankheitsprävention und Gesundheitsförderung dargestellt. Abschließend folgt ein Hot Spot zum Thema Suizidprävention.

Ulrich Voderholz und Agnes Mercz stellen die Wechselwirkung Psyche – Körper anhand des bio-psychosozialen-Krankheitsmodells dar. Es wird aufgezeigt wie psychische Erkrankungen auf die physische Gesundheit einwirken und ebenso welche Rolle körperliche Erkrankungen für die Psyche bedeuten. Hierbei wird die Bedeutung eines gesunden Lebenswandels besonders in den Bereichen Ernährung und Bewegung verdeutlicht. Es folgt das Interview „Psychiatrischer Nachwuchs“ mit Julia-Maleen Kronsbein.

Im neunten Beitrag Aufgaben der Psychiatrie und Psychotherapie von Arno Deister wird nachvollziehbar wie komplex die Auswirkungen einer psychischen Erkrankung sind. Und das eine erfolgreiche Behandlung in einer ähnlichen Komplexität statt finden muss. Das Spannungsfeld in dem die Behandlung eingegliedert werden muss, umfasst klinische, ordnungspolitische, gesundheitspolitische und gesellschaftliche Aufgabenbereiche. Wobei der Autor betont, das im Fokus von Psychiatrie und Psychotherapie immer die Menschen mit psychischen Erkrankungen stehen. Abschließend folgt ein Hot Spot zum Thema Forensische Psychiatrie.

Die Menschenrechte in der Psychiatrie werden in Kapitel zehn von Sabine Müller und Andreas Heinz anhand der UN-Behindertenrechtskonvention, die in Deutschland ratifiziert ist, erklärt. Es folgt ein Hot Spot zum Thema Selbstbestimmung in der Psychiatrie, einem sehr aktuellen Spannungsfeld.

Janine Berg-Peer und Thomas Müller-Rörich sind die Autoren des 11 Kapitels Der ganzheitliche Blick. Es wird zunächst das trialogische Arbeiten in verschiedenen Bereichen vorgestellt, das eine Begegnung der verschiedenen Akteure auf Augenhöhe ermöglicht. Aufgrund der unterschiedlichen Interessen und Bedürfnisse der Beteiligten, fasst die Autorin die Begegnung auf Augenhöhe als Weg der Akteure auf. Im Folgenden schildert T.Müller-Rörich als Betroffener, seine trialogischen Erfahrungen. Abgeschlossen wird das Kapitel durch ein Interview mit Franziska Weller mit dem Titel „Gegen die Ausgrenzung“.

Das 12 Kapitel von Katarina Stengler und Steffi G. Riedel-Heller ist ein Hot Spot: Arbeit und psychische Gesundheit – oder: Wann macht Arbeit krank? Beleuchtet wird, welche Risikofaktoren die Belastungen des Arbeitsleben bergen und wie die Bedeutung von Erwerbsarbeit für Teilhabe und Genesung ist.

Die Krankheit verstecken: Stigma und Stigmabewältigung bei psychischen Störungen ist der Titel des 13 Beitrags von Asmus Finzen. Der Autor stellt Stigma und Stigmabewältigung anhand des Krankheitsbild der Schizophrenie vor und fügt reale Begebenheiten ein. Der Beitrag wurde bereits 2010 publiziert und dem Herausgeberband zur Verfügung gestellt. Es folgt ein Interview mit Uli Borowka mit dem Titel „Die eigene Gesundheit nicht ins Abseits stellen“.

Das letzte Kapitel Psychisch kranke Migranten – die transkulturelle Psychiatrie in Deutschland von Meryam Schouler-Ocak sensibilisiert für die Unterschiede die aus kulturellen Hintergründen und sozialen Lebenswelten im Bezug auf Krankheitsvorstellungen und Behandlungsbarrieren bestehen. Die kulturellen und sprachlichen Barrieren führen zu Missverständnissen zwischen Behandlern und Patienten und somit zu Fehlern in der Diagnosestellung und Versorgung. Deutlich wird wie wichtig interkulturelle Kompetenzen und die Möglichkeit des persönlichen Standortwechsels sind, um diese Patientengruppe erfolgreich behandeln zu können. Abschließend folgt ein Interview „Humor und Depression: Wie lachen hilft“ mit Harald Schmidt.

Fazit

Das vorgestellte Werk ist in seinen Beiträgen eine inhaltlich sehr umfangreiche Zusammenstellung namhafter AutorInnen. Den Anliegen Basiswissen zu vermitteln, einer Standortverortung in Deutschland und interessantes Zusatzwissen zu vermitteln werden die Beiträge mehr als gerecht. Mit dem Blick auf dem Ziel der HerausgeberIn einen Dialog und Diskurs zwischen Gesundheitssystem, Gesellschaft und Politik anzustoßen stellte sich mir beim Lesen die Frage nach der Zielgruppe. Viele der Beiträge sind auf einem relativ hohen Sprachniveau verfasst und daher nur einer bestimmten Zielgruppe zugänglich. Es gibt kein erklärendes Glossar. Die zahlreichen Grafiken die viele Texte begleiten sind ohne Frage spannend, aber besonders in den ersten Beiträgen nicht für jeden verständlich. Wenn es das Ziel dieses Bands ist, eine gesellschaftliche Diskussion über Behandlungs- und Inklusionsmöglichkeiten für psychisch erkrankte Menschen anzustoßen, sollten die Diskussionsgrundlagen für die Betroffenen, ihre Angehörigen und Interessierte verständlich sein. Dies gelingt in meinen Augen nur einigen Beiträgen. Es fehlen für mich, neben dem Beitrag zum Trialog, Beträge zum Thema Angehörige sowie zur Kinder- und Jugendpsychiatrie, oder eine Erklärung warum diese Bereiche ausgelassen wurden. Für mich wurde die Lesbarkeit durch die verschiedenen Schrifttypen beeinträchtigt, die Abschnitte in Arial hätten eine größere Schriftgröße vertragen.

Betrachte ich das Werk als Standortbestimmung der Erwachsenenpsychiatrie in Deutschland für Fachkräfte, halte ich es für eine gelungene Zusammenstellung. Deren Stärke durch die multiprofessionelle AutorInnenzusammensetzung in seiner Bandbreite liegt. Einblicke in die verschiedenen Arbeitsfelder ermöglichen den LeserInnen komplexe Zusammenhänge besser nachzuvollziehen. Besonders interessant, wegen ihrer Aktualität, waren für mich der Hot Spot zum Thema „E-Menthal-Health“ und das letzte Kapitel zum Thema „Psychisch kranke Migranten“. Ein solcher Überblick über Möglichkeiten und Entwicklungen der psychiatrischen Arbeit in Deutschland ist gerade für Berufsanfänger sehr interessant, gestandenen Fachkräften ermöglicht es einen schnellen Überblick der aktuellen Entwicklungen.


Rezensentin
Anna-Lena Mädge
M. A. Soz.Päd./Soz.Arb.
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Zitiervorschlag
Anna-Lena Mädge. Rezension vom 27.04.2017 zu: Iris Hauth, Peter Falkai, Arno Deister (Hrsg.): Psyche – Mensch – Gesellschaft. Psychiatrie und Psychotherapie in Deutschland: Forschung, Versorgung, Teilhabe. MWV Medizinisch Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft (Berlin) 2016. ISBN 978-3-95466-285-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21270.php, Datum des Zugriffs 23.07.2019.


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ISSN 2190-9245

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