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Hans-Jürgen Glinka: Das narrative Interview

Cover Hans-Jürgen Glinka: Das narrative Interview. Eine Einführung für Sozialpädagogen. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2016. 4. Auflage. 233 Seiten. ISBN 978-3-7799-3395-3. D: 19,95 EUR, A: 20,60 EUR, CH: 27,90 sFr.
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Thema

Das Buch informiert über die Durchführung und die Analyse narrativer Interviews. Es orientiert sich an der Methodologie des narrativen bzw. narrativ-biografischen Interviews, wie sie von Fritz Schütze in den 1970er Jahren entwickelt wurde. Da der Buchtext seit seiner Erstauflage (1998) nicht verändert wurde, ist der aktuelle Forschungsstand zum narrativen Interview und zum Stellenwert von Narrationen nicht enthalten. Die Neuauflage des Buches wurde lediglich durch ein aktuelles Vorwort und, am Ende des Literaturverzeichnisses, durch Hinweise auf neuere Buchveröffentlichungen des Autors erweitert.

Die im Buch verwendeten Interviewbeispiele entstammen verschiedenen Publikationen des Autors. Das ausführlich wiedergegebene Transkript eines Interviews mit einem alkoholkranken Vater anlässlich der Fremdunterbringung seines neugeborenen Kindes ist – neben der Lehrtätigkeit des Autors als „Sozialwissenschaftler“ – wohl der Grund, dass im Untertitel „Sozialpädagogen“ als Adressaten des Buches genannt werden. Der Inhalt des Buches liefert ansonsten keine Rechtfertigung für die explizite Nennung einer Zielgruppe.

Entstehungshintergrund

Das Erscheinen der Erstauflage des Buches von Hans-Jürgen Glinka fällt in eine Zeit, in der sich qualitative Forschung und auch die Methodologie des narrativen Interviews in den Sozialwissenschaften bereits etabliert hatten. Allerdings waren kompakte Lehrbücher zur Methodologie des narrativen Interviews, die mehr lieferten als nur einen Überblick über die Methodologie und ihre sozialwissenschaftlichen Hintergrundtheorien, damals eher Mangelware. Dieser Mangel besteht meines Erachtens auch noch heute; darin manifestiert sich die grundsätzliche Schwierigkeit, diesen Forschungsansatz etwa wie andere empirische Methoden in Buchform zu vermitteln.

Mit der Etablierung qualitativer Forschung und ihrer tatsächlichen oder vermeintlichen Nähe zu Handlungspraxen wuchs in den 1990er Jahren auch in den Studiengängen der Sozialen Arbeit und der Sozialpädagogik an den damaligen Fachhochschulen das Interesse, den Studierenden qualitative Untersuchungsverfahren in dem beschränkten Rahmen eines anderweitig bereits ausgelasteten Curriculums näher zu bringen und entsprechende Textgrundlagen bereitzustellen. In diesem Kontext steht die Veröffentlichung Glinkas. Wie er im aktuellen Vorwort schreibt, soll das Buch Studierenden die Chance bieten, das „komplexe und originäre Verfahren“ des narrativen Interviews kennen zu lernen, allerdings ohne die Notwendigkeit, später im Beruf in den entsprechenden „komplexen Forschungsprozess einsteigen zu müssen“. Im Folgenden soll geprüft werden, inwieweit das Buch diesen selbst gesetzten Anspruch einer textlichen Einführung erfüllt.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist in sieben unterschiedlich lange Kapitel gegliedert. Die Inhalte wiederholen sich teilweise in den verschiedenen Kapiteln. Im Zentrum des Buches steht das 17-seitige Transkript eines biografischen Interviews mit einem alkoholkranken Vater, das zu einem großen Teil als Anschauungsmaterial für die Erläuterung der Besonderheiten des narrativen Interviews und dessen Analysemöglichkeiten dient. Zusätzliche Interviews – allerdings nur auszugsweise dokumentiert – werden herangezogen, um weitere Aspekte dieses Interviewtyps zu verdeutlichen.

