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Uwe Elsholz (Hrsg.): Beruflich Qualifizierte im Studium

Cover Uwe Elsholz (Hrsg.): Beruflich Qualifizierte im Studium. Analysen und Konzepte zum Dritten Bildungsweg. W. Bertelsmann Verlag GmbH & Co. KG (Bielefeld) 2015. 263 Seiten. ISBN 978-3-7639-5605-0. D: 29,90 EUR, A: 30,80 EUR, CH: 32,40 sFr.
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Thema

Der Sammelband fasst aktuelle Erkenntnisse zur Gruppe der „Beruflich Qualifizierten“ im Studium zusammen. Sie wurde mit einem Beschluss der Kultusministerkonferenz aus dem Jahr 2009 bildungspolitisch neu adressiert. Seither zielen zentral und föderal gesteuerte Aktivitäten darauf ab, die Durchlässigkeit zwischen dem beruflichen und dem akademischen Bildungssystem zu verändern.

Herausgeber

Der Herausgeber Uwe Elsholz vertritt das Lehrgebiet „Lebenslanges Lernen“ am Institut für Bildungswissenschaft und Medienforschung an der FernUniversität in Hagen. Alle Autorinnen und Autoren der Einzelbeiträge in diesem Sammelband haben einen wissenschaftlichen oder praktischen Bezug zur Zielgruppe in einschlägigen Zentren, Instituten oder Projekten an den Hochschulen in Aalen, Berlin, Bremen, Hagen, Hannover, Lüneburg, Magdeburg, Mainz, Oldenburg und Stuttgart oder sind am Centrum für Hochschulentwicklung oder beim Bundesinstitut für Berufsbildung beschäftigt.

Entstehungshintergrund

In der „Einleitung“ begründet Uwe Elsholz den Entstehungshintergrund des Sammelbandes: Während in den 80er und 90er Jahren jeweils nur eine Publikation zu „Studieren ohne Abitur“ zu verzeichnen war, sei in den 2000er Jahren zwar die „einstige Minderheitenposition“ (S. 5) zum „Common Sense“ (S. 5) geworden, jedoch habe dies noch keineswegs den sog. „Dritten Bildungsweg“ erleichtert. Mit der 2009 beschlossenen Hochschulzugangsberechtigung für Beruflich Qualifizierte habe sich zwar die Zahl an wissenschaftlichen und bildungspolitischen Beiträgen erhöht, es fehle aber an einem „Überblick über die unterschiedlichen Facetten der Thematik (…) und die Herausarbeitung konkreter Handlungsfelder“ (S. 6). Darin liege die Aufgabe des vorliegenden Sammelbandes.

Aufbau

Das 263 Seiten umfassende Werk enthält neben der Einleitung 16 Einzelbeiträge, die insgesamt den Kenntnisstand über die Gruppe der „Beruflich Qualifizierten“ erweitern und systematisieren. Eine thematische Anordnung der Aufsätze ist nicht vorhanden, jedoch kondensiert der Herausgeber in seinem abschließenden Beitrag wesentliche Erkenntnisse zur „Überwindung der Trennung zwischen beruflicher und akademischer Bildung“ als „Herausforderungen“.

Der Band enthält ein Autorinnen- und Autorenverzeichnis.

Inhalt

Das Buch beginnt mit den Ergebnissen eines empirischen Forschungsprojekts (quantitative und qualitative Anteile) über „Nicht-traditionell Studierende in Deutschland: Werdegänge und Studienmotivation“ (S. 11-33), die von Andrä Wolter, Gunther Dahm, Caroline Kamm, Christian Kerst und Alexander Otto präsentiert werden. Der Anteil an „beruflich qualifizierten Bewerber*innen ohne schulische Hochschulzugangsberechtigung“ (S. 13) betrug im Studienjahr 2013 2,6 %. Sie sind im Durchschnitt 8 Jahre älter als Studienanfänger*innen mit klassischer Hochschulzugangsberechtigung, Männer sind in der Überzahl. Ca. ¾ kommen aus einem nicht-akademischen Elternhaus, die meisten haben einen mittleren Schulabschluss, haben danach im Durchschnitt 4 Jahre im beruflichen Bildungssystem (technische, handwerkliche, Bau- und Produktionsberufe, kaufmännische, Verwaltungs- und Büroberufe sowie Gesundheits-, Sozial- und Erziehungsberufe) verbracht und anschließend überwiegend mittlere berufliche Positionen bekleidet. Ca. 60 % entscheiden sich für ein fachlich affines Studienfach und ungefähr zwei Drittel arbeiten neben dem Studium. Als Gründe für den Verzicht auf das Abitur haben die Interviewten 1) „Schuldistanz und Wunsch nach finanzieller Unabhängigkeit“ (S. 23), 2) „unzureichende Schulleistungen“ (S. 23) und 3) „Einfluss elterlicher Bildungsaspirationen“ (S. 23) angegeben. Als Studienmotive der nicht-traditionell Studierenden konnten die Autor*innen folgende vier ausfindig machen: 1) „‚Flucht‘ aus dem gegenwärtigen Beruf“ (S. 26), 2) „Beruflicher Aufstieg“ (S. 26), 3) „Finanzielle Verbesserung“ (S. 27) und 4) „Interesse und persönliche Weiterbildung“ (S. 27). Die Verfasser*innen weisen zusammenfassend auf die Selektions- und die Selbstselektionsprozesse hin, die bei nicht-traditionell Studierenden zu wirken scheinen. Sie sind zum einen institutionell und biografisch bedingt und zum anderen zeigen sie sich im hoch selbstreflexiven Entscheidungsprozess mit Risikoabwägung im Vorfeld einer Studienaufnahme.

Alexandra Jürgens und Bernd Zinn stellen in ihrem Aufsatz „Nicht-traditionell Studierende in Deutschland – Stand der empirischen Forschung und Desiderate“ (S. 35-53) fest, dass die Erforschung der nicht-traditionell Studierenden im Vergleich zu den traditionell Studierenden „am Anfang“ (S. 36) stehe, seit den 80er Jahren jedoch „Partialstudien“ (S. 36) entstanden seien. Auf 5 Seiten liefern Jürgens und Zinn einen tabellarischen Überblick über 17 Studien, die im Zeitraum von 1986 bis 2014 entstanden sind und bewerten diese nach Erhebungsinstrumenten, Studienform/Studienmodell und „konstitutionellen Determinanten“ (S. 42). Aus den Studien filtern der Autor und die Autorin Motive und Erwartungen an das Studium, Bedenken der Studierenden, Herausforderungen während des Studiums, kognitive, konative und motivationale Lernermerkmale, Studienerfolg und Studienabbruch heraus. Als Forschungsdesiderate halten sie fest, 1) „domänenspezifisches Wissen zu den Eingangskompetenzen und zur Studienperformanz“ (S. 51) der nicht-traditionell Studierenden und 2) „Aussagen zur Kompetenzstruktur und Kompetenzentwicklung“ (S. 52) zu generieren, 3) die Vorbereitungskurse zu evaluieren, ob sie zu den Eingangskompetenzen führen und 4) Wirkungseffekte von Selbst- und Fremdselektionsprozessen genauer zu betrachten.

Elisabeth Schwabe-Ruck beleuchtet die „Bildungshistorische Entwicklung des Hochschulzugangs für Beruflich Qualifizierte“ (S. 57- 70) auf einer Makro-, einer Meso- und einer Mikroebene. Der trotz vorhandener Aktivitäten weiterhin existierende „Hürdenlauf“ (S. 57) für die Beruflich Qualifizierten sei durch die „Versäulung der verschiedenen Bildungswege“ (S. 57) verursacht und könne ihrer Ansicht bildungshistorisch erklärt werden. Auf der Makroebene seien bildungspolitische Rahmenbedingungen geschaffen worden, die „Sonderwege an die Hochschule“ (S. 63) ermöglichen, auf der Mesoebene hätten sich Institutionen verändert, um Wege zu einer professionsorientierten Beruflichkeit zu schaffen, auf der Mikroebene bräuchten die betroffenen Studierenden Unterstützung, damit der Zugang zum System ein in jeder Hinsicht „barrierefreier“ werde.

