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Andreas Uschok: Körperbild und Körperbildstörungen

Cover Andreas Uschok: Körperbild und Körperbildstörungen. Handbuch für Pflege– und Gesundheitsberufe. Hogrefe (Bern) 2016. 368 Seiten. ISBN 978-3-456-85520-2. D: 39,95 EUR, A: 41,10 EUR, CH: 48,50 sFr.
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Thema

Das Körperbild als das selbsterzeugte Bild vom eigenen Körper und damit auch vom eigenen Selbst ist das zentrale Thema dieses Herausgeberwerks. Der theoriegeleitete Diskurs um Leiblichkeit, Körper- und Selbstwahrnehmung und die philosophische Fragestellung zum Dualismus von Körper und Geist haben eine lange Tradition (Platon, Descartes, Kant). In philosophischen, psychologischen, sportwissenschaftlichen und bewegungstherapeutischen Kontexten halten die Körper-Leib-Debatte und die Diskussion um das Körperbild bis heute an und können sogar in den letzten Jahrzehnten einen Aufschwung verzeichnen.

Im medizinisch-pflegerischen Kontext scheint dieser Diskurs jedoch in den Hintergrund gerückt zu sein. Die besonders in Krisensituationen so wichtigen, ganzkörperlichen Wahrnehmungen und Ausdrucksmöglichkeiten von Betroffenen und Pflegenden sowie die Chancen und Möglichkeiten der direkten leiblichen Interaktion drohen sich hinter der Bedienung von Apparaten und Einhaltung von Standards zu verlieren.

In diesem Spannungsfeld liefert das vorliegende Buch wichtige Impulse zum Innehalten und zur Reflexion. Vielfältige wissenschaftlich fundierte und praktisch erprobte Zugänge zum veränderten oder verletzten Körperbild von „pflegebedürftigen“ Menschen werden aufgezeigt. Die „Pflegenden“ werden ermutigt eigene leibliche Erfahrungen und Erlebnisse auch wieder zuzulassen. Denn oft haben Pflegende intuitiv, aus der eigenen Erfahrung heraus, diesen besonderen leiblich-ästhetischen Zugang zu Patient*innen, wenn sie zum Beispiel durch besondere Berührungen oder das Halten von Körperteilen den Patient*innen Unterstützung und Halt vermitteln können. Oder wenn sie kleinste Regungen bei der Körperpflege wahrnehmen und so Wünsche und Bedürfnisse der Patient*innen beachten können.

Herausgeber

Der Herausgeber Andreas Uschok arbeitet seit über 30 Jahren in der Pflege, ist Soziologe und promovierter Pflegewissenschaftler. Uschok verbindet seine langjährige Pflegeerfahrung auf der chirurgischen Intensiv und Hämatologie/Onkologie mit seiner wissenschaftlichen Auseinandersetzung zum Thema (Promotion zu Körperbild und sozialer Unterstützung bei Patienten mit Ulcus cruris venosum).

Zur weiteren Mitarbeit an diesem Buch hat er hochkarätige Autoren sowohl aus den Pflegewissenschaften als auch aus Medizin, Neurowissenschaften, Psychologie, Psychotherapie, Sonderpädagogik, Sozialphilosophie und Soziologie gewinnen können.

Aufbau

Das Herausgeberwerk beginnt mit einem Geleitwort von Andreas Fröhlich (Basale Stimulation, Förderpflege), gefolgt von einem kurzen Vorwort und einer systematisierten Einleitung, in welcher die einzelnen Buchbeiträge sehr leser*innenfreundlich und übersichtlich zusammengefasst werden.

Es folgen 20 Aufsätze unterschiedlicher Autoren, die meist zwischen 14 und 20 Seiten lang sind. Die Gestaltung und auch zugrunde liegende Definitionen sind teilweise unterschiedlich jedoch bei allen Autoren transparent. Die Aufsätze sind jeweils übersichtlich gegliedert, mit ausführlichem Literaturverzeichnis und enden meist mit einer Zusammenfassung bzw. einer Schlussbetrachtung.

In der Systematik des Buches geben die ersten sieben Kapitel die Grundlagen des theoretischen Diskurses aus unterschiedlichen Blickwinkeln wieder. Die Kapitel 8 – 18 beziehen sich auf konkrete Krankheitsbilder oder Pflegesituationen und sind eher aus der praktischen Erfahrung heraus entstanden.

Das Buch schließt mit einem Herausgeber- und Autor*innenverzeichnis. In alphabetischer Reihenfolge werden alle Autor*innen des Buches kurz vorgestellt und ein Link zum verfassten Aufsatz hergestellt, zudem sind alle Kontaktdaten aufgeführt.

Wissenschaftstheoretische Beiträge

Die ersten wissenschaftstheoretischen Kapitel des Buches geben einen umfassenden theoriegeleiteten Überblick zur Thematik Körperbild und Köperbildveränderung, wobei der Blick aus jeweils unterschiedlichen Wissenschaftsrichtungen auf das Thema gelenkt wird. So entsteht bei der Leser*in ein umfassendes Verständnis des Körper-Leib Diskurses, der Phänomenologie des Leibes, des Mimesisbegriffs im Sinne ästhetischer Wahrnehmungs- und Ausdrucksmöglichkeit sowie hermeneutischen Verstehens. Die Leser*in bekommt einen soziologischen Blick auf den Körper und gesellschaftliche Prozesse er letzten Jahrzehnte sowie die gegenwärtige Definition des Körperbildes aus neurowissenschaftlicher Sicht aufgezeigt:

Hartmut Remmers (Professur für Pflegewissenschaften, Uni Osnabrück) startet in seinem Aufsatz „Zur Relevanz des Körpers im Kontext pflegerischen Handelns“ mit grundlegenden theoretischen Überlegungen zum biomechanischen Verständnis des menschlichen Körpers im Sinne eines „Maschinenkörpers“ in Abgrenzung zum phänomenologischen Verständnis des menschlichen Körpers als „Leib“. Leiblicher Ausdruck und leibliches Verstehen sind immer auch an biographische Erfahrungen geknüpft. Hier geht er der Frage nach, wie sich schwerwiegende organische Erkrankungen, chirurgische Eingriffe, traumatisierende Verletzungen oder die äußere Gestalt verändernde therapeutische Maßnahmen (Chemotherapie) auf das eigene „Körper-Selbst“ der Patient*innen auswirken.

Martin W. Schnell (Professur für Sozialphilosophie und Ethik, Direktor des Instituts für Ethik und Kommunikation, Uni Witten Herdecke) beschäftigt sich in seinem Aufsatz mit der „Relevanz der Phänomenologie der Leiblichkeit für die Pflege“. Er klärt die Begriffe Leib, Körper, Zwischenleiblichkeit und Fremdheit in Bezug u.a. auf Adorno, Husserl und Merleau-Ponty. Umfangreich literaturgestützt diskutiert Schnell Ansatzpunkte für die Pflege und thematisiert dann den Begriff der „Selbstsorge“, diesen setzt er in Bezug zur Endlichkeit des Lebens und definiert Pflege als „den unselbstständigen Teil der Selbstsorge“; Pflegebedürftig ist demnach, wer in seiner Selbstsorge beeinträchtigt ist.

Manfred Hülsken-Giesler (Professur für gemeindenahe Pflege, pädagogisch-theologische Hochschule Vallendar) beschreibt in seinem Aufsatz „Körper und Leib als Ausgangspunkt eines mimetisch begründeten Pflegehandelns“. Er sucht hermeneutischen Zugang über körperlich-leiblich gebundene Lebensäußerungen, wie Körperhaltung, Bewegung, Mimik und Gestik als Grundlage eines elementaren Sinnverstehens und als Grundlage von Empathie. Er kritisiert die „Verwissenschaftlichung der Pflege“ und die Überführung der Handlungsfelder der Pflege in „soziotechnische Arrangements“. Hülsken Giesler endet mit der Empfehlung die Empfindungsfähigkeit von Pflegenden wieder zu stärken, um körperlich-leibliche Regungen zuzulassen und zu erfahren, sie aber auch in ihrer Bedeutung für das Pflegehandeln reflektieren zu können.

Robert Gugutzer (Professur für Sozialwissenschaften des Sports, Goethe-Universität, Frankfurt) stellt unter dem Titel „Die Körper der Gesellschaft, eine soziologische Entdeckungsreise“ den Körper als gesellschaftlich-kulturelles Phänomen dar. Er skizziert im Rückblick bis zu den 80er Jahren den „body turn“ in der Gesellschaft, also die gestiegene Aufmerksamkeit die Körperthemen in den letzten Jahren in Alltag, Medien und Wissenschaft erhalten haben.

Erwin Lemche (Neurowissenschaftler, King´s College, London, Mitautor des „Consensus paper on the terminological differentiation of various aspect of body experience“ (2005)) erläutert in seinem Aufsatz „Wider die babylonische Sprachverwirrung: gegenwärtige Definition des Körperbildes“ zunächst gegenwärtige und frühere Sprachgebräuche und stellt dann aus neurowissenschaftlicher Sicht sein Komponentenmodell der Körperrepräsentation vor.

Der theoretische Teil wird abgeschlossen mit einem Überblick zum Körperbild im Bezug zu Pflegeklassifikation, -prozess und -diagnose von Jürgen Georg (Pflegewissenschaftler und Mitarbeiter des Hogrefe-Verlags). Im Übergang zu den praxisorientierten Kapiteln ist ein Aufsatz von Charlotte Uzarewicz zur Bedeutung der leiblichen Kommunikation im Kontext transkultureller Pflege eingefügt.

Praxeologische Beiträge

Es folgen elf konkrete Beiträge zu Körperbildveränderungen durch spezielle Krankheitserfahrungen oder in bestimmten Pflegesituationen. Es werden jeweils sehr konkret mögliche Maßnahmen der Begleitung, Intervention und möglicherweise Prävention aufgezeigt. Folgende Themen werden ausführlich vorgestellt:

  • Der etwas andere Zugang zum diabetischen Fußsyndrom (A. Risse)
  • Intensivstation: ein intensiv verändertes Körperbild (H.-J. Hannich)
  • Brustkrebs (S. Marquard)
  • Auswirkungen von Yoga-Üben auf das Körperbild von Frauen nach Brustkrebsbehandlung (I. Kollak)
  • Querschnitt (A.-K. Koch)
  • Amputation – Phantomschmerz und Körperbild (J. Georg)
  • veränderten Ausscheidungsfunktionen ((J. Georg)
  • Inkontinenz (D. Hayder-Beichel)
  • strukturellen und funktionellen Hautveränderungen (J. Georg)
  • Chronische Wunden – Traumata für die „KörperSeele“ (A. Uschok / A. Schmidt-Jungbluth)
  • Körperbild und Körpererleben von Menschen mit komplexen Beeinträchtigungen (H. Schlichting / S. Schuppener).

In allen Aufsätzen sind die konkreten und praxisrelevanten Themen auf empirischer Basis gut verständlich und nachvollziehbar aufbereitet, teilweise werden sehr konkrete Tipps und Handlungsmöglichkeiten aufgeführt

Das Buch endet mit einem Blick auf Schönheitsideale und die Auswirkungen auf Körperzufriedenheit und Körperbildstörungen am Beispiel von Essstörungen (I. Rühl / T. Legenbauer) und einer kurzen „Anleitung zum Wohlfühlen in der eigenen Haut“ (A. S. Hartmann / U. Buhlmann).

Fazit

Mit diesem Herausgeberwerk ist es Andreas Uschok gelungen ein umfangreiches und qualitativ hochwertiges Fachbuch zu platzieren. Sowohl der wissenschaftliche Diskurs zum Körperbild in den Pflegewissenschaften als auch der direkte praktische Bezug werden gut aufbereitet und ausführlich dargestellt.

Dieses Gesundheitsfachbuch gibt Denkanstöße und theoretische Impulse nicht nur für Menschen in Pflegeberufen. Der ganzheitliche Blick auf den Menschen, die Bedeutung seines Körper- und Selbstbildes, auch in der differenzierten Darstellung im Bezug zu unterschiedlichen Krankheitserfahrungen, kann sicher auch für weitere Personengruppen (u.a. Pädagog*innen, Therapeut*innen,) Anregungen geben und Verständnis aufbauen. Die Rezensentin empfiehlt dieses Buch darüber hinaus auch für Berater*innen in der Orthopädie- und Medizintechnik, und nicht zuletzt für interessierte Betroffene und Angehörige.

Alle Kapitel verfolgen für sich einen stringenten Aufbau und können sehr gut als einzelne Aufsätze zum jeweiligen inhaltlichen Schwerpunkt gelesen werden. Es empfiehlt sich jedoch, über das konkrete Interesse hinaus, die vielfältigen Denkanstöße und Beispiele der andern Themenbereiche aufzunehmen. Die Vielfalt der konkreten Praxisbezüge auf jeweils guter theoretischer Basis ist eine Bereicherung für alle, die in der Praxis mit Menschen mit unterschiedlichen Krankheits- und Behinderungserfahrungen arbeiten.


Rezensentin
Diplom-Sportlehrerin Angelika Prass
Sporttherapeutin, Technische Universität Dortmund, Fakultät Rehabilitationswissenschaften, Körperliche und Motorische Entwicklung
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Zitiervorschlag
Angelika Prass. Rezension vom 07.07.2017 zu: Andreas Uschok: Körperbild und Körperbildstörungen. Handbuch für Pflege– und Gesundheitsberufe. Hogrefe (Bern) 2016. ISBN 978-3-456-85520-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21301.php, Datum des Zugriffs 25.09.2017.


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