socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Peter Kuleßa (Hrsg.): Land im Stress

Cover Peter Kuleßa (Hrsg.): Land im Stress. Herausforderungen für sozialen Zusammenhalt und Demokratie in Deutschland (...). Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2016. 146 Seiten. ISBN 978-3-7799-3430-1. D: 16,95 EUR, A: 17,50 EUR, CH: 23,90 sFr.

Gespräche mit Sabine Hark, Wilhelm Heitmeyer, Andrej Holm, Axel Honneth, Bianca Klose, Dirk Kurbjuweit, Oliver Nachtwey, Werner A. Perger, Armin Schäfer und Joseph Vogl.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand

über Shop des Verlags


Thema

Die Demokratie in Deutschland scheint in Gefahr: Eine Vielzahl von „Herausforderungen für den sozialen Zusammenhalt und Demokratie in Deutschland“ – so der Untertitel – gilt es zu bewältigen, um den demokratischen Rechtsstaat zu retten. Zehn Interviews, die in den Jahren 2015 und 2016 in der Zeitschrift „Theorie und Praxis der Sozialen Arbeit“ (TUP) erschienen, werden in diesem Band zusammengefasst, um eine mehrdimensionale Analyse der Krise der Bundesrepublik vorzunehmen. So spannt sich ein breites Band an Ansätzen aus unterschiedlichen Wissenschaftsdisziplinen, welche von unterschiedlichen Experten vertreten werden.

Herausgeber

Peter Kuleßa ist Referent des AWO Bundesverbandes und verantwortlicher Redakteur der oben genannten Zeitschrift TUP. Er hat die abgedruckten Interviews geführt und leitet den Band mit einem Vorwort ein.

Aufbau

Der Band umfasst 145 Seiten, auf denen sich zehn Interviews, das erwähnte Vorwort von Peter Kuleßa, ein Nachwort von Gerd Mielke und eine Danksagung finden. Da es sich um Interviews handelt, werden kaum Fußnoten, Literaturangaben oder ähnliche Elemente eines wissenschaftlichen Apparates benötigt.

Inhalt

„Es bedarf eines grundlegenden Umdenkens, um den sozialen und demokratischen Zusammenhalt in Deutschland und Europa nicht aufs Spiel zu setzen.“ (S. 13) Mit diesem Satz umreißt der Herausgeber Peter Kuleßa die Aufgabe der nachfolgenden Interviews. Sie sollen Anregungen für die Fortführung einer Zukunftsdebatte über die Eckpfeiler unseres Zusammenlebens geben.

Den Auftakt macht ein Gespräch mit Joseph Vogl, der sich als Literatur- und Kulturwissenschaftler zur „Souveränitat des Finanzregimes“ äußert (ab S. 14). Ein wesentlicher Stein des Anstoßes für die beiden Gesprächspartner ist die von Peter Kuleßa kritisierte „marktkonforme Demokratie“ (S. 25).

Nahtlos anschließend wird im folgenden Gespräch mit Dirk Kurbjuweit, dem stellvertretenden Chefredakteur des SPIEGEL, konstatiert:„Der Ökonomismus hat den Sieg errungen“ (ab S. 27). Die geschliffen formulierten Antworten und präzise Analyse dieses Journalisten zählen zum Besten in diesem Band.

Vergleichsweise kurz (S. 39-42) kommt Wilhelm Heitmeyer von der Universität Bielefeld zu Wort. Unter dem Titel „10 Jahre Hartz IV und die Folgen für den gesellschaftlichen Zusammenhalt“ äußert er sich zu dem mit einem Wort als „Entsolidarisierung“ zu beschreibenden Effekt in der deutschen Gesellschaft.

Auch Oliver Nachtwey vom Frankfurter Institut für Sozialforschung konstatiert unter „Die Rolltreppe fährt nach unten“ (ab S. 43) einen Abwärtstrend, dem sich jedes Individuum täglich entgegen stellen und dazu selbst optimieren und ökonomisieren (S. 51) müsse.

Mit Armin Schäfer, Politikwissenschaftler an der Universität Osnabrück, entsteht ein kluges Interview zum Thema „Wahlen, Wahlbeteiligung und die Zukunft von Demokratie“ (ab S. 55). Hierin werden u.a. die Fragen nach Nichtwählern und einer möglichen Wahlpflicht erörtert.

Die These „Der Markt kann soziales Wohnen nicht regulieren“ steht (ab S. 64) über dem Gespräch mit Andrej Holm. Dieser ist inzwischen aufgrund von Falschangaben zu seiner hauptamtlichen Tätigkeit für das MfS vom Posten des Berliner Staatssekretärs für Wohnen zurückgetreten.

Sabine Hark von der TU Berlin äußert sich unter dem Titel „Es braucht einen Aufstand der Männer“ (ab S. 78) zu einer Reihe von inzwischen gut bekannten gender-spezifischen Aspekten.

