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Ulrich Selle: Patenschaften bei auffälligem Verhalten

Cover Ulrich Selle: Patenschaften bei auffälligem Verhalten. Ein Projekt für Risikokinder in der weiterführenden Schule. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2016. 340 Seiten. ISBN 978-3-7799-3428-8. D: 39,95 EUR, A: 41,10 EUR, CH: 51,90 sFr.
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Thema

Kinder und Jugendliche mit auffälligen, negativ abweichenden Verhaltensweisen benötigen eine besondere pädagogische Betreuung, die insbesondere den Kontext Ihrer Lebensumwelt berücksichtigen sollte. Mit der vorliegenden Beschreibung und qualitativ empirischen Untersuchung von Patenschaften widmet sich der Autor einer Möglichkeit, benachteiligten Kindern und Jugendlichen sowohl eine unterrichtsnahe und lernbegleitende Unterstützung, als auch sozialpädagogische Hilfe zur Lebensbewältigung zu ermöglichen.

Autor

Ulrich Selle, Jg. 1969, Dr. phil. ist an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel und an der Fachschule für Sozialpädagogik Kiel tätig. Seine Arbeitsschwerpunkte sind: Forschung, Lehre und Supervision zu den Themen Heterogenität in der Sozialen Arbeit sowie Kooperation von Jugendhilfe und Schule.

Entstehungshintergrund

Kinder und Jugendliche aus prekären Lebenswelten, mit auffälligem, disziplinlosem, abweichendem bzw. gewalttätigem Verhalten stellen eine besondere Herausforderung im schulischen Kontext dar. Aus verschiedenen vorangegangenen Versuchen einer Kieler Schule, diese Kinder und Jugendlichen im pädagogischen Alltag adäquat zu betreuen und zu fördern, sowie deren Störungen für die soziale Gruppe zu minimieren, entstand die Installation eines Trainingsraumprojektes in der untersuchten Einrichtung.

Aus der Evaluation dieser Trainingsraum-Methode wiederum ergab sich die Notwendigkeit nach weiteren Konzepten zu suchen, Kinder und Jugendliche pädagogisch zu betreuen, die von Seiten ihrer Lehrkräfte sehr häufig dem Trainingsraum zugeordnet wurden, nachweislich aber davon nicht oder nur in geringem Maße hatten profitieren können. Das sozialpädagogische Team der Schule entwickelte daher zur Unterstützung dieser Kinder und Jugendlichen ein Patenschaftsprojekt.

Auf der konzeptionellen Grundlage der Rekonstruktiven Sozialpädagogik geht dieses Buch im Rahmen einer qualitativen Untersuchung den Fragen nach, wie das untersuchte Patenschaftsprojekt von den Beteiligten gesehen wurde, was in den Patenschaften zwischen Patenkindern und Patinnen/ Paten geschah und inwiefern sich unterschiedliche Patenschaftstypen erkennen und voneinander unterscheiden lassen.

Aufbau

Das knapp 350 Seiten umfassende Buch besteht aus drei Teilen. Nach einer Einleitung, in der sowohl Anliegen als auch Entstehungshintergrund skizziert werden, folgen

  1. Theorien und Modelle zu auffälligem Verhalten
  2. Pädagogische Konzepte und Maßnahmen zum Umgang mit auffälligem Verhalten
  3. Untersuchung zum Patenschaftsprojekt

Abschließend werden die aufgeführten drei Teile in einer Zusammenfassung nochmals kurz dargestellt und es werden Schlussfolgerungen formuliert. Das Buch endet mit einem Abbildungsverzeichnis, einem umfassenden Literaturverzeichnis und der Zusammenfassung der Patenschaftstypen im Anhang.

Zu 1. Theorien und Modelle zu auffälligem Verhalten

Nach einer definitorischen Unterscheidung der Begrifflichkeiten „Verhaltensstörungen“ und „abweichendes Verhalten“ werden in diesem Kapitel personorientierte, sozialorientierte und lebenslagenorientierte Erklärungsansätze für auffälliges Verhalten dargestellt, wodurch die Grundlage für eine fachlich fundierte Einordung und Analyse der Trainingsraum-Methode und der Patenschaften ermöglicht werden soll.

  • Im Kontext der personorientierten Erklärungsansätze führt der Autor die biophysische Position, die psychoanalytische Position, die lernpsychologische Position, die humanistisch-psychologische Position und als Sonderfall den systemisch-konstruktivistischen Ansatz an.
  • Den Unterpunkt der sozialorientierten Erklärungsansätze führt der Autor mit grundlegenden Ausführungen zu abweichendem Verhalten in der postmodernen Gesellschaft ein, woraufhin er im Einzelnen auf Theorien des differentiellen Lernens, die Rational-Choice-Modelle, die Selbstkontrolltheorie, Stresstheorien, die interpersonelle Etikettierung, die Subkulturtheorie, den Peer-Group-Ansatz, den „Broken-Window“-Ansatz, die Anomietheorien und Theorien der Desintegration, soziologische Konzeptionen, marxistische Erklärungsmodelle und diskurstheoretische Ansätze eingeht.
  • Im Sinne eines lebenslagenorientierten Erklärungsansatzes beschäftigt sich der Autor insbesondere mit riskanten Lebenslagen, Risikobiografien und Risikokindern.

