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Monica Budowski, Ulrike Knobloch u.a. (Hrsg.): Unbezahlt und dennoch Arbeit

Cover Monica Budowski, Ulrike Knobloch, Michael Nollert (Hrsg.): Unbezahlt und dennoch Arbeit. Seismo-Verlag (Zürich) 2016. 292 Seiten. ISBN 978-3-03777-150-1. D: 29,00 EUR, A: 29,90 EUR, CH: 38,00 sFr.
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Thema

Sichtbarmachung, Anerkennung und Verteilung unbezahlter Arbeit stehen im Zentrum dieses Sammelbandes, der sich der Schließung bestehender Forschungslücken in diesem Bereich verschrieben hat.
Ob Wirtschaftstheorie, volkswirtschaftliche Gesamtrechnung oder Wohlfahrtsindikatoren, immer noch werden unentgeltlich geleistete Haus- und Betreuungs-, sowie Freiwilligenarbeit nicht angemessen erfasst. Dabei belegen die Zeitverwendungsstudien vieler Länder, dass insgesamt mehr unbezahlt als bezahlt gearbeitet wird. Diskussionen über Pflegenotstand, fehlende Kinderbetreuungsmöglichkeiten und theoretische Ansätze wie die Lehren vom Haushalt, Geschlechterforschung und Care-Ökonomie zeigen auf, dass zentrale Herausforderungen des 21. Jahrhunderts ohne eine Neubewertung unbezahlter Tätigkeiten nicht bewältigt werden können.

HerausgeberInnen, AutorInnen, Entstehungskontext

Fast alle Beiträge des Sammelbands gehen auf eine im Jahr 2012 organisierte Vortragsreihe an der Universität Freiburg (CH) zurück, an der auch ein Großteil der Beitragenden und die Herausgeber*innen beruflich verortet sind. Ergänzt werden diese durch teils englischsprachige Artikel internationaler Expert*innen.

Aufbau

Der Sammelband ist in vier Teile gegliedert, die unterschiedliche Zugänge zum Thema beleuchten.

Zu Teil 1

Der erste Teilumfasst grundlegende theoretische und empirische Zugänge.

Ulrike Knobloch skizziert die notwendige Entwicklung einer bislang erst rudimentär vorhandenen Wirtschaftstheorie, die unbezahlte Arbeit „konsequent in ihre Analyse einbezieht“ (25). Sie zeichnet unterschiedliche Phasen des bisherigen wirtschaftstheoretischen Umgangs mit unbezahlter Arbeit nach, zeigt theoretische Anknüpfungspunkte in der Haushaltsökonomik, Subsistenztheorie, Sorgeökonomie und Frauen- und Geschlechterforschung auf und plädiert schließlich dafür, die Lehren von Haus- und Marktwirtschaft zusammenzudenken, um eine Lehre der „Erwerbs- und Versorgungswirtschaft“ für das 21. Jahrhundert entwickeln zu können.

Der auf englisch verfasste Beitrag von Veerle Miranda beschäftigt sich mit unbezahlter Arbeit als wichtigem sozialen Indikator und dokumentiert vor allem Erhebungen der OECD hinsichtlich der Zeitverwendung in OECD-Ländern. Im Zentrum stehen messbare Geschlechterunterschiede, Fragen fehlender Kinderbetreuung und staatliche Maßnahmen, die die ungleiche Bezahlung zwischen Männern und Frauen weiter verschärfen.

Inwieweit das Schweizer „Satellitenkonto Haushaltsproduktion“ zu einer Bezifferung und Sichtbarmachung der volkswirtschaftlichen Bedeutung unbezahlter Arbeit beiträgt, beleuchtet Jacqueline Schön-Bühlman. Die Darstellung von Geschichte, Sinne und Zweck und Methodik der Erhebung macht den Forschungsprozess deutlich, gleichzeitig wird der nun bezifferbare Anteil der Haushalte von 44% an der Schweizer Bruttowertschöpfung dokumentiert.

Zu Teil 2

Die institutionelle Gestaltung von unbezahlter und informeller Care-Arbeit in den Wohlfahrts- und Care-Regimen verschiedener Länder steht im Zentrum des zweiten Teils.

Shahra Razavi, langjährige Mitarbeiterin der UN-Forschungsabteilung UNRISD gibt einen Überblick über unbezahlte Arbeit in sogenannten Entwicklungsländern und stellt diese in den Kontext multipler Ungleichheit. Der englischsprachige Beitrag plädiert für ein Minimum an Einkommenssicherheit für jene, die Sorgetätigkeiten ausführen, sowie für Investitionen in soziale Dienstleistungen und warnt vor einer weiteren Zunahme an Ungleichheiten.

