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Heterosexualität und Homosexualität revisited

Cover Heterosexualität und Homosexualität revisited. Seismo-Verlag (Zürich) 2016. 208 Seiten. ISBN 978-3-03777-178-5. D: 24,00 EUR, A: 24,00 EUR, CH: 29,00 sFr.

Journal für Psychoanalyse 57.
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Thema

In der Ausgabe 57 des Journals für Psychoanalyse wird u.a. nach möglichen Gründen für die eine oder andere Ausformung von Sexualität gefragt. Thematisiert wird also nicht der Umgang (der Gesellschaft und insbesondere der Psychoanalyse) mit der (Homo-)Sexualität. Dies war vor zwanzig Jahren Thema eines Vortragszyklus am Psychoanalytischen Seminar Zürich. Für die Redakteure bietet dieser Vortragszyklus einen Hintergrund, mit dem die aktuelle Ausgabe verglichen werden kann.

Redaktion

Das Journal für Psychoanalyse (www.psychoanalyse-journal.ch) erscheint einmal im Jahr. Herausgeber ist das Psychoanalytische Seminar Zürich (PSZ). Die Redaktion des Journals besteht aus Cornelia Meyer, Reto Pulver, Claudio Raveane, Vera Saller und Eric Winkler. Für die hier zu besprechende Ausgabe zeichnen sich Eric Winkler und Monika Gsell (als Gastredakteurin) verantwortlich.

Aufbau

In zwei ausführlichen Aufsätzen wird zunächst nach möglichen Gründen für Homosexualität bzw. für bestimmte Formen von Sexualität gesucht. Monika Gsell schreibt über das posthum erschienene Buch „Grund zur Homosexualität“ der Schweizer Psychoanalytikerin, Forscherin, Dozentin und Autorin Judith Le Soldat. Ralf Binswanger plädiert im nächsten Aufsatz für einen Verzicht auf psychogenetische Erklärungsversuche von homosexuellen, heterosexuellen und anderen Orientierungen. Angela Henning (im Beitrag von Julia Braun) und Lothar Schon berichten über ihre Erfahrungen als Homosexuelle in psychoanalytischen Institutionen, die ihre Homosexualität nicht mehr verheimlichen wollten. Victoria Preis geht Fantasien von Psychoanalytiker_innen über Homosexuelle und Homosexualität nach. Verschiedene Verfasser_innen (Barron, Burgermeister und Núnez, Hutfless) setzen sich mit der Queer Theory auseinander, die sich für eine Entpathologisierung von Homosexualität, Transsexualität u.a. einsetzt. Susann Heenen-Wolff plädiert in ihrem Beitrag für eine Aufwertung des Polymorph-Sexuellen.

Für die beiden Redakteure ergibt sich vor dem Hintergrund der Vielfalt der Beiträge, die sich mit dem Thema Dekonstruktion und Aufwertung des Polymorph-Sexuellen beschäftigen, die Frage, ob sich hier eine allgemeine Entwicklung der heutigen Psychoanalyse aufzeigt!?

Almut Rudolf-Petersen stellt Konzepte von Poluda-Korte und von Ermann vor. Während sich das eine mit der „warum“-Frage beschäftigt, widmet sich das andere der „wie“-Frage, thematisiert also Grundkonflikte und spezifische Entwicklungsaufgaben einer eigenständigen Homosexualität (die bereits pränatal angelegt sein kann). Sie zeigt anhand eines Fallbeispiels, dass es bei der Behandlung um Offenheit und Flexibilität auf Seiten der Analysierenden geht.

Zusätzlich zu diesen Beiträgen gibt es im „Forum“ einen Erfahrungsbericht zum Projekt „Klinisches Arbeiten mit Lacan in und zwischen zwei Sprachen“ von Tamara Lewin, verschiedene Buchbesprechungen und einen Nachruf (auf Hans Peter Bernet).

Ausgewählte Inhalte

Als fachfremder „Außenseiter“ (als Soziologe) bietet sich Zurückhaltung bei der inhaltlichen Diskussion der Beiträge im Journal für Psychoanalyse an. Stattdessen soll an dieser Stelle andeutungsweise auf die Frage eingegangen werden, inwiefern das Journal für Psychoanalyse der inhaltlichen Ausrichtung des PSZ entspricht. Diesbezüglich ist der Homepage des PSZ folgende Beschreibung zu entnehmen:

