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Tillmann F. Kreuzer: Geschwister als Erzieher?!

Cover Tillmann F. Kreuzer: Geschwister als Erzieher?! Bedingungsgefüge, Beziehung und das erzieherische Feld. Verlag Ferdinand Schöningh (Paderborn) 2016. 468 Seiten. ISBN 978-3-506-78410-0. 59,00 EUR.
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Thema

Die Frage der Beziehungsdynamik zwischen Geschwistern in Mehrkindfamilien wird an Hand unterschiedlicher Forschungsbereiche (Geschwister in Mythologie und Literatur, Jugendforschung) beleuchtet – zwei Datenerhebungen sollen konkrete Fragestellungen zur Sicht der Kinder auf ihr Erleben als Geschwisterkind und mit Geschwisterkindern beantworten.

Autor

Dr. Tillmann F. Kreuzer, Dipl. Päd. Magister, Realschullehrer, seit 2011 Dozent für Erziehungswissenschaft im Bereich: Allgemeine Pädagogik an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg (SP: Psychoanalytische Pädagogik) an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg.

Entstehungshintergrund

Bei dem vorliegenden Buch handelt es sich um die Dissertation des Autors an der Pädagogischen Hochschule Heidelberg, in der er der Frage „Wie gestalten sich Beziehungen zwischen Geschwistern in bestimmten Unterstützungs- und Betreuungssituationen?“ (S. 15) auf den Grund gehen möchte. Von besonderem Interesse sind die Unterstützungs- und Betreuungstätigkeiten von ältesten Geschwistern und die Frage, inwieweit es sich dabei um Erziehung der jüngeren Geschwister handelt.

Aufbau

Das Buch gliedert sich in sechs Teile:

  1. Einführung in die Thematik
  2. Bedingungsgefüge
  3. Beziehung und Erziehung
  4. Empirische Studien
  5. Zusammenfassung, Vergleich und Interpretation der Ergebnisse
  6. Am Anfang ist Beziehung

Zu Teil A Einführung in die Thematik

Das Erkenntnisinteresse des Autors gilt der Frage, inwieweit Geschwister wechselseitig erzieherisch tätig sind. Er bemängelt, dass den Geschwisterbeziehungen bei der Analyse der Lebensbedingungen von Kindern und Jugendlichen zu wenig Aufmerksamkeit entgegengebracht wird. Sein Beitrag zur Bearbeitung der Fragestellung erfolgt mittels eines psychoanalytisch-pädagogischen Ansatzes, ergänzt durch eine standardisierte schriftliche Befragung von Realschüler/innen sowie durch schriftliche Interviews mit Studierenden.

Die Einführung in die Thematik ist breit angelegt – sie beginnt mit der Darstellung von Geschwister[n] in Kultur und Literatur (S. 25-31); hier werden berühmte Geschwisterpaare aus der griechischen und römischen Mythologie (z.B. Agamemnon und Menelaos/Castor und Pollux), der Märchenwelt der Gebrüder Grimm sowie die Brüder Heinrich und Thomas Mann beispielhaft vorgestellt.

Es folgen Definitionen und Formen der Geschwisterlichkeit (S. 33-42): Wann spricht man von Geschwistern, wie verhält es sich mit Halbgeschwistern, Stiefgeschwistern, Adoptivgeschwistern.

Im Abschnitt Die Kindheits- und Jugendforschung: Wegbereiter für die Geschwisterforschung (S. 43-57) wird der Bogen von frühen Annahmen zu Kindheit und Jugend von Jean-Jaques Rousseau, Wilhelm Stern, Sigmund Freud, Alfred Adler, Anna Freud, hin zur Kindheits- und Jugendforschung im 21. Jahrhundert geschlagen.

Der Autor bedauert im Abschnitt Geschwisterforschung: ein Stiefkind der Sozialisationsforschung (S. 59-84) die mangelnde Beachtung, die die Beziehung zwischen Geschwistern bis heute in der Forschung erfährt. Positiv hervorgehoben werden die Arbeiten von Alfred Adler sowie deren Weiterentwicklung durch Walter Toman in den 1960er Jahren mit Betonung „der Bedeutsamkeit der Geschwisterreihenfolge“ (S. 82).

