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Karin Herzog: Wissenschaftliche Weiterbildung im Bezugsrahmen der Bologna-Reform

Cover Karin Herzog: Wissenschaftliche Weiterbildung im Bezugsrahmen der Bologna-Reform. Eine soziologische Evaluationsstudie am Beispiel des masterstudiums "Leitung und Kommunikationsmanagement" an der Ostbayerischen Technischen Hochschule Regensburg. Peter Lang Verlag (Bern · Bruxelles · Frankfurt am Main · New York · Oxford) 2016. 305 Seiten. ISBN 978-3-631-67656-1. D: 56,95 EUR, A: 58,50 EUR, CH: 64,00 sFr.
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Thema

Die Umstellung der Studienstruktur auf das zweistufige Bachelor- und Masterprogramm im Rahmen der Bologna-Reform hat für die Hochschulen – Universitäten wie Hochschulen für angewandte Wissenschaften – u.a. die Aufgabe mit sich gebracht, wissenschaftliche Weiterbildung zu etablieren. Die vorliegende Publikation von Karin Herzog evaluiert Aspekte der Implementierung und des Nutzens aus Sicht von Teilnehmern*innen der ersten drei Studienkohorten des im Jahr 2005 gestarteten ersten Weiterbildungsstudiengangs der Ostbayerischen Technischen Hochschule (OTH) Regensburg.

AutorIn

Karin Herzog hat Sozialwissenschaften studiert und arbeitet als Hochschuldozentin im Bereich „Soft Skills“ an der Fakultät Maschinenbau der OTH Regensburg. Sie bringt Erfahrung in der wissenschaftlichen Weiterbildung mit.

Entstehungshintergrund

Die vorliegende Publikation ist die Dissertation im Fach Soziologie von Karin Herzog, die 2016 an der Universität Vechta, Departement II, Sozialwissenschaften eingereicht und zugelassen wurde. Sie erschien als Band 20 der Reihe „Aktuelle Probleme moderner Gesellschaften“, die von Karl-Heinz Breier, Peter Nitschke und Corinna Onnen herausgegeben wird.

Aufbau

Die 305 Seiten starke Dissertation ist klassisch in vier große Bereiche gegliedert.

  1. ist mit „Grundlagen“ (S. 1-55) überschrieben,
  2. umfasst die „Empirischen Erhebungen“ (S. 57-180),
  3. die „Diskussion der Ergebnisse“ (S. 181-233) und
  4. „Folgerungen“ (S. 235-245).

Der Arbeit vorangestellt sind das Tabellen- und Abbildungsverzeichnis. Nach dem Literaturverzeichnis sind im Anhang alle Ankerbeispiele und Kodierregeln für alle Kategorien aufgeführt.

Inhalt

Den Abschnitt „Grundlagen“ bilden zwei Kapitel, welche die themenrelevanten Aspekte fokussieren:

  • „Der Bologna-Prozess in Deutschland: Stand und Perspektiven“ mit einem Überblick über die Ziele, die Anerkennung von Bachelor und Master bei den Studierenden und in der Wirtschaft sowie zur wissenschaftlichen Weiterbildung (S. 3-33)
  • „Gender in der (wissenschaftlichen) Weiterbildung“ mit Unterpunkten zur Teilnahme, zu Zielen und nachgefragten Inhalten an wissenschaftlicher Weiterbildung, zu geschlechterspezifischen Unterschieden und Konsequenzen im Bologna-Prozess (S. 35-55)

Der Teil „Empirische Erhebungen“ ist der Zielsetzung der Publikation gemäß entsprechend umfangreich und beinhaltet

  • die „Problemstellung“ mit Angaben zum Untersuchungsobjekt und zur Fragestellung (S. 59-71)
  • die „Methodik und Vorgehensweise“ mit ausführlichen Beschreibungen zu den Gütekriterien, zur Interviewdurchführung, Dokumentation der Daten und zu den Auswertungsverfahren (S. 73-122)
  • die Beschreibung der Stichprobe (S. 123-128)
  • „Ergebnisse“ mit einer Präsentation der Inhalte der Kategorien, Kohortenunterschieden, Auswertungen der semesterbegleitenden Evaluationen und der „Follow-Up-Befragung“ sowie zur Hypothesenüberprüfung (S. 129-180)

