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Erwin Katein: Weltanschauungen und Heilungskonzepte von Psychodramalehrtherapeuten

Rezensiert von Dr. Birgit Szczyrba, 30.06.2002

Erwin Katein: Weltanschauungen und Heilungskonzepte von Psychodramalehrtherapeuten. Einflüsse auf die psychotherapeutische Praxis. Verlag Dr. Köster (Berlin) 2001. 298 Seiten. ISBN 978-3-89574-408-2. 35,70 EUR.

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Einführung

Als Dissertation entstanden, ist Kateins Buch ein komplexes und umfangreiches wissenschaftliches Werk mit originellem Hintergrund: Er entschlüsselt mit dieser Arbeit die Zusammenhänge von individuellen Weltanschauungen und der Heilungspraxis von psychodramatisch orientierten und arbeitenden Psychotherapeuten. Er sieht dies als Beitrag zur psychotherapeutischen Evaluationsforschung. Angestoßen wurde der Autor durch seine eigenen psychotherapeutischen Praxiserfahrungen: Auftauchende Fragen nach sinnvoller Lebensführung und moralischer Orientierung sowie die wissenschaftliche Diskussion über die therapeutische Philosophie Morenos und ihre heutige Relevanz mündeten in seiner Untersuchung und der hier vorliegenden Dokumentation der Erhebung und Auswertung.

Der Autor

Erwin Katein studierte Psychologie in Tübingen und Wien. Er arbeitete acht Jahre als Psychotherapeut in Justizvollzugsanstalten. Bis 1999 war er wissenschaftlicher Mitarbeiter der TU Berlin im Fach Klinische Psychologie und Psychodiagnostik. Seither ist er freiberuflich als Psychotherapeut und Psychodramalehrtherapeut (DFP/DAGG) für das Psychodrama-Institut-Münster tätig.

Lesbarkeit und Zielgruppe

Beim ersten Blick auf das Inhaltsverzeichnis wird deutlich, als was das Buch entstanden ist: als Dissertation. Für die Veröffentlichung ist wahrscheinlich nicht viel verändert worden. "4-Punkt-Kapitel" (bspw. 3.3.4.1.2 Der Protagonist) tauchen zahlreich auf und lassen einen Überblick über die komplexen Inhalte des Buches nur schwerlich zu. Der zweite und dritte Blick gibt verschiedene interessante "Roten Fäden" frei: Zum einen ist das Buch ein Lehrstück der qualitativen Sozialforschung. Man kann hier lernen, mit einer relativ kleinen Stichprobe zur Erforschung subjektiver und damit schwer erhebbarer Erlebnis- und Interpretationswelten dennoch saubere Arbeit zu leisten. Zum zweiten gibt das Buch lebensnahen Aufschluss über die Konstruktion von Weltanschauungen, Heilungskonzepten und darauf fußenden professionellen Strategien von unterschiedlichen Typen von Psychotherapeuten (religiöse, rätselnde, nüchterne), die jedoch alle Psychodramatiker sind. Zum dritten ist das Buch empfehlenswert für LeserInnen, die historisches und systematisch-theoretisches Interesse an der Psychotherapie und ihrer Verknüpfungslinie zum Psychodrama hegen.

In sehr kleiner Schrift und in wissenschaftlicher Diktion ist das Buch nicht als Bettlektüre geeignet. Es ist ein Buch, das zwar ein quer Einsteigen erlaubt, seinen kompletten Sinn und Anspruch jedoch nur frei gibt, wenn man es als größeres anspruchsvolles "Leseprojekt" würdigt.

Aufbau und Inhalte

Jede Dissertation beginnt mit der Fragestellung und dem damit verbundenen Erkenntnisinteresse. Kateins Fragestellung ist vor dem Hintergrund der Renaissance des Begriffs der Heilung (New Age, Esoterik, "alternative Therapieformen") in postmoderner Orientierungslosigkeit diese: Welche individuellen Weltanschauungen haben Psychodramalehrtherapeuten und wie vermitteln sie diese Weltanschauung explizit und implizit in der therapeutischen Praxis?

Der theoretischen Überbau der Arbeit setzt sich aus Betrachtungen zur Alltagswissensforschung, subjektiven Theorien u.a. zusammen, um dann die Wurzeln der Psychotherapie zu erläutern. Dann folgt ein ausführlicher Teil zum Psychodrama als Therapierichtung. Morenos Weltanschauung und seine therapeutische Philosophie, Heilungskonzepte im Psychodrama (Katharsis, Begegnung, Spontaneität und Kreativität) sowie die Praxeologie des Psychodramas (zum einen Konstituenten: Bühne, Protagonist, Leiter, Hilfs-Ich, Gruppe, zum andern Arrangements: Rollenspiel, Stegreif, Soziodrama sowie Techniken: Doppeln, Spiegeln, Rollentausch) werden beschrieben.

Zu den theoretischen Grundlagen und Vorannahmen muss die methodische Vorgehensweise passen: An dieser Stelle begründet Katein seine Wahl der qualitativen Forschungsstrategie mit der Notwendigkeit, hinter expliziten Aussagen zu individuellen Weltanschauungen und subjektiven Annahmen über Sinnzusammenhänge das Implizite zugänglich zu machen. Mit qualitativen Methoden beforscht haben Befragte die Möglichkeit, den Forscher noch zu überraschen, wirklich Neues zugänglich zu machen. Katein bewegt sich hier auf sicherem Terrain anerkannter qualitativer Sozialforschungsmethoden und passt diese seinem Forschungsgegenstand angemessen an. Eine ausführliche und lehrreiche Beschreibung der Datenerhebung und Datenauswertung mittels Grounded Theory schließt sich an.

Der größte und durchaus unterhaltsame Teil des Buches befasst sich mit den Ergebnissen der Untersuchung. Kateins zentrale Kategorien, die er bei der Analyse seiner erhobenen Daten anlegt, also die Weltanschauungen und ihre "Niederlegung" im therapeutischen Arbeiten ergeben auf drei exemplarische Einzelfälle bezogen interessante Färbungen: Frau Bauer, die "rationale, aufgeklärte Ästhetin", sieht das Ziel ihrer Arbeit darin, den Menschen in seiner Bereitschaft zu stärken, sich den Bedingungen des sozialen Gefüges zu stellen, in dem er lebt und dort entwicklungsfähig zu sein. Für Frau Lengle, die an Wiedergeburt und eine höhere weise Instanz glaubt, ist die Sinnfindung und Sinngebung zentraler Punkt ihres Heilungskonzeptes. Herr Wenzel ist mehr am Sein als am Sinn gelegen; er sieht sein Heilungskonzept in der Selbstbemächtigung des Menschen, die ihn befähigt in der Welt zu sein. Die drei Einzelfälle werden eingehend nach biographischen Einflüssen wie Prägungen in der Kindheit, berufliche und politische Sozialisation, biographische Krisen und eigene Therapieerfahrungen ausgewertet. So bildet Katein schließlich drei Prototypen heraus: Der Religiöse ist warmherzig, zugewandt, neugierig und liebt Herausforderungen, weil er in ihnen Chancen zur eigenen Weiterentwicklung sieht. Der Rätselnde befasst sich mit Themen wie Freiheit, Verantwortung und Isolierung. Er ist ständig auf der Suche nach klaren, festen Antworten, findet sie aber nicht. Nahezu detektivisch entdeckt er Fehlerhaftes und Unvollständiges in herkömmlichen Weltanschauungen und leidet darunter. Er ist außerdem leidenschaftlich, emotional und sprunghaft. Er ordnet sich weder Dogmen noch Konventionen unter sondern schafft lieber Unruhe. Als Psychodramatiker liebt er das Verfahren, weil es "Hass in konstruktive Energie umbauen kann". Der Nüchterne ist sachlich, an Tatsachen interessiert, abgeklärt, unerschrocken und hat Distanz zu sich und dem Leben. Was er tut, soll nützlich sein. Er fordert streng die Trennung von Religion und Therapie, will aufklären und logische Einsicht bewirken. Ist es nicht spannend, einmal so in das Innenleben von PsychotherapeutInnen schauen zu können?

Fazit

Kateins Buch zu Weltanschauungen und Heilungskonzepten von Psychodramalehrtherapeuten ist eine interessante Arbeit, die mehreren Ansprüchen genügt: Sie zeigt zum einen eine sehr sorgfältige Vorgehensweise qualitativer Sozialforschung mit der aufwändigen Auswertungsmethode der Grounded Theory. Zum andern enthält sie einen informativen Teil zur Geschichte der Psychotherapie, klärt über die Entstehung und Verbindung des Formates Psychotherapie mit dem Verfahren Psychodrama und der hier immanenten Weltanschauung, dem Heilungskonzept und der Ethik auf, und belohnt schließlich den bis hierhin einigermaßen mühevollen Leseakt mit der unterhaltsamen Lektüre der Ergebnisse des Forschungsprozesses. Wie man weiß, identifizieren sich LeserInnen gern mit Protagonisten. Hier hat man die Wahl, ob man selbst eher rätselnd, religiös oder nüchtern durch das Leben und die Arbeit geht, auch wenn man nicht PsychotherapeutIn ist. Ein anstrengendes und erfrischendes Stück als Beitrag zur Erforschung der Wirksamkeit subjektiver Größen auf die Praxis der Psychotherapie.

Rezension von
Dr. Birgit Szczyrba
Sozial-und Erziehungswissenschaftlerin, Psychodrama-Leiterin (DFP/DAGG), Leiterin der Hochschuldidaktik in der Qualitätsoffensive Exzellente Lehre der Technische Hochschule Köln, Sprecherin des Netzwerks Wissenschaftscoaching
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Es gibt 24 Rezensionen von Birgit Szczyrba.

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Zitiervorschlag
Birgit Szczyrba. Rezension vom 30.06.2002 zu: Erwin Katein: Weltanschauungen und Heilungskonzepte von Psychodramalehrtherapeuten. Einflüsse auf die psychotherapeutische Praxis. Verlag Dr. Köster (Berlin) 2001. ISBN 978-3-89574-408-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/213.php, Datum des Zugriffs 24.07.2024.


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