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Christian Klager: Spiel als Weltzugang

Cover Christian Klager: Spiel als Weltzugang. Philosophische Dimensionen des Spiels in methodischer Absicht. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2016. 352 Seiten. ISBN 978-3-7799-3400-4. D: 39,95 EUR, A: 41,10 EUR, CH: 51,90 sFr.
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Thema

In Abgrenzung von einer Tradition, die das Spiel nur als Zeitvertreib sieht, zeigt das vorliegende Buch die vielfältigen Bedeutungsmöglichkeiten und Anwendungsoptionen des Spiels in der Philosophie und im Philosophie- und Ethikunterricht. Nicht nur weil Spielen Freude bereitet, sondern weil es einen multiperspektivischen Blick auf die Welt und neue Erkenntnisse ermöglicht, ist es als ganzheitliche Methode didaktisch ein Glücksfall. Christian Klager entwickelt eine Theorie des Spiels, die aus der Philosophie zum praktischen Unterricht überleitet und wertvolle Anwendungshinweise und Beispiele gibt. (Klappentext)

Autor

Dr. phil. Christian Klager ist wissenschaftlicher Mitarbeiter für Philosophie und Philosophiedikaktik am Institut für Philosophie der Universität Rostock. Er beschäftigt sich insbesondere mit Methoden des Philosophierens, Theorien des Spiel(en)s sowie Themen der Ethik und Erkenntnistheorie.

Entstehungshintergrund

Der Autor beschäftigt sich bereits seit Jahren mit dem Thema „Spiel als Methode des Philosophierens“ und hat dazu auch schon publiziert. Das vorliegende Buch ist Christian Klagers Dissertation, in der er die Ergebnisse seiner mehrjährigen Forschung dem interessierten Publikum zugänglich macht.

Aufbau

Christian Klagers Dissertation folgt einem klaren Aufbau. Vom Forschungsstand und den Leitfragen, über die Definition des Spiels gelangt der Autor zu den Bedeutungsdimensionen und schließlich zum Spiel in anderen Forschungsfeldern, etwa der Wirtschafts- und Naturwissenschaft, der Pädagogik und Psychologie sowie der Sprachwissenschaft. Schließlich erörtert er die philosophische Dimension des Spiels als Methode und liefert dafür zahlreiche Beispiele. Die Abschnitte zum methodischen Spielen im Philosophie- und Ethikunterricht, das „Spiel als Welt“ und zahlreiche im Unterricht anwendbare Beispiele runden die Studie ab. Selbstverständlich ist auch ein umfangreiches Literatur- und Quellenverzeichnis Teil der Arbeit.

Inhalt

Der Neurobiologe Gerald Hüther und der Philosoph Christoph Quarch haben im vergangenen Jahr mit der eindringlichen Forderung „Rettet das Spiel!“ auf ein Thema aufmerksam gemacht, dessen Potenzial in unserer leistungsorientierten Gesellschaft stark unterschätzt wird. Das Spiel als Handeln im Als-ob wird oft als Gegenteil des als höherwertig eingestuften Ernstes gesehen und dadurch entwertet. 1938 postulierte Johan Huizinga in seinem maßgeblichen Werk „Homo Ludens“ das Spiel als Ursprung der Kultur. Als anthropologische Größe spielt es heute aber eher eine untergeordnete Rolle.

Christian Klager versucht das Spiel als „Methode oder Weg zur Weltaneignung“ (S. 10) aber für den Leser fruchtbar zu machen.

Basierend auf den Werken von Buytendijk, Groos und insbesondere Huizinga, unternimmt der Autor eine Verortung des Spiels in der Philosophie bzw. Philosophiedidaktik. Er widmet sich v.a. der Frage, in welchem Verhältnis das Spiel zur Philosophie steht. Um das herauszufinden, nähert er sich dem Thema zunächst definitorisch und zeigt auf, dass man dabei schnell an Grenzen stößt. In semantischer Hinsicht kann das Spiel vom Schwanz eines Fasans oder Auerhahnes, über ein Set Stricknadeln bis hin zum nach festgelegten Regeln durchgeführten Gesellschafts- oder Fußballspiel alles Mögliche sein. Das Spiel deutet auf Andersartigkeit hin. Es etabliert eine andere Wirklichkeit – aber das ist noch keine Definition, sondern allenfalls eine Annäherung. Über verschiedene Eigenschaften, die ein Spiel aufweist, etwa Spielregeln, einen Spielraum, Geschlossenheit, Freiheit, Zeit usw. erfolgt schließlich eine Bestimmung des Spiels.