In Kapitel 1 werden einerseits zentrale Aspekte des narrativen Interviews als „Forschungsverfahren“ dargestellt, andererseits wird dessen Bedeutung im sozialwissenschaftlichen Kontext knapp erläutert. Es wird zunächst der übliche Ablauf eines narrativen Interviews von der Aushandlungs- bis zur Nachfragephase beschrieben. Danach folgen Hinweise zur Transkription der Tonaufnahme des Interviews, wobei sich der Autor weitgehend auf die Darstellung der von ihm benutzten – relativ einfachen – Variante beschränkt. Nach diesen eher technischen Abschnitten werden im Rest des Kapitels methodologische Fragen behandelt. So wird die Aufgabe des narrativen Interviews benannt, sowohl biografische als auch soziale Prozesse zu rekonstruieren. Im folgenden, mit „Die Verfahrensschritte des narrativen Interviews“ überschriebenen Abschnitt geht es um die sozialwissenschaftliche Theorierekonstruktion, die durch eine sequenzielle Analyse der einzelnen Interviews sowie über ein theoretisches Sampling erreicht werden soll. Dabei ist es bemerkenswert, dass Glinka von 20 bis 40 narrativen Interviews ausgeht, um bei einem gewählten Thema „die theoretische Gesamtvarianz abdecken zu können“ (S. 32). Er hält jedoch eine begründete Auswahl von drei bis vier Interviews aus dieser Stichprobe für erforderlich, um ausführliche Analysen im Rahmen eines mehrjährigen Forschungsprojekts bewältigen zu können. Auch für studentische Arbeiten fühlt Glinka sich bemüßigt, die Zahl von durchzuführenden Interviews auf fünf bis sechs zu beschränken – ohne jedoch auf die Folgen der Beschränkung für die dem narrativen Interview gesetzten Untersuchungsziele einzugehen. Des Weiteren spricht der Autor in diesem Abschnitt die strukturelle Beschreibung von Interviews und die solche Interviews ermöglichenden kommunikativen Basisregeln an. Weder die strukturelle Beschreibung noch der Begriff der Basisregel werden hinreichend erläutert. Eine ähnliche Sparsamkeit findet man im Abschnitt über die „abduktive Forschungslogik“, die als kennzeichnend für die Analyse von Narrationen benannt und auf ca. zwei Seiten eher tangiert als charakterisiert wird.

Das 2. Kapitel umfasst ähnlich heterogene Inhalte wie das erste. Zunächst werden die im narrativen Interview vorzufindenden Kategorien bzw. Schemata angesprochen, die zur strukturellen Beschreibung eines solchen Interviews unterschieden werden können. Hervorgehoben wird hierbei das Sachverhaltsschema mit den damit verbundenen Zugzwängen (Kondensierungs-, Detaillierungs- und Gestaltschließungszwang) und den sog. kognitiven Strukturen. Nach Wiedergabe des erwähnten Transkripts der Haupterzählung des alkoholkranken Vaters werden diese Sachverhaltsmerkmale nochmals an diesem Beispiel illustriert. Die Begrifflichkeit als solche wird transparent, allerdings ihre Funktion für die Interviewanalyse bleibt seltsam vage – auch im weiteren Verlauf des Buches. Das Hinzuziehen weiterer Literatur zum Ansatz von Kallmeyer und Schütze ist eigentlich erforderlich, um ein angemessenes Verständnis des Buchtextes zu erreichen.

Das 3.Kapitel ist mit „Erzähltheoretische Grundlagen“ überschrieben. Es geht hier im Wesentlichen um die Erfahrungstatbestände, die in durch narrative Interviews erzeugten Stegreiferzählungen aufscheinen können. Es manifestieren sich darin sowohl Erfahrungen aus der Innenperspektive des Erzählers als auch Erscheinungen der mit dem individuellen Erleben und Handeln verwobenen sozialen Realität. Im zweiten Abschnitt dieses Kapitels wechselt Glinka das Interviewbeispiel und erläutert die „individuellen und kollektiven Identitätsveränderungen“ (S.124), über die ein Erziehungswissenschaftler aus der ehemaligen DDR berichtet bzw. erzählt.

Im 4. Kapitel greift der Autor den bereits im ersten Kapitel dargestellten Ablauf eines narrativen Interviews auf. Im Grunde erfährt man an dieser Stelle nichts Neues. Der sich hier zeigende Mangel an Systematik könnte damit zusammenhängen, dass das Buch möglicherweise als Begleittext zu Seminarveranstaltungen entstand, die einem anderen Duktus folgen als veranstaltungsunabhängige Lehrbücher.

Die „Aufordnung der Erzählaktivität“ ist Gegenstand des 5. Kapitels. Es dreht sich hier um die Zusammenhänge und impliziten Segmentierungen der Erzählungen durch den Erzähler. Die Identifikation „suprasegmentaler Markierer“ und der Segmentierungen sind nach Glinka hilfreich für die strukturierte Analyse des Interviews. Allerdings erläutert er die Funktion des Analyseschrittes nicht eingehend und verbleibt im Vagen hinsichtlich seiner Bedeutung im Kontext einer Interviewanalyse.

Im 6. Kapitel beschäftigt sich Glinka relativ ausführlich mit Argumenten des Erzählers im Interview. Er verweist auf die sich darin zeigende Abstraktionsleistung des Erzählers hin, der gewissermaßen aus einer zweiten Perspektive seine geschilderten Erfahrungen ordnet, reflektiert und bewertet. Über das Erzählen von Erfahrungen hinaus ermöglicht das narrative Interview dem Befragten, so Glinka „ eine erkenntnis- und theoriegenerierende Aufordnung seiner Erfahrungen“ (S.127). An manchen Stellen des Buches kann man zum einen den Eindruck gewinnen, dass Glinka diesen Leistungen und damit narrativen Interviews eine gewisse therapeutische Wirkung zuschreibt. Zum anderen zeigt Glinka im 6. Kapitel und konkret auch an Interviewausschnitten, dass solche Argumentationen des Erzählers unvollständig sein und Selbsttäuschungen enthalten können. Gegen Ende des Kapitels klassifiziert Glinka die argumentativen Passagen im narrativen Interview, er nennt sie dann „Theoriesorten“, die es in der Analyse von narrativen Interviews zu identifizieren und in ihrer Bedeutung zu entschlüsseln gilt.

Das kurze letzte Kapitel ist mit „Die Wirkmechanismen der Erzähldynamik“ überschrieben, wobei Glinka hier überraschenderweise zunächst auf zwei Seiten seine eigene Person, seine Situation als Angehöriger der Nachkriegsgeneration und einen eigenen Frankreichaufenthalt, thematisiert. Er versucht an dem Beispiel (unbeabsichtigte) Ausblendungsversuche von Erfahrungen zu verdeutlichen, wie sie auch in Interviews vorkommen. Weiterhin behandelt das Kapitel „übermächtige Ereignisabläufe“, wie sie in narrativen Interviews berichtet werden können. Schließlich wird das zuvor häufig erwähnte Konzept der „Verlaufskurve“ nochmals aufgegriffen, mit dem ursprünglich Fritz Schütze das Erleiden und Überwältigt-Sein durch Ereignisse (wie beispielsweise durch die von Glinka am Interviewbeispiel erläuterte Alkoholsucht eines Vaters) kennzeichnet.

Diskussion

Die Kompetenz, narrative Interviews durchzuführen und zu analysieren, ist dem Autor des Buches sicherlich zu attestieren. Es zeichnet das Buch aus, dass Konzepte an Beispielen aus Interviews illustriert werden. Man kann dem einen oder anderen Beispiel auch für die eigene Forschungspraxis entnehmen, wie sperrige oder scheinbar unbedeutende Interviewpassagen analysiert oder interpretiert werden könnten.

Von einem Einführungstext für Sozialpädagogen erwartet man darüber hinaus, dass die behandelte Methode in ihren Details und in ihren methodologischen und theoretischen Bezügen systematisch-geordnet und mit der gebotenen Ausführlichkeit dargestellt wird. Diese Erwartung erfüllt das Buch nicht. Es ist selbst für eine Person, die mit der qualitativen Methodologie und mit dem Thema vertraut ist, schwierig, den überraschenden Wendungen des Autors, den unvollständigen oder nicht vollständig erläuterten Aufzählungen, den Wiederaufnahmen von Themen und Perspektivenwechseln zu folgen (vom einen Beispiel zur grundlegenden Aussage und zurück; unvermittelte Einführung neuer Beispiele und die damit verfolgte Intention) oder sich auf unzureichend geklärte bzw. unterschiedlich verwendete Begriffe einzulassen.

Außerdem ist es dem Verständnis des Textes wenig förderlich, dass der Autor zu als idiosynkratisch zu bezeichnenden Sprachformen neigt. Beispielsweise ist es ungewöhnlich von „schöpfenden Komponenten“ einer Stegreiferzählung zu sprechen oder „Verlaufskurven“ Subjektstatus zuzuschreiben, so wenn Glinka etwa formuliert: „Klaus Martin gerät in eine psychosomatische Verlaufskurventransformation, die im Februar in einen Herzinfarkt einmündet“ (S. 119).

Angesichts signifikant häufiger Schreib-, Grammatik- und Sinnfehler ist es unverständlich, dass das Buch in seiner vierten Auflage unverändert erscheint. Auch unzureichende Zeitbezüge (Studierende der Sozialpädagogik schreiben hierzulande keine „Diplomarbeiten“ mehr) hätten durch eine Überarbeitung vermieden werden können.

Fazit

Das Buch erfüllt seinen Anspruch, eine Einführung für Sozialpädagogen zu sein, nur unzureichend. Es legt allenfalls und beinahe paradoxerweise den zutreffenden Schluss nahe, dass narrative Interviews in Durchführung und Analyse eine anspruchsvolle Forschungsmethode darstellen.


Rezensentin
Prof. Dr. Christel Walter
Berlin
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Zitiervorschlag
Christel Walter. Rezension vom 09.12.2016 zu: Hans-Jürgen Glinka: Das narrative Interview. Eine Einführung für Sozialpädagogen. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2016. 4. Auflage. ISBN 978-3-7799-3395-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21340.php, Datum des Zugriffs 21.07.2017.


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