socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Uwe Prell: Theorie der Stadt in der Moderne

Cover Uwe Prell: Theorie der Stadt in der Moderne. Kreative Verdichtung. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2016. 297 Seiten. ISBN 978-3-8474-0503-0. D: 29,90 EUR, A: 30,80 EUR.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand

über Shop des Verlags


Thema

Nun könnte man den Eindruck gewinnen, wir wüssten genug über die Stadt, über ihre Geschichte, ihre Veränderungen, über Urbanisierungsprozesse und über ihre Strukturprobleme. Sicher hat die Stadt als Forschungsgegenstand in den letzten zwei bis drei Dekaden einen Aufschwung erfahren. Immer mehr Disziplinen versuchen, die Stadt als analytische Kategorie zu fassen und in ihren wissenschaftlichen Kontext einzubetten und vor dem Hintergrund ihres Theorieverständnisses zu begründen. Und eine Theorie der Stadt wird immer auch ihren wissenschaftslogischen und -theoretischen Hintergrund erläutern müssen, vor dem sie entsteht.

Aber immer wieder tauchen bei der Analyse der Stadt neue Fragen und Zusammenhänge auf, die begründungswürdig sind und nach theoretischen Erklärungen verlangen. So, wie eine Stadt nie fertig ist, so ist ihre theoretische Durchleuchtung offensichtlich nie beendet.

Autor

Dr. Uwe Prell ist Privatdozent an der TU Chemnitz.

Aufbau

Nach einer Einleitung untergliedert sich das Buch in fünf Kapitel:

  1. Puzzleteile sortieren: Bausteine für ein neues Verständnis von Stadt
  2. Die erfreulichen Mühen der Ebene: ein Gang durch die Forschungsdisziplinen
  3. Stadt: Ein Vexierbild – ausgewählte Positionen
  4. Paradigmenwechsel: Stadt als Speicher von Wissen und Erfahrung
  5. Stadt – Kreative Verdichtung

Es folgt ein Schlusskapitel, Abbildungen und ein Literaturverzeichnis. In einem Anhang befinden sich weitere Ausführungen zu Definitionen, auf die noch eingegangen werden soll. Weiter folgen eine Sach-, Personen- und Ortsregister.

Zu: Einleitung. Apodiktische Fragen: Ein neuer Blick auf ein altes Problem

Was ist eine Stadt? Die Frage – so der Autor – scheint banal. Aber Reisen bildet. Wenn man sich in mehreren Kontinenten und Kulturkreisen aufgehalten hat, ist das, was Stadt ist, nicht mehr selbstverständlich. Das berichtet der Autor als Erfahrung. Abgesehen davon, dass auch in der Wissenschaft der Begriff der Stadt nicht eindeutig ist – die praktische Auseinandersetzung führt dann noch zusätzlich zu Irritationen. Der Autor setzt sich damit auseinander und fragt dann, was eine allgemeine Definition der Stadt eigentlich aussagt. Und was macht die Stadt in der Moderne aus? Der Autor identifiziert drei Megatrends und ein Prinzip, die er erläutert: Umweltbelastung, Urbanisierung, Digitalisierung und die technische Beschleunigung, die Beschleunigung des sozialen Wandels, und die Beschleunigung des Lebenstempos.

Der Autor geht dann auch auf den Modernisierungsprozess ein, den er mit Säkularisierung, Industrialisierung, Fortschrittsglaube, Rationalisierung, Autonomie der gesellschaftlichen Bereiche im Zuge funktionaler Differenzierung, Individualisierung und Domestizierung der Natur umschreibt.

Der Dreh- und Angelpunkt von Prells Überlegungen, ist die These, die Stadt neu zu sehen, nämlich als kreative Verdichtung. Damit sind drei Fragen verbunden:

  1. Lassen sich Städte so charakterisieren, dass sich aus ihren charakteristischen Eigenschaften allgemeine Aussagen über die Stadt machen lassen?
  2. Führt dies zu Merkmalen und Kriterien, die auf stadttheoretische Ansätze angewendet werden können und Vergleiche ermöglichen?
  3. Inwieweit sind diese Überlegungen praxisrelevant und führt die Verknüpfung von Theorie und Praxis dazu, die Städte besser zu verstehen?

