socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Stephanie Katerle: Wir ohne dich

Cover Stephanie Katerle: Wir ohne dich. Wie Paare mit unerfülltem Kinderwunsch ihre Liebe bewahren. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2016. 159 Seiten. ISBN 978-3-608-86052-8. D: 16,95 EUR, A: 17,50 EUR.
Recherche bei DNB KVK GVK.

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand

über Shop des Verlags


Thema

Unerfüllter Kinderwunsch und die sich häufig daran anschließenden reproduktionsmedizinischen Maßnahmen sind für Paare oft eine große Belastung, die zur Zerreißprobe für die Beziehung werden kann. Die Autorin Stephanie Katerle greift typische Belastungssituationen auf und zeigt Auswege und neue Perspektiven auf, die in dieser Zeit helfen können, die Paarbeziehung zu stärken und die Liebe zueinander zu bewahren. Die verschiedenen Verfahren der Reproduktionsmedizin werden nicht diskutiert und auch keine alternativen Erfüllungswege des Kinderwunsches.

Autorin

Stephanie Katerle ist gelernte Pädagogin und Kommunikationswissenschaftlerin, die als selbstständiger Coach und Paarberaterin arbeitet. „Wir ohne dich“ ist ihr drittes Werk als Autorin, nach den Beziehungsratgebern „Love works“ und „Auch Prinzen müssen Pipi“.

Entstehungshintergrund

Die Autorin arbeitet als Paarberaterin, mit dem Schwerpunkt ungewollte Kinderlosigkeit.

Aufbau

Nach einer Einleitung, in der der Rahmen und der Schwerpunkt des Buches abgesteckt werden, werden in 16 Kapiteln wichtige Themen behandelt, mit denen Paare in der Phase des unerfüllten Kinderwunsches in Berührung kommen.

Vor dem eigentlichen Inhaltsverzeichnis befindet sich eine Auflistung von zwölf schlagwortartig formulierten Themen, zum Beispiel „Sexualität“ oder „Pausen machen“, mit Seitenangabe als sogenannter „Schnelleinstieg“. Unterüberschriften in den einzelnen Kapiteln helfen die Passagen übersichtlich zu halten, Fallbeispiele, Kommentare der Autorin sowie praktische Tipps und Anleitungen zu Übungen lockern den Text auf.

Beim Schlusswort schließt die Autorin den Bogen zum Anfang, wenn sie die Bedeutung der Kommunikation innerhalb von Beziehungen hervorhebt und anregt, die häufig als belastend erlebte Zeit des Wartens gleichzeitig konstruktiv für die Beziehung zu nutzen. Abschließend werden weiterführende Literaturhinweise und Links zu Internetseiten angeführt.

Inhalt

In der Einleitung wird herausgestellt, wie stark der Wunsch nach einem Kind mit dem eigenen Lebensentwurf und der eigenen Identität verknüpft sei und welch großes Verletzungspotenzial die Nichterfüllung dieses Wunsches berge, wenn Lebensmotive angerührt werden. Das könne sich auch Jahre später noch bemerkbar machen und auf die Beziehung auswirken. Stephanie Katerle deutet bereits Ansatzpunkte für die Beratung an, wie zum Beispiel das Aufdecken unausgesprochener Lebenspläne und entwickelter Glaubenssätze, um Motive, Wünsche und Sehnsüchte greifbar zu machen, so dass Lösungen bzw. Alternativen gefunden werden könnten. Auch den gesellschaftlichen Einfluss auf den eigenen Kinderwunsch zu hinterfragen könne helfen, sich und den Partner besser zu verstehen und durch Kommunikation und Verständnis füreinander die Liebe in der Beziehung zu bewahren. Die Autorin erklärt ihre Arbeitshypothese, dass nämlich Paare ab dem Zeitpunkt, ab dem sie gemeinsam Eltern werden wollen, bereits Eltern seien – „auch wenn die ersehnten Kinder noch nicht da sind oder nie kommen werden“ (S.11). Mit dieser Situation seien Wünschen und Hoffen, Begehren und Bekommen, aber auch Leiden, Tapferkeit, Durchhalten, Einsamkeit und Solidarität verbunden, was die Paare teilweise etwas von der bekannten Welt entfremden könne, so dass sie sich zeitweise wie auf einer „Insel“ (vgl. S. 11f.) fühlten.

