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Frauke A. Kurbacher, Philipp Wüschner (Hrsg.): Was ist Haltung?

Cover Frauke A. Kurbacher, Philipp Wüschner (Hrsg.): Was ist Haltung? Begriffsbestimmung, Positionen, Anschlüsse. Verlag Königshausen & Neumann (Würzburg) 2016. 256 Seiten. ISBN 978-3-8260-5786-1. D: 38,00 EUR, A: 39,10 EUR, CH: 50,90 sFr.
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Thema

Frauke A. Kurbacher und Philipp Wüschner haben einen Sammelband mit unterschiedlichsten Beiträgen zum Thema Haltung vorgelegt, die das Thema aus der Geschichts- und Literaturwissenschaft, aus der Kunstgeschichte, Theologie und Pädagogik, der phänomenologischen Psychiatrie sowie der Wirtschaft und Philosophie betrachten, aber auch interdisziplinäre Verknüpfungen herstellen. Auch wird eine eigene Philosophie der Haltung entwickelt und in Grundzügen präsentiert.

Herausgeberin und Herausgeber

Frauke A. Kurbacher ist Gastprofessorin für Ethik am Philosophischen Institut der Freien Universität in Berlin und am am Collège international de philosophie (Ciph) in Paris und Privatdozentin an Universitäten in Kiel und Wuppertal.

Philipp Wüschner studierte Philosophie, Katholische Theologie und Musikwissenschaft in Tübingen und Berlin. Er promovierte in Philosophie und ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Forschungszentrum ‚Language of Emotions‘ der FU Berlin.

Weitere Beiträge stammen von Heike Baranzke, Jochim Dethlefs, Thomas Fuchs, Hilge Landweer, Susann Köppl, Frauke A. Kurbacher, Matthias Roick, Jan Slaby, Eva Weber-Guskar, Thomas Wild, Jakob Will, Oliver Will, Philipp Wüschner und Tullio Viola.

Aufbau

Der vorliegende Sammelband setzt drei große inhaltliche Akzente:

  1. Philosophisch-Historische Perspektiven
  2. Grundlegung, Struktur und Bewegung
  3. Interdisziplinäre Dimensionen und Horizonte.

In insgesamt 13 Artikeln werden hier unterschiedliche Facetten des Themas erarbeitet. In ihrer Einleitung verweisen Frauke A. Kurbacher und Philipp Wüschner auf den weiten Spannungsbogen, der sich mit dem Haltungsbegriff verbindet: von der Körperhaltung, dem „Ringen um Haltung“, dem Haltungsverlust zur kollektiven oder Geisteshaltung. Auch wenn bisher die Grundlagenforschung zum Haltungsbegriff eher philosophisch orientiert war (15), ist den Autor*innen der interdisziplinäre Zugang ein wichtiges Anliegen, um so auch thematische Anschlüsse aus pädagogischer, psychologischer, soziologischer, literaturwissenschaftlicher, kunsthistorischer und geschichts-wissenschaftlicher Perspektive zu ermöglichen (17).

Zu 1. Philosophisch-Historische Perspektiven

Matthias Roicks geht in seinem philosophisch-historisch ausgerichteten Beitrag einem bestimmten Zweig der Aristoteles-Rezeption nach, nämlich der Kritik am Habitus insbesondere bei Lorenzo Valla.

Der zweite Beitrag in dieser Rubrik stammt von Tullio Viola und konzentriert sich auf das späte 19. Jahrhundert. Er verbindet in seinem Text eine kunsthistorische mit einer philosophie-historischen Perspektive auf Félix Ravaisson und Henri Bergson. Ravaisson war Philosophieprofessor und bedeutender Aristotelesforscher, zugleich aber auch Maler und Zeichner. Seine künstlerischen Arbeiten verstand er dabei als „Bestandteil seiner philosophischen Forschung“. (43).


Der dritte Beitrag von Hilge Landwehr und Philipp Wüschner fragt nach David Humes propädeutischem Beitrag zu einer Theorie der Haltung. Auch wenn Hume selbst sich nicht explizit zu Haltung geäußert hat, sehen die Autoren im Rahmen seiner Gefühlstheorie, insbesondere seines Konzeptes von Gerechtigkeit, der Sache nach berechtigte Ansätze für wichtige Beiträge zu einer Philosophie der Haltung.

Zu 2. Grundlegung, Struktur und Bewegung

Der Literaturwissenschaftler Thomas Wild begibt sich auf eine enzyklopädische Spurensuche im Kontext des Haltungsbegriffes. Er begibt sich dazu auf eine spannende lexikalische Spurensuche in diversen Wörterbüchern und Begriffsarchiven.

Philipp Wüschner setzt sich in seinem Beitrag mit dem Verhältnis von Haltung – Indifferenz und Einsamkeit auseinander. Dabei versteht er Handlungen vor allem als „Medien des Miteinanders“ und geht u.a. von einer doppelten Kohärenz der Haltung im Sinne einer extern geforderten Kohärenz aus der eigenen Lebensführung und einer internen Kohärenz des eigenen Verhaltens über die Zeit hinweg aus (110f).

Gunther Gebauer wählt in Anlehnung an Bourdieus Habitus-Theorie einen spieltheoretischen Zugang zum Thema. Da er Spiele als Indikatoren für das Wandelbare in Gesellschaften betrachtet, interessiert ihn insbesondere diese Dimension und er untersucht sie an je einer Individualsportart (Triathlon) und einer Mannschaftssportart (Handball).

Frauke Kurbacher entwickelt eine eigene Philosophie der Haltung. Kernstück ist dabei gewissermaßen die Vorstellung von Haltung als Relationsphänomen, das die Beziehung zwischen dem Individuum und Anderen bzw. der Welt reflektiert bzw. beschreibt.

Susan Köppl lehnt sich an diesen Beitrag an bzw. grenzt sich davon ab, indem sie in ihrem Artikel die Gemeinsamkeiten und Unterscheide zwischen „Haltung“ und „Einstellung“ herausarbeitet, insbesondere in Bezug auf das das „Selbst“.

Zu 3. Interdisziplinäre Dimensionen und Horizonte

Eva Weber-Guskar untersucht die Bezüge zwischen den Begriffen bzw. Konzepten von „Menschenwürde“ und „Haltung“, wobei sie betont, dass die menschliche Würde als Haltung verstanden werden darf.

Jakob Will widmet sich der Frage der Haltung im professionellen Kontext, speziell in Bezug auf die Beratung, streift aber auch pädaogische, psychologische und ökonomische Aspekte.

Heike Baranzke nimmt bio- und medizinethische Facetten des Haltungsthemas in den Blick und beleuchtet dieses kritische, insbesondere hinsichtlich des Mißbrauchs unter Menschenwürde- und Menschenrechtsaspekten.

Hans-Joachim Dethlefs wählt einen kunstgeschichtlichen Zugang zum Thema Haltung und wendet sich dabei beispielhaft der Malerei zu und berücksichtigt dabei vor allem das Figürliche, aber auch die Perspektive und den Raum.

Der Philosoph Jan Slaby stellt Überlegungen zu Haltung und Resilienz in den Mittelpunkt seines Beitrages, wobei er Resilienz sehr kritisch als eine „Schrumpfform der Haltung“ betrachtet (288).

Diskussion und Fazit

Der vorliegende Sammelband leistet einen wichtigen und spannenden Beitrag zum Diskurs über ein unverzichtbares Thema, das im Moment vermutlich aktueller denn je ist und viele Menschen in privater und professioneller Hinsicht bewegt. Die Beiträge bringen sehr unterschiedliche Facetten des Themas in einem vielfarbigen Kaleidoskop zusammen, das Anregungen für Fachkräften in unterschiedlichen Kontexten bieten kann. Eine sehr inspirierende Lektüre, wobei sich vor allem das Anliegen, eine Philosophie der Haltung zu entfalten, als hochspannend erweist.


Rezensentin
Elisabeth Vanderheiden
Pädagogin, Germanistin, Mediatorin; Geschäftsführerin der Katholischen Erwachsenenbildung Rheinland-Pfalz, Leitung zahlreicher Projekte im Kontext von beruflicher Qualifizierung, allgemeiner und politischer Bildung; Herausgeberin zahlreicher Publikationen zu Gender-Fragen und Qualifizierung pädagogischen Personals, Medienpädagogik und aktuellen Themen der allgemeinen berufliche und politischen Bildung
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Zitiervorschlag
Elisabeth Vanderheiden. Rezension vom 10.07.2017 zu: Frauke A. Kurbacher, Philipp Wüschner (Hrsg.): Was ist Haltung? Begriffsbestimmung, Positionen, Anschlüsse. Verlag Königshausen & Neumann (Würzburg) 2016. ISBN 978-3-8260-5786-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21305.php, Datum des Zugriffs 08.12.2019.


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