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Claude-Hélène Mayer, Stephan Wolting (Hrsg.): Purple Jacaranda (transcultural identity development)

Cover Claude-Hélène Mayer, Stephan Wolting (Hrsg.): Purple Jacaranda. Narrations on transcultural identity development. Waxmann Verlag (Münster, New York) 2016. 243 Seiten. ISBN 978-3-8309-3350-2. D: 19,90 EUR, A: 20,50 EUR.
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Thema

Interkulturelle und transkulturelle Erfahrungen sind einzigartig und lassen sich deshalb nicht befriedigend in allgemeinen Modellen oder Fallstudien abbilden. Dieses Buch lässt Betroffene ihre eigenen Geschichten erzählen. Wir begleiten Menschen bei ihren Erfahrungen in verschiedenen Kulturen, wie sie sich ihren Herausforderungen stellen und eine neue, transkulturelle Identität entwickeln. Wir beobachten sie, wir fühlen mit ihnen, wir denken mit ihnen und nehmen Anteil an ihren Wahrnehmungen.

Herausgeberin und Herausgeber, Autorinnen und Autoren

Claude-Hélène Mayer ist Privatdozentin im Fach Arbeits-, Organisations- und Kulturpsychologie an der Europauniversität Viadrina, Frankfurt/Oder, und wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Rhodes University in Grahamstown, Südafrika. Daneben arbeitet sie am Institut für interkulturelle Praxis und Konfliktmanagement als interkulturelle Trainerin, Beraterin und Coach in Deutschland und Südafrika.

Stephan Wolting ist Professor an der Fakulät für angewandte Sprachwissenschaften der Adam-Mickiewiecz Universität, Poznan, Polen, mit dem Schwerpunkt Literatur- und Kulturwissenschaft und arbeitet als Trainer für interkulturelle Kompetenzen, insbesondere für Dozenten und Künstler.

Die Geschichten im Buch wurden von den beiden Herausgebern und 18 weiteren AutorInnen verfasst, deren Biographien wir im Anhang des Buches finden.

Aufbau und Inhalt

Nach zwei einführenden Essays der Herausgeber sind die 19 Geschichten unter vier Überschriften gegliedert:

  1. Reflexionen über transkulturelle Identitätsentwicklung
  2. Erfahrungen im transkulturellen Arbeits- und Studienkontext
  3. Bikulturalismus, Zweisprachigkeit und Third Culture Kids
  4. Migration und transkulturelle Identitätsentwicklung

Die Jacaranda ist ein Palisanderholzbaum, der für seine lila blühenden üppigen Baumkronen bekannt ist. Claude-Hélène Mayer reflektiert, wie der Baum von Argentinien nach Pretoria importiert und in Südafrika heimisch wurde. Sie überlegt, was die Identität eines solchen Baumes geformt haben könnte, wie die neue Umgebung ihn beeinflusst und ihn im Einklang mit anderen Bäumen zum Wahrzeichen der Stadt gemacht hat. Daraus formuliert sie die Leitfrage des Buches: Wie entwickeln andere Menschen ihre Identität im Kontext neuer Begegnungen und ihrer Umgebung?

Das Beispiel von Malala Yousafzai, des pakistanischen Mädchens, die von den Taliban in den Kopf geschossen wurde, weil sie in die Schule gehen wollte, zeigt zum einen, wie ihre Geschichte die ganze Welt bewegt hat, und zum anderen, wie wichtig und inspirierend individuelle Lebensgeschichten für die Gesellschaft sein können. Jeder hat eine eigene Geschichte, und die Erinnerung daran beeinflusst unsere Identität. Mayer und Wolting argumentieren, dass es eine ganze enge Verbindung zwischen autobiographischer Erinnerung und Fiktion gibt, und möchten mit den Geschichten in diesem Buch die Leser inspirieren, sich damit zu identifizieren und im besten Falle ihre eigene Geschichte aufzuschreiben. Geschichten, autobiographische und fiktionale, haben die Macht unsere Erinnerungen auf eine besondere Art und Weise lebendig zu halten und eine neue Weltsicht zu gestalten.

Die folgenden autobiographischen Erzählungen der Autoren machen Migrationserfahrungen, den Umgang mit Identitätszweifeln, Lernprozessen und Herausforderungen lebendig. Sie berichten von Wahrnehmungen und Erlebnissen in Kulturen wie Deutschland, Polen, Ungarn, Frankreich, Südafrika, Nordamerika, Indien oder Japan, von denen hier ein paar exemplarisch herausgegriffen seien:

So lesen wir, wie zwei junge Muslimas in Canada ihre Identität mit sich selbst aushandeln und sich und ihren Lebensstil unter dem Einfluss unterschiedlicher Reaktionen auf ihre Religion, das Kopftuch (Hijab) und die Verschleierung (Niqab), ausprobieren. Der Hijab als Knoten getragen verspricht beispielsweise eine bessere Integration in die westliche Welt, trifft aber auf scharfe Kritik bei anderen Muslimen.

Der Südafrikaner Aden-Paul Flotman erzählt, wie er im Südafrika der 1980er Jahre unter seiner hybriden Identität litt, als er feststellte, dass er bei den Schwarzen durch seine Ambitionen und die englische Sprache, bei den Weißen hingegen durch seine Hautfarbe herausstach und damit nirgends so richtig dazugehörte.

Dominika Krystofowicz zeigt uns, wie ihr ein Aufenthalt in Paris erst eine differenzierte Wertschätzung ihrer Heimat Polen ermöglichte und beschreibt, wie sie begann sich Fragen zu stellen, wie: „Ist Polen wirklich so schlimm? Gibt es denn gar nichts, das ich mag, das ich vermisse?“

Ulrich van der Heyden lässt uns an seinen Erlebnissen, seiner Forschung und seinen Überlegungen zum Rassismus und Anti-Rassismus in Ost-Deutschland und im vereinten Deutschland teilhaben. Er kommt zu dem Schluss, dass sowohl der Rassismus als auch der Anti-Rassismus in Deutschland von erfundenen historischen Fakten und unsinnigen Argumenten informiert sind, die oft vorurteilsbehaftet von einer Veröffentlichung zur nächsten weitergereicht werden.

Chats, Briefwechsel und Monologe junger Indern, die in Polen leben, illustrieren deren Erfahrungen, Beobachtungen und Verwunderungen in der Kunstszene, am Strand, mit polnischen Traditionen und der Sprache.

Clifford Clarke gewährt uns einen Einblick in die Entwicklung seiner transkulturellen amerikanischen und japanischen Identität in seiner Jugend, durch seine Karriere und seine Ehen.

Ashutosh Kumar folgt seiner Frau aus dem vielfältigen, multilingualen und multikulturellen Indien in ein nüchternes, einsprachiges Polen und beschreibt die Unterschiede, die ihm auffielen und die ihm dazu verhalfen ein ganzheitlicheres Bild seines eigenen Landes zu entwickeln. Er endet mit einem Appell an den Westen, differenzierter über andere Kulturen zu lernen und sich nicht von vereinfachten, verzerrten oder exotischen Bildern der Medien beeinflussen zu lassen, denn „der Westen ist einer Machtposition gegenüber anderen Teilen der Welt“ und „mit Macht geht auch Verantwortung einher“.

Diskussion

Die Geschichten sind vielfältig in ihrem Inhalt und in ihrer Sprache und können damit auch unterschiedliche Leserinteressen ansprechen. Manche Geschichten vermögen uns mehr als andere zu berühren, je nach unseren eigenen Erfahrungen oder Wahrnehmungen. Einige Beiträge informieren, einige öffnen die Augen, andere stimmen nachdenklich. Das Buch richtet sich an Leser, die transkulturelle Erfahrungen gemacht haben, aber auch solche, die sich für Identitätsentwicklungen und -konflikte interessieren und hinreichend Aufgeschlossenheit und Geduld mitbringen, sich auf verschiedene Geschichten, Gedanken und Reflexionen einzulassen und selbst für sich weiterzudenken. Diese Geschichten sind qualitative Berichte aus erster Hand mit dem Vermögen und der Sprache, Entwicklungen und Problematiken sichtbar und emotional erlebbar zu machen, die Vorstellungskraft des Lesers zu wecken und innere Auseinandersetzungen mit anderen zu teilen. Das Buch verzichtet auf die wissenschaftliche Interpretation der qualitativen Forschung. Die Geschichten sprechen für sich, und wir können sie für uns selbst lesen. Lediglich Freude am Nachdenken über das Leben in anderen Kulturen ist erforderlich, um das Buch genießen und etwas daraus lernen zu können.

Fazit

Mayer und Wolting haben zusammen mit 18 weiteren Autoren 19 sehr unterschiedliche Geschichten individueller transkultureller Erfahrungen, Wahrnehmungen und Identitätsentwicklungen zusammengestellt. Das Ganze ergibt einen Pool geteilter Erinnerungen aus erster Hand und einen Einblick in die Herausforderungen, Freuden und Gefühle, die transkulturelle Identitäten erleben und meistern müssen. Die individuellen Wege und Lösungen können Mut machen, als Modell oder auch einfach der tieferen Einsicht dienen.

English version, translated from German version by the reviewer

Topic

Intercultural experience is unique and can rarely be projected in universal models and case studies. This book lets 18 individual authors tell their own stories. We accompany these people as they experience cultures, grow up in search of a new identity and reinvent themselves. We observe them, feel with them and share their thoughts and perceptions.

Editors and Authors

Claude-Hélène Mayer is an adjunct professor at the Europa Universität Viadrina, Frankfurt/Oder, Germany and a senior research associate at the Rhodes University in Grahamstown, South Africa. She works as an intercultural trainer, consultant and coach at the Institut für Interkulturelle Praxis und Konfliktmanagement in Germany and South Africa.

Stephan Wolting is a professor at the Department of Applied Linguistics at the Adam-Mickiewiecz University, Poznan, Poland, with a focus on literature and culture. He also works as a trainer in intercultural competencies, especially for university teachers and artists.

The stories in this book are written by the two editors and 18 contributing authors, whose biographies we find in the appendix.

Structure and Contents

After two introductory essays by the editors the stories are grouped into four sections:

  1. Reflections on transcultural identity development
  2. Experiences in transcultural work and study contexts
  3. Biculturalism, bilingualism and third culture kids
  4. Migration and transcultural identity development

Claude-Hélène Mayer reflects how the jacaranda tree, which is known for its canopy of purple blossoms, was imported from Argentina to grow in Pretoria´s gardens and alleys. She ponders what would have shaped the identity of such a tree, how the environment has influenced it and, in tune with other trees, has turned it into the emblem of the city. This frames the leading questions of this book: How do other people develop their identity in the context of new encounters and their environment?

The example of Malala Yousafzai, the Pakistani girl that was shot in her head by the Taliban, because she wanted to go to school, shows, how a life story can move the world, and how important and inspiring individual life stories can be for society. Each of us has their own story, which shapes our memories and hence our identity. Mayer and Wolting observe a close relationship between autobiographical memories and fiction, and they would like to inspire their readers to identify with the stories and at best write down their own story. Stories, whether autobiographical or fictional, have the power to keep our memories alive in a unique way and thus create a changed view of the world.

The autobiographical stories that follow tell of first hand migration experiences, about doubting one´s identity, learning processes and challenges. They relate their lives and perceptions in cultures like Germany, Poland, Hungary, France, South Africa, North America, India or Japan, some of which are mentioned below by way of example.

We read about how two Canadian-Muslim women struggle with their identities under the influence of various reactions to their religion, their hijab and niqab as physical expressions of their faith, which they vary in different fashions and styles. Wearing no hijab or wearing it in a bun allows for a better integration into Western lifestyle but meets with criticism of other Muslim migrants for not being a „real“ Muslim.

Aden-Paul Flotman tells us about conflicts with his hybrid identity in the 1980s, when he realised that as an English speaking black South-African he did not quite belong to the black community due to his language and upbringing nor did he belong to the white community due to his skin colour.

Dominika Krystofowicz shows, how the stay in Paris finally made it possible for her to appreciate her home country Poland and describes how she eventually started to ask herself questions like „Is Poland really that bad? Isn´t there anything I like? Things I miss?“

Ulrich van der Heyden shares his experiences, his research and his reflections about racism and anti-racism in Eastern Germany and in a unified Germany. He concludes that racism as well as anti-racism in Germany have been informed by invented historical facts and senseless arguments that are passed on together with calumnies from one publication to the next.

Chats, letters, emails and monologues allow us to witness observations and perceptions Indians living in Poland go through in the art scene, at the beach and with Polish traditions and language.

Clifford Clarke lets us participate in his development of a transcultural American and Japanese identity in his youth, his studies, his career and his marriages.

Ashutosh Kumar follows his wife from the colourful, diverse, multilingual and multicultural India to a more sober, monolingual and catholic Poland and describes the differences he observed and which helped him develop a more holistic image of his own country. He closes with an appeal to the West to do more about educating themselves about the world and not to rely too much on general, „exoticised“, simplified and distorted narratives as often presented and reinforced by the media. „The West is in a position of power to other parts of the world“ and „with power comes responsibility.“

Discussion

The stories are diverse in substance as well as style and can thus address different reader interest. Some stories will resonate more than others depending on the respective transcultural experience and attitude. Some are informative, some are eye-openers, others make you think. The book targets readers with intercultural experiences as well as those who are interested in transcultural identity development and are open and patient to embark on individuals´ stories, their thoughts and reflections and develop them further. The stories are first hand qualitative accounts with the power and the language to bring development issues to life, to kindle the reader´s imagination and to share individual struggles with others. There is no need to interpret them through the lens of academic scholars, as it is done in qualitative research, they speak for themselves, and the reader can read them for him or herself. As a  reader you should take some pleasure in reflecting about cultural identity development and life in other cultures in order to enjoy and benefit from the book.

Summary

Together with 18 contributing authors Mayer and Wolting have compiled 19 quite diverse individual transcultural accounts, perceptions and identity developments. That gives us a pool of first hand shared experiences with a glimpse into the joys, challenges and emotions that transcultural individuals encounter and have to cope with. The unique ways and solutions can encourage us, serve as role models or lead to deeper insight.


Rezensentin
Dipl.-Kfm. Tatjana van de Kamp
MA (Arbeits- und Organisationspsychologie)
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Alle 59 Rezensionen von Tatjana van de Kamp anzeigen.

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Zitiervorschlag
Tatjana van de Kamp. Rezension vom 30.01.2017 zu: Claude-Hélène Mayer, Stephan Wolting (Hrsg.): Purple Jacaranda. Narrations on transcultural identity development. Waxmann Verlag (Münster, New York) 2016. ISBN 978-3-8309-3350-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21329.php, Datum des Zugriffs 14.11.2019.


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