Zu 2. Pädagogische Konzepte und Maßnahmen zum Umgang mit auffälligem Verhalten

Nach den differenzierten Darlegungen, wie auffälliges Verhalten entstehen, dieses erklärt werden kann, widmet sich der Autor im zweiten Kapitel den Möglichkeiten eines Umganges mit auffälligen Verhaltensweisen. Er unterscheidet hier schulpädagogische, sonderpädagogische und sozialpädagogische Konzepte.

  • Im Kontext der Schulpädagogik werden allgemeine didaktische Modelle und stellvertretend eine Auswahl von drei Unterrichtskonzepten knapp skizziert. Des Weiteren bezieht sich der Autor auf die drei zentralen Prinzipien „Strukturgebung“, „Prozessorientierung“ und „therapeutisches Milieu“, wie sie in dem didaktischen Grundlagenwerk von R. Stein 2010 herausgearbeitet wurden.
  • Als Ansätze der (Sonder-)Pädagogik führt der Autor psychodynamisch orientierte Konzepte am Beispiel der Ich-Unterstützung, lerntheoretisch orientierte Konzepte und ökologisch-systemisch orientierte Konzepte an.
  • Sozialpädagogische Ansätze, die in diesem Kapitel aufgezeigt werden, sind die Lebensweltorientierung nach H. Thiersch, das Konstrukt der Bewältigungslagen nach L. Böhnisch/ W. Schröer und der Resilienzansatz.

Abschluss dieses zweiten Kapitels bildet ein Exkurs zur Evaluation von Trainingsräumen für Schülerinnen und Schüler mit auffälligem Verhalten.

Zu 3. Untersuchung zum Patenschaftsprojekt

Nach Darstellung der Ausgangslage, Formulierung der dreigliedrigen Fragestellung des Forschungsvorhabens, einer Begriffsklärung bezüglich „Patenschaft“ und „Mentoring“ und einigen empirischen Befunden fremder Studien, stellt der Autor sehr differenziert und fachlich fundiert die von ihm angewandten Forschungsmethoden zur Erstellung der vorliegenden qualitativen Fallstudien dar.

Im Einzelnen werden folgende empirische Methoden nacheinander dargestellt:

  1. Forschungskonzept: Rekonstruktive Sozialpädagogik
  2. Forschungszweig: Qualitative Forschung in der Erziehungswissenschaft
  3. Forschungsmethoden: Einzelfallstudie, Vergleichsstudie, Evaluation
  4. Erhebungstools: Leitfadengestütztes Interview, sozialpädagogische Diagnose-Tabellen
  5. Auswertungsverfahren: Qualitative Inhaltsanalyse
  6. Durchführung der Untersuchung: Forschungsprozess und Darstellungsmethode

Auf weiteren 56 Seiten des Kapitels liefert der Autor die ausführliche Darstellung der neun rekonstruierten Fallstudien. Die einzelnen Schilderungen zu jedem Fall legen dar, warum der jeweilige Schüler, die jeweilige Schülerin für das Projekt vorgeschlagen wurde, welche Unterstützung er/sie erfahren hat, wie sich die Beziehungen zu den Paten gestalteten und welche Effekte erzielt werden konnten.

Daran anschließend werden im Sinne eines Fallvergleichs vom Autor Merkmalskombinationen hinsichtlich Anlass der Aufnahme, Inhalte und Methoden, Patenschaftsbeziehungen und Ergebnisse der Patenschaft gebildet. Dies wiederum ermöglicht eine Typentwicklung auf Grundlage der Fallstudien in die drei folgenden Patenschaftstypen:

  1. Bewältigungspatenschaft „Fürsorge und Halt“
  2. Unterrichtsnahe Aneignungspatenschaft „Üben und Erleben“
  3. Sporadische Patenschaft „(vorerst) gemiedenes Angebot“

Insgesamt hält der Autor fest, dass nur wenige Patenschaften ausschließlich einem der genannten Patenschaftstypen zugeordnet werden können.

Diskussion

In den beiden ersten Kapiteln wird ein hohes Maß an Grundlageninformationen zu unterschiedlichen Erklärungsansätzen von auffälligem Verhalten und zu pädagogischen Konzepten und Maßnahmen zum Umgang mit auffälligem Verhalten zusammengetragen.