Teil C „Diskussion der Ergebnisse“ wird inhaltlich vom Ergebniskapitel des Teil B der Arbeit bestimmt und umfasst

  • die „Interpretationen der Ergebnisse aus den Interviews“ bezogen auf die 13 Kategorien (S. 183-221)
  • die „Diskussion der Ergebnisse der semesterbegleitenden Kursevaluationen“ (S. 223)
  • die „Diskussion der Ergebnisse der „Follow-Up-Befragung“ im Sommer 2015“ (S. 225)
  • eine „Zusammenfassung der wichtigsten Aspekte“ (S. 233)

Teil D „Folgerungen“ enthält die zwei Kapitel

  • „Konsequenzen für die wissenschaftliche Weiterbildung“ mit Empfehlungen für die Durchführung und zur „Wissenschaftlichkeit“ in der Hochschulweiterbildung (S. 237-239)
  • „Fazit und Ausblick“ (S. 241-245)

Die Monographie ist sehr übersichtlich aufgebaut, leserfreundlich aufbereitet und sprachlich sehr verständlich geschrieben. Die Tabellen und Abbildungen bereichern den Text. Die Zitate aus dem Originalmaterial sind im Schriftbild abgehoben und somit sofort erkenntlich.

Diskussion

Die Evaluation eines Weiterbildungsmasterstudiengangs ist auf den ersten Blick nicht zwingend als soziologische Fragestellung ersichtlich. Nachdem sich die Leserin oder der Leser die ersten beiden Kapitel zum Bologna-Prozess und zu den geschlechtsspezifischen Unterschieden in Weiterbildung und Studium angeeignet hat, erschließt sich die gesellschaftliche Dimension und auch die spezifische Notation des Genderaspekts. Auf der mikrosoziologischen Analyseebene hat Karin Herzog die Absicht, a) die Gründe zu eruieren, wieso sich die Studierenden für die Weiterbildungsform entschieden haben und welche Erwartungen sie mit dem Studiengang verbinden, b) zu prüfen, inwieweit sich die Erwartungen erfüllt haben, c) ob der Abschluss zu einer beruflichen Höherstufung führen wird oder geführt hat und d) welche Schlussfolgerungen für Weiterbildungsstudiengänge sich daraus ergeben (S. 69-71).

Angesichts des Untersuchungsgegenstandes und der zu erfassenden subjektiven Eindrücke bei den Masterkohorten entschied sich die Verfasserin für eine qualitative Erhebung mittels leitfadengestützter Interviews, die inhaltsanalytisch ausgewertet wurden. Damit die Erkenntnisgewinnung transparent bleibt, wird das methodische Vorgehen auf 70 Seiten im Detail und z.T. etwas redundant beschrieben. Das Kategoriensystem ist sehr anschaulich und übersichtlich dargestellt und die Kodierregeln sind nachvollziehbar. Karin Herzog legt absolut offen, welches Material sie auswählt und welche Gesprächsanteile nicht in die Studie einfließen. Aus den Beschreibungen der Methode bildet sie sich ihre eigene Verfahrensweise, die sie konsequent anwendet und von der Beschreibung über die Interpretation zur Diskussion und den Folgerungen das Material verdichtet und abstrahiert.

Anders als angenommen war nur ein marginaler Einfluss der Herkunftsfamilie und der Partner*innen auf die Teilnahme am Masterstudiengang zu erkennen. Der eigene Antrieb nach einer persönlichen Weiterentwicklung bzw. einer Bereicherung durch Wissens- und Kompetenzerwerb war die stärkste Motivation für die Teilnahme. Für Absolventen*innen einer Hochschule für angewandte Wissenschaften war der „höhere“ akademische Abschluss attraktiv. An den Studiengang wurden kaum explizite Erwartungen gestellt, so dass die Zufriedenheit mit deren Erfüllung nicht gemessen werden konnte. Die starke Neigung, den Studiengang retrospektiv gesehen erneut zu wählen, lässt darauf schließen, dass er insgesamt das Ziel für die Teilnehmenden, nämlich der Karriere einen Schub zu verleihen, erfüllt hat. Mehr als die Inhalte trugen der formale Abschluss eines Masters dazu bei, dass viele einen beruflichen Aufstieg erreichen konnten. Frauen waren wegen des als nicht adäquat empfundenen Gehalts etwas weniger zufrieden mit ihrem Job. Sie zeigten sich auch gegenüber den Inhalten, dem Niveau, der Dozenten*innen und der „gendersensiblen Aufbereitung“ (S. 180) des Kurses unzufriedener als die befragten männlichen Studenten und Absolventen.

Karin Herzog versteht es hervorragend das insgesamt sehr breite Themenspektrum, welches der Titel aufspannt, zielgerichtet und schnörkellos abzuarbeiten. Es gelingt ihr konsequent, Abwege zu vermeiden, sich unter Vergegenwärtigung der Ziele auf das Wesentliche zu beschränken, manchmal eine Auswahl zu treffen und die Hypothesen im Blick zu behalten. Ein solches Vorgehen rundet eine Arbeit wie diese gelungen ab und die Evaluation eines kleinen Ausschnitts der Wirklichkeit (wie die drei Kohorten eines Weiterbildungsmasterstudiengangs) gewinnt einen Bezug zur soziologischen Debatte und Theoriebildung.

Fazit

Der nüchterne Titel der Monographie verspricht nichts, was er nicht halten kann; er adressiert einen Personenkreis, der im hochschulischen Umfeld professionell mit der Entwicklung, Implementierung, Durchführung und Begleitung von Studienprogrammen in der wissenschaftlichen Weiterbildung befasst ist oder sich dafür interessiert. Wenngleich die Daten, auf die sich die Auswertung bezieht, mit Ausnahme der Follow-Up-Studie schon mehr als fünf Jahre alt sind, besteht die berechtigte Annahme, dass einige Konsequenzen, die Karin Herzog aus den Befragungsergebnissen geschlussfolgert hat, auch gegenwärtig als didaktische Aufgaben im Raum stehen. Dazu gehört u.a. die Berücksichtigung und Einbindung der Vorerfahrungen der Studierenden in den Lehrveranstaltungen, die Nutzung der heterogenen Zusammensetzung der Teilnehmer*innengruppe, die Herstellung einer gelungenen Verbindung zwischen wissenschaftlich gesichertem Wissen und der Relevanz für den Anwendungskontext sowie eine erwachsenengerechte, kompetenzorientierte Überprüfung des Lernfortschritts.

Aufgrund der kompakten Darstellung der für die Studienformate relevanten Ziele der Bologna-Reform und deren Rezeption bei Arbeitgebern, Absolventen*innen von Diplom-Studiengängen und den Hochschulen selbst liefert der Band zusätzlich einen kursorischen Überblick über die Entwicklung des tertiären Bildungssektors. All denjenigen, die sich als Anbieter wissenschaftlicher Weiterbildung betätigen, bietet das Buch sehr fundierte Hinweise.


Rezensentin
Prof. Dr. Irmgard Schroll-Decker
Lehrgebiete Sozialmanagement und Bildungsarbeit an der Fakultät Angewandte Sozial- und Gesundheitswissenschaften der Ostbayerischen Technischen Hochschule Regensburg
Homepage www.oth-regensburg.de/professoren-profilseiten/prof ...
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Zitiervorschlag
Irmgard Schroll-Decker. Rezension vom 07.09.2016 zu: Karin Herzog: Wissenschaftliche Weiterbildung im Bezugsrahmen der Bologna-Reform. Eine soziologische Evaluationsstudie am Beispiel des masterstudiums "Leitung und Kommunikationsmanagement" an der Ostbayerischen Technischen Hochschule Regensburg. Peter Lang Verlag (Bern · Bruxelles · Frankfurt am Main · New York · Oxford) 2016. ISBN 978-3-631-67656-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21273.php, Datum des Zugriffs 16.10.2019.


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ISSN 2190-9245

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