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Carolin Krüger: Diskurse des Alter(n)s

Cover Carolin Krüger: Diskurse des Alter(n)s. öffentliches Sprechen über Alter in der Bundesrepublik Deutschland. Walter de Gruyter (Berlin) 2016. 540 Seiten. ISBN 978-3-11-043929-8. D: 119,95 EUR, A: 123,40 EUR, CH: 161,00 sFr.

Reihe: Diskursmuster, hrsg. von Beatrix Busse und Ingo H. Warnke, Band 11.
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Thema

Es ist kein Wunder für eine sich in jeder Beziehung schnell ändernde Welt, wenn die jugendlichen und jungen Lebensalter immer größeren Zuwachs an Bedeutung und Prestige erhalten. Erfahrungen verlieren unter den Bedingungen der Beschleunigung aller Verhältnisse – Ausbildung/Wissenschaft/Arbeit/ Beruf/Soziales Leben- ihre Vorteilsdimensionen und werden stetig entwertet. Von diesem Befund aus erwartet der an Lebensalter Fortgeschrittene keineswegs durchweg eine positive Grundhaltung, wenn über seinesgleichen gesprochen wird. Dabei bemüht er sich doch, fit zu bleiben, sich modisch zu präsentieren und manche alte Neuigkeit wohlwollend aufzunehmen. Wenn es um Diskurse des Alter(n)s geht und dazu noch in den Printmedien, erwartet er jedenfalls nicht, dass diese Diskurse für ihn gut ausfallen werden. Dafür ist die Presse zu jugendlich geworden und zu sehr der Gegenwart und dort dem Zeitgeist verpflichtet.

Entstehungshintergrund

Trotz einer in den letzten Jahren zunehmenden Zahl von linguistischen Diskursanalysen wurde der Alter(n)sdiskurs bisher noch nicht systematisch über einen längeren Zeitraum betrachtet. Dieses Forschungsdesiderat bearbeitet die vorliegende Untersuchung, die zugleich als Doktorarbeit von der Philosophischen Fakultät der Universität Rostock im Jahre 2015 angenommen wurde.

Aufbau

Eine diskurslinguistische Auswertung von Texten über das Alter und des Alterns, die in den Zeitschriften Der Spiegel, Die Zeit und Bild am Sonntag zwischen 1958 und 2009 erschienen sind, steht im Mittelpunkt der vorliegenden Langzeitstudie. Für diese Analyse werden für jedes Jahrzehnt des Untersuchungszeitraums zwei Jahrgänge der genannten Printmedien untersucht. Die „Einleitung“ gibt einen Abriss der Fragestellung, des Untersuchungs-gegenstandes und der Abfolge der Darstellung.

Die Untersuchung hat einen Theoretischen Teil (I) und einen Empirischen Teil (II):

  1. Im Teil I werden theoretische „Grundlegung und Methodik“ ausführlich dargestellt. Auch der Forschungsstand hinsichtlich der Themen „Alter(n)sbilder“ sowie „Alter und Sprache“ wird referiert.
  2. Im Teil II wird das Untersuchungskorpus beschrieben und geklärt, was unter Öffentlichkeit bzw. öffentlichen Diskussionen verstanden wird. Außerdem wird die Auswahl der Medien und Texte begründet. Es folgen die drei zentralen Untersuchungseinheiten zu den Teildiskursen „Pflege“, „Zielgruppe“ und „Generation“. Unter dem Titel „Der Alter(n)sdiskurs- Kontinuitäten und Brüche“ werden die Ergebnisse aller Teildiskurse verbunden und diskutiert.

Zum „Schluss“ werden die erzielten Forschungsergebnisse resümiert und Vorschläge für weitere diskurslinguistische Analysen gemacht.

Ein Literaturverzeichnis, das die nach den Teildiskursen geordneten Texte der einzelnen Printmedien auflistet und die Forschungsliteratur enthält, ein Abbildungsverzeichnis, ein Tabellenverzeichnis, ein Abkürzungsverzeichnis und ein Register vervollständigen den Band.

Inhalt

Ziel der Untersuchung ist es, alle aus den genannten Printmedien zusammengestellten altersrelevanten Texte zu analysieren, um die vorherrschenden, sprachlich und massenmedial vermittelten Alter(n)sbilder herauszudestillieren. Als kollektive Deutungsmuster von Alter(n) in den Massenmedien haben sie besondere öffentliche Bedeutung. Von den in den Texten angesprochenen Altersthemen werden einige zu einer besonders intensiven Betrachtung ausgewählt: der Aspekt der Pflege (Versorgung und Betreuung), der Aspekt der älteren Menschen als wirtschaftlicher und politischer Zielgruppe sowie der Aspekt des Verhältnisses zwischen den Generationen.