„Das Journal für Psychoanalyse behandelt aktuelle Fragen aus Theorie und Praxis der Psychoanalyse und ihrer Institutionen. Das Heft wird vom Psychoanalytischen Seminar Zürich (PSZ) herausgegeben und erscheint jährlich in thematisch ausgerichteten Nummern. Seit den späten 1970er-Jahren hat sich in Zürich das Psychoanalytische Seminar (PSZ) als basisdemokratisch selbstverwaltetes Institut etabliert, das eine institutionskritische Praxis der psychoanalytischen Ausbildung pflegt. Diese Charakteristik hat es sich, trotz veränderter Erfordernisse, die mit den jüngeren berufspolitischen Entwicklungen an das PSZ herangetragen wurden, bewahren können. Es entspricht gleichwohl Letzteren und bietet heute zusätzlich zur Ausbildung eine anerkannte formalisierte Weiterbildung in psychoanalytischer Psychotherapie an. Das Seminar hat zur Zeit ca. 420 Teilnehmer_innen. Es ist als Verein in demokratischer Selbstverwaltung organisiert. Die Teilnehmerversammlung bildet das Gremium, das über alle wichtigen Belange entscheidet.

Das PSZ ist einer der bedeutendsten Ausbildungsorte zum Erlernen der Freud´schen Psychoanalyse in der Schweiz und zeichnet sich durch eine aktive Nachwuchsszene aus. Mit seinem basisdemokratischen Modell strahlt es auch in die Welt hinaus – das Bemühen um Gleichberechtigung und demokratisches Selbstverständnis, der Kampf gegen formelle und informelle Machtzentren, der unsere „institutionskritische Institution“ auszeichnet, ist einzigartig unter psychoanalytischen Ausbildungsinstituten“ (www.psychoanalyse-journal.ch/; entnommen am 06.02.2017).

Betrachte ich das vorliegende Heft, fallen viele Beiträge jüngerer Psychoanalytiker_innen auf. Frau Barron wurde 1983 geboren, Frau Burgermeister 1979, Herr Nunez 1975, Frau Hutfless 1980 u.a.m. Der psychoanalytische Nachwuchs scheint gesichert und kommt zu Wort. Auch geografisch kann eine breite Verteilung festgestellt werden. Die Beiträge kommen von Verfasser_innen aus großen Städten, wie beispielsweise aus Berlin, Zürich, Wien, München oder Brüssel. Inhaltlich wurde anfangs die Vermutung geäußert, dass die Beschäftigung mit dem Thema Dekonstruktion und die Aufwertung des Polymorph-Sexuellen eine neue allgemeine Entwicklung der heutigen Psychoanalyse andeuten könnte. Wenn ein Journal dazu in der Lage ist, solche allgemeinen Veränderungen in der inhaltlichen Ausrichtung zu erkennen und zu thematisieren, darf dies als ein großes Kompliment aufgefasst werden. Zeigt es doch nicht mehr und nicht weniger, als dass die Verfasser_innen am Puls der Zeit orientiert sind, die von dort kommenden „Geräusche“ verarbeiten und im Rahmen ihrer Gemeinschaft akzentuieren.

Insgesamt handelt es sich beim Journal für Psychoanalyse offensichtlich um eine Zeitschrift mit breiter geografischer, demografischer und inhaltlicher Differenzierung. Sie greift aktuelle Themen und Tendenzen auf. Der große Sigmund Freud ist hier lebendig. Er bietet den Hintergrund, vor dem neue Szenarien, Theorien und Betrachtungsweisen entwickelt werden.

Fazit

Das Journal für Psychoanalyse Heft 57 enthält interessante und vielseitige Beiträge mit Relevanz für Wissenschaft in Theorie und Praxis. Die Beiträge sind auch professionspolitisch von Bedeutung (wozu u.a. gehört, dass die Vergangenheit – hier: der Umgang mit homosexuellen Anwärter_innen für die Lehrausbildung kritisch aufgearbeitet wird).


Rezensent
Prof. Dr. Joachim Thönnessen
Hochschule Osnabrück Fakultät Wirtschafts- und Sozialwissenschaften
Tätigkeitsfelder: Unterricht in den Bereichen Methoden der empirischen Sozialforschung, Kulturelle Diversität, Soziale Randgruppen, Soziale Milieus; Forschung in den Bereichen Illegale Drogen und Biographie, Soziale Netzwerke, Bedingungsloses Grundeinkommen
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Zitiervorschlag
Joachim Thönnessen. Rezension vom 16.02.2017 zu: Heterosexualität und Homosexualität revisited. Seismo-Verlag (Zürich) 2016. ISBN 978-3-03777-178-5. Journal für Psychoanalyse 57. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21281.php, Datum des Zugriffs 18.02.2019.


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