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Ernst Wüllenweber (Hrsg.): Soziale Probleme von Menschen mit geistiger Behinderung

Cover Ernst Wüllenweber (Hrsg.): Soziale Probleme von Menschen mit geistiger Behinderung. Fremdbestimmung, Benachteiligung, Ausgrenzung und soziale Abwertung. Kohlhammer Verlag (Stuttgart) 2004. 360 Seiten. ISBN 978-3-17-018062-8. 26,00 EUR.
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Kein Problem mit sozialen Problemen?

Was eigentlich "soziale Probleme" sind - das ist im Alltagssprachgebrauch kein besonderes Problem. Es geht dabei um von irgend jemandem nicht gewünschte Sachverhalte, die verändert, verbessert oder aufgelöst werden sollen, woraus sich mit "Schwierigkeiten behaftete Handlungsanforderungen" (Aufgaben) ergeben (vgl. dazu die lateinisch-griechische Bedeutung von "problema"). "Sozial" sind diese Probleme, wenn sie nicht nur Einzelpersonen betreffen, sondern Einzelpersonen im Zusammenhang mit Anderen, Personengruppen oder gar die "ganze Gesellschaft". Dass es im Einzelfall klärungsbedürftig ist, wer da aus welcher Sichtweise ein Problem hat, mithin Probleme perspektivengebunden sind, weiß auch schon der Alltagsmensch ("Hast du ein Problem, oder was?"). Insofern müsste der Buchtitel: "Soziale Probleme von Menschen mit geistigen Behinderungen" nicht weiter erläutert werden, einen durchschnittlichen alltäglichen Sprachgebrauch vorausgesetzt.

Ist der Begriff "Problem" eine wissenschaftliche Kategorie?

Der Sammelband, von Ernst Wüllenweber herausgegeben, setzt in seinem ersten Teil (mit zwei Beiträge von Wüllenweber und Ruhnau Wüllenweber sowie Hey) anspruchsvoller ein: nämlich mit dem Anspruch einer sich bewusst vom Alltagssprachgebrauch absetzenden wissenschaftlichen Theorie sozialer Probleme. So zeigt Georg Hey in seinem einleitenden Beitrag in Anknüpfung an Staub-Bernasconi u.a. die Notwendigkeit auf, den Konstruktionscharakter dessen, was als "soziales Problem" angesehen wird, zu klären. Darüber hinausgehend verbindet er deren in der Ausarbeitung dann weniger konstruktivistische als funktionalistische Typologie sozialer Probleme mit einer Typologie von Arbeitsweisen sozialer Arbeit. "Soziale Probleme" - das wird dann so etwas wie eine systematische Schlüsselkategorie einer wissenschaftlichen Theorie "Sozialer Arbeit". Immerhin ist man nach dieser vom theoretischen Anspruch her hoch gehängten Einleitung gespannt, wie dann die materialen Beiträge diesen Anspruch einlösen.

Übersicht

Diese Beiträge, die sich mit spezifischen (sozialen) Problemlagen geistig behinderter Menschen auseinander setzen, sind in fünf "Themenbereiche" gegliedert:

  1. Geschlecht, Sexualität, Partnerschaft
  2. Einsamkeit und Ablösung von den Eltern
  3. Gewalt und Delinquenz
  4. Gesundheit und Behinderung
  5. Stigmatisierung, Fremdbestimmung, Ausgrenzung.

Im einzelnen:

1 Geschlecht, Sexualität, Partnerschaft

Fünf Beiträge greifen verschiedene Facetten der Ausgestaltung der sozialen Dimension von Intimität und deren Schwierigkeiten bei geistig behinderten Menschen auf. Herausgegriffen werden sollen der Beitrag von Ulrike Mattke, der Beitrag von Ursula Pixa-Kettner und Stefanie Bargfrede sowie von Susan Leue-Käding.

  • Ulrike Mattke legt einen Akzent ihres Beitrags auf die Beschränkungen der Sexualität von Menschen mit geistiger Behinderung durch die Wohnverhältnisse in der "totalen Institution" der Heimunterbringung: die Abwesenheit jeder Privatsphäre, ein hohes Maß sozialer Kontrolle und eine Dauerüberformung von Intimität und Körpernähe durch professionelles und pflegerisches Handeln. Sie zeigt des Weiteren anschaulich denkbare Sonderbedingungen der sexuellen Sozialisation geistig behinderter Menschen insbesondere in der Adoleszenz auf (Abwesenheit von Peergroup-Beziehungen, soziale Abhängigkeit von den Eltern bis ins Erwachsenalter) und schildert eine Reihe von immer wieder in der Praxis beobachtbaren Folgeeffekten (unrealistische Erwartungen, geringe Chancen auf Partnerschaft, Missbrauchsgefährdung). Ein kurzer Einblick in sexualpädagogische Handlungsformen schließt den insgesamt informativen Beitrag ab.
  • In Ursula Pixa-Kettners und Stefanie Bargfredes Beitrag taucht die vom Einleitungsteil nahe gelegte reflexive Dimension schon im Titel in Form eines Fragezeichens auf: "Elternschaft von Menschen mit geistiger Behinderung - ein soziales Problem?" Die Autorinnen stellen durchgehend die Frage nach der Problemdefinition und den Problemdefinitoren und damit: der Definitionsmacht. Sie können dabei auf empirische Daten aus einem Forschungsprojekt zur Lebenssituation geistig behinderter Eltern und deren Kinder zurückgreifen. Einer kurzen Skizze der äußeren Lebens- und Unterstützungsbedingungen und eine mehrperspektivische Problemrekonstruktion (sowohl aus der Sicht der Betroffenen als auch der Agenten sozialer Kontrolle) folgt dann ein Fallbeispiel, das anschaulich die Problematik der Fremdbestimmung und Kontrolle von geistig behinderten Eltern veranschaulicht. Etwas abrupt bricht der Beitrag ab. Man hätte gerne mehr gelesen!
  • Auch Leue-Käding greift die Frage auf, ob geistige Behinderung mit spezifischen Gefährdungen, Problemlagen der sexuellen Sozialisation verbunden sei. Diese sieht sie beispielsweise in einer Problematik der Infantilisierung und Leugnung der Entwicklung zum Erwachsenen durch das Umfeld und damit einem objektiv wie subjektiv unklaren Erwachsenenstatus, in Isolations- und Deprivationserfahrungen, die Auswirkungen auf Beziehungs- und Bindungsverhalten haben könnten (Ambivalenz, Abhängigkeit, promiskuitives Verhalten).

2 Einsamkeit und Ablösung von den Eltern

  • Der Beitrag von Brigitte Kendel und Regina Thomas zu "Einsamkeit" (als solche natürlich eine in mehreren Hinsichten sehr diffuse Problemkategorie) konfrontiert die Leserin und den Leserin mit Überlegungen von sehr hohem Allgemeinheitsniveau: "Der Mensch ist ein soziales Wesen<...> Fast jeder wünscht sich einen anderen Menschen, der ihn versteht, um nicht allein auf der Welt zu sein." (S. 65), die in Verbindung mit sehr heterogen zusammengestellten wissenschaftlichen Konzepten ("Vulnerabilität", "soziale Netzwerke",u.a.) dann unvermittelt mit sogenannten "Beispielen aus der Praxis" konfrontiert werden. Zum Teil werden diese Konzepte ausgesprochen falsch dargestellt, so beispielsweise das Lebensweltkonzept, das die Autorinnen wie folgt formulieren: "Jeder Mensch nimmt diese Welt auf seine eigene subjektive Weise wahr und steht vor der Aufgabe sich die Welt zu Eigen zu machen, um sich in ihr orientieren zu können und sich in ihr zu Hause zu fühlen." Das ist so ziemlich das genaue Gegenteil von dem, was mit der Idee der Lebenswelt einmal gemeint war, die ja auf eine präreflexive Vertrautheit als Voraussetzung jeder subjektiven Bezugnahme abzielt! Dieser Kurzschluss von "Theorie" und viel zu kontextenthobenen "Praxisbeispielen" (auch für einige andere Beiträge des Bandes nicht untypisch) führt dazu, dass eine differenzierte Reflexion von Problemdefinitionen eher verhindert als ermöglicht wird. Er hat offenbar die Funktion einseitig eine professionalistische Sicht der Dinge zu zementieren. So wird in einem der angerissenen Fallbeispiele unhinterfragt ein "Sich vergraben hinter dem Computer" zum Indiz für "Einsamkeit" stilisiert. Auch pauschalierende Mitteilungen wie "Menschen mit geistiger Behinderung sind aus verschiedenen Gründen jedoch in der Lösung von Konflikten eingeschränkt", unverhohlen verknüpft mit Werbung für den eigenen Berufsstand ("Um diese Schwierigkeiten zu meistern, sind Menschen mit geistiger Behinderung sind auf fachliche Unterstützung und Begleitung angewiesen") sollten in einem Band, der sich die kritische Reflexion von Problemdefinitionen aufs Banner geschrieben hat, besser unterbleiben.
  • Demgegenüber setzt der Beitrag von Irina Hennies und Eugen J. Kuhn ("Ablösung von den Eltern") an einer auch in ihrem Bezug zu "geistiger Behinderung" präziser gefassten Thematik an: mehr als 50 % der Erwachsenen mit geistiger Behinderung leben bei den Eltern. Der Beitrag befasst sich mit den Problemen geistig behinderter Menschen adoleszenztypische Ablösungsschritte zu vollziehen sowie den Zwängen und dem hohen Grad sozialer Kontrolle, denen man als erwachsener geistig behinderter Mensch im Kontext eines Lebens in der Herkunftsfamilie ausgesetzt ist. Anschaulich verdeutlichen die Autorinnen, dass auch der Auszug z.B. in eine betreute Wohnform nicht schon gleichzusetzen ist mit der Ablösung von den Eltern, sondern auch in der scheinbar eigenständigen Wohnsituation noch seine eigenen Bewältigungsformen erfordert.