Es wird danach gefragt, ob in dem 60-jährigen Untersuchungszeitraum vor dem Hintergrund des demographischen Wandels (immerhin verdoppelt sich in dieser Zeitspanne der Anteil der über 65-jährigen an der Gesamtbevölkerung) und des Wechsels der sozioökonomischen Lagen (viele sozialpolitische Weichenstellungen im System der Sozialversicherung finden in dieser Zeitspanne statt) Änderungen im öffentlichen Sprechen über das Alter festgestellt werden können.

Der umfangreiche theoretische Teil beschreibt die Grundlegung und Methodik der Arbeit ausführlich. Das komplexe Modell einer „diskurslinguistischen Mehr-Ebenen-Analyse“ (DIMEAN) wird als methodischer Rahmen vorgestellt, der es gestattet, verschiedene für eine diskurslinguistische Untersuchung nutzbare Methoden und theoretische Überlegungen sinnvoll zusammenzuführen. Auch werden die engeren, vielfach angewandten und etablierten Methoden einer diskurslinguistischen Untersuchung wie zum Beispiel Metaphernanalysen, wortsemantische Analysen, Analyse von Argumentationsmustern oder Betrachtungen der Intertextualität auch für diese Untersuchung nutzbar gemacht.

Werfen wir einen die eigene aufmerksame Lektüre keineswegs ersparenden Blick auf einige ausgewählte Ergebnisse der linguistischen Diskursanalyse:

Von den untersuchten Teildiskursen nimmt der „Generationendiskurs“ quantitativ den größten Raum ein. Die „Pflege Älterer“ und „Ältere als Zielgruppe“ werden deutlich weniger angesprochen. Auch gibt es für die drei Bereiche kein gemeinsames Alter(n)sbild; das Sprechen über das Alter ist unterschiedlich. Gemeinsam haben die Teildiskurse allerdings, dass die relevanten sozialökonomischen Rahmenbedingungen (u.a. Gesetzgebung, Lebenslage, Wissenschaft) die jeweiligen Diskursentwicklungen nur teilweise erklären können. Die Reaktionen auf zentrale Veränderungen treffen mit zum Teil 20-jähriger Verspätung ein.

Im massenmedialen Diskurs der 50er bis 70er Jahre findet das Thema Pflege wenig Beachtung. Unterbringungsmöglichkeiten und Haushaltshilfen stehen im Mittelpunkt der Diskussionen der 50er Jahre; in den 60ern geht es um Altenhilfe; in den 70er und 80er Jahren wird der Ältere zum Schutzbedürftigen, aber auch zum Störenfried. Fachkräftemangel und Missstände in den Pflegeeinrichtungen werden zum Thema. Allgemein wird festgestellt, dass über alle Dekaden folgende negative metaphorische Konzeptualisierungen der Pflege konstant sind: Pflegeeinrichtungen sind Gefängnisse, Ältere sind Häftlinge, Ältere sind Last, Ältere sind Gegenstände/ Außenseiter. Die zentralen Eigenschaften, die Älteren in dem Teildiskurs Pflege zugeschrieben werden und das Alter(n)sbild ausmachen: Hilflosigkeit, Unterlegenheit, Abhängigkeit, Belastung für andere, Gefahr für Pflegende.

Was die Älteren als Zielgruppe angeht, so wundert man sich nicht, wenn die Älteren erst seit den 80er Jahren als eine wichtige Konsumentengruppe in Erscheinung treten. Die deutlich finanzielle Besserstellung der Älteren schafft die Voraussetzung dafür. Das Bild des selbstbewussten, finanziell abgesicherten älteren Konsumenten entsteht und wird tradiert. Im politischen Bereich entspricht dieser Entwicklung, dass den Älteren politische Macht zugeschrieben wird. Allerdings ändert sich bald, in den 90er und 2000er Jahren, die Tonlage, insofern die Rentenbezieher die jüngere Generation benachteiligen. Die folgenden Konzeptualisierungen lassen sich feststellen: Älterer als Last und Angreifer oder Bedrohung, Vergünstigungen für Rentner, Betrug, Last und bedrohliche Naturgewalt.