Zu: I. Puzzleteile sortieren: Bausteine für ein neues Verständnis von Stadt

Kreative Verdichtung meint den Versuch, Städte in einer bestimmten Weise zu sehen, um das Typische zu erkennen und zu vergleichen. Und es geht darum, die zahlreichen Teilerklärungen besser einschätzen und nutzbar machen zu können. Wie lassen sich Erfahrungswissen und Reflexion stadttheoretischer Ansätze verknüpfen? fragt der mit Stadterfahrung getränkte Sozialwissenschaftler – nicht der nur mit Erfahrungswissen getränkte Bürger einer Stadt. Diese Verknüpfung führt dann zu Fragen wie:

  • Haben Städte eine Eigenlogik und wie ist diese bestimmbar?
  • Besitzt New York als Global City das Recht, die weltweite Ökonomie zu beeinflussen und was legitimiert diese Rolle?
  • Inwieweit wird das Leben durch diese Eigenlogik der Städte bestimmt oder durch den Staat, die Umwelt und durch die Beziehung zu anderen Städten?

Der Autor setzt sich dann mit unterschiedlichen Theorietypen auseinander und fragt nach Ursachen und Wirkungen. Er kommt dann zu Theoriekonstruktionen, wo er das Handeln der Akteure, die Strukturen, in denen sie handeln, Prozesse und Rückwirkungen diskutiert und als Bausteine der theoretischen Betrachtung in ihren Beziehungen und Wechselwirkungen erörtert.

Weiter werden Methoden der Exkursion und ihr Aufbau erörtert. Im Einzelnen diskutiert der Autor die empirisch-analytische Methode, die normativ-ontologische Methode, die kritisch-dialektische Methode, die empirische Analyse und die hermeneutische Deutung, um dann zu erklären, warum die Stadt ein unterschätzter Begriff ist.

Zu: Die erfreulichen Mühen der Ebene: ein Gang durch die Forschungsdisziplinen

Dieses Kapitel bietet einen Überblick über eine Reihe ausgewählter Disziplinen, die sich mit der Stadt beschäftigen, wie die Urbanistik, die Stadtsoziologie, die Ökonomie, die Geographie, die Stadt- und Raumplanung und die Architektur, die Rechts- und Geschichtswissenschaft, die Archäologie, die Altertumswissenschaft, die Landes- und Regionalgeschichte, die Philosophie und die Politikwissenschaft.

Diese Disziplinen werden mit ihren jeweiligen Verständnissen von Stadt und ihren Forschungsinteressen und Ansätzen ausführlich und detailliert vorgestellt und in einer Tabelle überblicksartig dargestellt. Dabei werden bei den einzelnen Disziplinen der Stadtbegriff, die Essenz (Kernbegriffe, Denkweisen) und die Schwächen benannt.

Zu: Stadt: Ein Vexierbild – ausgewählte Positionen

Hier werden einige Schlüsseltexte vorgestellt, die mit Aristoteles beginnen. Sein Stadtbegriff von der guten Stadt, die auch ein gutes Leben ermöglichen soll und deshalb gute klimatische und natürliche Bedingungen haben sollte, auch einen Tempelbezirk und einen Markt haben sollte, wird vom Autor ausführlich erläutert. In einem Schema werden die wichtigsten Kriterien benannt und erläutert und mit bestimmten Formulierungen entsprechend verbunden.

Auch Werner Sombarts Verständnis von Stadt wird erläutert und in seinen Dimensionen erfasst.

Natürlich kommt man an Max Weber nicht vorbei, wenn man die Stadt begreifen will und seine Stadtdefinitionen haben im Unterschied zu Sombart eine große soziologische Karriere gemacht, wenngleich der Begriff der Stadt eher kulturgeschichtlich aufgearbeitet ist und letztlich auf den zentralen Begriff des Marktes fokussiert ist. Auch hier werden die verschiedenen Text-Bezugsstellen mit Kriterien verbunden und erläutert.