3 Gewalt und Delinquenz in Bezug auf geistige Behinderung.

  • Wolfgang Jantzen eröffnet die Beiträge zum Thema Gewalt und Delinquenz mit der Exposition eines differenzierten relationalen Gewaltbegriffs. Gewalt ist eingebettet in Gewaltverhältnisse, in der sich sogenannte "Opfer" und "Täter" gleichermaßen verändern, und "verändern" kann gerade für geistig behinderte Menschen beispielsweise heißen: bis ins neuronale "Substrat". Wie immer holt Jantzen weit aus: in der für ihn typischen Verknüpfung neurowissenschaftlicher und sozialwissenschaftlicher Erkenntnisse entfaltet er die These, dass in den Kernbereich dessen, was wir geistige Behinderung nennen, eine Geschichte der Erfahrung struktureller Gewalt eingeht, die auf der Ebene der intimen und intimsten Interaktionen ebenso spielt wie auf der der institutionellen Einbettung der Sozialisation geistig behinderter Menschen in Familie, Schule und Heim. In ihrem Zusammenhang zum engeren Thema "geistige Behinderung" vage bleiben dagegen gelegentlich die im Jargon von Verhängniszusammenhängen ausgemalten Einflüsse gesellschaftlicher Makrostrukturen.
  • Etwas weniger ausholend im Erklärungsanspruch hält sich der Beitrag von Peter Windisch, der sich mit physischen Misshandlungen geistig behinderter Menschen in Institutionen beschäftigt und dazu auf Daten aus einer MitarbeiterInnenbefragung von Wohnheimen zurückgreift. Die Daten belegen, dass gewalttätige Handlungen und Zwangsmaßnahmen psychischer und physischer Art zum Alltag gehören.
  • Eine interessanten Einstieg in eine "noch ausstehende Fachdiskussion" unternehmen Manuela Paul und Ernst Wüllenweber in ihrem Beitrag zu Delinquenz und Kriminalität - an einer reichen Fülle von Einzelbeispielen, in denen Menschen mit geistiger Behinderung Opfer, Täter und vielfach beides sind, zeigen sie anschaulich eine besondere Form der "Diskriminierung" auf. Sie liegt weniger in dem professionellen Stereotyp der Opferrolle geistig behinderter Menschen, als vielmehr darin, dass bei geistig behinderten Menschen vielfach elementare Handlungsnormen des Umgangs mit delinquentem Verhalten systematisch außer Kraft gesetzt werden. Der geistig behinderte Mensch "darf" gleichsam nicht im üblichen Sinne Täter sein, entsprechende Zurechnungen werden gelockert, bagatellisiert, vertuscht, sie werden auf eigentümliche Weise "ungeschehen" gemacht. Aber auch der Opferstatus bleibt bei Menschen mit geistigen Behinderungen vielfach problematisch - ihnen wird nicht geglaubt, Mitschuld wird unterstellt, ansonsten selbstverständliche Rechts- und Entschädigungsfolgen treten nicht ein. Wenn man so will, greift damit eine Art Verweigerung moralischer Sozialisation Platz.