„Demokratie in Gefahr?“ fragt man sich gemeinsam mit Werner A. Perger, dem ehemaligen Redakteur der ZEIT, der „Populismus und seine Folgen“ (ab S. 89) analysiert. Dem Experten gelingen dabei einige sehr gute Antworten. Wenn auch nicht alle Schlussfolgerungen geteilt werden müssen, so handelt es sich um einen weiteren sehr lesenswerten Beitrag.

„Das Thema Flüchtlinge ist für Rechtsextreme zentral“ konstatiert (ab S. 110) Bianca Klose, die Geschäftsführerin des Vereins für demokratische Kultur in Berlin und thematisiert im Gespräch Rassismus und Fremdenfeindlichkeit ebenso wie Begegnungsstrategien.

Zum Abschluss formuliert Axel Honneth von der Goethe-Universität Frankfurt Ideen „Für eine Vision sozialen Fortschritts“ (ab S. 118), bevor Gerd Mielke mit seinem „Nachwort“ (ab S. 134) die vorliegenden Interviews sehr anschaulich strukturiert und einige Leitideen zusammenfassend formuliert. Hierbei erfährt vor allem die SPD massive Schelte für ihre Kurswechsel der vergangenen Jahrzehnte und Positionierung heute.

Diskussion

In seinem Vorwort kündigt Peter Kuleßa an, mittels des Interviewbandes eine Analyse über den Zustand des Landes vorzulegen, welche sowohl theoretische, empirische als auch praktische Erkenntnisse zu Fragen eines gerechten und sozialen Miteinanders vereinen solle (S. 7). Ebenso solle die Frage nach der Zukunft der Demokratie im Blickpunkt stehen. Diesem doppelten Anspruch werden die nachfolgenden Interviews zweifelsohne gerecht. Die verschiedenen Interviewpartner aus verschiedenen Disziplinen nähern sich mit verschiedenen Analyserastern an verschiedene Facetten bzw. Krisensymptome an. Dennoch stehen die angesprochenen Themenausschnitte in Beziehung zueinander, was Gerd Mielke sehr gut nachvollziehbar im Nachwort beschreibt (S. 134f).

Der Grad der Treffsicherheit bei den diversen Analysen erscheint im Durchschnitt hoch. Dabei wird allenthalben klar, welche Stoßrichtung der Herausgeber und seine Interviewpartner verfolgen. Unklarer bzw. zum Teil sehr düster jedoch bleibt das Feld der Zukunftsperspektiven. Die „linken“, „linksliberalen“ und „sozialistischen“ Visionen bleiben zumeist vage und sind mitunter Zeugnis einer von den Interviewten gefühlten Ohnmacht zur Veränderung. Am interessantesten unter dem Aspekt der Zukunftsvision und intellektuell pointiert erscheint der passend am Schluss positionierte Beitrag von Axel Honneth, zu einem neuen Sozialismus. Allerdings wird auch hier in Bezug auf das Zünden der Idee des sozialen Fortschritts sehr vorsichtig optimistisch formuliert.

Mitunter wirken die Interviews fast überzogen harmonisch, wenn die Fragen nur mehr Überleitungen oder Auftakt zu vorhersehbaren Ausführungen bilden. Der Band verfolgt nicht das Ziel eines kontroversen Dialoges streitender Lager sondern nimmt die Krisenanalyse aus multipler Perspektive von einem gemeinsamen Standort aus vor.

Fazit

Der Interviewband stellt eine harmonische Sammlung heterogener Interviews dar. Sie sind allesamt gut aufbereitet und nicht nur informativ sondern auch unterhaltsam zu lesen. Die Gespräche regen zur weiteren Auseinandersetzung mit den vorgestellten Befunden und Perspektiven an. Das Thema ist und bleibt hochaktuell und drängend – auch wenn die Zahl der Demokratie-Krisen-Publikationen schier unüberschaubar scheint. Bei dem vorgestellten Band handelt es sich sicherlich um einen wertvollen und aufgrund der Kürze und Punktgenauigkeit der einzelnen Beiträge gut für die politische Bildungsarbeit geeigneten Beitrag.


Rezension von
Dr. Harald Schmidt
M.A.
E-Mail Mailformular


Alle 7 Rezensionen von Harald Schmidt anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Harald Schmidt. Rezension vom 21.03.2017 zu: Peter Kuleßa (Hrsg.): Land im Stress. Herausforderungen für sozialen Zusammenhalt und Demokratie in Deutschland (...). Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2016. ISBN 978-3-7799-3430-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21286.php, Datum des Zugriffs 13.08.2020.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Stellenangebote

FEHLER
Variable dbi nicht definiert. Kein Datenbankzugriff möglich.

Die Ausführung des Programms wird beendet.
Der Webmaster wurde über den Vorgang informiert.

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung