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Hans-Jürgen Hohm: Soziale Systeme, Kommunikation, Mensch

Hans-Jürgen Hohm: Soziale Systeme, Kommunikation, Mensch. Eine Einführung in soziologische Systemtheorie. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2016. 3., überarbeitete und erweiterte Auflage. 254 Seiten. ISBN 978-3-7799-2350-3. D: 19,95 EUR, A: 20,60 EUR, CH: 27,90 sFr.
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Thema

Das vorliegende Buch orientiert sich primär an der soziologischen Systemtheorie, wie sie von Niklas Luhmann vertreten wurde. Der Autor verzichtet dabei aber auf die wissenschaftshistorische Rekonstruktion der unterschiedlichen Entwicklungsphasen systemtheoretischer Ansätze und orientiert sich auch nicht an Beratung und Intervention in soziale Systeme oder ihre Akteure. Stattdessen versucht der Verfasser die Eigenkomplexität der soziologischen Systemtheorie Luhmanns zu reduzieren, indem er sich vornehmlich auf die Beobachtung der modernen Gesellschaft beschränkt und Einzelaspekte der Theorie Luhmanns an der einen oder anderen Stelle anders zu gewichten bzw. zu ergänzen sucht. Anhand von aktuellen Fallbeispielen illustriert der Autor im Verlauf des Buches die operative Verwendung der soziologischen Systemtheorien.

Autor

Der Autor lehrt als Honorarprofessor der Hochschule Rhein-Main Wiesbaden sowie der Katholischen Hochschule Freiburg Soziologie und Politikwissenschaft und ist Lehrbeauftragter an der Alice-Salomon-Hochschule Berlin. In seinen Forschungen und Publikationen analysiert er die Teilsysteme der heutigen Gesellschaft. Dabei stehen die Beobachtungen von Inklusion/Exklusion im Kontext des Lebenslaufs, Konfliktsysteme der Gesellschaft, die Entwicklung der Funktionssysteme Politik, Verkehr, Pflege, Soziale Hilfe etc., sowie die ambivalente Dynamik der Städte im Mittelpunkt seines Forschungsinteresses.

Aufbau

Das Buch gliedert sich in vier unterschiedliche Abschnitte.

  1. Im ersten Abschnitt „soziale Systeme“ stellt der Autor Luhmanns Systemtheorien in den Kontext der sozialen Wirklichkeit der modernen Gesellschaft.
  2. Im folgenden Abschnitt wendet sich der Autor dem Thema „Kommunikation und Kommunikationsmedien“ zu und erläutert die Bedeutung von Sprache, Verbreitungsmedien und Kommunikationsmedien für die heutige Gesellschaft, bevor er
  3. im dritten Abschnitt das Verhältnis von „sozialen Systemen und dem modernen Menschen“ ausführt. In diesem Abschnitt thematisiert er insbesondere die Inklusion und Exklusion von Personen und die Erwartungen sozialer Systeme an den modernen Menschen.
  4. Abschließend wendet sich der Verfasser im vierten Kapitel „Lebenslauf und Formen der Individualität“ der Transformation von Lebensläufen bzw. Lebenskarrieren zu und wirft anschließend die Frage auf, inwieweit das heutige Individuum den gesellschaftlichen Erwartungen an eine eigenständige Biografie gerecht werden kann.

Den Abschluss des Buches bildet ein Nachwort aus zehn Thesen, die sich der Frage widmen: Wieso soziologische Systemtheorie?

Zu I. Soziale Systeme

Im ersten Kapitel beschreibt der Autor in angemessener Kürze die Grundlagen der soziologischen Systemtheorie Luhmanns. Er erläutert dabei Begriffe wie System-Umwelt-Differenz, den Re-entry und ergänzt im Verlauf des Kapitels Luhmanns Typen sozialer Systeme (Interaktion, Organisation, Gesellschaft) durch die Unterscheidungen „flüchtige“ und „organisierte Interaktionssysteme“, sowie die Unterscheidungen „nationale Gesellschaft“ und „Weltgesellschaft“.

Darüber hinaus erläutert der Verfasser die Funktionssysteme der modernen Gesellschaft und illustriert die Bedeutung von systemspezifischen Leitdifferenzen am Beispiel des Politisch-Administrativen

Zum Abschluss des Kapitels wendet sich der Autor der Bedeutung von Konfliktsystemen zu. Er erklärt unterschiedliche Konfliktarten und hebt die Bedeutung von Konflikten für Erhalt und Weiterentwicklung sozialer Systeme hervor.

Zu II. Kommunikation und Kommunikationsmedien

Zu Beginn des zweiten Kapitels beschreibt der Verfasser die zentralen Grundannahmen des Kommunikationsbegriffs aus Sicht der soziologischen Systemtheorie. Aus ihrer Perspektive besteht Kommunikation aus der dreifachen Selektion von Information, Mitteilung und Verstehen und bildet die Grundoperation sozialer Systeme.

Auf Grundlage dieser dreifachen Selektion erläutert der Autor die Unwahrscheinlichkeit von gelingender Kommunikation und beschreibt die Bedeutung, die Kommunikationsmedien wie Sprache, Schrift und Massenmedien haben. Zum Ende des Kapitels thematisiert der Verfasser die symbolisch generalisierten Kommunikationsmedien (Erfolgsmedien). Er beschreibt ihre generelle Funktionen Differenzierung von Medium und Form anhand des Beispiels Eigentum/Geld.

Zu III. Soziale Systeme und der moderne Mensch

Im dritten Kapitels wendet sich der Verfasser der Frage zu wie es dem modernen Menschen als organisch-psychischem System gelingen kann, an funktional differenzierten Gesellschaften teilnehmen zu können. Um dies erläutern zu können, greift der Verfasser zuerst auf Luhmanns Beobachtungsweise des Menschen zurück, in der es „den Menschen“ als unteilbare Ganzheit nicht gibt, sondern als Person, als biologisches und als psychisches System betrachtet wird.

Die Teilnahme an den unterschiedlichen Funktionssystemen geschieht über Inklusion, bzw. Exklusion. Im weiteren Verlauf seiner Erklärung weicht der Verfasser auch hier vom „Mainstream innerhalb der Systemtheorie“ ab (S. 144) und führt die Begriffe „Primär- und Sekundärinklusion“, bzw. „Primär- und Sekundärexklusion“ ein und erläutert diese, genauso wie die Begriffe „Laien-“ und „Leistungsrollen“ und „unitarische“ bzw. „Insassenrollen“.

Abschließend erörtert der Autor die Funktion von Erwartungen für soziale Systeme. Durch ihre kommunikative Autopoiesis gelingt es sozialen Systemen soziale Strukturen in Form von Erwartungen und Erwartungserwartungen auszudifferenzieren. Diese Erwartungen beziehen sich auf persönliche Erwartungen, Erwartungen an Rollen, programmspezifische Erwartungen und Erwartungen durch Werte.

Zu IV. Lebenslauf und Formen der Individualität

Im abschließenden vierten Kapitel beschreibt der Autor zunächst einmal die wichtigsten Strukturmerkmale des institutionalisierten Lebenslaufes, der bis in die 1950 er und 1960 er Jahren sich als eine relativ standardisierte, irreversible und normative Sequenz in den Lebensläufen wieder findet. Im Anschluss daran beschreibt der Verfasser den de-institutionalisierten Lebenslauf, der seit der Mitte der 1960er Jahre als Folge der Differenzierung der modernen Funktionssysteme die Bindung des Individuums in sozialer, zeitlicher, sachlicher, und räumlicher Dimension aufhebt und zu Pluralität, Diskontinuitäten, und Komplexität von Lebensläufen führt.

Fazit

Mein Fazit des Buches:

  • wenig systemtheoretische Vorgeschichte, aber hinreichende theoretische Bezüge zu Niklas Luhmann und anderen systemtheoretisch orientierten Verfassern;
  • am Alltagsgeschehen und aktuellen gesellschaftlichen Fragestellungen orientierte Wortwahl, sowie illustrierende Beispiele.

Nichtsdestotrotz setzt das Buch beim Leser die Bereitschaft voraus, sich auf eine „Beobachtung der Welt“ durch die „abstrakte Brille der soziologischen Systemtheorie“ einzulassen.


Rezensent
Jörg Latuske
Unternehmens- & Kommunikationsberatung
Homepage www.kommunikationsarchitektur.com
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Zitiervorschlag
Jörg Latuske. Rezension vom 22.10.2017 zu: Hans-Jürgen Hohm: Soziale Systeme, Kommunikation, Mensch. Eine Einführung in soziologische Systemtheorie. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2016. 3., überarbeitete und erweiterte Auflage. ISBN 978-3-7799-2350-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21333.php, Datum des Zugriffs 13.12.2017.


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