Der Autor verfasst seine Ausführungen sehr dicht und es ist anzumerken, dass diese überblicksartige Zusammenfassung ein fachlich fundiertes Vorwissen beim Leser voraussetzt, um den theoretischen Ausführungen folgen zu können. Es liegt eine skizzenhafte Zusammenschau vor, die eine Einordnung von Trainingsraum-Methode und Patenschaften ermöglichen soll, mit Hilfe derer jeweils fachlich fundierte Argumente für die beiden Konzepte geliefert werden sollen, jedoch werden keine grundlegenden Ausführungen zu den jeweiligen Konzepten angeboten. Die Abhandlung der Allgemeinen Didaktischen Modelle beispielsweise wird in nur etwa zwei Seiten vorgenommen, aus der Fülle der existierenden Unterrichtskonzepte werden drei beispielhaft herausgegriffen, wobei die drei gewählten nur bedingt miteinander vergleichbar sind, da deren didaktische Verortung und Einordnung nicht geleistet wird.

Im zweiten Kapitel wird eine klare Unterscheidung von schul- und sonderpädagogischen Konzepten und sozialpädagogischen Konzepten und Maßnahmen vorgenommen. Innerhalb der schul- und sonderpädagogischen Konzepte allerdings wird keine Trennschärfe erreicht.

Die Untersuchung des Patenschaftsprojektes im dritten Kapitel wird durch eine sehr ausführliche Darstellung der angewandten empirischen Methoden eingeleitet und aus den neun qualitativ untersuchten und dargestellten Fallstudien gelingt es, eine Typisierung der Patenschaften zu leisten, die dreigliedrige Fragestellungen der Untersuchung umfassend zu beantworten.

Der Wert der vorgelegten Arbeit liegt sicher in einer Exemplifizierung des Patenschaftsprojektes an einer Kieler Schule. Es kann festgehalten werden, dass insbesondere die Patenschaftsbeziehungen von grundlegender Bedeutung für ein Gelingen oder auch Misslingen der jeweiligen Patenschaft waren. Erstaunlich und zugleich bedenklich ist aus sonderpädagogischer Sicht die Feststellung, dass mehrere Patenschaften letztlich eine fundierte sonderpädagogische Förderungen ersetzen mussten, die im schulischen Kontext aufgrund mangelnder Ressourcen und Kooperation nicht geleistet werden konnte. Die Zusammenarbeit zwischen studentischen Mentoren, Lehrkräften und Sozialpädagogen wurde als teilweise schwierig und wenig kooperativ skizziert.

Der Autor hat in allen seinen Ausführungen eine deutlich selbstreflektorische und auch selbstkritische Herangehensweise bewiesen. Er hat in seinen Zusammenfassungen dargestellt, weshalb er manche theoretischen Darstellungen verkürzt vorgenommen hat und dass eine rein unterrichtliche Betrachtungsweise der Thematik „auffälliges Verhalten“ zu kurz greift. Diese wäre im Kontext der Erziehungswissenschaft noch eigenständiger zu erforschen und zu behandeln.

Fazit

Im Rahmen dieses Buches werden neun qualitative Fallstudien von Patenschaften dargestellt, wobei sowohl die Sichtweise der Patinnen und Paten, der jeweiligen Patenkinder und diejenige der Schulleitung intensiv herausgearbeitet werden konnten, anhand von Diagnosebögen und übersichtsartigen Schulleistungserhebungen die individuelle Entwicklung der jeweiligen Patenkinder gut nachvollzogen werden konnte.

Zielgruppe für die Patenschaften waren benachteiligte Kinder und es wurde anhand dieser qualitativ empirischen Rekonstruktion herausgearbeitet, was ein studentisches Mentoring für diese Zielgruppe in einem klar umschriebenen Umfeld leisten kann. Eine Verallgemeinerung der Ergebnisse ist aufgrund der starken Abhängigkeit vom lebensweltlichen Kontext und den strukturellen und personellen Bedingungen nur bedingt zu treffen.

Das Buch eignet sich für Leser, die sich für Patenschaftsprojekte als eine spezielle Form pädagogischer Begleitung als auch für eine kritisch reflektierte Betrachtung und Diskussion der Trainingsraummethode interessieren. Sie werden hier in den Fallstudien auch einen exemplarischen Einblick in schulische Entwicklungsverläufe und Lebenssituationen von Kindern und Jugendlichen erhalten.


Rezensentin
StRin FöSch Stephanie Blatz
Universität Würzburg, Institut für Sonderpädagogik - Pädagogik bei Verhaltensstörungen
Homepage www.sonderpaedagogik-v.uni-wuerzburg.de
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Zitiervorschlag
Stephanie Blatz. Rezension vom 02.02.2017 zu: Ulrich Selle: Patenschaften bei auffälligem Verhalten. Ein Projekt für Risikokinder in der weiterführenden Schule. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2016. ISBN 978-3-7799-3428-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21289.php, Datum des Zugriffs 19.09.2019.


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ISSN 2190-9245

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