Aktuelle Erhebungen zu Familien (z.B. DESTATIS, 2013) legen nahe, dass Kinder in ihren Familien immer seltener Geschwister erleben. Das vergleichsweise geringe Interesse an Geschwisterforschung – Warum steckt die Geschwisterforschung in den Kinderschuhen? (S. 72-75) – führt der Autor auf das vorherrschende kulturelle Desinteresse an dieser Frage zurück – möglicherweise sei es aber auch die Komplexität des Gegenstandes, die Forschende entmutige. Selbst in der psychoanalytischen Tradition spielten Geschwisterbeziehungen und Dynamiken zwischen Geschwistern nur eine untergeordnete Rolle. Siegmund Freud interessierte sich vorrangig für die Eltern-Kind-Beziehung, Alfred Adler interessierte sich lediglich für die Position in der Geschwisterreihe, Anna Freud hob auf den ich-fördernden Einfluss von Geschwistern ab. Walter Toman beschrieb basierend auf seinen klinisch-psychologischen Beobachtungen die Auswirkung der Geschwisterreihenfolge auf die Prägung der Persönlichkeit.

Zu Teil B Bedingungsgefüge

Der Abschnitt Bedingungsgefüge ergänzt das Kapitel Einführung in die Thematik um Fragen und Daten rund um die Familie, die Familie an sich, um Themen aus dem Bereich Elternschaft, Mutter/Vatersein und um Betrachtungen zur Kindheit – und Jugendphase.

Der Abschnitt Gesellschaftliche Veränderungen: Kinderwunsch und Betreuungssituation (S. 85-91) enthält Daten und Fakten zu Fertilitätsrate, Betreuungsformen, Kinderwunsch der Eltern und vieles mehr.

Im Abschnitt Eltern und Geschwister bedeuten: Familie (S. 93-104) wird die Geschichte der Familie beschrieben: das patriarchale Modell als Vorläufer der modernen Kernfamilie, Stieffamilien und Folgen veränderter Familienstrukturen.

Betrachtungen zum Thema „Eltern Werden“ (S. 105-139) schließen sich an und werden durch kulturhistorische Annäherungen an das Vater – und Mutterbild ergänzt. Der Autor geht davon aus, dass sich Frauen und Männer heute auf die Suche nach einer neuen Elternidentität machen (S. 128) – Frauen seien im Kampf um Gleichstellung in Partnerschaft und Arbeitswelt bereit, auf einen Teil ihrer „mütterlichen Macht“ zu verzichten, Männer seien immer häufiger bereit, das traditionelle Prinzip „väterlicher Macht“ aufzugeben (S. 128).

Im Abschnitt Bedingungsgefüge Kindheit und Jugend (S. 141-155) geht es um die Anerkennung der Kindheit als eigenständiger Lebensphase. Während die Kindheit – aus psychoanalytisch-pädagogischer Perspektive – als entscheidende Phase für die Grundlegung der kulturellen Entwicklung des Menschen angesehen wird (S. 145) und es erst zum Ende der Latenzzeit zur stärkeren Orientierung an der äußeren Objektwelt kommt, gilt die Jugendzeit als die Phase, in der die Geschwister an Bedeutung verlieren, Freunde dagegen an Bedeutung gewinnen.

Zu Teil C Beziehung und Erziehung

Hier nähert sich die theoretische Einführung der Frage, was es bedeutet, Geschwister zu haben, Geschwisterkind zu sein, der Frage der Erziehungsfunktion, die Geschwister füreinander übernehmen können.

Besonderheiten der Geschwisterbeziehung (S. 157-180) sind insbesondere in deren Dauer, den fehlenden Wahlmöglichkeiten sowie den prägenden Aspekten, die diese Beziehung ausüben kann, zu sehen. Besonders bedeutsam scheinen die Geschwisterposition und die Geschlechterzusammensetzung zu sein. Diese Faktoren wirken insbesondere auf die Frage, wie geschlechtsrollenkonform sich Individuen verhalten. Den Müttern kommt eine besondere Bedeutung für den Prozess der Geschlechtsrollenidentifikation der Tochter zu – das Thema Abgrenzung und Ablösung zwischen Müttern und Töchtern wiederholt sich dann wieder in der Beziehung zwischen der älteren und der jüngeren Schwester. Söhne hingegen benötigen den Vater zur Ausbildung ihrer Geschlechtsrollenidentität. Diese wird dann vom älteren auf den jüngeren Bruder übertragen.

Die Geburt des Geschwisterkindes macht aus einem Einzelkind ein ältestes Geschwisterkind und bringt so die Themen Neid, Eifersucht und Rivalität in die Familien. Ob sich hier förderliche oder destruktive Muster entwickeln ist dem familiären Umfeld und hier insbesondere der Qualität der Eltern-Kind-Beziehung geschuldet.

Im Abschnitt Familienerziehung: Eltern und Geschwister als Erzieher. (S. 181-192) wird auf die mangelnde Beachtung geschwisterlicher Erziehungsprozesse innerhalb der Familie hingewiesen. Erziehung durch Geschwister erfolgt durch „Zeigen“ und „Lernen“. Geschwister machen vor, machen mit, fordern auf und jüngere Geschwister lernen so implizit. Positives Denken über die eigenen Geschwister – von den Eltern vermittelt – führt zu positiven Geschwisterbeziehungen.

Die Erzieherische Bedeutung von Geschwistern (S. 193-204) wird – so konstatiert der Autor – in der klassischen pädagogischen Literatur nicht aufgeführt, hier gibt es keine Hinweise auf die Funktion der Geschwister als Erzieher (S. 193); Erziehung wird vornehmlich als Einwirken der Älteren auf Jüngere verstanden. Aktuell finden Geschwisterbeziehungen lediglich in der sonderpädagogischen Forschung und in der Biographiearbeit sowie in der Familienforschung Eingang (S. 193).

Zu Teil D Empirische Studien

Ergänzend zu den theoretischen Überlegungen sollen zwei empirische Studien zur Beantwortung der zentralen Fragestellung beitragen. Ziel ist es, die theoretischen Überlegungen und die Daten der Befragungen zur Beantwortung der Forschungsfrage in Beziehung zu setzen („mehrperspektivische Herangehensweise“).

Forschungsdesign (S. 205-215):Im ersten Teil der Studie werden in einem „theoriegeleiteten, hypothesenprüfenden Vorgehen“ die auf Grundlage einer Fragebogenerhebung beschriebenen Geschwisterbeziehungen und -erfahrungen von Jugendlichen zu den theoretischen Befunden in Beziehung gesetzt und geprüft. Im zweiten Teil der Studie finden unter einem narrativen Ansatz die autobiographischen Erzählungen von jungen Erwachsenen Eingang (S. 205).

Durchführung und Auswertung des Fragebogens (S. 216-277):In der Hauptstudie wurden 367 Schüler/innen der 7. Klasse Realschule befragt: 89,37% (n=328) hatten Geschwister, 101 davon waren älteste Geschwister. Der für die vorliegende Studie entwickelte Fragebogen (im Anhang des Buches angefügt) enthielt soziodemographische Fragen, Fragen zur häuslichen Situation bei Abwesenheit der Eltern, Fragen zur Spielsituation in der Familie, Fragen zum Thema Lernen in der Familie. Im vierten und letzten Teil hatten die Schüler/innen die Aufgabe ihre „Familie in Tieren“ zu zeichnen – diese Zeichnungen wurden aber nicht ausgewertet. Zu den Gütekriterien des Fragebogens erfolgen abschließend knappe Hinweise zur Auswertungs- und Durchführungsobjektivität.

Es werden – ausgehend von der Vermutung, „dass sich die elterliche Zuwendung gegenüber den ältesten Kindern auf die Beziehung unter Geschwistern auswirkt“ (S. 227) 11 Hypothesen (S. 227-231) formuliert und begründet. Die anschließende Auswertung der Daten ist unterteilt in einen allgemeinen Teil und je einen Teil mit Fragen bzw. Daten zum Spielen und zum Lernen. Die deskriptive Darstellung wird durch Säulendiagramme ergänzt.

Die in der Zusammenfassung des Fragebogens (S. 275 ff.) aufgeführten Ergebnisse zeigen, dass Kinder, wenn die Eltern abwesend sind, zu einem „hohen Anteil (32%) selbst bestimmen“ oder aber die älteren Geschwister „bestimmen“ (31%). Gemeinsames Verhandeln der Geschwister kommt vor, ist aber nicht die Regel. Älteste Brüder sind im Haushalt dominanter als älteste Schwestern. Diese übernehmen eher die Betreuung der jüngeren Geschwister als die ältesten Brüder. Geht es um das Gespräch über Probleme, handeln die Kinder geschlechtsspezifisch: Mädchen sprechen eher mit der Mutter, Brüder mehr mit dem Vater. Die meisten Eltern spielen mit ihren Kindern, am häufigsten mit dem jeweils jüngsten Kind und eher mit den Söhnen als mit den Töchtern. Eltern sind insbesondere an den Wochenenden Spielpartner ihrer Kinder, während der Woche übernehmen dies eher die Geschwister. Freunde sind vorzugsweise unter der Woche am Nachmittag Spielpartner und alle Kinder spielen lieber mit ihren Freunden als mit ihren Geschwistern. Beim Thema Lernen sind es größtenteils die Eltern, die zuständig sind.

Durchführung der narrativen Vignetten (S. 279-292). Narrative Vignetten stellen eine Spezialform des narrativen Interviews in schriftlicher Form dar (Fragen im Anhang aufgeführt): Die Teilnehmenden wurden in den Seminarveranstaltungen des Autors rekrutiert. An der Studie nahmen 82 Studierende teil (19 – 27 Jahre), 80 von ihnen hatten Geschwister. Die freiwillig Teilnehmenden konnten an sieben Terminen ihre Reflexionen zu Basistexten niederschreiben. Gefragt wurde nach verschiedenen Aspekten der Kindheit und Jugend. Welche Aspekte sie auswählten blieb ihnen überlassen, ebenso konnten sie frei entscheiden, wie detailliert sie ihre Erinnerungen beschreiben. Die Vignetten enthielten soziodemografische Angaben, Beschreibungen der Rolle, die Geschwister der Befragten während der Kindheit spielten, Angaben zur Aufgabenverteilung in der Familie, zur Bedeutung von Geschwistern und Freunden, zu Lernsituationen und Spielsituationen. Ergänzend wurde nach Erfahrungen möglicher Ungleichbehandlung durch die Eltern gefragt. Auf den Seiten 299 bis 339 ist die Auswertung dieser Vignetten dokumentiert und durch Beispiele veranschaulicht.

Zu Teil E Zusammenfassung, Vergleich und Interpretation der Ergebnisse

Im Abschnitt Vergleich und der Interpretation der Ergebnisse verweist der Autor einleitend auf Besonderheiten, die bei der Interpretation der Ergebnisse „bedacht werden müssen“: die beiden untersuchten Gruppen sind unterschiedlich alt – Kinder und Jugendliche der Befragung durchschnittlich 13,2 Jahre; die „Vignetten-Probanden“ als junge Erwachsene durchschnittlich 22,1 Jahre – und stammen zudem aus unterschiedlichen Bildungsschichten. Ebenso deutlich ist der Unterschied bei der Verteilung der Geschlechter und beim Migrationshintergrund. Ein weiteres Hindernis der Ergebnisinterpretation ergibt sich aus der unterschiedlichen zeitlichen Perspektive: die Realschüler beschrieben ihre aktuelle Familiensituation, die Studierenden blickten zurück und berichteten über eine in der Vergangenheit liegende Phase ihrer Entwicklung. Trotzdem werden die beiden Auswertungen „in Verbindung gebracht“ (vgl. S. 341f). Im anschließenden Text werden die vorab aufgestellten Hypothesen verifiziert (1-3, 4-6) bzw. nur teilweise verifiziert (7-11).

Zu Teil F Am Anfang ist Beziehung

In einer resümierenden Betrachtung wird das Thema der Arbeit „Geschwister als Erzieher?“ erneut aufgegriffen (S. 361). Betont wird nochmals die Bedeutung von Familie und Geschwistern als Sozialisationsinstanzen. Als Ergebnis der Untersuchung wird die „Erkenntnis, dass für die Befragten Geschwister den Lebensverlauf positiv bereichern, ihre jüngeren Geschwister nicht nur in den untersuchten Lebenssituationen, sondern generell zentrale Bedeutung besitzen und sie davon überzeugt sind, dass es prinzipiell besser sei, mit Geschwistern aufzuwachsen“ (S. 361) resümiert. Zu Recht stellt der Autor fest: das „Zusammenführen der Ergebnisse [beider Befragungen] kann als problematisch diskutiert werden“ (S. 362). Er ist allerdings der Meinung, dass es sich um ein lohnendes Unterfangen handelte – da die „gewonnene[n] Ergebnisse [...] sich oft gegenseitig bestätigt [haben]“ (S. 362). Des Weiteren werden hier Themen neu eingeführt, die sich aus den narrativen Vignetten ergeben haben, in der Fragebogenstudie aber nicht erfragt wurden, wie z.B. die Rolle, die der Freundeskreis der Eltern für den Freundeskreis der Kinder hat und Überlegungen zur Qualität der Eltern-Kind-Bindung. Zum Thema Geschwister als Erzieher heißt es abschließend: „Älteste haben kein Erziehungsziel und keine Erziehungskonzepte. Sie imitieren das erzieherische Verhalten der Eltern [… sie] wenden die Erziehungsmethoden der Eltern mit den bekannten Erziehungsmitteln an; trotzdem entsteht eine von den Eltern unabhängige Geschwisterdynamik und ein eigener Erziehungsprozess“ (S. 371).

Ausblick (S. 372-375):Hier wird auf die Weite des Feldes der Geschwisterforschung verwiesen, die dazu führt, dass Fragen offen bleiben müssen. Der Autor regt die zukünftige Bearbeitung von Fragen nach der Gestaltung der Geschwisterbeziehung des Ältesten nach Geburt des zweiten Kindes, zu Geschwistersubsytemen, zu Fragen zur Bindung zwischen Geschwistern, der Geschwisterbeziehungsdynamik unter dem Aspekt der Förderung und Stabilisierung in Krisensituationen an.

Diskussion

Die vorliegende Dissertationsschrift hat zum Ziel, auf fast 400 Seiten, mittels Literaturanalyse und zweier empirischer Untersuchungen aufzuzeigen, in wieweit Geschwister als Erzieherinnen und Erzieher für ihre Geschwister wirken. Der umfangreiche, breit angelegte theoretische Teil führt allerdings nicht dazu, die empirischen Studien als Möglichkeiten der datengestützten Antwort auf die Forschungsfrage vorzubereiten. Generell fällt es in der Vielzahl der in den Teilen A – C thematisierten theoretischen Bezüge und Ansätze schwer, eine klare Struktur zu entdecken. Es kommt zu Redundanzen. Der vom Titel her zentrale Erziehungsbegriff wird allenfalls ansatzweise geklärt. Man vermisst Zusammenfassungen und Überleitungen, die Orientierung bieten könnten.