Katerle thematisiert den Begriff „Kinderwunschbehandlung“ (S.12) und stellt klar, dass sich Wünsche nicht behandeln ließen und dass Familiengründung und Kinderkriegen mehr sei als Reproduktion. Häufig würden große Strapazen und Schmerzen in Kauf genommen, um der Erfüllung des Wunsches näher zu kommen. Diese könnten jedoch auch nach erfülltem Kinderwunsch tiefe Verletzungen an Körper und Seele zurücklassen. Die Autorin spricht sich daher für eine psychologische Begleitung der Paare aus, damit diese möglichst gut durch die belastende Zeit kämen. In einem kurzen Selbsttest können Paare prüfen, ob sie von einer professionellen Beratung profitieren könnten.

Das I. Kapitel liefert unter der Überschrift Familienplanung einige Fakten, wie es dazu komme, dass viele Menschen die Angebote der Reproduktionsmedizin in Anspruch nähmen und erwähnt auch, dass das Anbieten von „Kinderwunschbehandlung ein gigantischer Markt im medizinischen Spektrum ist“ (S.19), der Marktinteressen unterliege und immerhin eine Nichterfolgsquote von 40 Prozent (S. 20) aufweise. Die Autorin erklärt, wie die Illusion der Machbarkeit persönliche Versagensgefühle wecken könne, wenn der Erfolg ausbleibe. Sie stellt anschaulich dar, wie sich anfängliches Verständnis der Mitmenschen für Bemühungen im Dienste des Kinderwunsches in Unverständnis und Vorwürfe wandeln könne, wenn dieses Thema die Lebensgestaltung langfristig dominiere.

In Kapitel II, Über die Natürlichkeit von Kindheit und Elternschaft, wird hinterfragt, weshalb Menschen sich häufig Kinder wünschen. Dabei wirft Katerle einen Blick auf den historischen Wandel von ehemals unvermeidbarer Elternschaft, notwendigen Kindern als Arbeitskräften und Alterssicherung, über die Entwicklung einer Kindheitsperiode, in der der Mutter die maßgebliche Erziehungs- und Versorgungsverantwortung zugekommen sei bis hin zur Forderung ebenfalls ihre Kinder liebender Väter in den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts. Die Autorin bezweifelt, dass Mutter- und Vaterliebe natürliche oder sogar genetische Grundeinstellungen seien. Heutzutage sei es möglich, sich dafür zu entscheiden, ohne Kinder zu leben, ohne gesellschaftlich geächtet zu werden. Anschließend führt sie Erklärungen an, weshalb Menschen sich dennoch Kinder wünschten (bspw. „jemanden um sich haben, der einem ähnlich sieht“, „zu der Gruppe der Eltern gehören“, „weiterleben“, „Leben schenken“, S.34).

Das III. Kapitel „Wann ist es denn bei euch soweit?“ thematisiert den Umgang mit dem Kinderwunsch innerhalb der Verwandtschaft, Verletzungspotenzial und die häufige Notwendigkeit, seine Position und sein Verhältnis gegenüber der Herkunftsfamilie zu überdenken, was wiederum Chancen zur Emanzipation vom Elternhaus eröffne.

Kapitel IV, Wollen Sie noch Kinder? Frauen mit Kinderwunsch und Berufstätigkeit, widmet sich dem Umgang mit dem Kinderwunsch im Berufsalltag von Frauen, insbesondere der Gefahr, auch beruflich in der Warteschleife zu verharren.

In Kapitel V, Dünne Haut und starke Sprüche: Kommentaren souverän begegnen, gibt Katerle konkrete Beispiele und Tipps für den Umgang mit ungebetenen Kommentaren sowie zum Definieren und Vertreten persönlicher Bedürfnisse und Grenzen, auch innerhalb der Partnerschaft.