Gestern – heute – morgen: Beruflich Qualifizierte im Studium an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg“ (S. 71-83) überschreibt Christiane Brokmann-Nooren ihren Einblick in den „state-of-the-art“ einer Universität, die zu den Vorreiterinnen unter den Präsenzuniversitäten gehörte, Berufsqualifizierte anzusprechen. Die Verfasserin thematisiert eingangs die Engfassung des Begriffs der „Beruflich Qualifizierten“ auf die Hochschulzugangsberechtigung. Über eine berufliche Qualifikation verfügen weit mehr Studierende, die z.B. vor dem Studium eine Ausbildung absolviert haben oder berufsbegleitend studieren. Am Beispiel der Universität Oldenburg demonstriert die Verfasserin die vier Handlungsfelder der Hochschulen: 1) Offen bleiben für neue Zugangswege, 2) die Flexibilisierung des Lernens und der Angebote (modularisiert, zeit- und ortsunabhängig, medial unterstützt), 3) die Gestaltung von Übergängen – inhaltlich wie organisatorisch und 4) die Anrechnung von außerhochschulisch erworbenen Kompetenzen. Schließlich entwirft die Verfasserin ein ermutigendes Szenario für das Jahr 2020, in dem es ca. 10 Prozent Beruflich Qualifizierte an der Universität Oldenburg geben wird, die Zahl der berufsbegleitend Studierenden auf ein Drittel angestiegen ist, ein studienförderliches Beratungs- und Begleitprogramm etabliert wurde und die vier Handlungsfelder realisiert sind.

Sigrun Nickel und Vitus Püttmann resümieren „Erfolgsfaktoren für die Durchlässigkeit zwischen beruflicher und akademischer Bildung am Beispiel des Studierens ohne Abitur“ (S. 85-100) aus der Selbstverpflichtung der 16 Bundesländer, die KMK-Vorgaben ab 2009 umzusetzen. Hinter dem Länderspitzentrio Berlin, Hamburg und Nordrhein-Westfalen, bei denen der Anteil beruflich qualifiziert Studierender 4 % überschritten hat, gibt es eine größere Mittelgruppe an Ländern mit kontinuierlich aufwärts strebender Tendenz und einem deutlichen West-Ost-Gefälle. Fachhochschulen machen mehr als die Hälfte des Anteils der am meisten nachgefragten 49 Hochschulen in Deutschland aus. Besonders häufig vertreten sind Fernhochschulen, die mit den zeit-flexiblen Angeboten die Vereinbarkeit zwischen Studium, Beruf und Familie erleichtern. Zielgruppenbezogene Informations- und Beratungsangebote werden ebenso als erfolgsbeeinflussend identifiziert. Nickel und Püttmann kommen zum nüchternen Schluss, dass bei einem bundesweiten Anteil an beruflich qualifizierten Studienanfänger*innen von 2,6 % von keinem Massenphänomen die Rede sein könne, die bisherigen bundesweiten Anstrengungen erst kleine Früchte trügen und es an den Hochschulen liege, die Zielgruppe zu fokussieren.

Heide Schmidtmann und Joachim Preusse legen „Befunde an der FernUniversität in Hagen“ über „Soziodemografie, Studienmotive und Studienerfolg beruflich qualifizierter Studierender“ (S. 101-118) offen. Daten aus der Studierendenstatistik, aus Studierendenbefragungen der traditionell heterogenen Studierendenschaft (z.B. Alter, Berufstätigkeit) und der seit 2010/2011 für Beruflich Qualifizierte offenen Hochschule werden sekundäranalytisch ausgewertet. Die Resultate tragen dazu bei, manche Alltagsannahmen zu widerlegen, wie z.B. dass die Schwundquote der Beruflich Qualifizierten viel höher sei als bei den Studierenden mit traditioneller Hochschulzugangsberechtigung. Die Zielgruppe der Beruflich Qualifizierten ist stark getrieben von einem fachlichen Interesse und einer beruflichen Weiterentwicklung und benötigt an der FernUniversität keine „Sonderbehandlung“. Neben interessanten Zusammenhängen für die Hochschule beschäftigen Schmidtmann und Preusse unter anderem die Fragen, inwieweit die Ergebnisse auf Präsenzhochschulen übertragen werden können bzw. inwieweit weitere Differenzierungen (z.B. nach Studienfächern oder Studienphasen) genauere Erkenntnisse liefern.