Nicht überzeugend ist der empirische Teil der Dissertation. Bei der Auswahl der Stichproben geht der Autor leider nicht darauf ein, auf welchem Hintergrund die Entscheidung zur Auswahl der Realschüler (7. Klasse, Alter 13 – 15 Jahre) für die Fragebogenstudie und der Studierenden (19 – 27 Jahre) für die narrativen autobiografischen Erzählungen getroffen wurde und wie diese Auswahl im Hinblick auf die Forschungsfrage (S. 15) zu begründen ist. Gütekriterien werden lediglich kurz diskutiert.

Die Darstellung der Ergebnisse erfolgt deskriptiv und wird durch Säulendiagramme ergänzt. Die Aussagen zu Häufigkeitsunterschieden erfolgen faktisch ohne Signifikanztestung. Beispiel S. 277: „Auffallend ist, dass die ältesten Geschwister jüngere Geschwister insgesamt eher unterstützen, wenn die Eltern nicht mit den Ältesten lernen (83,3%) als wenn sie mit ihnen lernen (80,5%)“. Bei der weiteren Interpretation verweist der Autor selbst auf die Besonderheiten der beiden Stichproben (s.o., S. 341 f.). Damit wird deutlich, was eigentlich bereits bei der Stichprobenauswahl hätte berücksichtigt werden müssen. Eine Diskussion der Reichweite der auf beiden Stichproben beruhenden Ergebnisse fehlt leider. Auch wird auf den wohl eher explorativen Charakter der Studie(n) nicht eigegangen. Es ist damit auch zu fragen, ob und inwiefern die Ergebnisse der beiden Studien wirklich in Beziehung gesetzt werden können. Es ist z.B. zu erwarten, dass das unterschiedliche Bildungsumfeld der Familie das Familienleben und das elterliche Engagement – insbesondere in den Bereichen Lernen und Spielen – bestimmt und zu deutlich unterschiedlichen Ergebnissen führen kann. In den Interpretationen der Ergebnisse findet die Heterogenität der beiden Stichproben keinen erkennbaren Niederschlag. So sind z.B. das abschließende Ergebnis zu Geschwistern als Erzieher „ … trotzdem entsteht eine von den Eltern unabhängige Geschwisterdynamik und ein eigener Erziehungsprozess“ (S. 371) oder die Schlussfolgerung, dass „Geschwisterbeziehungen ebenso wie Elternbeziehungen für spätere Lebensbeziehungen prägend sind“ (S. 361) sind nicht aus den Studien ableitbar und als Ergebnis der Literaturanalyse als von geringem Neuigkeitswert anzusehen. Eine abschließende Zusammenfassung und kritische Einordung der Ergebnisse und deren Reichweite fehlt, auch eine Antwort auf die eingangs formulierte Forschungsfrage.

Fazit

Die beiden Studien – Fragebogen-Studie und narrative Vignetten -erscheinen nur beschränkt geeignet, zur Beantwortung der Forschungsfrage beizutragen. Das Design der Studie (Stichprobenauswahl), die Datenanalyse und die Ergebnisinterpretation wirken wenig konsistent und stringent. Eine abschließende Zusammenfassung und kritische Einordung der Ergebnisse und deren Reichweite fehlt, auch eine Antwort auf die eingangs formulierte Forschungsfrage. Alles in Allem entsteht der Eindruck, dass hier möglicherweise verschiedene Einzelarbeiten nachträglich zu „einem Ganzen“ zusammengefügt wurden. Dieser Versuch ist – aus meiner Sicht – nicht gelungen.


Rezensentin
Prof. Dr. Klaudia Winkler
Ostbayerische Technische Hochschule Regensburg, Fakultät für Angewandte Sozial- und Gesundheitswissenschaften, Lehrgebiete Klinische Psychologie und Entwicklungspsychologie
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Zitiervorschlag
Klaudia Winkler. Rezension vom 12.07.2017 zu: Tillmann F. Kreuzer: Geschwister als Erzieher?! Bedingungsgefüge, Beziehung und das erzieherische Feld. Verlag Ferdinand Schöningh (Paderborn) 2016. ISBN 978-3-506-78410-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21327.php, Datum des Zugriffs 19.11.2019.


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ISSN 2190-9245

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