Die Bedeutungsdimensionen – etwa im Bezug auf Krieg, auf Liebe oder in pädagogischer Hinsicht – führen bereits auf das „Spiel als Weltzugang“ hin. Ausführlich widmet sich Christian Klager auch dem Spiel in anderen Forschungsfeldern, etwa der Spieltheorie, bei der es um Entscheidungssituationen geht oder dem Spiel in Psychologie und Pädagogik.

Ein umfangreiches Kapitel behandelt die philosophischen Dimensionen, etwa die „Spielwelt als Abbildung des wahren Seins“, das „Spiel als Weltsymbol“, als Form oder als Zeichen.

Das Spiel als Weltzugang umfasst z.B. Denkspiele, Utopien oder Gedankenexperimente. Der Abschnitt über das methodische Spielen im Philosophie- und Ethikunterricht bildet eine Hinführung auf den praktischen Teil, in dem konkrete Beispiele für den Philosophie- und Ethikunterricht vorgestellt werden.

Diskussion

Spielen als Methode des Philosophierens ist ein wichtiges Thema in einer Zeit, in der Bildung nicht mehr nur auf die Vermittlung bestimmter Inhalte reduziert werden kann. Christian Klager gelingt es, die Bedeutung des Spiels als Methode des Erkenntnisgewinns zu verdeutlichen. Er macht das Thema für Unterrichtende fruchtbar. Erst wer begriffen hat, welches Potenzial im Spiel steckt, kann seine Wirkmächtigkeit erfassen.

Nachdem ich im vergangenen Jahr „Rettet das Spiel!“ von Hüther und Quarch sowie Huizingas „Homo Ludens“ gelesen habe, konnte ich mein Wissen zum Thema dank Christian Klagers Buch erheblich vertiefen. Seine Definition des Spiels ist umfassender als die von Hüther und Quarch, die z.B. Computerspiele ausklammern (und damit abwerten). Eine wissenschaftliche und damit wenig bewertende Analyse – so wie die hier vorliegende – ist eher dazu in der Lage, einem Thema wirklich gerecht zu werden.

Ich schätze vor allem die Ausführlichkeit und Exaktheit der Arbeit, die das erstaunlich komplexe Thema in seiner ganzen Vielfalt sehr gut erfassen kann. Wer begreift, was „spielen“, das „Spiel“ und das Prinzip des „Spielerischen“ impliziert, wird dazu in der Lage sein, das diesem Thema innewohnende Potenzial zur Entfaltung zu bringen.

Der Autor ergründet wie kein anderer die Bedeutungsvielfalt und die methodischen Möglichkeiten des Spiels insbesondere in der Philosophie und Philosophiedidaktik. Es ist eine komplexe Materie, auf die man sich als Leser einlassen muss, aber es lohnt sich! Die Arbeit ist extrem gehaltvoll und facettenreich. Natürlich könnte man auch nur die Abschnitte zum Spiel als Methode der Philosophie (ab Abschnitt 5) und den Praxisteil lesen. Aber dadurch bringt man sich um viele interessante Erkenntnisse.

Fazit

Christian Klager verdeutlicht in „Spiel als Weltzugang“ eindrucksvoll die Wirkmächtigkeit des Spiels, insbesondere als Methode des Philosophierens. So wirkt er der landläufigen Entwertung des Spiels entgegen. Der Autor arbeitet die „zentrale Rolle des Spiels in der persönlichen wie auch überindividuellen Menschwerdung“ heraus und liefert Beispiele für die Praxis. Damit ist das Buch für interessierte Philosophie- und Ethiklehrer bzw. Dozenten, die vertieft in die Materie eintauchen wollen, eine bereichernde Lektüre.


Rezensentin
F. Sigrid Grün
M.A. in Germanistik, Philosophie und Vergleichender Kulturwissenschaft, ist ausgebildete Schauspielerin und arbeitet als Kultur- und Theaterpädagogin, Schauspielerin und Rezitatorin. Sie ist u.a. Referentin der Caritas Regensburg und Beraterin bei einer staatlich geförderten Opferhilfe. Derzeit promoviert sie in Vergleichender Kulturwissenschaft.
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Zitiervorschlag
F. Sigrid Grün. Rezension vom 07.09.2017 zu: Christian Klager: Spiel als Weltzugang. Philosophische Dimensionen des Spiels in methodischer Absicht. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2016. ISBN 978-3-7799-3400-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21290.php, Datum des Zugriffs 15.12.2017.


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