Eva Anslinger und Jessica Heibült haben in einer qualitativ angelegten Studie „Reflexive Beruflichkeit und berufliche Neuorientierung im Kontext des lebenslangen Lernens am Beispiel Studierender auf dem dritten Bildungsweg“ (S. 119-133) untersucht. Sie haben „typische Lernerfahrungen in den unterschiedlichen Lern- und Bildungsphasen“ (S. 120) erhoben und diskutieren „die Bedeutung der Berufserfahrung“ (S. 120) dieser Zielgruppe im Prozess des lebenslangen Lernens. Fort- und Weiterbildungen übernehmen bei der Entwicklung eines Veränderungswunsches zumeist eine wichtige Initialzündung zu einem längerfristigen Entscheidungsprozess mit vielen von Unsicherheit durchwirkten Phasen, die insbesondere den Übergang in die Hochschule prägen, aber auch in die erste Studienphase hineinreichen. Das Bewusstsein um die Hürden und die große Motivation, sich fachlich zu vertiefen, ein förderliches berufliches Umfeld und unterstützende Strukturen federn, wie sich mit den Interviews nachweisen ließ, die Herausforderungen ab.

Im Beitrag von Helena Berg geht es um „Kompetenzen und Kompetenzpassung Beruflich Qualifizierter in Ausbildung und Studium“ (S. 135-150). Sie bezieht sich auf die wissenschaftliche Begleitung eines Modellprojekts des rheinland-pfälzischen Ministeriums für Bildung, Wissenschaft, Weiterbildung und Kultur, bei der die in der Berufsausbildung von Beruflich Qualifizierten erworbenen Kompetenzen in den Dimensionen Fach-, Methoden-, Sozial- und Selbstkompetenz gemessen und danach mit den im Studium geforderten Feldern gematcht wurden. Dabei kam zum Vorschein, dass sich – anders als in bildungspolitischen Annahmen – die Dauer der Berufserfahrung nicht positiv auf die Studienbefähigung und die Methodenkompetenz auswirkt. Fach- und Sozialkompetenzen dagegen lassen sich über die Ausbildungsnote und die fachliche Nähe von Berufsausbildung und Studium recht gut in Passung bringen. Bei der Selbstkompetenz ist „allein das Studienmodell ausschlaggebender Faktor“ (S. 147). Es besteht Grund zur Annahme, dass beruflich Qualifizierte eine geringere Selbstwirksamkeitserwartung haben und ihren Nachholbedarf im Vorfeld des Studiums höher einschätzen, was in dieser Studie aufgrund der fehlenden Vergleichsstichprobe nicht nachgeprüft werden konnte.

Kim-Maureen Wiesner präsentiert Ergebnisse einer Studie zur „Information und Beratung für Beruflich Qualifizierte an der Schnittstelle zwischen beruflicher und hochschulischer Bildung“ (S. 151-162), die das Bundesinstitut für Berufsbildung im Rahmen der bundesweiten ANKOM-Initiative begleitend durchgeführt hat. Neben der Anpassung der Studienformate an die spezifische Lebenssituation der beruflich qualifiziert Studierenden ergibt sich nach Angaben der befragten Projektmitarbeiter*innen und Experten*innen auch ein anderer „Informations- und Beratungsbedarf der Zielgruppe“ (S. 155), auf die innerhalb der jeweiligen Projekte z.B. in Form von berufsbiografischer Beratung reagiert wurde. Der Kooperation mit externen Partnerorganisationen hinsichtlich einer aufeinander abgestimmten Information und Beratung kommt eine große Bedeutung zu, da – wie die Studie ergab – bereits im Vorfeld einer Studienaufnahme Fragen zur Studienorganisation entstehen. Zur Förderung der Durchlässigkeit zwischen beruflicher und hochschulischer Bildung wären eine Verständigung, Abstimmung, Kompetenzabgrenzung und veränderte online-gestützte Angebote nützlich.

Im Beitrag mit dem Titel „Berufsbegleitende Studienkonzepte im MINT-Bereich – Die Verbindung beruflichen und akademischen Wissens als zentrale Herausforderung der Studiengangskonzeption“ (S. 163-175) berichten Christian Dittmann und Julia K. Gronewold über die Qualität der Verzahnung von „akademisch-wissenschaftlichem Wissen“ (S. 163) und berufspraktischem Erfahrungswissen. Diese für berufsbegleitende Studienformate beinahe wie selbstverständlich klingende Anforderung gerade bei den Berufsfeld affinen MINT-Studiengängen ist in den Beschreibungen der Studiengänge zwar intendiert, sie ist aber bei der Implementierung z.B. bei der Anpassung der Inhalte nicht systematisch eingeflossen und die didaktische, organisatorische und der Heterogenität der Zielgruppe adäquate Umsetzung ist nicht im erhofftem Maße eingetreten.

„Das Duale Studium. Entwicklungen und Erfahrungen zur Verbindung beruflicher und hochschulischer Bildung“ (S. 177-190) lautet der Titel des Beitrags von Dietmar Frommberger und Karoline Hentrich. Ausgehend vom Beispiel des Dualen Studiums, welches sich in den vergangenen Jahren zahlenmäßig stark entwickelt hat, erklären die Verfasserin und der Verfasser die vier unterschiedlichen Studienformate und gehen auf weitere Qualitätsparameter ein. Angesichts der anhaltenden Nachfrage nach dualen Studienformaten skizzieren Frommberger und Hentrich Herausforderungen für deren Entwicklung, die insbesondere in der Abstimmung von wissenschaftlichem Anspruch und Praxisbezug sowie einer den Transfer befördernden Didaktik zu sehen sind.

Uwe Elsholz und Denise Brückner fassen zusammen, was „Auf dem Weg zu didaktischen Leitlinien für die Studieneingangsphase Beruflich Qualifizierter“ (S. 191-204) aus dem vier Fakultäten übergreifenden Projekt an der FernUniversität in Hagen erarbeitet werden konnte. Mithilfe eines zyklischen fünfstufigen Phasenkonzepts wurden theoretische, empirische und praxisbezogene Anteile zur Entwicklung der Leitlinien miteinander verbunden. Als Leitlinien für die Studieneingangsphase konnten bislang eruiert werden a) flexibles Studieren ermöglichen, b) Anschlussfähigkeit herstellen, c) diversitätssensible Sozialformen und Methoden wählen, d) Enkulturation in Fachkultur fördern und e) Selbstwirksamkeit erhöhen. Diese Aspekte erlangen neben der hochschuldidaktischen auch eine durchlässigkeitsförderliche Relevanz.

Welche Zielsetzungen mit „Digitale[n] Lernangebote[n] für Beruflich Qualifizierte in der Studieneingangsphase“ verbunden sind, haben Claudia de Witt, Heike Karolyi und Claudia Grüner am Beispiel der Ergebnisse eines Teilprojekts an der FernUniversität in Hagen dargestellt (S. 205-220). Der Hauptunterschied der beruflich qualifizierten zu den traditionell Studierenden ist in der „Work-Study-Life-Balance“ (S. 205) und in einigen soft skills zu sehen. Angesichts des Trends und der Initiativen zur Digitalisierung der Hochschullehre können digitale Medien Lernübergänge wie z.B. den Einstieg in das Studium begleiten und gestalten (Stichwort „Seamless Learning“ (S. 209)). Gemäß den Befragungsresultaten können mittels verschiedener Formate an digitalen Angeboten Wissenslücken und Zeitlast reduziert sowie Selbstorganisations- und Studierfähigkeit erhöht werden.

Katharina Gräfin von Schlieffen und Wilma Mitze berichten über „Akademische Kompetenz im rechtswissenschaftlichen Studium“ (S. 221-230). Im Rahmen des vom Herausgeber geleiteten Gemeinschaftsprojekts „Ein fakultätsübergreifendes Konzept für die Studieneingangsphase ‚Beruflich Qualifizierter‘ (BQ) an der FernUniversität Hagen“ wurde die latente Vermutung überprüft, ob die Resultate der seit dem Wintersemester 2010/2011 für den Studiengang Rechtswissenschaft zugelassenen beruflich Qualifizierten den wahrgenommenen Leistungseinbruch verursachen. Die Ergebnisse zeigten verbesserte Chancen der traditionell Studierenden, eine Klausur zu bestehen. Insgesamt wurden die Resultate sehr differenziert ausgewertet, Ursachen für Leistungsdifferenzen erkannt und Maßnahmen bereits ergriffen und weitere geplant. Besonders hervorzuheben sind die sog. vorbereitenden Schriftkurse, mit denen Recherche, Argumentation, Gutachtenstil und indirekte Rede geübt werden könne. Die Autorinnen demonstrieren, wie hilfreich die genaue Analyse war und welche Konsequenzen daraus gezogen wurden.

Unter der von Heinz Erhard entlehnten Überschrift „Große Schatten werfen ihre Ereignisse hinter sich“ präsentieren Maren Kreutz und Rita Meyer „Alte und neue Herausforderungen einer berufsbezogenen Didaktik an Hochschulen“ (S. 231-244). Diese theoretisch-kritische Auseinandersetzung der Verfasserinnen setzt bei der durch Bologna initiierten Berufs- und Kompetenzorientierung von Studiengängen an und zeigt einige „Diskurslinien und Forschungsdesiderate“ (S. 232) zum Verhältnis von Studium und Berufs- oder Praxisorientierung auf. Kreutz und Meyer rekurrieren auf das Fachgutachten der Hochschulrektorenkonferenz von 2013, mit dem drei Ebenen zur Beschreibung identifiziert wurden: „Instrumentelle Ebene (Praxisbezug im Studium), Zielebene (Berufsrelevanz des Studiums), Arbeitsmarktpolitische Ebene (Employability)“ (S. 235). Diese Ebenen müssen ihrer Ansicht nach um eine theoretische Perspektive zur „Theorie-Praxis-Relation“ (S. 235) ergänzt werden. Dafür entwickeln die Autorinnen ein eigenes Modell „Professionalisierung als Prozess der Steigerung der Beruflichkeit“ (S. 236), welches sie als Erklärungsfolie für eine Hochschuldidaktik zugrunde legen, die Berufserfahrung und Wissenschaftlichkeit verbinden soll. In ihrem Ausblick sehen sie in der Umsetzung einer berufsbezogenen wissenschaftlichen Hochschulbildung in didaktischer Hinsicht noch einiges, was zu tun übrig bleibt.

Im letzten Beitrag des Bandes identifiziert Uwe Elsholz quasi zusammenfassend die Bewegungen auf dem Weg der „Überwindung der Trennung zwischen beruflicher und akademischer Bildung“ (S. 245-256) und skizziert „Bildungstheoretische, bildungspolitische und didaktische Herausforderungen“ (S. 245). Nach der Darstellung der Trennung verweist er auf die wahrnehmbaren Konvergenzen in Form einer „Verberuflichung akademischer Bildung“ und einer „Akademisierung beruflicher Bildung“ (S. 248). Während in der bildungspolitischen Dimension die Durchlässigkeit mit expliziten Festlegungen gefördert wurde, ist in curricular-didaktischer Hinsicht bislang als Konsequenz der Absichten noch wenig geschehen. Bildungstheoretisch sind die Berufs- und Wirtschaftspädagogik sowie die Hochschuldidaktik intensiv gefordert, sich mit den Ambitionen einer „Bildung durch Wissenschaft“ und der „Bildung im Medium des Berufs“ (S. 256) zu befassen.

Diskussion

Die 16 Einzelbeiträge des Buches sind – wie oben ersichtlich – alle in ihrer jeweiligen spezifischen Ausrichtung qualitativ hochwertig und informativ. Obwohl sie unterschiedliche Aspekte aus theoretischer oder wissenschaftlicher Perspektive fokussieren, ergibt sich daraus doch eine gewisse „Vermessung“ des Gegenstands und des Feldes. Zu fragen bleibt, ob das Ergebnis, nämlich einen Überblick zu gewinnen und Handlungsfelder zu identifizieren (siehe Entstehungshintergrund), durch eine thematische Vorstrukturierung (z.B. die bildungspolitischen Stationen, eine begriffliche Klärung, Unterteilung nach Ergebnissen zum Übergang, während der Studieneingangsphase usw.) des Herausgebers nicht hätte stringenter erzielt werden können. So werden z.B. in vier Beiträgen verschiedene Ergebnisse des Gemeinschaftsprojekts „Ein fakultätsübergreifendes Konzept für die Studieneingangsphase ‚Beruflich Qualifizierte‘ (BQ) an der FernUniversität in Hagen“ beleuchtet, ein Faktum, das keineswegs störend ist, doch jede*r Autor*in beschreibt eingangs wiederum den Bezug zum Projekt usw. Ähnliche Redundanzen ergeben sich bei häufig wiederkehrenden Bezügen auf die bildungshistorische Entwicklung der Öffnung der Hochschulen bzw. der Durchlässigkeits-„rhetorik“ sowie bei den sich wiederholenden begrifflichen Klärungen. Gerade für die Systematisierung des Wissens über Beruflich Qualifizierte wäre eine dezente metadatengesteuerte Anordnung hilfreich gewesen. Die Autonomie der Einzelbeiträge hat andererseits den Vorteil, dass alle Einzelbeiträge beliebig rezipiert werden können. Sie sind so übersichtlich gegliedert, dass interessierte Leser*innen durchaus selbst Handlungsfelder identifizieren können.

Fazit

Der Sammelband unter der Herausgeberschaft von Uwe Elsholz verdeutlicht gerade durch die Kompilierung vieler vereinzelter und Einzel-Ergebnisse aus unterschiedlichen Entstehungskontexten, wie viel Zeit die politisch gewollte und seit 2009 als verpflichtend fixierte Umsetzung der Öffnung der Hochschulen faktisch braucht. Bildungspolitisch initiierte Anreizstrukturen vermochten da und dort etwas in Bewegung zu bringen. Insgesamt ließen Trägheit und Beharrungsvermögen jedoch in vielen Institutionen und Organisationen nur ein Minimum an Hinwendung zur Zielgruppe der Beruflich Qualifizierten erkennen, die Chancen der Durchlässigkeit wurden suboptimal genutzt.

Dieser Band leistet, was er verspricht, nämlich aktuelle Kenntnisse zusammen zu tragen, damit Wissenslücken zu schließen und – meist einhergehend und bei genauerer Betrachtung – weitere Desiderate aufzuzeigen. Unterstellt man, dass neben den Bildungspolitikern alle Verantwortlichen für Studium und Lehre an Hochschulen und solche des Berufsbildungssystems den politischen Willen ernst nehmen, so müsste eine große Nachfrage nach diesen Ergebnissen vorhanden sein. Für alle oben Genannten sowie für die Bildungstheoretiker und viele Projektmitarbeitern*innen ist dieser Band als eine Pflichtlektüre für das weitere Vorgehen zu empfehlen.


Rezensentin
Prof. Dr. Irmgard Schroll-Decker
Lehrgebiete Sozialmanagement und Bildungsarbeit an der Fakultät Angewandte Sozial- und Gesundheitswissenschaften der Ostbayerischen Technischen Hochschule Regensburg
Homepage www.oth-regensburg.de/professoren-profilseiten/prof ...
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Zitiervorschlag
Irmgard Schroll-Decker. Rezension vom 16.11.2016 zu: Uwe Elsholz (Hrsg.): Beruflich Qualifizierte im Studium. Analysen und Konzepte zum Dritten Bildungsweg. W. Bertelsmann Verlag GmbH & Co. KG (Bielefeld) 2015. ISBN 978-3-7639-5605-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21314.php, Datum des Zugriffs 18.07.2018.


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