Weiter werden auf diese Art der Stadtbegriff von Louis Wirth und Saskia Sassen, Ash Amin und Stephan Grahams diskutiert. Jürgen Friedrichs vollzieht einen radikalen Schritt, in dem er keine Stadtdefinition vorlegt, weil für ihn die Stadt ein soziales Laboratorium ist, in dem soziale Fragen fokussieren, weil sie für ihn bis heute nicht überzeugend definiert ist und weil sich eher eine Ausdifferenzierung städtischer Themen durchgesetzt hat (Jugend in der Stadt etc.)

Zu: Paradigmenwechsel: Stadt als Speicher von Wissen und Erfahrung

In der Tat ein Paradigmenwechsel – weg von der wissenschaftlichen Auseinandersetzung um die Stadt als Phänomen und analytische Kategorie, hin zu den Menschen, die in der Stadt leben. „Was bedeutet Stadt für Sie?“ fragte der Autor die Menschen. Wir haben es jetzt nicht mit einer methodisch gestützten Befragung zu tun, sondern mit Zufallsbegegnungen und der damit verbundenen Frage. Und dann findet man heraus, dass das Verständnis von Stadt nicht nur kulturellen Mustern folgt, sondern auch sprachlichen Mustern – und sicher ist Sprache ein Teil der Kultur. Der Autor zitiert eine Untersuchung mit dem Ziel einen Überblick über die Bedeutungsinhalte von Stadt in verschiedenen Sprachen zu gewinnen. Die Ergebnisse werden im Anhang zusammengefasst (s. u.). Die unterschiedlichen Bedeutungen, die mit dem Begriff Stadt verbunden werden, lassen auf fünf Merkmale schließen, die allen Stadtbegriffen eigen sind. Vier dieser Merkmale beschreiben letztlich ähnliche Eigenschaften, das fünfte Merkmal ist different. Es sind:

  • Stadt ist Verdichtung,
  • Stadt ist Vielfalt,
  • Stadt ist Einheit,
  • Stadt hat eine Struktur im Inneren und
  • Stadt ist Handeln.

Die Merkmale werden alle umfassend erläutert.

Während die ersten vier Merkmale mehr oder weniger Konsens sind, kommt dem fünften Merkmal – dem Handeln – eine Position zu, die in ihrer Vielfältigkeit, Differenziertheit und Komplexität in allen Städten sehr unterschiedlich ausgeprägt ist und wahrgenommen wird. Der Autor diskutiert dies im folgenden Kapitel unter dem Begriff der Kreativität.

Was aus der Sicht des Autors jetzt schon als theoretisches Fazit festgehalten werden kann ist folgendes:

  1. Die Stadt wird überwiegend in ihrer Struktur der Strukturiertheit wahrgenommen.
  2. Akteure der Stadt sind ihre Bewohner, ist ihre Bevölkerung, in der Polis das zoon politikon, in der mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Bürgerstadt der Bürger.
  3. Prozesse werden selten benannt. Im Griechischen sind es wohl institutionelle Aktivitäten, die chinesischen Städter sprechen eher von Wirtschaft oder die Hindi von Wohlstand, die Araber sprechen eher von Zivilisation.
  4. Rückwirkungen, die die Akteure durch ihr Handeln auf die Struktur auslösen, werden nicht benannt. Das erstaunt, sind es doch die Akteure, die die Stadt gestalten; es erstaunt wiederum nicht, wenn man bedenkt, dass die Stadt zunächst als bereits geschaffene Struktur wahrgenommen wird und ihre Veränderung nicht in Betracht gezogen wird.

Zu: Stadt ist kreative Verdichtung

Der Autor setzt sich zunächst noch einmal mit den fünf Merkmalen der Stadt – Dichte, Größe, Vielfalt, Einheit, Struktur – auseinander, bestimmt ihre begriffliche Herkunft und bringt sie mit den Stadtdefinitionen von Max Weber und Louis Wirth in Verbindung. In einer Tabelle werden sie übersichtlich veranschaulicht. Die Begriffe werden für essentiell gehalten und vom Autor in einer Rangordnung diskutiert. Keiner der Begriffe kann alleine hinreichend die Stadt definieren, aber jeder ist für die Definition der Stadt notwendig. Der Autor schlägt nun vor, Dichte mit dem Begriff der Kreativität zusammenzubringen, weil sie die Essenz des Stadtbegriffs sind. Dichte wird in allen Stadtdefinitionen für wichtig gehalten, aber was Dichte bedeutet, wird in der Regel nicht erläutert. Für ihn sind Dichte und Kreativität primäre Begriffe, während Einheit, Vielfalt und Struktur sekundäre Begriffe sind.

Der Begriff der Bevölkerungsdichte als das Verhältnis von Menschen zur Fläche wird nunmehr in seinen unterschiedlichen Dimensionen ausdifferenziert und in einer Tabelle dargestellt.

Im weiteren Verlauf wird der Dichtebegriff qualifiziert und in seinen unterschiedlichen historischen Deutungen und Interpretationen vorgestellt. Von Thomas Robert Malthus´ Bevölkerungsgesetz über Émile Durkheim, der den Begriff der Dichte mit Fortschritt verbindet und den Zusammenhang von materieller und moralischer Dichte formuliert, bis zu städtebaulichen Entwürfen von bebautem Raum heute findet man den Dichtebegriff nicht nur als quantifiziertes Verhältnis von Menschen zur Fläche, sondern sieht auch seine Auswirkungen auf die soziale Gestaltung der Stadt.

Der Stadt-Land-Dualismus ist dabei klassisch geworden; schließlich ist Dichte in der Stadt etwas anderes als im ländlichen Raum – wenn er dort überhaupt eine Bedeutung hat.

Die Wirkung von Dichte wird vom Autor mit guter und schlechter Dichte diskutiert und es wird noch einmal das Verhältnis von Fläche und Raum zur Einwohnerzahl erörtert. Dabei wird der Raumbegriff in Anlehnung an M. Held favorisiert, der den Raum von dem trennt, was in ihm geschieht. Es ist möglich, dass im Raum etwas stattfindet, was nicht zum Raum gehört. Damit wäre eine Differenzierung von Raum und Ort möglich und die Stadt als konkreter Ort beschreibbar, der sich mit anderen Orten und als Raum mit einer inneren Struktur vergleichen ließe. Und Räume haben nicht nur eine innere Struktur; sie haben auch Grenzen nach außen. Die mittelalterliche Stadtmauer war auch ein Symbol der Unterscheidung von Stadt und Land und es bedeutete einen deutlichen Unterschied, in einem der beiden Räume zu leben. Damit hat jede Stadt auch ihre je eigene Integrations- und Ausgrenzungslogik und wer die Bedingungen nennt, die man erfüllen muss, um dazu zu gehören, sagt gleichzeitig etwas über die Ausschlusskriterien aus. Wenn es darum ginge, das Dorf von der Stadt zu unterscheiden, dann muss Dichte auch mit Größe in Verbindung gebracht werden; denn nur ab einer bestimmten Größe und Dichte ist soziale Differenzierung möglich. Dann ist das Dorf eher mit Gemeinschaft assoziierbar und Stadt ist Gesellschaft. Der Autor geht auch auf die Kontaktintensität und ihre Folgen ein. Die Quantität der Kontakte bewirkt eine gewisse Qualität, die Form ist mit Inhalten dialektisch verbunden. All dies wird ausführlich erörtert und mit Beispielen untermauert.