Ungemütlich für Ältere wird es dann bei dem Teildiskurs der Beziehungen zwischen den Generationen. Ende der 50er Jahre kündigt sich der Konflikt der Generationen bezüglich der nationalsozialistischen Vergangenheit an. Ältere werden zu Schuldigen und Unmodernen, insofern sie neben der braunen Vergangenheit auch künstlerische Neuentwicklungen ablehnen. Im Zuge des 68er- Konflikts werden dann persönliche Beziehungen und gesellschaftlich Verhältnisse als Kampf zwischen den Generationen konzeptualisiert. In den 80er Jahren geht es um den Konflikt zwischen den jüngeren Einzahlern in die Rentenversicherung und den Rentenbeziehern. Das Bild von den Älteren als Schmarotzern gewinnt dann in den 90er und 2000er Jahren Gewicht. Folgende metaphorischen Konzeptualisierungen werden vertreten: Relationen zwischen den Generationen als Vertrag bzw. Geschäft, Jüngere sind Betrogene/Ausgebeutete und Ältere sind eine Last.

Die von Caroline Krüger herausgearbeiteten sprachlich vermittelten Alter(n)sbilder zeigen, dass trotz einer deutlichen Veränderung der Lebenslagen der Mehrheit der Älteren nicht davon ausgegangen werden kann, dass die Bilder vom Älteren und Alten in den letzten Dekaden positiver ausgefallen wären.

Diskussion

Die Untersuchung demonstriert die Fruchtbarkeit der diskurslinguistischen Analyse – keine Frage. Natürlich können in einer Besprechung die zum Teil detaillierten Analysen zu den einzelnen Untersuchungsfeldern nicht annähernd nachvollzogen werden. Der Überblick steht im Vordergrund und bestimmt die Auswahl. Die Rezension ersetzt nicht die Lektüre. Die Rückbindung der analysierten Texte und ihrer Abfolge in der Zeit an die sozioökonomische Lage, an die politischen Entscheidungen, an die Gesetzgebung und die wissenschaftliche Theoriebildung ist komplex und gibt den Ausführungen Substanz.

Mein kritischer Beitrag mag von der Sache her äußerlich sein: Welche Schlüsse können wir aus dieser diskurslinguistischen Analyse ziehen? Bleiben wir nicht in einem Textkorpus befangen, der uns mehr über die Arbeit der nicht gerade als naiv bekannten untersuchten Printmedien sagt als über die Entwicklung der Öffentlichkeit des Denkens über das Alter selbst. Propagierte oder veröffentlichte Meinungen fallen nicht mit dem Begriff der Öffentlichkeit zusammen und sind verschiedene Wirklichkeiten. Sicherlich: Die Leser werden beeinflusst, und immer bleibt etwas hängen. Doch gibt es meines Erachtens keine Eindrücklichkeit, die die Konstruktion des Bildes vom öffentlichen Sprechen vom Alter rechtfertigen würde. Das wäre letztendlich auch nicht gut für die Leser! Oder? Ich widerspreche der dieser Untersuchung implizit zugrunde liegenden These der Repräsentanz der ausgewählten Printmedien für das gesamtgesellschaftliche und gesamtsprachliche Denken.

Fazit

Für die Redaktionsstuben des Spiegels, der Zeit und der Bild am Sonntag sollte die vorliegende Untersuchung eine Pflichtlektüre sein. Sie zeigt doch große Lücken und Mängel bei der angemessenen Verarbeitung und Darstellung eines wichtigen Themas. Gleichzeitig wird die Potenz einer diskurslinguistischen Analyse demonstriert, die sicherlich noch weitere Anwendungsgebiete erobern wird. Wer im weiten Feld der Arbeit mit Älteren und Alten verantwortlich tätig ist, der kann aus der Lektüre nicht zuletzt den Nutzen ziehen zu erkennen, wie wichtig sein Kontakt zur Presse ist, damit die Berichterstattung zu Altersfragen optimiert werden kann. Die veröffentlichte Meinung ist nur so gut, wie sie es mit der fachlichen Öffentlichkeit hält.


Rezensent
Dr. Alexander Brandenburg
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Zitiervorschlag
Alexander Brandenburg. Rezension vom 04.07.2017 zu: Carolin Krüger: Diskurse des Alter(n)s. öffentliches Sprechen über Alter in der Bundesrepublik Deutschland. Walter de Gruyter (Berlin) 2016. ISBN 978-3-11-043929-8. Reihe: Diskursmuster, hrsg. von Beatrix Busse und Ingo H. Warnke, Band 11. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21326.php, Datum des Zugriffs 26.06.2019.


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