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James March: Zwei Seiten der Erfahrung

Cover James March: Zwei Seiten der Erfahrung. Wie Organisationen intelligenter werden können. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2016. 128 Seiten. ISBN 978-3-8497-0119-2. D: 24,95 EUR, A: 25,70 EUR.
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Thema

Wer keine Probleme hat, hat ein Problem. Mit dieser Dreh-Argumentation tut sich ein ganzes Feld von Sicherheiten und Unsicherheiten, Gewissheiten und Möglichkeiten, Wahrheiten und Lügen auf. Mit den Stichworten Organisationsentwicklung, -beratung, -theorie, -forschung öffnen sich Gefilde, die sich als Einrichtungen und Instanzen darstellen, um Menschen in ihren privaten und beruflichen Lebens- und Arbeitszusammenhängen zu beraten und Organisationsformen wirkungsvoll und effektiv werden zu lassen. Es wird von „lernenden Organisationen“ gesprochen, als Hinweis darauf, dass Veränderungsprozesse nicht nur individuell, sondern auch kollektiv, in festgefügten Produktions- und Arbeitsabläufen lernend ablaufen können. Bei den Tätigkeitsbereichen der Organisationsberatung haben sich verschiedene „Schulen“, Theorie- und Praxiszentren gebildet, die im wissenschaftlichen und beruflichen Diskurs Führungs- und Definitionshoheit beanspruchen; z. B. die „Wiener Schule der Organisationsberatung“ (CONECTA, Hrsg., Beratung leben. Praktische Beispiele – praktische Tipps – praktische Theorie, 2013, www.socialnet.de/rezensionen/15147.php).

Autor

Wenn jemand als Riese auf den Schultern heutiger Organisationstheoretiker und Managementdenker bezeichnet wird (Thorsten Groth), gilt es aufmerksam zu werden. Die Rede ist vom US-amerikanischen Organisationstheoretiker James Gardner March, der als einer der wichtigsten Vertreter der Organisationsforschung und der verhaltenswissenschaftlichen Entscheidungstheorie gilt. Zahlreiche heutige Organisationsentwickler stützen sich auf seine Theorien, etwa dem „Mülleimer-Modell der Organisation“. Danach bedingen (berufliche, betriebliche, produktions- und arbeitsbedingte) Entscheidungsprozesse vier Voraussetzungen:

  1. Lösungen anstreben,
  2. Probleme lösen,
  3. Entscheidungsgelegenheiten suchen,
  4. Beteiligte integrieren.

Diese Grundsätze jedoch sind nicht schematisch anzuwenden, sondern unterliegen alltäglichen, individuellen, kulturellen, mentalen und unerwarteten Einflüssen, die es im Prozess der Organisationsentwicklung zu beachten gilt. Der beinahe paradox klingende Rat – „Individuen und Organisationen müssen Wege finden, um Dinge zu tun, für die sie keine guten Gründe haben“ – hat in der „Carnegie Mellon School“ in Pittsburgh / Pennsylvania große Bedeutung. Im Mittelpunkt stehen dabei die Fähigkeiten, sich Dinge denken zu trauen, die erst einmal rational und vom Verstand her bestimmt, scheinbar nicht gedacht werden können oder dürfen. Es sind Kreativitäten, die Dinge neu entstehen lassen; es ist der Mut, quer zu denken; das Bewusstsein, mit trial and error und Erfahrung zu lernen (vgl. dazu auch: Bettina von Clausewitz, Wer, wenn nicht wir. Weltverbesserer und Querdenker im Gespräch, 2016, www.socialnet.de/rezensionen/20951.php), und zu begreifen, dass die vielfältigen „Unwägbarkeiten“ des Lebens nur ganz selten und schon gar nicht systematisch gewissermaßen auf Flaschen gezogen bzw. modell- oder gar rezepthaft angewendet werden können. Es sind Exzerpte von drei Vorlesungen, die James March im Oktober 2008 an der Cornell University gehalten hat

Aufbau und Inhalt

In der vom Organisationsberater und Dozenten Thorsten Groth im Carl-Auer-Systeme Verlag herausgegebenen wissenschaftlichen Reihe „Management / Organisationsberatung“ wird ein Band vorgelegt, in dem die Essenz des Jahrzehnte langen Wirkens von James C. March vorgestellt wird; und zwar, darauf weist Thorsten Groth in besonderer Weise hin, „reduziert auf eine aktuelle Frage, die womöglich die Überlebensfrage aller Unternehmen ist: Wie können wir intelligente Entscheidungen treffen? – Wie können wir intelligent mit der Ambiguität umgehen, dass Lernen sowohl überlebensnotwendig wie auch riskant ist? Wie können wir aus Erfahrungen lernen, die uns helfen, Entscheidungen zu treffen, und uns zugleich überlebensgefährdend einschränken?“. Marchs Arbeit zu den o. a. spezifizierten Fragestellungen wird in fünf Kapitel gegliedert. Im ersten geht es um das „Streben nach Intelligenz“, im zweiten um „Lernen durch Erfolgswiederholung“, im dritten um „Lernen durch Geschichten und Modelle“. Im vierten Kapitel über die „Generierung von Neuem“ reflektiert, und im fünften Teil werden „Lektionen der Erfahrung“ vorgestellt.

Die erst einmal eher banal und allzu verallgemeinernd daherkommende Feststellung, dass Organisationen nach Intelligenz streben, und deren Funktions- und Wirkungsweisen, Erfolge und Misserfolge im wesentlichen von Erfahrungen bestimmt sind, wird dann bedeutsam, wenn bewusst wird, dass Erfahrungslernen auch von einer Fülle von Mehrdeutigkeiten und Fehlerquellen bestimmt wird. Es sind diese Erkenntnisse, und die vom Storytelling, Narrativ und von Mythen, die menschliches Handeln beeinflussen (vgl. dazu auch: Werner Früh / Felix Frey, Narration und Storytelling. Theorie und empirische Befunde, 2014, www.socialnet.de/rezensionen/16883.php); wie auch die Forderungen, Spekulationen und Märchen über „Anpassungsmechanismen in Organismen, Spezies, Technologien, Organisationen, Wirtschaftsbranchen und Gesellschaften“. Um Anpassungen vorzunehmen, geht es nicht selten darum, die Umwelt, anstatt die Organisation zu verändern.

Lernen kann durch „Geistesblitze“ erfolgen, und damit auf dem Einsatz des Verstandes beruhen (Manfred Geier; Geistesblitze. Eine andere Geschichte der Philosophie; 2013; www.socialnet.de/rezensionen/16058.php), als auch durch Erfolgswiederholungen und den Mechanismen, wie sie sich durch Versuch und Irrtum, Imitation oder Selektion ergeben. Wichtig dabei ist allerdings die rationale und logische Frage danach, was Erfolg ist.

Erfahrungsnarrative beruhen meist auf Traditionen und überlieferten Geschichten und Modellen. „Es ist das Bestreben, die Ursachen der Erfahrung zu verstehen“. Die Vertracktheit und Schwierigkeit besteht freilich darin, dass Fragen nach der Wahrheit, Gerechtigkeit und Schönheit des Handelns kulturell und interkulturell unterschiedlich gestellt werden, und sich die Antworten darauf eben auch verschieden ergeben können.

Innovation und Kreativität in Organisationen unterliegen immer auch dem Dilemma, zum einen Bewährtes und Erfolgreiches erhalten und fortführen zu wollen, zum anderen Neues zu gestalten, und damit die Veränderung als einen notwendigen Prozess des Lebens zu begreifen: „Das Organisationsproblem liegt darin, die Abgrenzungen und Bereichsegoismen unter den Subeinheiten so weit aufrechtzuerhalten, dass vielfältige disziplinierte Wissenssysteme bewahrt bleiben, aber gleichzeitig genügend einheitsübergreifende Kontakte für den Austausch von Ideen und Praktiken zu unterstützen“.

„Butter bei die Fische“, so könnte man schließlich das letzte Kapitel überschreiben, in dem es um „Lektionen der Erfahrung“ geht. Bar jeden Versuches, Erfahrungslernen als das Non-plus-Ultra für eine gelingende Organisationsentwicklung zu betrachten, verweist March darauf, „dass Lernen aus Erfahrung ein unvollkommenes Instrument zur Entdeckung der Wahrheit ist", aber notwendig ist, das Bewusstsein zu stärken und die Mittel zu benutzen, um Erfahrung und Intellekt zusammen zu bringen.

Fazit

Die bei der Organisationsentwicklung und -beratung konstitutiv wichtigen und bedeutsamen Lernens- und Verstehensprozesse, die James G. March als die „zwei Seiten der Erfahrung“ benennt und in Verhaltens- und Aktivitätsformen bei der kreativen, veränderten Gestaltung von Produktions- und Arbeitsweisen in Wirtschaftsunternehmen, Verwaltung und Bildungseinrichtungen vorstellt, konzentrieren sich schließlich in der Erkenntnis: „Das Herzstück einer guten Beratung ist die Einsicht, dass kein Berater genug über die Zusammenhänge weiß, um konkrete Ratschläge zu erteilen. Ein guter Berater kann bestimmte Dinge ansprechen. Was er sagt, ist immer irgendwie falsch, es sollte aber mindestens so falsch sein, dass es einen Manager dazu bringt, noch einmal neu darüber nachzudenken, was er eigentlich tut“.


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 02.09.2016 zu: James March: Zwei Seiten der Erfahrung. Wie Organisationen intelligenter werden können. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2016. ISBN 978-3-8497-0119-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21298.php, Datum des Zugriffs 15.09.2019.


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