Seine Überlegungen fasst der Autor zunächst so zusammen:

  • Differenzierte dynamische Raumstruktur: Siedlungen ab 2500 Einwohnern sollten als Städte in Betracht gezogen werden.
  • Ambivalente Transformationen: Dichte erhöht die Kontaktintensität, was der für die Stadt typischen Anonymität nicht widerspricht.
  • Einschluss-Ausschluss-Mechanismus: Der lenkt auf den Begriff der Grenze und meint nicht nur den Stadt-Land-Unterschied, sondern auch die Frage, wer ausgrenzt und warum jemand oder etwas ausgegrenzt wird.

Der Autor beschäftigt sich dann dezidiert mit dem Begriff der Kreativität.

Handeln wird im Zusammenhang mit dem städtischen Lebensstil und der Urbanität in Verbindung gebracht, wie sie sich historisch entwickelt hat und auch den Stadtbegriffen meistens inhärent ist.

Was Handeln ist und welchen Bedingungen es unterliegt, wird zunächst ausführlich erklärt, bevor auf die besonderen Herausforderungen der Kreativität eingegangen wird. Dazu wird der Begriff der Kreativität zunächst ausführlich erörtert, der kreative Mensch, die kreative Gruppe, der Begriff in den Sozialwissenschaften sowie die Dimensionen und Kriterien kreativen Handelns werden diskutiert. Danach geht es um Transformationen versus Doxa und Habitus. Das Habitus-Konzept von Pierre Bourdieu steht auf dem Prüfstand und das von Berking entwickelte Konzept der Doxa, unter der er „jene auf Fraglosigkeit und Vertrautheit basierende ‚natürliche‘ Einstellung zur Welt“ versteht, die jemanden praktisch und mit Prinzipien des Handelns, Bewertens und Urteilens versorgt.

Der Autor will hingegen der Kreativität den Vorzug gegenüber Habitus und Doxa geben. Kreativität versteht er dabei als die ständige Reorganisation unserer Verhaltensgewohnheiten Es geht um einen Prozess, in dem Verhaltensgewohnheiten, die alltäglichen Gewissheiten, das Hintergrundwissen ebenso aufgehoben sind wie das Querdenken, um besondere Herausforderungen zu bewältigen.

Die Kombination der Begriffe Verdichtung und Kreativität beschreibt den Kern des Stadtverständnisses von Prell, das er im weiteren Verlauf erläutert. Verdichtung heißt hier auch Komplexität und Vielschichtigkeit der Beziehungen, der Verhaltensweisen und der Spannungen, die durch Widersprüchliches, Ambivalentes und Unerwartetes entstehen. Der Autor bezieht sich dabei auf Simmel und seine Beschreibung der Reaktionen der Menschen auf das Großstadtleben.

Weiter geht der Autor auf die Heterogenität ein, auf die Verschiedenartigkeit der Menschen, auf ihre Mischung, auf Divergenz und Differenz, auf die Buntheit und auch auf die Vorstellungen der jeweils anderen. Hier geht es noch nicht einmal um kulturelle Vielfalt und um die erforderlichen Fähigkeiten, mit Fremdheit umzugehen. Es geht einfach um die Vielfalt unterschiedlicher Menschen.

Funktionale Differenzierungen waren für die Stadt schon immer typisch. Bereits der städtische Handwerker im Mittelalter war darauf angewiesen, dass er auf dem Markt Dinge erwerben musste, der er nicht mehr selbst produzierte. Arbeitsteilung ist ein für die Stadt typischer Prozess. Einen weiteren Prozess der funktionalen Differenzierung sieht der Autor in der Differenzierung von Religion und Politik, die auch zu räumlichen Separierungen und Verortungen in der Stadt führte. Zumindest gilt dies für die europäische Stadt.

Heterogenität unter den Bedingungen von Dichte erzeugt Diversität und soziale Differenzierung. Die Kriterien der Unterscheidung sind soziökonomischer oder soziokultureller Natur. Darauf geht der Autor ein.