4 Gesundheit und Behinderung.

Aus dem Quartett der Beiträge zum Thema "Gesundheit" seien zwei Beiträge heraus gegriffen:

  • Klaus Hennickes Beitrag leitet es mit der These eines Ausschlusses behinderter Menschen vom psychiatrischen Versorgungssystem trotz des Umstandes einer höheren Prävalenz psychischer Störungen ein. Er entfaltet in diesem Zusammenhang die These der Leugnung psychischer Erkrankung bei Menschen mit geistiger Behinderung ("Overshadowing") und entwirft eine sehr kritische Sichtweise auf die Entwicklungen der Enthospitalisierung, Deinstitutionalisierung und des Selbstbestimmungsparadigmas. Das Problem liegt aus seiner Sicht in einem ausgebliebenen komplementär notwendigen Ausbau entsprechender psychiatrisch-psychotherapeutischer Versorgungssysteme. Das mag sein, aber man fragt sich dann doch, ob ein solches sozial- und professionspolitisches Plädoyer in den Kontext einer Analyse "sozialer Probleme" geistig behinderter Menschen gehört.
  • Der Beitrag von Georg Theunissen über "Persönlichkeitsstörungen bei Menschen mit geistiger Behinderung" argumentiert z.T. in eine ähnliche Richtung, wenn er den Ausschluss geistig behinderter Menschen aus psychosozialen Hilfesystemen registriert, weil sie nicht den in der klassischen Psychotherapie immer noch favorisierten sog. "Yarvis"-Patienten entsprechen (=Young, Attractive, Rich, Verbal, Intelligent, Social). Letztlich macht auch Theunissen eine höhere Prävalenz von Persönlichkeitsstörungen bei Menschen mit geistiger Behinderung plausibel, die er aber dezidiert als "soziales Problem" verstanden wissen will, er plädiert in diesem Zusammenhang für zirkulär-kausale Erklärungsmodelle, die sowohl für psychodynamische Aspekte als auch für Aspekte sozialer Ressourcen offen sind. Ein Fallbeispiel, das eine ausführliche biografische Anamnese eines als geistig behinderten wie als "verhaltensgestört" geltenden Mannes enthält, kann die Notwendigkeit eines solchen Zugangs plastisch veranschaulichen. Und so ist Theunissens Analyse denn auch eines der wenigen Beispiele im Buch, bei denen eine konsequente Reflexion der sozialen (ja: biografischen) Prozesse der Definition eines (sozialen) Problems gelingt unter Einbeziehung alternativ denkbarer "Problemperspektiven".

5 Stigmatisierung, Fremdbestimmung, Ausgrenzung

Die durch die Überschrift und die Platzierung am Ende des Bandes geweckte Erwartung, es werde einem zum Schluss nochmals eine Bündelung und systematische Durchdringung der Thematik geboten, können die insgesamt sechs Beiträge, die unter dieser Überschrift folgen, nicht gerecht werden. Dazu trägt schon das Missverhältnis zwischen der Seitenzahl und den thematisch großspurigen Überschriften bei: "Leben mit dem Stigma 'geistig behindert'", "Soziale Abhängigkeit und Fremdbestimmung bei Menschen mit geistiger Behinderung"; "Soziale Ausgrenzung und Abwertung in der Kommunikation, Berufsbildung und Arbeit als soziales Problem von Menschen mit geistiger Behinderung"; "Leben in Gruppen und Einrichtungen für Menschen mit geistiger Behinderung". Die Kürze der Beiträge lässt kaum mehr zu als ein selektives Anreißen von Themen und eine willkürliche Reihung von Aussagen, deren Erfahrungsbasis mehr als unklar ist. Zudem stehen die Beiträge inhaltlich quer zu einer ganzen Reihe von Beiträgen der voran gegangenen Teile.

Anregend ist der Beitrag von Dieter Katzenbach ("Das Problem des Fremdverstehens"). Er greift darin die Oevermannsche Professionstheorie auf und entwirft ein Verständnis pädagogischer Professionalität, das den Fallstricken von "Kundenmodellen" und manchen "Empowerment"-Ideologemen zu entgehen versucht. Am Beispiel der Analyse einer Helfer-Klient-Interaktion, in der eine geistig behinderte Frau auf ihre Weise das paradoxe Ansinnen der Helferin "Sei selbstbestimmt!" aufgreift, untersucht er das labile Verhältnis von Abhängigkeit und Autonomie in Helfer-Klient-Beziehungen und die sich daraus ergebenden Strategien und Paradoxien für beide Seiten. Ohne dass das im Beitrag selbst explizit würde, liefert Katzenbach damit ein weiteres gelungenes Beispiel für die Analyse divergenter Problemdefinitionen im Alltag (mit) geistig behinderte(r)(n) Menschen, nämlich in diesem Fall der professionellen Problemdefinition und der der "von ihr betroffenen" geistig behinderten Frau.