Das VI. Kapitel widmet sich den Fragen Wann ist ein Mann ein Mann? Wann ist eine Frau eine Frau? und weist darauf hin, dass die Geschlechtsidentität bei Paaren mit Kinderwunsch eine große Rolle spiele. Männliche Unfruchtbarkeit könne sich auf die Selbstwahrnehmung als Mann auswirken, die zum Beispiel Unlust und Erektionsprobleme zur Folge haben könne. Die Autorin regt an, sich mit dem Thema Männlichkeit in der Herkunftsfamilie auseinanderzusetzen.

Im VII. Kapitel werden Weiblichkeit und Mutterschaft thematisiert. Für viele Frauen seien Weiblichkeit und ihr Lebenssinn eng mit Mutterschaft verbunden und kaum durch etwas anderes zu kompensieren. Entlastend könne es sein, mit anderen Frauen das Thema Kinderlosigkeit aufzugreifen um festzustellen, dass auch andere betroffen sind. Mit anderen Frauen weibliche Dinge zu tun, die mit Kindern nichts zu tun hätten, könne das Gefühl von Weiblichkeit stärken und von Mutterschaft loslösen.

Kapitel VIII, Bedeutung von Familie, lenkt den Blick darauf, wie unterschiedlich Familie definiert sein könne – zum Beispiel juristisch, biologisch oder psychologisch. Dabei thematisiert Katerle auch, dass ein genetisch fremdes Kind aufzuziehen eine besondere Herausforderung sei.

Das IX. Kapitel, Kinder-los oder glücklich zu zweit? Liebe und Partnerschaft, wendet sich dem Umgang mit der Phase der Kinderwunschzeit zu, wenn diese deutlich länger andauert und regt an, Gemeinsamkeiten als Paar jenseits des Kinderwunsches zu pflegen.

Im X. Kapitel, Ziele und Lebensträume von Paaren mit Kinderwunsch, geht es um den Aspekt, dass bereits die Partnerwahl mit Wünschen an die Zukunft und diesbezüglichen Erwartungen an den Partner verbunden sein könne, die anzuschauen sich lohne um sich selbst und das Handeln des Partners besser zu verstehen und notwendigenfalls Alternativen zu entwickeln. Außerdem ruft die Autorin die verschiedenen Bereiche des Lebens in Erinnerung, und dazu auf, diese zu pflegen, um die Lebensenergie zu bewahren.

Auf Sexualität und Körperlichkeit wird der Blick in Kapitel XI gerichtet und auf Versagensangst und Hilflosigkeit, wenn nicht mehr Lust und Verlangen, sondern die Erfüllung des Kinderwunsches den Verkehr leiten. Die Autorin weist darauf hin, dass auch die beteiligten Männer in dieser Phase nach ihrem Befinden gefragt und ihr Einsatz gewürdigt werden sollte. Durch die medizinische Diagnostik und Behandlung würde das Erleben des eigenen Körpers als unzulänglich begünstigt. Katerle rät deswegen, den Blick bewusst immer wieder darauf zu richten, was trotz allem körperlich funktioniere und erinnert an die Verantwortung jedes einzelnen, sich körperlich Gutes zu tun.

Das XII. Kapitel, Sexualität und Reproduktion: Früher Pille, heute ICSI – Wer soll das verstehen?, greift auf, wie sich die Spanne der Kinderwunschzeit durch zuverlässige Verhütungsmittel und veränderte Lebensentwürfe verkürzt habe. Die häufig über viele Jahre praktizierte akribische Verhütung begünstige außerdem den Eindruck, ohne Verhütung stelle sich sofort eine Schwangerschaft ein. Es mangle grundsätzlich an Aufklärung über Fruchtbarkeit und den weiblichen Körper allgemein, was jedoch wichtig sei um auch in einer Kinderwunschbehandlung oder Schwangerschaft gut für den eigenen Körper zu sorgen.

In Kapitel XIII geht es um Leidenschaft und Lebensqualität und die Autorin rät dazu, die eigene Individualität auch unabhängig vom Partner zu pflegen um zu erhalten, was dem amerikanischen Sexualtherapeuten David Schnarch zufolge wesentlich für gegenseitiges Begehren – im Gegensatz zu abhängigem einander Brauchen – in einer Partnerschaft sei. Gerade in der Kinderwunschphase trete das einander Brauchen häufig in den Vordergrund. Ein anderer Aspekt, der in diesem Kapitel angesprochen wird, ist die Bezeichnung und der Umgang mit den Sexualorganen und Sexualität, einerseits klinisch-funktional, andererseits erotisch-intim-lustvoll. Katerle gibt praktische Tipps wie das Sex-Brevier nach Mira Kirshenbaum oder das Erstellen einer Körperlandkarte Paaren helfen können, eine gemeinsame Sprache für ihre Sexualität zu finden und diese von der klinischen Ebene zu trennen.

Kapitel XIV thematisiert unter dem Titel Wertschätzungsrituale, dass in einer leistungsorientierten Gesellschaft ein sich nicht nach Plan erfüllender Kinderwunsch als persönliches Versagen aufgefasst werden könne, wie wichtig dabei die Akzeptanz der Grenzen des eigenen Einflusses sei und wie gegenseitige Wertschätzung in der Beziehung dabei helfen könne. Hilfreich könne auch die Betrachtung der gemeinsamen Beziehung als eigenständiges Wesen sein, das gebe, aber auch gepflegt werden wolle.

In Kapitel XV, Pausen machen, wird eben diese Notwendigkeit auch in der Kinderwunschphase erklärt, um mit der Verarbeitung der Informationen und Gefühle neurophysiologisch Schritt zu halten. Hilfreich könnten zeitlich oder örtlich begrenzte Themafreie Zonen oder die bewusste Thematisierung anderer Tagesinhalte sein. Die Autorin regt außerdem an, das eigentliche Ziel zu hinterfragen und einen Zielzustand zu definieren, mit dem die Beteiligten zufrieden sein könnten. Katerle empfiehlt hier ein Ziel mit Spielraum, das mehrere Wege eröffne und Zeitdruck lindern könne.

Im XVI. Kapitel, Abschließen: Wo ist der Plan B?, geht es um Abschiednahme und die Akzeptanz eines Lebens ohne eigene Kinder. Die Autorin benennt die Notwendigkeit, dem Verlorenen einen Platz geben, um es zu integrieren. Dabei hebt sie auch hervor, dass die Sehnsucht nach dem Kind bleiben dürfe. Katerle rät, den Abschied mit einer Zeremonie zu begleiten, auch wenn die aktive Trauerphase mindestens ein Jahr andauere. Ein frühzeitig aufgestellter Plan B könne in dieser Phase unterstützen und davor schützen, in den Sog der „Machbarkeitsideologie der Kinderwunschmedizin“ (S.151) zu geraten.

Im Schlusswort vollzieht die Autorin ein sehr wertschätzendes Reframing, wenn sie den unerfüllten Kinderwunsch in Bezug zur Beziehung setzt, indem sie resümiert „Sich zusammen ein Kind zu wünschen, ist eine riesige Liebeserklärung und ein großer Vertrauensbeweis. (…) Sie haben echte Liebe erfahren und diese Erfahrung kann Ihnen niemand nehmen“ (S.157). Diese Liebe wahrzunehmen und zu genießen lädt sie ein.

Diskussion

Dem erklärten Ziel „ermuntern, trösten und immer wieder neue Sichtweisen und Perspektiven ermöglichen“ (S.12) wird der Ratgeber in verschiedenerlei Hinsicht gerecht. Besonders positiv fällt auf, dass Stephanie Katerle wirklich das Paar in den Mittelpunkt stellt und konsequent die Stärkung der Beziehung und der beiden Menschen verfolgt, ungeachtet der Tatsache, ob sich der Kinderwunsch erfüllt, oder nicht. Immer wieder scheint die mentale Haltung der Achtsamkeit durch, zum Beispiel wenn Katerle daran erinnert, dass alles im Leben Phasen seien, die einander abwechseln und von denen keine ewig anhalte. Mehrfach erinnert die Autorin an die Notwendigkeit und Eigenverantwortung der Selbstfürsorge und verdeutlicht durch Perspektivwechsel, wie auch die leidvolle Phase eines unerfüllten Kinderwunsches gleichzeitig in anderer Form fruchtbar für die Paarbeziehung und persönliche Entwicklung erlebt werden könne. Neben theoretischen Erklärungen wird die Brücke in die Praxis geschlagen.

Positiv fällt ebenfalls auf, dass Stephanie Katerle nebenbei auch problematische Aspekte der Reproduktionsmedizin erwähnt, so zum Beispiel, dass das Wissen um die Möglichkeiten oft größer sei als das Wissen um die damit verbundenen Risiken (vgl. S.142).

An einigen Stellen wirkt die Autorin sehr mit dem Kinderwunsch der Kinderwunscheltern identifiziert, wenn sie beispielsweise bei ihrer Forderung nach psychologischer Unterstützung von Kinderwunschpaaren auf den „politisch und gesellschaftlich wiederkehrenden Ruf(es) nach mehr Kindern“ (S.13) verweist. Dieses Argument wirkt etwas plakativ und angesichts globaler Überbevölkerung so nicht haltbar. Psychologische Begleitung ist dennoch sicherlich wünschenswert, aber eben nicht, damit es mehr Kinder gibt, sondern um die Paare zu stärken, genau wie es Stephanie Katerle in ihrem Buch grundsätzlich vormacht. Die teilweise mit den Kinderwunscheltern identifizierte Haltung erzeugt zwar einerseits emotionale Nähe zu Kinderwunscheltern, erschwert aber den beraterischen Perspektivwechsel.

In diese identifizierte Richtung geht auch ihre globale Forderung des grundsätzlichen Rechts für homosexuelle Paare zur Adoption „sowie zu allen Kostenübernahmen für ggf. notwendige medizinische Unterstützung beim Kinderwunsch“ (S.14). Hier wird einiges miteinander vermischt, was einer differenzierteren Betrachtung bedarf. Adoption ist ein Thema, reproduktionsmedizinische Behandlung ein anderes. Familiengründung durch Keimzellspende wird auch für heterosexuelle Paare nicht von den Krankenkassen bezahlt.

Glücklicherweise wird niemand zur Realisierung seines Kinderwunsches auf inoffizielle Wege gezwungen, wie es zwischendurch anklingt: „Statistiken sind mehrdeutig, weil manche, insbesondere homosexuelle, Paare oftmals inoffizielle Wege bei der Realisierung ihres Kinderwunsches gehen (müssen)“ (S.19). Genauso wenig sind Menschen in reproduktionsmedizinischer Behandlung gezwungen, die damit verbundenen Kliniktermine vor allen anderen Terminen zu priorisieren („Wer zum 60. Geburtstag der Eltern nicht kommen kann, weil er zyklusbedingt in die Klinik muss, erntet selten Verständnis“, S.23). Klarer wäre es in diesem Zusammenhang zu verdeutlichen, dass das Paar keinen vermeintlichen Zwängen unterliegt, sondern jeweils selbst eine Entscheidung trifft, was es tut und später ggf. gegenüber Mitmenschen verantwortet. Das Paar sollte selbst entscheiden (können), inwieweit der Kinderwunsch das Leben dominieren soll, ob er im Moment oberste Priorität haben soll, oder ob sich das Paar vielleicht einen Zyklus Pause gönnt, wenn ein ihm ebenfalls wichtiger anderer Termin ansteht.

Die Erklärung in Kapitel II, weshalb sich Menschen trotz aller rationalen Gegenargumente Kinder wünschen, fällt etwas unbefriedigend aus: Zunächst zählt die Autorin diverse Gründe für ein Kind auf, die sich größtenteils auch auf anderem Wege als durch ein eigenes Kind erreichen lassen. Übrig bleiben diese Gründe: „jemanden um sich haben, der einem ähnlich sieht“ (S.34), „weil wir unsere Familie mögen und uns wünschen, sie möge fortbestehen“ (S.34), „uns durch Mutter und Vater zu unserer Partnerschaft bekennen“ (S:34), „zu der Gruppe der Eltern gehören“ (S.34), „weiterleben“ (S.34) und „Leben schenken“ (S.34). Stephanie Katerles Fazit, die hier nichts Egoistisches erkenne, wirkt sehr um eine Schonung der Kinderwunscheltern bemüht. Hier hätte man durchaus kritischer hinschauen und auch die (notwendige?) narzisstische Komponente von Elternschaft aufzeigen können. Insbesondere der Wunsch „Leben zu schenken“ wird geradezu idealisiert anstatt anzuerkennen, dass Leben auch viel Leid bedeuten kann, weswegen sich die an anderer Stelle erwähnten Menschen zum Beispiel gegen Kinder entscheiden.

In Kapitel IV wertet die Autorin den Kinderwunsch ganz offen als „begrüßenswerten und notwendigen Vorgang, der gesellschaftliche Anerkennung verdient“ (S.40f.). Diese Wertung wirkt recht willkürlich und diskreditiert Paare, die sich bewusst gegen Kinder entschieden haben.

Diese sich stellenweise sehr mit dem Kinderwunsch identifizierende Haltung irritiert insbesondere deshalb, weil Katerle in anderem Zusammenhang die Priorisierung und gedankliche Einengung auf den Kinderwunsch durchaus kritisch zu hinterfragen anregt und zum Beispiel der Notwendigkeit von Pausen ein eigenes Kapitel widmet. In Kapitel XV wird erfreulicherweise schließlich doch noch angeregt, auch zu hinterfragen, ob ein Kind „wirklich ein gutes“ (S.141) Ziel sei und hilfreiche Ansätze für eine Erweiterung der Perspektive angeboten.

An der einen oder anderen Stelle wären Quellenangaben hilfreich, insbesondere, wenn auf „einschlägige Wissenschaftszweige(n)“ (S.29) verwiesen wird.

Die Links am Ende des Buches fokussieren – anders als der Ratgeber an sich – sehr die Erfüllung des Kinderwunsches, während die in Kapitel IV erwähnte Seite www.ungewolltkinderlos.de, die davon eine Ausnahme macht, – sicherlich versehentlich – nicht genannt wird. Dort finden sich auch weitere Literaturhinweise zu Büchern von ungewollt kinderlosen Menschen.

Fazit

Das Buch ist leicht verständlich geschrieben und die Thematik wird anhand von zahlreichen Fallbeispielen anschaulich illustriert. Zudem gibt Katerle immer wieder konkrete Tipps zum Ausprobieren. Besonders positiv hervorzuheben ist, dass es in diesem Ratgeber wirklich um die Stärkung der Beziehung und der beiden Menschen geht, ungeachtet der Tatsache, ob sich der Kinderwunsch erfüllt oder nicht. Irritierend wirkt zwischenzeitlich – vermutlich unbeabsichtigt – eine (stark) mit den Kinderwunscheltern identifizierte Haltung der Autorin, die der Erweiterung der Perspektive aber nicht nachhaltig im Wege steht. „Wir ohne dich“ ist sowohl geeignet als Literatur zur Selbsthilfe für Betroffene als auch eine Bereicherung für die Beratungspraxis bei unerfülltem Kinderwunsch.


Rezensentin
Dipl.-Psych. Anne Meier-Credner
Psychologische Psychotherapeutin (VT)
E-Mail Mailformular


Alle 1 Rezensionen von Anne Meier-Credner anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Anne Meier-Credner. Rezension vom 29.11.2016 zu: Stephanie Katerle: Wir ohne dich. Wie Paare mit unerfülltem Kinderwunsch ihre Liebe bewahren. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2016. ISBN 978-3-608-86052-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21324.php, Datum des Zugriffs 24.09.2017.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

Stellenangebote

Erzieher/in für Kindertagesstätte, Köln

Kitaleiter/in, Köln

Weitere Anzeigen im socialnet Stellenmarkt.

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Schon 13 000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft

Gehören Sie auch schon dazu?

Ansonsten jetzt für den Newsletter anmelden!