Dann diskutiert der Autor den Begriff Einheit. Die Stadt als Einheit ist räumlich zeitlich, sachlich und funktional bestimmbar und kontextabhängig und ihre raum-zeitliche Überlagerung erzeugt Komplexität. Der Autor bestimmt den Kontext historisch, kulturell sowie durch die Individuen. Historisch betrachtet geht es um Selbstbestimmung und Autonomie; kultureller Kontext meint kulturell geprägte Verhaltensweisen im Verhältnis des Einzelnen zu Gruppen oder zur Gesellschaft; Individualität meint, dass einzelne Menschen gelegentlich eine entscheidende Rolle in der Stadt spielen können. Dies wird ausführlich entfaltet.

Struktur und Infrastruktur werden hier zwar synonym benutzt, auch in den Stadtverständnissen wird nicht unterschieden, dennoch meint es Unterschiedliches.

Hier geht es vornehmlich um die Infrastruktur und ihre Dimensionen und auch in den Verständnissen werden die städtischen Funktionen, die Ausgestaltung der ökonomischen, kulturellen und sozialen Infrastruktur genannt. Dahinter steht die Qualität des Lebens und der kollektiven Daseinsfürsorge als qualitative Dimension der Infrastruktur. Dies wird in einer Tabelle veranschaulicht.

Stadt ist ein strukturgeleiteter, dynamischer Handlungsprozess. Bei allem, was man in der Stadt messen, begreifen, analysieren kann – Größe, Vielfalt, Einheit, Struktur, Dichte – Handlung lässt sich nicht so erfassen, ist auch in allen Städten unterschiedlich, ist kreativ. Und diese Kreativität gelingt nur unter den Bedingungen von Verdichtung und Größe. Dies beschreibt der Autor als seinen eigenen Ansatz engagiert und veranschaulicht diese These in einem Schema, das Verdichtung (Größe und Dichte) und Kreativität und die sekundären Begriffe Heterogenität, Einheit und (Infra-)struktur gegenüber stellt.

Er fragt dann anschließend nach der Theoriefestigkeit der Kreativen Verdichtung, wobei er auf seine eingangs gestellten Fragen zurückkommt:

  • Haben Städte eine Eigenlogik und wie ist diese bestimmbar?
  • Besitzt New York als Global City das Reicht, die weltweite Ökonomie zu beeinflussen und was legitimiert diese Rolle?
  • Inwieweit wird das Leben durch diese Eigenlogik der Städte bestimmt oder durch den Staat, die Umwelt und durch die Beziehung zu anderen Städten?

Diese drei Fragen hat er unterschiedlichen Theorietypen zugeordnet.

Danach geht er auf die Faktoren Akteure, Prozesse und Strukturen ein, die er noch einmal betrachtet und mit den der Kreativität, der Verdichtung, der Heterogenität, der Einheit und der Infrastruktur analytisch zusammenbringt.

Zu: Schluss. Kreative Verdichtung – eine Theorie

Wie nicht überzeugende Antworten auf die Frage aussehen, was die Stadt sei, demonstriert der Autor am Beispiel des Ansatzes von Saskia Sassen und ihrem Global-City-Ansatz, am Beispiel des Habitus-Konzepts von Pierre Bourdieu und am Beispiel der kapitalistischen Stadt von Manuel Castells. Sind es Stadttheorien oder Gesellschaftstheorien, deren Folgen am Beispiel der Stadt erörtert werden? fragt der Autor. Selbstverständlich sind es diese und der Autor plädiert für eine Trennung der Perspektiven auf die Stadt und auf die an Hand der Stadt erklärten Entwicklungen.

Stadt ist Handeln in verdichteten Strukturen, was der Autor an folgenden Thesen festmacht:

  1. Die Stadt ist eine eigene Form gesellschaftlichen Zusammenlebens, die sich von anderen Siedlungsformen unterscheidet.
  2. Stadt ist Kreative Verdichtung, die das Spezifische der Stadt ausmacht.
  3. Stadt ist eine offene Form menschlichen Zusammenlebens; die Offenheit ist aber begrenzt durch Verdichtung, durch ihre Funktion als Einheit, durch ihre Vielfalt und ihre Infrastruktur.
  4. Stadt ist eine politische Form des sozialen Zusammenlebens. Diese mit ihr verbundenen Themen sind politische Themen.
  5. Stad ist eine dauerhafte und wandelbare Form des sozialen Zusammenlebens. Dauerhaftigkeit bietet Sicherheit und Orientierung; partielle Offenheit bietet die Chance der Wahl und Entscheidung, welche Inhalte das Handeln hat. Auseinandersetzungen darüber sind politisch.
  6. Stadt ist kreatives Handeln unter der Bedingung der Verdichtung.
  7. Stadt in der Moderne ist kreatives Handeln unter der Bedingung von Verdichtung und Beschleunigung.

