socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Christian Rittelmeyer: Bildende Wirkungen ästhetischer Erfahrungen

Cover Christian Rittelmeyer: Bildende Wirkungen ästhetischer Erfahrungen. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2016. 320 Seiten. ISBN 978-3-7799-1273-6. D: 39,95 EUR, A: 41,10 EUR, CH: 51,90 sFr.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand

über Shop des Verlags


Autor und Entstehungshintergrund

Christian Rittelmeyer ist ausgebildeter Sozialarbeiter und Diplom-Psychologe und war bis 2003 Professor für Erziehungswissenschaft an der Georg-August-Universität Göttingen. Schwerpunkte seiner Arbeit liegen seit vielen Jahren im Bereich der ästhetischen Bildung und in Forschungsmethoden der Erziehungswissenschaft. Seine Profession als Psychologe prägt deutlich sein Forschungsverständnis und seinen Zugriff auf das Thema und schafft neue Verbindungslinien über das Feld der ästhetischen und kulturellen Bildung hinaus, die auch in dieser Publikation deutlich werden.

Er schöpft in dieser Publikation aus seiner langjährigen Forschungserfahrung, rekurriert auf zahlreiche Aspekte bisheriger Veröffentlichungen und führt sie im Blick auf bildende Wirkungen ästhetischer Erfahrungen zusammen.

Thema

Unter dem Titel „Bildende Wirkungen ästhetischer Erfahrungen“ fordert der Autor Christian Rittelmeyer eine Neuorientierung der Wirkungsforschung im Bereich der ästhetischen und kulturellen Bildung. Er hinterfragt die in der deutschsprachigen fachdidaktischen Forschung bis vor wenigen Jahren noch weit verbreitete Auffassung, dass ästhetische Erfahrungen „ihren Wert in sich selber“ tragen und geht der Frage nach, welche „außerfachlichen Wirkungen“ ästhetischer und kultureller Bildung sich empirisch in der Bildungsforschung bzw. der so genannten „Transferforschung“ nachweisen lassen (vgl. Vorwort S. 7 f.).

Aufbau

In seinem Vorwort und der Einleitung stellt der Autor beide Thesen als durchaus gleichberechtigt gegeneinander und erläutert vielfältige Bezugslinien der beiden Forschungstraditionen: Er arbeitet z. B. implizite Setzungen heraus (S. 16 – 17), beschreibt den deutschsprachigen und angloamerikanischen Kontext und verweist auf historische Bezüge bevor er einzelne Beispiele der Wirkungsforschung methodologisch systematisiert (S. 26. f.) und vorherrschende Methoden der Transferforschung kritisch diskutiert (S. 38 f.).

Auf diesem Hintergrund differenziert der Autor „Sechs Methoden einer anspruchsvollen Wirkungsforschung“ (S. 49), die er in einzelnen Abschnitten ausführlich darstellt. Er unterscheidet

  1. Bildungstheoretische Strukturanalysen
  2. Erlebnis- und Erfahrungsanalysen
  3. Analysen biografischer Berichte
  4. Die Erforschung von Körperresonanzen
  5. Die Analyse volitionaler Prozesse

Bevor er 6. zu einer „Begriffsklärung des Ästhetischen“ kommt, aus der er „Folgerungen für die Theorie und Erforschung ästhetischer Bildung“ zieht.

Die Abschnitte unterscheiden sich in ihrem Aufbau, der jeweiligen Darstellung der Methode und der Länge.

Abgerundet wird das Buch von einem ausführlichen Abbildungsteil sowie Literaturhinweisen, welche zwar sehr ausführlich sind, eine noch fehlende Übersicht bzw. Bibliografie in den jeweiligen Feldern aber nicht ersetzen sollen.

Zu 1. Bildungstheoretische Strukturanalysen

Rittelmeyer klärt den Begriff einer Strukturanalyse, die sich im Wesentlichen auf die formale Beschaffenheit eines Objektes oder einer Tätigkeit bezieht, sei es die Komposition eines Bildes, die Choreografie eines Tanzes o. ä.. Diese Methode wird bildungstheoretisch relevant, wenn sie begründete und empirisch überprüfbare Hypothesen ausbildet, „… welche möglichen bildenden Wirkungen von diesen genauer analysierten Werken und Tätigkeiten ausgehen können“ (vgl. S. 49). Der Autor erläutert den Begriff an Beispielen aus verschiedenen Künsten, bevor er eine ausführliche Besprechung einer Strukturanalyse musikalischer Erfahrungen am Beispiel einer Musikstunde in einer Integrierten Gesamtschule ausführt (S. 61 ff.).

Zu 2. Erlebnis- und Erfahrungsanalysen

Den Abschnitt Erlebnis- und Erfahrungsanalysen beginnt der Autor mit einem Beispiel seines persönlichen Erlebens einer Klosteranlage in Griechenland (S. 86), bevor er – ausgehend vom dialektischen Erfahrungsbegriffs Hegels – einige Bemerkungen zum Erfahrungsbegriff ausführt (S. 90 f.), um anschließend an zahlreichen Beispiele aus der internationalen Forschung den Ansatz weiter zu differenzieren (S. 95 ff.).

Sehr kritisch positioniert sich Rittelmeyer in einem Exkurs zu „ästhetischen Forschungen“ (S. 107 ff.): Er geht zwar davon aus, dass „im künstlerischen Tun Erkenntnisse gewonnen werden können“ (S. 108), um aber von ästhetischen Forschungen sprechen zu können, bedürfen sowohl der Ästhetik-Begriff als auch der Forschungs-Begriff einer ausreichenden Klärung und es eine Vermeidung von „Spiegeleffekten“ ist vonnöten (vgl. S. 108 – 109), um über die „Reflexion ästhetischer Erfahrungen“ hinaus zu gehen.

Zu 3. Analysen biografischer Berichte

Zwei exemplarische Interpretationen – eines Lektüreerlebnisses von Martin Walser zu Hölderlin und eines literarisch inspirierten Selbstexperiments des Philosophen Joseph Bernhardts – führen in die Analyse biografischer Berichte ein. Rittelmeyer macht ausgehend von diesen und mit zahlreichen weiteren beispielhaften Verweisen auf die „Singularitäten und überindividuellen Bedeutungsgehalte ästhetisch-biografischer Erlebnisse“ aufmerksam (vgl. S. 121 ff.). Er zeigt auf, dass mit ästhetischen Erfahrungen innere Diskurse geführt und Schmerzen bewältigt werden können (vgl. S. 135 ff.) bevor er die lebensweltbezogene biografische Forschung als Erhebungsmethode charakterisiert (S. 144 ff.).

Dieser Abschnitt ist besonders ausführlich mit Beispielen illustriert, die Rittelmeyer im Blick auf methodologische Fragen biografischer Forschung unter anderem im Blick auf folgende Fragen hin reflektiert (S. 149 ff.): Wie zuverlässig ist die Erinnerung? Welche Rolle spielen biografische Vorerfahrungen für jede Forschung? Welche heilenden Wirkungen können ästhetische Erfahrungen haben und wie können sie gefasst werden?

Zu 4. Die Erforschung von Körperresonanzen

Die Erforschung von Körperresonanzen beschäftigt sich mit körperlichen Aspekten ästhetischer Erfahrungen, die in den letzten Jahren von biologischen Disziplinen, wie z. B. der Hirnforschung, untersucht wurden. Wichtig erscheint es Rittelmeyer bei diesen Forschungsansätzen sowohl die außen-gerichteten als auch die innen-gerichteten Sinne zu berücksichtigen. (vgl. S. 157 ff.) Er verweist auf die Forschungen der „Embodied Cognition“ (S. 159 ff.) und ihre besondere Relevanz für die ästhetische Bildung (S. 168 ff.), z. B. für eine Erforschung des Zusammenspiels von Hirn und Hand im Bereich der Zeichnung (S. 169), bevor er sich dem Aspekt der empathischen Resonanzen widmet (S. 173 ff.) und seine Überlegungen in Anwendungsbeispielen exemplifiziert (S. 188 ff.).

Zu 5. Die Analyse volitionaler Prozesse

Volitionale, d. h. aktiv-willentliche Prozesse bezeichnen zunächst in der Psychologie die bewusste, willentliche Umsetzung von Zielen und Motiven in Resultate durch zielgerichtetes Handeln. Im Bereich der ästhetischen Bildung unterscheidet Rittelmeyer drei Artikulationsformen, wie (a) die individuelle Intention, z. B. die Entscheidung zum bzw. das Erlernen eines Musikinstrumentes, (b) die künstlerische Wahrnehmung selbst (aufmerksame Lektüre vs. Konsumieren) oder (c) die Einflüsse von Willensprozessen auf die Wirkung ästhetischer Erfahrungen im außerkünstlerischen Alltagsleben. (vgl. S. 214)

Die Tatsache, dass dem Autor die Relevanz dieser Thematik erst relativ spät ins Bewusstsein rückte, mag erklären, dass es sich hier um den kürzesten Abschnitt handelt und Rittelmeyer mit relativ wenigen Beispielen sein Modell intentionaler Wirkungen begründet.

Zu 6. Begriffsklärung des Ästhetischen

Diesen Abschnitt leitet Rittelmeyer mit Ausführungen zu „Kontroversen um den Ästhetik-Begriff“ (S. 238 ff.) ein, bevor er „Einige Gedanken aus Theorien des Ästhetischen“ ausführt, insbesondere zu Georg Lukács, Theodor Wiesengrund Adorno und Georg Wilhelm Friedrich Hegel mit Exkurs zu Johann Wolfgang Goethe (S. 250 ff.). Auf diesem Hintergrund klärt er den Begriff der ästhetischen Erfahrung und seine Bedeutung für die menschliche Bildung (S. 264 ff.) und zieht aus diesen Überlegungen grundlegende Folgerungen für die Theorie und Erforschung ästhetischer Bildung (S. 303 ff.).

Diskussion

Der Autor Christian Rittelmeyer fordert unter dem Titel „Bildende Wirkungen ästhetischer Erfahrungen“ eine Neuorientierung der Wirkungsforschung im Bereich der ästhetischen und kulturellen Bildung. Dazu klärt er die Begriffe und gibt einen interessanten Einblick in die internationale Forschung auf diesem Gebiet – eine entsprechende Bibliografie zu diesem Forschungsbereich steht noch aus.

Seine Perspektive aus Sicht der Psychologie ist sowohl für die Fassung des Themenbereichs als auch unter methodologischen Gesichtspunkten besonders hilfreich.

Rittelmeyer schlägt eine Systematisierung der Forschung in sechs Themenbereiche vor: 1. Bildungstheoretische Strukturanalysen, 2. Erlebnis- und Erfahrungsanalysen, 3. Analysen biografischer Berichte, 4. Die Erforschung von Körperresonanzen und 5. Die Analyse volitionaler Prozesse und charakterisiert sie an zahlreichen Beispielen aus unterschiedlichen künstlerischen Gebieten. Diese Ausführungen und Beispiele beleuchten das weite Feld kultureller und ästhetischer Erfahrungen und ihre Relevanz im Blick auf Bildungsprozesse bevor der Autor im 6. Abschnitt zu einer „Begriffsklärung des Ästhetischen“ kommt, aus der er „Folgerungen für die Theorie und Erforschung ästhetischer Bildung“ zieht.

Diese Begriffsklärung ist äußerst notwendig und hilfreich und sicher auch eine notwendige Voraussetzung für Forschungen in dem häufig diffus erscheinenden Feld ästhetischer und kultureller Bildung.

Allerdings sollte diese Begriffsklärung nicht – wie von Rittelmeyer vorgeschlagen – als eigene Methode gefasst werden, sondern als notwendige Voraussetzung jeglicher Forschung und auch in seinem Modell der Forschungsansätze entsprechend visualisiert werden.

In diesem letzten Abschnitt nimmt der Autor eine Engführung des Bereichs der ästhetischen und kulturellen Bildung auf ästhetische Bildung und insbesondere die künstlerische Bildung vor. Dies wäre zur Systematisierung der Forschung hilfreich, würde aber zahlreiche Forschungen, auf die er sich in den vorhergehenden Kapiteln bezieht, ausschließen; z. B. die äußerst interessante Untersuchung japanischer Forscher zur Wirkung von Landschaften im Vergleich von Stadt und Wald. (vgl. S. 166) An diesem Beispiel wird deutlich, dass der ohnehin in der Ästhetik-Diskussion umstrittene und philosophisch kaum zu fassende Kunstbegriff unter Berücksichtigung historischer und transnationaler Perspektiven noch weiter geöffnet werden muss und dies natürlich entsprechende Folgen für den Gegenstandsbereich ästhetischer Erfahrungen haben muss – die von Rittelmeyer vorgeschlagene Engführung würde unter diesem Gesichtspunkt eine zu große Einengung bedeuten. Diese mag zwar aus forschungsmethodologischer Sicht wünschenswert erscheinen, ist aber nach meinem Dafürhalten nur für die jeweilige Studie, punktuell zu fassen.

Einem solch komplexen und vielschichtigen Werk wäre eine sorgfältige editorische Bearbeitung zu wünschen – denn auch das Lesen eines Buches kann – wie der Autor an mehreren Beispielen illustriert hat – eine ästhetische Erfahrung werden.

Unterstützen könnten dabei die Einbindung der Abbildungen in den Text, eine gute grafische Bearbeitung und auch ein wissenschaftlich gewissenhafter Umgang mit Bildern z. B. in Form eines Abbildungsverzeichnisses.

Fazit

Ein überaus wichtiges, gut lesbar geschriebenes Buch, das ein aktuelles Thema aufgreift und im breiten Feld der Forschungen zur ästhetischen und kulturellen Bildung eine Systematisierung und Strukturierung bietet. Insgesamt eine ungewöhnlich anregende und inspirierende Lektüre!


Rezensentin
Prof. Dr. phil. habil. Sabine Grosser
Fachhochschule Kiel, Professur für Ästhetische Bildung
E-Mail Mailformular


Alle 2 Rezensionen von Sabine Grosser anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Sabine Grosser. Rezension vom 07.02.2017 zu: Christian Rittelmeyer: Bildende Wirkungen ästhetischer Erfahrungen. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2016. ISBN 978-3-7799-1273-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21302.php, Datum des Zugriffs 21.10.2019.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung