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Holger Lindemann: 75 Bildkarten für die Arbeit mit Leit- und Glaubenssätzen

Cover Holger Lindemann: 75 Bildkarten für die Arbeit mit Leit- und Glaubenssätzen. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2016. 31 Seiten. ISBN 978-3-407-36595-8. D: 49,95 EUR, A: 51,40 EUR, CH: 64,30 sFr.
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Thema

Wie der Titel bereits ankündigt, geht es bei „75 Bildkarten für die Arbeit mit Leit- und Glaubenssätzen“ um eine Box, die dazu entsprechende Fotokarten bereitstellt. Die Bildkarten zeigen Wegweiser, Warn-, Hinweis-, Gebots – und Verbotsschilder, die so gestaltet wurden, dass sie gewissermaßen durch Verfremdung zum Nachdenken und Umdeuten einladen und so dazu anregen, eigene Glaubenssätze und Gewohnheiten zu hinterfragen und zu verändern.

Glaubenssätze beschreiben Regeln, nach denen Menschen ihr Leben führen. Sätze wie „Schweigen ist Gold“, „Der Klügere gibt nach“. oder „Nur der Starke setzt sich durch“ gestalten unsere Haltung und leiten unser Handeln. Ein erster Schritt in der Arbeit mit Glaubenssätzen besteht darin, sich die eigenen Denk- und Handlungsmuster bewusst zu machen. Ein zweiter Schritt ist es, sich ihnen gegenüber zu positionieren, sie anzunehmen, zu überwinden oder zu modifizieren.

Autor

Holger Lindemann ist Diplom-Pädagoge und Systemischer Supervisor (SG). Er ist als Dozent für Sonderpädagogische Psychologie an der Universität Oldenburg und freiberuflich als Fortbildner, CoachSupervisor und Organisationsberater tätig.

Aufbau und Inhalt

Die Bildbox enthält 75 farbige Bildkarten (Größe der Karten: fast DIN A5-Format) sowie ein Booklet. Die Bildkarten lassen sich 5 Schwerpunkten zuordnen: Warnschilder, Hinweisschilder, Verbotsschilder, Gebotsschilder und Wegweiser.

Schwerpunkte der Ausführungen im Booklet sind

  • Woher kommen Leit- und Glaubenssätze?
  • Was sind Leit- und Glaubenssätze?
  • Welche Formen und Inhalte haben Leit- und Glaubenssätze?
  • Wie können Leit- und Glaubenssätze formuliert und verändert werden?

Zunächst führt der Autor in den Unterschied zwischen einem Glaubens- und einem Leitsatz ein, obwohl beide durchaus synonym verwandt werden können: „Glaubenssatz drückt aus, dass wir an etwas glauben … Man kann auch an etwas glauben, was man nicht gutheißen, worunter man leidet, oder was man gerne anders hätte, dessen Wirklichkeit und Wirkkraft aber als Tatsache erscheinen … Leitsatz zielt stärker darauf ab, dass diese Sätze uns leiten…, Was nicht zwingend bedeutet, dass wir an sie glauben oder sie gutheißen müssen. Auch Leitsätze können als Belastung empfunden und infrage gestellt werden.“ (3). Als Ursache für diese Leit- und Glaubenssätze identifiziert der Autor Denk- und Handlungsmuster. Er verweist darauf, dass individuelle Erfahrungen und Gewohnheiten Schemata oder Muster ausbilden, die unserer Bewertungen bestimmen und unsere Erwartungen leiten. Das können Erlebensmuster, Bewertungsmuster, Denkmuster oder Handlungsmuster sein.

„Diese Muster, Schemata und Automatismen funktionieren als Schablonen für unser aktuelles Erleben und für unser Denken über die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Sie erleichtern unser Leben, stellen zuweilen aber auch ein Hindernis für uns klar. Wir behandeln etwas Neues wie etwas, das wir schon kennen. Wir sehen und hören etwas und bewerten es nach bekannten Mustern. Wir geraten in soziale Situationen und bewerten sie aufgrund unserer bisherigen Erfahrung und bereiten uns entsprechend auf sie vor. Wir gehen davon aus, dass die Welt auf eine bestimmte Art und Weise funktioniert.“ (4) Dabei – so betont der Autor – sind diese Muster in der Regel unbewußt und implizit, d. h.: „alle Erfahrungen, die den Glaubenssatz zu bestätigen scheinen, werden verstärkt wahrgenommen. Alle Erfahrungen, die dem Glaubenssatz widersprechen, werden entweder ausgeblendet oder verzerrt.“ (4). Diese Schemata sind nicht nur auf individueller Ebene bedeutsam, sondern auch in Gruppen. In Familien, Partnerschaften, Teams, Firmen oder Gesellschaften können solche Muster auch als Gruppenphänomen entstehen und in Form von Lernen (Nachahmung, Vermittlung) und durch Habituation (Gewöhnung) weitergegeben werden. Dem entsprechen neuronale Muster, das gewissermaßen erfahrungsbasierte Regeln ausbilden, nach denen unsere Wahrnehmungen und unser Leben entstehen und bewertet werden und nachdem sich unsere Reaktion und Handlungen bestimmen.“ (3) Das kann auf der sensorischen Ebene Wahrnehmungsmuster, visuelle, auditive, sensorische, olfaktorische oder gustatorische Muster betreffen, aber auch emotionale, kognitive, körperlich-motorische Muster, kommunikative und soziale Muster berühren.

Diese Muster – so Lindemann – dürfen durchaus ambivalent betrachtet werden: in vielen Bereichen unseres Lebens sind solche Muster äußerst sinnvoll und hilfreich, weil sie uns erlauben, schnell und effizient zu handeln und zu reagieren, etwa beim Autofahren, Musizieren, Schreiben, Lesen und Erfassen von Texten, Lösen von Rätseln, bei der Arbeit oder in Gesprächen. Oft geraten wir aber auch in Situationen, in denen unsere Denk- und Verhaltensmuster nicht mehr zum Ziel führen, in denen wir uns behindern, stören belasten.“ (5f).

Leit- und Glaubenssätze nun sind bewusst ausformulierte Beschreibungen dieser Muster und damit ausgesprochener oder aufgeschriebener Ausdruck eines internalisierten bewußten oder unbewußten Erlebens-, Denk- oder Handlungsmusters (6). Sie beschreiben daher: „die für einen Menschen feststehenden Tatsachen, hilfreichen wie auch hinderlichen Handlungskonzepte, ethischen Maximen und Bewertungsmaßstäbe. Ein in Worte gefasstes Denk- und Handlungsmuster beschreibt die Richtlinien, nach denen wir bewerten, oft ohne genauer darüber nachzudenken, wie die Welt ist oder zu sein hat oder was man tun oder lassen sollte.“ (7).

Leit- und Glaubenssätze beziehen sich zum einen auf das Sein von Personen, Gruppen, Bedürfnissen, Werten, Gefühlen oder Dingen und stellen zugleich die entsprechenden kausalen Bezüge her (8f). Sie können sich auf die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft beziehen. Zur Verdeutlichung hat der Autor differenzierte Übersichtstabellen erarbeitet.

Lindemann identifiziert sieben Schritte, die hinsichtlich der Re-Formulierung von Leit- und Glaubenssätzen relevant sind:

  • Anlaß der Veränderung, weil z. B. bestimmte Glaubens- oder Leitsätze als störend oder hinderlich erlebt werden.
  • Die Formulierung der aktuellen Leit- und Glaubenssätze, um sie bewußt zu machen und in Wort zu fassen.
  • Die Bewertung der aktuellen Leit- und Glaubenssätze und das Herausarbeiten und Bewußtmachen der zugrundeliegenden Schemata.
  • Die Um- und Neuformulierung der aktuellen Leit- und Glaubenssätze.
  • Die Habitualisierung hilfreicher Leit- und Glaubenssätze, um neue Denk- und Handlungsmuster im Alltag zu verankern, etwa indem sie mit relevanten sinnlichen Eindrücken verknüpft werden.
  • Die De-Habitualisierung hinderlicher Leit- und Glaubenssätze, indem die mit ihnen verbundenen relevanten sinnlichen Anker im Alltag reduziert werden.
  • „Nachsorge“ im Sinne einer Reflexion nach einer Erprobungsphase im Alltag mit gewissem zeitlichen Abstand.

Im Schlußkapitel gibt Holger Lindemann konkrete methodische Tipps für den Einsatz der Bildkarten in Therapie oder Coaching.

Fazit

Die Bildbox ist ansprechend gestaltet, mit spritzigen und phantasievollen Fotos. Die Motive sind gut ausgewählt: sehr ästhetisch, ansprechend und inspirierend, handwerklich gut und mit viel Liebe zum Detail umgesetzt. Das ausgewählte Papier ist wie auch die Verarbeitung und der Druck sehr gut. Die einführenden Texte sind kurz und knapp gehalten und anwendungsorientiert aufbereitet, ohne auf einen adäquaten theoretischen Referenzrahmen zu verzichten. Die gesamte Box ist sehr professionell umgesetzt und vielseitig einsetzbar, in Training, Fortbildung, Beratung und Therapie.


Rezensentin
Elisabeth Vanderheiden
Pädagogin, Germanistin, Mediatorin; Geschäftsführerin der Katholischen Erwachsenenbildung Rheinland-Pfalz, Leitung zahlreicher Projekte im Kontext von beruflicher Qualifizierung, allgemeiner und politischer Bildung; Herausgeberin zahlreicher Publikationen zu Gender-Fragen und Qualifizierung pädagogischen Personals, Medienpädagogik und aktuellen Themen der allgemeinen berufliche und politischen Bildung
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Zitiervorschlag
Elisabeth Vanderheiden. Rezension vom 03.11.2016 zu: Holger Lindemann: 75 Bildkarten für die Arbeit mit Leit- und Glaubenssätzen. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2016. ISBN 978-3-407-36595-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21307.php, Datum des Zugriffs 20.09.2019.


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ISSN 2190-9245

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