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Ines Zapf: Traditionelle und moderne Formen der Arbeitszeit­flexibilität

Cover Ines Zapf: Traditionelle und moderne Formen der Arbeitszeitflexibilität. Arbeitsangebots- und -nachfrageseitige Faktoren von Überstunden und Arbeitszeitkonten. W. Bertelsmann Verlag GmbH & Co. KG (Bielefeld) 2016. 320 Seiten. ISBN 978-3-7639-4109-4. D: 34,90 EUR, A: 35,90 EUR.
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Thema

Behandelt werden in Form von statistischen Vergleichen, die Entwicklung, Möglichkeiten, Ergebnisse und Schlussfolgerungen im Zusammenhang mit Arbeitszeitflexibilität.

Autorin

Ines Zapf, geboren am 12.03.1983, Studium an der Fakultät Sozial- und Wirtschaftswissenschaften, hat an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg das vorliegende Werk als Dissertation eingereicht.

Entstehungshintergrund

Beim vorliegenden Werk handelt es sich um die Dissertationsarbeit der Autorin zur Erlangung des akademischen Grades „doctor rerum politicarum“. Ziel der Arbeit war die genaue Untersuchung der Arbeitszeitflexibiltätsinstrumente „Überstunden“ und „Arbeitszeitkonto“.

Aufbau und Inhalt

Der Aufbau ist wissenschaftlich nüchtern und formkorrekt. Der Text wird durch 47 Tabellen und 19 Abbildungen ergänzt. Fußnoteneinträge sind in deutscher Zitierweise am Seitenende abgedruckt.

1. Einleitung. Erzählt werden die geschichtliche Entwicklungen und Anforderungen des Arbeitsmarktes seit 1945. Bis in die 1970er sei ein starrer deutscher Arbeitsmarkt die Norm gewesen. Die Forderungen nach Flexibilität seien sowohl politisch wahrgenommen als auch durch entsprechende Maßnahmen (Arbeitsschutz, Arbeitszeit und Löhne) verändert worden. Es folgten auch Flexibilisierungen bei Tarifabschlüssen. Interne und externe Flexibilitätsmöglichkeiten seien einsetzbar, wobei überwiegend interne Flexibilitätsstrategien genutzt würden. Anfang der 2000er Jahre sei der allgemeine Visus auf verschiedene Beschäftigungsformen (geringfügige Beschäftigung, Teilzeit) gerichtet worden. Seit ca. 2008 richtet sich der öffentliche Fokus eher auf die zeitliche Flexibilität der Arbeitnehmer.

2. Arbeitsmarktflexibilität. Derzeit ist keine einheitlich-wissenschaftliche Definition von Flexibilität vorhanden, zudem wandelt sich der Flexibilitätsbegriffs im Laufe der Zeit. Der Begriff „Flexibilität“ wird aus politischer, sozialwissenschaftlicher und gesellschaftstheoretischer Sichtweise erklärt und verdeutlicht. Die Autorin erklärt beispielhaft und in tabellarische Form die interne (zeitlich, funktional) und externe (numerisch, räumlich) Flexibilität. Es werden die Vor- und Nachteile der internen und externen Flexibilität dargestellt. Anhand einer Kurzvorstellung des Konzepts „dreigeteilter Arbeitsmarkt“ nach Lutz und Sengenberger werden die Merkmale der internen und externen Arbeitsmärkte aufgezeigt (Unstrukturierte Arbeitsmärkte, Berufsfachliche Arbeitsmärkte, Betriebsinterne Arbeitsmärkte). Es folgt die geschichtliche Entwicklung der Arbeitszeitflexibilität.

3.Definition, Regulierung und Entwicklungstendenzen. Zapf erklärt und definiert in die Begriffe von „Normalarbeitszeit“. Sie beschreibt die Formen von Überstunden (bezahlt/ unbezahlt, transitorische Überstunden) und möglichen Abgeltungsformen sowie dementsprechende erkennbare Trends in der Vergangenheit. Weiter werden verschiedene Arbeitszeitkontenmodelle vorgestellt. Die Notwendigkeit von entsprechenden Regularien dieser Arbeitszeitkontenmodelle z. B. durch Ober- und Untergrenzen einer gewissen Stundenanzahl, zeitlichen Ausgleichsfristen oder die zusätzliche Einrichtung eines Langzeitkontos folgen erklärend. Das Gleitzeitkonto als Urform der Arbeitszeitkonten bereits seit den 1960er Jahren mit dem Ziel der Entlastung eines Pünktlichkeitszwanges wird vorgestellt. Dementsprechend werden der Umgang Überstundenkonten, Bandbreiten- bzw. Korridormodelle, optionalen Langzeitkonten und altersbezogene Langzeitkonten (Lebensarbeitszeitkonten) erklärt und dargestellt. Die Flexibilisierung der Arbeitszeit obliegt gewissen Regularien, denen das Arbeitszeitsgesetz (ArbZRG -1994) sowie Tarifverträgen, Betriebsvereinbahrungen und individuelle Arbeitsverträgen zu Grunde liegen. Die Entwicklungstendenzen dieser Flexibilisierungsmöglichkeiten im Zeitraum von 1991 bis 2014 werden in Form von Tabellen und Texten bei bezahlten und unbezahlten Überstunden, Arbeits- und Überstundenvolumina und als Zunahme von Arbeitszeitkontenbesitzer dargestellt.

4. Theoretische Erklärungsansätze. Welche möglichen Motive und Interessenlagen haben Arbeitgeber und -nehmer in Bezug auf Flexibilisierung? Die Ausführungen zur Theorie von Arbeitsangebots- und Arbeitsnachfrage, zur Humankapitaltheorie, zur Theorie der Anreizregelung und verzögerten Kompensation gibt mögliche Antworten. Weiter zeigt die Autorin durch die Vorstellung und Gegenüberstellung der Turniertheorie (Beschäftigte treten untereinander in Wettstreit um Prämie oder Beförderung) mit der Signal-, Effizienzlohntherapie und Theorie des Geschenkeaustauschs (Motivationsansatz vs. „Shirking“), dass auch Arbeitnehmer „Gewinner“ von einer Arbeitszeitflexibilität sein können. Hier geht es um die Freiwilligkeit und/ oder Bereitwilligkeit einzelner Arbeitnehmer und möglicher Anreize entsprechend der Work-Life-Balance die Flexiblität der Arbeitzeit mit den persönlichen Zeitressourcen in Einklang zu bringen. Weiter werden auch die Theorie der kompensierenden Lohndifferentiale und Theorie der implizierten Verträge behandelt.

5. Hypothesen. In verschiedenen Hypothesen werden nun die vorherigen Theorien und Erkenntnisse zusammengeführt.

6. Daten, Variablen und Methoden. Durch unterschiedlichste Befragungen und einer Vielzahl an Datenquellen zu Überstunden und Arbeitszeitkonten werden statische Daten erhoben:

  • SOEP (Sozio-Ökonomisches Panel)
  • SOEP-LEE-Daten
  • IAB-Betriebspanel.

7. Verbreitung, Umfang und Bestimmungsfaktoren von Überstunden. Anhand der vorangegangen Datenerfassungen können durchgeführte Überstunden unterteilt in Geschlecht der Arbeitnehmer, Abgeltungsformen, Art der Überstunden, Überstunden je Woche, jeweils im Zeitraum von 1991 bis 2012 dargestellt werden. Entsprechende textliche Ergebnisse bzw. Interpretationsmöglichkeiten ergänzen die Darstellung. Es folgt eine Zusammenfassung und Diskussion über mögliche Zusammenhänge zwischen Individual- und Betriebsdaten.

8. Verbreitung, Charakteristika und Bestimmungsfaktoren von Arbeitszeitkonten. Anhand der vorangegangen Datenerfassungen aus Kapitel 6 werden die Arbeitszeitkontenbetriebe im Zeitraum von 1999 bis 2012 nach Betriebsgröße (Beschäftigtenanzahl) und Branche dargestellt und beschrieben. Ebenso werden auch die Ausgleichzeiträume bei Arbeitszeitkonten, der Zugang von Leiharbeitern und Arbeitszeitkonten, die berufliche Position und der Zugang zu Arbeitszeitkonten dargestellt und beschrieben.

9. Fazit. Die Arbeitsmarktflexibisierung kann als zentrales Thema der Arbeitsmarktpolitik angesehen werden. Die historisch gewachsenen internen Flexibilisierungsinstrumente haben eine hohe Dominanz, so sind Überstunden als die klassische Möglichkeit der Arbeitszeitflexibilität am häufigsten genutzt. Die Autorin berücksichtigt in der vorliegenden Arbeit teilzeit- und geringfügig beschäftigte Frauen, die sonst wenig Beachtung in bisherigen Studien fanden. Im Ergebnis übernehmen noch immer mehr Männer Überstunden, jedoch nehme auch der Überstundenanteil der Frauen zu. Insgesamt gingen unbezahlten Überstunden zurück. Tarifgebundene Betriebe und Betriebe mit Personalrat haben eine höhere Wahrscheinlichkeit von genutzten Arbeitszeitkonten. Die Vorteile für Arbeitgeber werden bei vorhandenen und genutzten Arbeitszeitkonten als selbstbestimmte Arbeitszeitgestaltung erkannt. Arbeitszeitkonten sind überdurchschnittlich häufig bei Branchen mit industrieller Beziehung, qualifizierte Beschäftigte und kleiner Randbelegschaft anzutreffen.

Diskussion

Die Schlagworte Work-Life-Balance, Burnout und Fachkräftemangel scheinen allgegenwärtig – jedoch mehr als arbeiten kann der und die Einzelne nicht.

Die Gesundheits- und Sozialbranche hat in der Vergangenheit schon häufiger von einzelnen Arbeitsmodellen aus der Industrie Anregungen und Umsetzungen für ihren Bereich übernommen (Pflegestandard, Qualitätsmanagement DIN ISO, Beschwerdemanagement, …). So kann diese Thematik der Arbeitszeitflexibilität gerade im Hinblick auf die in diesem Werk behandelte Thematik der weiblichen Arbeitnehmerinnen und der Teilzeit- sowie geringfügig Beschäftigten von Interesse sein.

Welche Möglichkeiten der Arbeitszeitflexibilität gibt es? Welche Anreize, Erklärungen und Ausschlusskriterien kann es geben? Bei der Verabredung von Arbeitsverträgen und bei der Dienstplangestaltung, aber auch bei den Wünschen einzelner Arbeitnehmer sehe ich hier den praktischen Wert der nüchternen Zahlen.

Das bisherige Bauchgefühl oder individuelle Gegebenheiten bezüglich der Motivation und Durchführung von Arbeitszeitflexibilität erhalten hier nachvollziehbare und wissenschaftliche Substanz.

Fazit

Eine aufschlussreiche Lektüre – speziell auch für frauenspezifische oder geringfügigbeschäftigte Berufsgruppen, sicherlich auch für Betriebs- und Personalräte zur Weiterverbreitung einer Arbeitszeitflexibilisierung sowohl auf Seiten der Arbeitnehmer als auch Arbeitgeber.


Rezension von
Sonja Fröse
Homepage www.sonjafroese.de
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Zitiervorschlag
Sonja Fröse. Rezension vom 04.04.2017 zu: Ines Zapf: Traditionelle und moderne Formen der Arbeitszeitflexibilität. Arbeitsangebots- und -nachfrageseitige Faktoren von Überstunden und Arbeitszeitkonten. W. Bertelsmann Verlag GmbH & Co. KG (Bielefeld) 2016. ISBN 978-3-7639-4109-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21316.php, Datum des Zugriffs 19.09.2020.


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