Diskussion und Fazit

Der Band als Ganzer vermag trotz der sehr unterschiedlichen Qualität der Einzelbeiträge einen mitunter auch sehr anschaulichen Einblick in die unterschiedlichen Problemlagen geistig behinderter Menschen und deren Facetten geben. Den im Einleitungsteil stark gemachten Anspruch kritischer Reflexion von Prozessen der sozialen Definition und Konstruktion von "Problemen" kann - wie dargelegt - immerhin eine ganze Reihe von Einzelbeiträgen gerecht werden.

Für den größeren Teil der ja überwiegend von PädagogInnen und SozialarbeiterInnen verfassten Beiträge gilt aber, dass die Problembeschreibung schlicht durch die Optik einer professionellen Brille erfolgt und die Gültigkeit gängiger professioneller Problemdefinitionen einfach vorausgesetzt wird. Das heißt nicht, dass sie deswegen nicht wichtig und interessant sein können und das muss man auch nicht kritisieren wollen. Aber es steht in eigentümlichem Widerspruch zu der Gesamtprogrammatik des Bandes. Ein "Problem" (!) in diesem Zusammenhang stellt ohne Zweifel auch die von verschiedenen AutorInnen beklagte unbefriedigende Forschungssituation dar. Wirklich valide übergreifende empirische Daten zur Situation geistig behinderter Menschen fehlen ebenso wie eine wirklich überzeugende kasuistische Kultur, zu sehr sind Fallbeispiele in dem Band immer wieder als bloße Illustrationen eingesetzt. Ausnahmen (etwa in dem Beitrag von Theunissen und einigen anderen Beiträgen) bestätigen in ihrem Ausnahmecharakter eher diese Regel.

Die in der Einleitung des Bandes suggerierte Einbettung in eine übergreifende Theorie sozialer Probleme wurde schon aus dem Grund nicht durch gehalten, weil offensichtlich ein erheblicher Teil der Autorinnen und Autoren diese Sichtweise gar nicht teilt. Keiner der Beiträge folgt der etwa von Wüllenweber u.a. sowie von Hey exponierten Programmatik. Insofern wäre diese Einbettung entbehrlich gewesen, zumal man durchaus bezweifeln kann, ob eine allgemeine Theorie "sozialer Probleme" überhaupt möglich und sinnvoll ist. Feinsinnig bemerkt zum Beispiel Endruweit in seinem mit Gisela Trommsdorf heraus gegebenen Wörterbuch der Soziologie: "Die Theorie der sozialen Probleme ist relativ wenig entwickelt, was nicht zuletzt daran liegt, dass die einzelnen Probleme sehr verschieden Ursachen haben." Nicht zuletzt diesen letzteren Punkt veranschaulicht auch der vorgelegte Band allein am Spektrum der sozialen Probleme geistig behinderter Menschen. Und das ist durchaus eine seiner Stärken, nicht seiner Schwächen.


Rezensent
Prof. Dr. Jörg Michael Kastl
Professor für Soziologie der Behinderung und sozialer Benachteiligung an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg, Fakultät für Sonderpädagogik in Reutlingen. Arbeitsgebiete: Soziologie der Behinderung und sozialer Benachteiligung, Rehabilitation/Teilhabe behinderter Menschen (Persönliches Budget, IFD); Berufs- und Professionssoziologie; Sozialrecht und Sozialpolitik (spez. Rehabilitation); Sozialisationsforschung (auch Jugend und Familie) und allgemeine Soziologie
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Zitiervorschlag
Jörg Michael Kastl. Rezension vom 06.12.2005 zu: Ernst Wüllenweber (Hrsg.): Soziale Probleme von Menschen mit geistiger Behinderung. Fremdbestimmung, Benachteiligung, Ausgrenzung und soziale Abwertung. Kohlhammer Verlag (Stuttgart) 2004. ISBN 978-3-17-018062-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/2129.php, Datum des Zugriffs 21.07.2018.


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