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Sandro Bliemetsrieder, Julia Gebrande u.a. (Hrsg.): Bildungsgerechtigkeit und Diskriminierungs­kritik

Cover Sandro Bliemetsrieder, Julia Gebrande, Arndt Jaeger, Claus Melter, Stefan Schäfferling (Hrsg.): Bildungsgerechtigkeit und Diskriminierungskritik. Historische und aktuelle Perspektiven auf Gesellschaft und Hochschulen. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2016. 270 Seiten. ISBN 978-3-7799-3458-5. D: 24,95 EUR, A: 25,60 EUR, CH: 34,60 sFr.
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Entstehungshintergrund und Thema

Den Hintergrund der vorliegenden Veröffentlichung stellt eine 2015 an der Hochschule Essslingen – Fakultät für Soziale Arbeit, Gesundheit und Pflege – stattgefundene Tagung dar. Der Titel dieser Tagung war „Bildungsgerechtigkeit, Diskriminierungskritik und Diversity“. Zu dem weiten Themenspektrum gehört u.a. die Erörterung eines fairen Hochschulzuganges, eines befähigungsgerechten Studiums sowie diskriminierungskritische Analysen von Machtverhältnissen. Das Ergebnis dieser Tagung sollen mittels des Bandes einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Aufgrund dieses Ansatzes ergibt sich ein Autorinnen- und Autorenkollektiv von Professorinnen und Professoren, Studentinnen und Studenten wie auch von Fachleuten aus der Praxis der Sozialen Arbeit.

Im Rahmen Sozialer Arbeit werden dann die Gerechtigkeitskonzepte Menschenwürde, Ressourcen- und Zugangsgerechtigkeit, Anerkennung sowie Gleichheit und Differenz mit unterschiedlichen Themenschwerpunkten in den 21 Beiträgen verhandelt. Bezugspunkt der Verhandlungen ist zumeist die Hochschule Esslingen in ihrem sozialräumlichen Kontext.

Aufbau

Strukturiert ist der Band durch drei Kapitel.

  1. Das erste Kapitel „Historische Zugänge“ setzt sich mit nationalsozialistischen Zwangsbedingungen und Ideologisierungen auseinander wobei zu Beginn des Kapitels der Bogen zu der Vorgängerinstitution der genannten Fakultät und der damaligen Leiterin geschlagen wird.
  2. Das zweite Kapitel „Aktuelle Diskurse“ beschäftigt sich u.a. mit Hochschulen und der dortigen Bildungsungleichheit und Diskriminierungspraxis. Dazu werden konstruktive Handlungsansätze diskutiert wie Gestaltung von Sprechräumen für Studierende oder ein Beschwerdemanagement an Hochschulen.
  3. Die Beiträge im dritten Kapitel „Konkrete Diskriminierungsverhältnisse“ verweisen auf sexuelle Belästigung, auf Diskriminierung und Sprache, auf Migration sowie gesundheitlichen Beeinträchtigungen.

Das vollständige Inhaltsverzeichnis findet sich auf der Verlagsseite.

Im Folgenden wird auf die meisten Beiträge in entsprechender Kürze eingegangen.

Zu 1. Historische Zugänge

„Nur dem Gesunden, Tüchtigen, dem Wertvollen in unserem Volk soll unsere Fürsorge gelten.“ Diese Aussage der Leiterin der Vorgängereinrichtung der Hochschule/Fakultät ist der Titel des ersten Beitrages von Nina Kölsch-Bunzen, die über den nationalsozialistischen Zeitabschnitt der Vorgängereinrichtung berichtet. Gezeigt wird wie die Wohlfahrtspflege der Weimarer Zeit in eine nationalsozialistische Volkspflege umprogrammiert wird, z.B. durch die Einbeziehung der Ideologie der „Rassenhygiene“. Dazu passt der Beitrag „Aufklärung über nationalsozialistische Pädagogik und ihre Verharmlosung“ von Benjamin Ortmeyer. Der Autor ist Leiter der Forschungsstelle für NS-Pädagogik an der Goethe-Universität Frankfurt und analysiert in diesem Aufsatz u.a. die Indoktrination der NS-Ideologie in Schulen, in der Forschung und in der Lehre. Auch wird in diesen Zusammenhängen über die Bezüge zum NS-Gedankengut seitens des Gelehrtentrios Spranger, Nohl und Petersen berichtet.

Zwei weitere Beiträge in diesem Kapitel von Gudrun Silberzahn-Jandt befassen sich mit „Euthanasie“ und Zwangssterilisation. Anhand von Biografien und Einzelfällen wird die grauenhafte Dramatik der genannten Maßnahmen enthüllt. Auch hier steht Esslingen und das regionale Umfeld im Mittelpunkt der forschenden Aufarbeitung. In dem Beitrag „Forschungsethische und rechtliche Argumente für eine Namensnennung“ berichtet die Autorin von 98 kranken und/oder behinderten Männer, Frauen und Kindern, die in Esslingen ab 1940 ermordet wurden. Die Aufmerksamkeit in dem genannten Beitrag gilt der Frage, in wie weit die Namen der Ermordeten publiziert werden dürfen.

Zu 2. Aktuelle Diskurse

Die in dieses umfangreiche Kapitel einleitenden Beiträge erörtern Bildungsgerechtigkeit in Bezug auf Universitäten und Hochschulen. Es wird darauf verwiesen, dass nicht nur formale Zugangskriterien Einfluss auf die Gerechtigkeit haben sondern auch die Teilnahme und Teilhabe an der jeweiligen akademischen Kultur innerhalb des sozialen Raumes einer Hochschulinstitution.

Um der Wirkmächtigkeit von Unterschieden, Identitäten und Zugehörigkeiten gerecht zu werden erörtern Birte Klinger und Paul Mecheril in ihrem Beitrag „Hochschule und Bildungsgleichheit – diversitätsreflexive Anmerkungen“ die Notwendigkeit eines Diversity – Managements an Hochschulen.

Die Bedeutung solcher Überlegungen akzentuiert Birgit Rothenberg in ihrer Darstellung „Das Selbstbestimmt Leben-Prinzip und die (nicht)-inklusive Hochschule“. Von den Studierenden in Deutschland sind 14 Prozent behindert oder leiden an einer chronischen Krankheit. Diesbezüglich beschreibt die Autorin den „Dortmunder Arbeitsansatz“, der zu einer inklusiven Hochschule führt.

Es folgt ein Beitrag von Sandro Bliemetsrieder und Gabriele Fischer über das Verhältnis von Hochschule und Gerechtigkeit. Die Thesenerörterung folgt dabei dem Konzept der Rechtfertigungsgerechtigkeit von Rainer Forst (z.B. These 1: Gerecht ist das, was sich Menschen gegenseitig „schulden“?!; These 2: Eine Orientierung an Menschenrechten verringert die Willkür.).

Ein weiterer Diskurskomplex richtet sich auf die Hochschule Esslingen. Die Masterarbeit von Jessica Lienert beinhaltet eine quantitative Studie zu Diskriminierungen an der genannten Institution. Die Ergebnisse zeigen Diskriminierungen auf der strukturellen, institutionellen, diskursiven und interaktiven Ebene. Die Autorin fordert weitgreifende Maßnahmen hin zu einem die Diskriminierungen betreffenden Paradigmenwechsel.

Unmittelbar daran an schließen die Ausführungen von Nurten Erol und Thomas Nestler im Artikel „Jetzt sprechen wir. Gestaltung von Sprechräumen von und für Studierende“. Dieser Text bezieht sich auf einen Workshop während der o.g. Fachtagung. Diskutiert wird ein Raum für Studierende in dem über Diskriminierung gesprochen werden kann. Denn: „Sprechen ist also ein machtvoller Prozess über den Diskriminierung transportiert werden kann (…).“ (S. 187).

Zum Abschluss des Kapitel analysiert Clarissa Hechler den Esslinger Integrationsplan. Das Fazit der Analyse fällt ernüchternd aus und die Autorin entwickelt Handlungsempfehlungen zur besseren Berücksichtigung von Ungleichheiten und Diskriminierungen.

Zu 3. Konkrete Diskriminierungsverhältnisse

Dieses Kapitel beginnt mit einem Beitrag von Julia Gebrande und Tim Clemenz zur sexuellen Belästigung und Gewalt an der Hochschule Esslingen.

Es folgt „Diskriminierung und Sprachen – Linguizismus“, ein Artikel von Gülden Ayguin-Sagdic. Diese Autorin definiert Linguizismus als eine spezielle Form des Rassismus. Dass 41 Prozent der ausländischen Studierenden ihr Studium abbrechen stellt, folgt man der Autorin, einen Hinweis auf einen Linguizismus dar.

Mit sprachlicher Diskriminierung beschäftigt sich auch der Beitrag „Zugangs- und Studiensituation von Studierenden aus sogenannten Drittstaaten“ von Anna Lyubetska, Irina Lukiyanenko und Simon Dona. Diese Gruppe hat eine Homepage entwickelt (www.rundumstudium.de) mit dem Ziel, auf Unterstützungsangebote aufmerksam zu machen. Der Artikel ist in deutscher und in russischer Sprache verfasst.

Stefan Schäfferling und Miriam Wehner dokumentieren in ihrem Beitrag „Studieren mit Beeinträchtigungen“ eine Ausstellung zu Diskriminierungserfahrungen in der Fakultät Soziale Arbeit, Gesundheit und Pflege der Hochschule Esslingen. Die Grundlage für diese Ausstellung bietet eine qualitative Untersuchung, die im Rahmen einer Masterarbeit durchgeführt wurde.

Der Band schließt mit dem Artikel „Eine Notunterkunft für geflüchtete Menschen in Esslingen am Neckar“ von RefugeesHelp (eine ehrenamtlich engagierte Helfergruppe). Die Beschreibung der Lebenslagen und Bedarfe der Flüchtlinge führt zu Forderungen seitens der Helfergruppe wie z.B. nach Transparenz, Integrationskultur und Zusammenarbeit oder auch nach sozialen Kontakten und Inklusion. Die Gruppe kritisiert darüber hinaus, dass teils katastrophale Milieu der Unterbringung und die damit einhergehende Entrechtung der Flüchtlinge.

Diskussion

Die Gliederung des Bandes wirkt aufgrund der Themenvielfalt auf der dargestellten Fachtagung der Fakultät zunächst irritierend. Das ändert sich beim Einlesen denn es wird deutlich, dass dieser Fachbereich sich auf den Weg gemacht hat, Bildungsgerechtigkeit und Diskriminierung im eigenen Hause und in lokalen Zusammenhängen darzustellen und aufzuarbeiten. Die beschriebene facettenreiche Fachtagung der Hochschule Esslingen stellt insofern eine kritische Analyse auf dem „Prüfstand“ der Selbstreflexion und theoretischer sowie praktischer Selbstvergewisserung dar. Das „Material“ zu dieser Reflexion sind die vielfältigen Bezüge zur akademischen Lebenswelt in historischen und insbesondere in aktuellen Zusammenhängen. Ein sehr gutes Beispiel für eine kritik- und lernfähige Hochschule bzw. Fakultät.

Fazit

Dieser Band zeigt wie die Fakultät Soziale Arbeit, Gesundheit und Pflege der Hochschule Esslingen die Themen Gerechtigkeit und Diskriminierung auf die eigene akademische Lebenswelt bezieht und damit auf eine kritik- und lernfähige Hochschulkultur beispielhaft aufmerksam macht. Dazu gehört auch, dass neben den Beiträgen von Professorinnen und Professoren Studierende ihre Konzepte und ihre Abschlussarbeiten in den Reflexionsprozess einbringen.


Rezension von
Prof. Dr. Erich Hollenstein
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Zitiervorschlag
Erich Hollenstein. Rezension vom 21.10.2016 zu: Sandro Bliemetsrieder, Julia Gebrande, Arndt Jaeger, Claus Melter, Stefan Schäfferling (Hrsg.): Bildungsgerechtigkeit und Diskriminierungskritik. Historische und aktuelle Perspektiven auf Gesellschaft und Hochschulen. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2016. ISBN 978-3-7799-3458-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21300.php, Datum des Zugriffs 01.12.2020.


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ISSN 2190-9245

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