Einblicke in die Organisation der Kinderbetreuung in prekären Haushalten in Chile, Costa Rica und Spanien geben Monica Budowski und Sebastian Schief in einem Artikel, der zunächst die Wohlfahrtsregime der genannten Länder vergleicht, um schließlich umfassende Daten und Fakten zu den jeweiligen Kinderbetreuungsmaßnahmen bzw. deren Fehlen darzustellen.

Zu Teil 3

Personengruppen, die bisher nur wenig im Zentrum von Untersuchungen zu unbezahlter Arbeit standen, werden im dritten Teildes Buches analysiert, der sich mit der Teilhabe an unbezahlter Arbeit beschäftigt.

Martin Gasser und Sarah Kersten untersuchen die Zeitverwendung von Vätern insbesondere mit Blick auf die Zeit, die jene mit ihren Kindern verbringen.

Markus Zürcher analysiert Generationenbeziehungen in der Care-Arbeit. Beide Beiträge thematisieren Fragen zur Vereinbarkeit von Sorge- und Erwerbsarbeit und unterstreichen den Handlungsbedarf im Hinblick auf die Aufwertung von Sorgearbeit. Gasser und Kersten liefern darüber hinaus eine Vielzahl an Daten zu väterlichem Engagement in der Schweiz und weisen auf die damit zusammenhängenden Forschungslücken in Theorie und Empirie hin.

Zu Teil 4

Der vierten und letzte Teilbeschäftigt sich schließlich mit Freiwilligenarbeit und Freiwilligenmanagement.

Isabelle Stadelmann-Steffen und Anita Manatschal liefern umfangreiche Befunde aus dem Schweizer Freiwilligen Monitor und machen damit die Rolle zivilgesellschaftlichen Engagements zur Kompensation wohlfahrtsstaatlicher Versorgungsdefizite deutlich. Dabei werden auch Zusammenhänge zwischen möglicher Freiwilligentätigkeit und sozialem Hintergrund offensichtlich, aber auch ein negativer Zusammenhang zwischen Zeitverfügung und Engagement. So sind gerade Personen mit hohen zeitlichen Ressourcen unterdurchschnittlich freiwillig tätig. Hervorgehoben werden darüber hinaus Unterschiede zwischen informellem und formellem Engagement und die Bedeutung des lokalen Kontextes für Freiwilligenarbeit. Der Relevanz von systematischer Freiwilligentätigkeit für Nonprofit-Organisationen widmet sich Markus Gmür und richtet seinen Fokus dabei vor allem auf Modelle des Freiwilligenmanagements, die Motivationsanker für freiwilliges Engagement, deren Schlüsselfunktionen und Professionalisierungstendenzen rund um den Freiwilligeneinsatz im Dritten Sektor.

Marc Henrath stellt die im Rahmen seiner Habilitationsschrift erforschten Spannungsfelder zwischen freiwilligen Basisgruppen und professionalisierten Nichtregierungsorganisationen dar. Befunde seiner qualitativen Forschung belegen, dass die Unterschiede dabei nicht kategorischer Natur sind und vielmehr sogar zahlreiche Mitglieder in sowohl Basis als auch Profi-Organisationen tätig sind. Auch wenn Angehörige von Graswurzelorganisationen tendenziell radikalere Anliegen verfolgen als NGO-Mitglieder zeigen konkrete Beispiele, wie etwa Aktivitäten rund um die Verhinderung von Freihandelsabkommen, wie beide Gruppen einander beeinflussen und positiv ergänzen können.

Fazit

Der Sammelband macht die Vielfalt und Breite an Aspekten rund um das Thema unbezahlte Arbeit deutlich. Er liefert zahlreiche spannende Daten und Fakten, vor allem zur unterschiedlichen Zeitverwendung und Ungleichverteilung an bezahlter und unbezahlter Arbeit zwischen Frauen und Männern und abhängig von sozialem Status und Kapital. Dabei bleibt er gezwungener Maßen fragmentarisch und vor allem der starke Schweizer Fokus weckt hier den Wunsch nach zusätzlichen Beiträgen aus anderen deutschsprachigen – und auch weiteren europäischen – Ländern.
Von überregionaler und besonderer Relevanz sind vor allem jene Beiträge, die sich der Weiterentwicklung einer verbesserten Wirtschaftstheorie widmen und bislang wenig beleuchtete Aspekte des Themas aufzeigen und damit zur notwendigen weiteren Beschäftigung und zusätzlichen Forschungsarbeiten anregen.


Rezensentin
Mag.a Dr.in Michaela Moser
Dozentin und Senior Researcher am Ilse Art Institut für Soziale Inklusionsforschung, FH St. Pölten
Homepage www.fhstp.ac.at
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Zitiervorschlag
Michaela Moser. Rezension vom 04.04.2017 zu: Monica Budowski, Ulrike Knobloch, Michael Nollert (Hrsg.): Unbezahlt und dennoch Arbeit. Seismo-Verlag (Zürich) 2016. ISBN 978-3-03777-150-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21278.php, Datum des Zugriffs 29.07.2017.


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