Zum Schluss behauptet der Autor, die Stadt sei eine Antwort auf eine Frage, die es nicht gibt, die vielleicht auch nicht gestellt werden muss.

Natürlich ist die Stadt ein politisches Gebilde – im Inneren und nach außen. Aber nicht jedes Handeln in der Stadt ist politisch – oder doch und warum reagiert dann die Politik nicht darauf?

Der Autor bemüht dabei noch die unterschiedlichen Politikbegriffe von Politics, Polity und Policy und bringt sie als politische Dimensionen der Stadt ins Verhältnis zu Verdichtung, Kreativität, Einheit, Vielfalt und Infrastruktur. Und er diskutiert Nutzungen und Wirkungen von Themen für die Stadt und von Städten für Themen.

Zum Anhang

Im Anhang befinden sich eine Reihe von Stadtdefinitionen unterschiedlicher Länder, sowie deren Kernbegriffe, Theorieelemente und Bedeutungsinhalte für die Kreative Verdichtung.

  • Der ägyptische Stadtbegriff verweist auf strukturelle Verdichtung,
  • der griechische Stadtbegriff meint die Bürgergesellschaft (des zoon politikon),
  • der lateinische Stadtbegriff meint Stadt ist Macht,
  • der spanische Stadtbegriff meint Stadt als Form,
  • der französische Stadtbegriff meint Stadt als Lebensstil,
  • der englische Stadtbegriff meint Stadt ist Größe und Bedeutung,
  • der deutsche Stadtbegriff meint Stadt ist Recht,
  • der russische Stadtbegriff meint Stadt ist Zentrum,
  • der arabische Stadtbegriff meint Stadt ist Zivilisation,
  • der Stadtbegriff der Hindi meint Stadt ist Wohlstand,
  • der chinesische Stadtbegriff meint Stadt ist Wirtschaft,
  • der japanische Stadtbegriff meint Stadt ist Knoten.

Diskussion

Die Frage, was eine Stadt ist, bleibt eigentlich offen und vielleicht muss das auch so sein, solange wir uns auf die vier von Prell als strukturell bezeichneten Merkmale beziehen. Handeln als kulturell geprägtes Muster im Kontext von Dichte und Größe kann ja nur heißen, dass Dichte und Größe, aber auch Einheit, Vielfalt und Infrastruktur das Handeln prägen. Gleichzeitig ist erkennbar, dass dieses Handeln unter den genannten Strukturbedingungen geschieht – und die sind kulturell ausgeprägt. Deshalb ist auch das Handeln kulturell geprägt. Denn wie man in der Stadt handelt, ist genauso kulturell geprägt, wie die Stadt ein Teil der Kultur ist, in der sie entstand und sich entwickelt hat. Und Menschen handeln in kulturellen Kontexten, die in strukturelle Zusammenhänge eingebettet sind. Aber sie sind nicht immer die Herren der Strukturen und können sie nicht immer beeinflussen. Sie handeln auch unter den Bedingungen von Dichte und Vielfalt und der Infrastruktur, die sie vorfinden. Dichte ist ja nicht nur Bebauungsdichte, Verdichtung der Bebauung, die unerwünschte Nähe schafft. Dichte meint hier ja auch, dass Menschen sich bei aller Anonymität und Distanziertheit im Verhalten relativ nahe kommen, und das bei Aufrechterhaltung ihrer Anonymität und Distanziertheit dem jeweils anderen gegenüber.

Wie prägen eigentlich die ökonomische Dynamik der Stadt, die urbane Struktur und die sozialen Verhältnisse des Wohnens, Arbeitens und der Reproduktion des Lebens die Verhaltensweisen der Menschen unter den Bedingungen von Dichte und Größe?

Bleibt die Stadt nicht auch durch diese Art ihrer Analyse und Begründung auch abstrakt und wird sie damit auch in ihrer jeweiligen kulturellen Entwicklungsgeschichte erfasst oder ist das für die von Prell entworfene Theorie nicht erforderlich? Diese Frage hat man ja bereits an den Stadtbegriff von Louis Wirth herangetragen.

Und dennoch ist diese Analyse interessant: Der Ansatz, diejenigen zu befragen, die Stadt leben und in ihren jeweiligen kulturellen Kontexten Stadt verstehen, lässt ein Stadtverständnis entstehen, dass sicher einigen stadtsoziologischen oder stadthistorischen Ansätzen widerspricht. Und wenn es darum geht, die Stadt von anderen Siedlungsformen im ländlichen Raum zu unterscheiden, ist er auch hilfreich.

Wie unterscheidet man aber London von Paris hinreichend gut, wobei der Stadtbegriff als Stadt als Lebensstil (Paris) und Stadt als Größe und Bedeutung (London) zu wenig ist, um die Stadt in ihrer gesamten Dynamik und Struktur als politisches, wirtschaftliches Zentrum zu identifizieren und als Stadt, die viele ganz unterschiedliche Menschen mit ihrer ausgeprägten Urbanität zu integrieren vermag.

Theorien, die etwas erklären können, die auf Grund von einzelnen Phänomenen ermöglichen, auf das Allgemeine zu schließen, die auch etwas prognostizieren können, was die weitere Entwicklung betrifft – solche Theorieentwürfe müssen diese Fragen aushalten können.

Fazit

Das Buch ist eine gründliche Recherche über das Stadtverständnis in verschiedenen Kulturen, es bietet einen differenzierten Überblick über stadttheoretische Ansätze und über Stadtbegriffe. Und das Buch ist ein engagierter Versuch, eine neue Theorie zu entwickeln, die Strukturen der Stadt und des Städtischen einerseits mit dem Handeln derer zusammenbringt, die in der Stadt leben und die die Stadt leben. Der theoretische Ansatz versucht eine von nicht verallgemeinerbaren Merkmalen der Stadt befreite Theorie der Stadt vorzustellen. Gleichzeitig ist es der Versuch, von verallgemeinerbaren Merkmalen wie Dichte und Größe der Stadt auf das Handeln der Menschen zu schließen und Dichte und Größe und Handeln dialektisch zu verschränken.

Summery

In five chapters presents the author a different understanding of city in several cultures and he offers a differentiated overview about theoretical approaches and definitions of that what we mean with the term city. At the same time the author presents his own theory of city. He connects the structures of the city and of the urban character with the behaviour of people living in the city. And the structures are cultural shaped and influence the behaviour. The theoretical approach tries to release the theory of city from factors, which are not generalizable. But at the same time it is an attempt to connect generalized factors like density and bigness with the behaviour of people in the city.

The approach is interesting because of the empirical access to the question, what people say about their meaning what a city is.


Rezensent
Prof. Dr. Detlef Baum
Professor em. Arbeits- u. Praxisschwerpunkte: Gemeinwesenarbeit, stadtteilorientierte Sozialarbeit, Soziale Stadt, Armut in der Stadt Forschungsgebiete: Stadtsoziologie, Stadt- und Gemeindeforschung, soziale Probleme und soziale Ungleichheit in der Stadt
E-Mail Mailformular


Alle 166 Rezensionen von Detlef Baum anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Detlef Baum. Rezension vom 21.10.2016 zu: Uwe Prell: Theorie der Stadt in der Moderne. Kreative Verdichtung. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2016. ISBN 978-3-8474-0503-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21334.php, Datum des Zugriffs 18.07.2019.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung