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Ricarda Lindner: Inzestuöses Missbrauchs­verhalten von pädosexuellen Vätern

Cover Ricarda Lindner: Inzestuöses Missbrauchsverhalten von pädosexuellen Vätern. Eine empirische Studie. Verlag Dr. Kovač GmbH (Hamburg) 2016. 173 Seiten. ISBN 978-3-8300-8516-4. D: 68,80 EUR, A: 70,80 EUR.
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Thema

Die vorliegende empirische Studie greift ein in der Fachwissenschaft wenig beachtetes Thema auf, das Missbrauchsverhalten von Vätern mit einer sexuellen Präferenzstörung, die trotz früherem Missbrauchsverhalten außerhalb der Familie keine Missbrauchshandlungen gegen eigene leibliche Kinder zeigen. Die Leitfrage der Studie zielt auf die Benennung protektiver Faktoren, die ein solches Missbrauchsverhalten verhindern. Der Feldzugang erfolgte durch Interviews mit betroffenen Vätern, die sich in einem Beratungszentrum in gruppentherapeutischer Behandlung befinden und leitfadengestützter Befragung der beteiligten TherapeutInnen. Die Ergebnisse dieser mehrperspektivischen Herangehensweise werden abschließend zusammengefasst und in Bezug zum aktuellen Fachdiskurs gesetzt. Ausgehend von den vorliegenden Forschungsergebnissen werden abschließend weiterer Forschungsbedarf skizziert und praktische Konsequenzen für die Konzeptualisierung therapeutischer Angebote benannt.

Autorin

Ricarda Lindner studierte an der Pädagogischen Hochschule Oberösterreich, Linz. Die vorliegende Studie wurde 2014 im Rahmen einer Diplomprüfung vorgelegt.

Aufbau

Die Veröffentlichung umfasst vier Kapitel, in denen einleitend die Projektbeschreibung inklusive Forschungshypothesen und -methodologie und in einem Theorieteil die relevanten Grundbegriffe im Kontext sexuellen Missbrauchs von Kindern, sowie statistische und epidemiologische Merkmale aufgeführt werden.

In den Kapiteln drei und vier werden die erhobenen Befunde (Ergebnisse) aus Interviews mit betroffenen Männern und die Erfahrungen aus der psychotherapeutischen Arbeit mit Missbrauchstätern durch ExpertInneninterviews referiert.

Im abschließenden fünften Kapitel erfolgt die Zusammenschau der Forschungsbefunde, die kritische Diskussion des Forschungsprojekts und ein Fazit mit Hinweisen zum weiteren Forschungsbedarf und zu praxisrelevanten Aspekten in Behandlung und Prävention.

Inhalt

Einleitung. Ricarda Lindner beschreibt einleitend ihr Forschungsinteresse, das sich mit dem Themenbereich Pädophilie und Inzest beschäftigt. Als Zugang wählt sie Interviews mit betroffenen Vätern und deren TherapeutInnen, um einen mehrdimensionalen Blick auf die Thematik werfen zu können. Das Hauptinteresse ist dabei die Frage, was „diese … Männer davon abhalten könnte, ihre leiblichen Kindern sexuell zu missbrauchen“ (17). Dieser Frage folgend formuliert die Autorin fünf Forschungshypothesen, welche den Wunsch nach Konformität, Verantwortung gegenüber den eigenen Kindern, sozialen Rollenkonstruktionen und fehlender Attraktivität (für den potentiell missbrauchenden Vater) als mögliche Motive aufgreifen. Forschungsmethodisch wählte Lindner den Zugang über Experteninterviews und deren Auswertung in Anlehnung an die qualitative Inhaltsanalyse nach Mayring.

Theoretischer Überblick. Im Theoriekapitel geht Lindner auf die mit dem Forschungsprojekt verknüpften Grundbegriffe ein. Vor allem der Begriff Pädosexualität der hier als Synonym für die eigentlich gemeinte Pädophilie verwendet wird, erfährt eine breite Darstellung, auch im Kontext der historischen fachlichen Diskurse dazu, auch wenn diese nicht übermäßig differenziert dargestellt werden. Das Kapitel beinhaltet zudem die Darstellung zur Typologie von Missbrauchstätern nach Groth, Hinweise zur Epidemiologie, knappe Hinweise zu den Opfern sexuellen Missbrauchs, sowie einen Exkurs zum kulturellen Inzestverbot und der natürlichen Inzestscheu. Die Autorin bezieht sich hier weitgehend auf das bereits 1991 von Jörg Klein vorgelegte Werk „Inzest: Kulturelles Verbot und natürliche Scheu“ und die dort diskutierten soziologischen, ethnologischen und biologischen Positionen.

Täterperspektive. Das Kapitel beinhaltet den gesamten Interviewleitfaden, eine tabellarische Übersicht zu den erhobenen Ober- und Unterkategorien aus den durchgeführten Interviews, sowie die sehr ausführliche Darstellung der einzelnen Kategorien und deren Verankerung in den einzelnen Interviewtranskripten (Ankerbeispiele), nebst Hinweisen zu den Biografien der interviewten Männer. Als zentrale Befunde (Schutzfaktoren) benennt Lindner den Wunsch ihrer Interviewpartner nach einem normkonformen Leben und deren Beziehung zu erwachsenen Frauen, was auch Liebesgefühle und Sexualität in diesen Erwachsenenbeziehungen umfasst (und demzufolge es sich bei den Interviewten nicht um sog. kernpädophile Männer handelt). Ebenso das Wissen um die möglichen negativen Folgen eines sexuellen Missbrauchs hindert die interviewten Männer an solchen Handlungen. Daneben fanden sich, wie zuvor als Hypothese formuliert Rollenaspekte als Schutzfaktoren bezüglich sexueller Missbrauchshandlungen. Die eigenen Kinder werden eher als kindliche Wesen wahrgenommen, welche eher väterliche und schützende Reaktionen hervorrufen. Zudem beschreibt Lindner das Fehlen potentieller Opfermerkmale bei den leiblichen Kindern der interviewten Männer, was als Schutzfaktor interpretiert wurde.

Therapeutische Perspektive. Der zweite Forschungsteil beinhaltet die Darstellung der Kontaktaufnahme zum Forschungsfeld (PsychotherapeutInnen die in forensischen Ambulanzen und Beratungsstellen mit Missbrauchstätern arbeiten), den hier verwendeten Interviewleitfaden, die tabellarische Darstellung der erhobenen thematischen Ober- und Unterkategorien und ebenfalls deren ausführliche Erläuterung und Verknüpfung mit Ankerbeispielen aus dem erhobenen Datenmaterial. Auch hier finden sich Angaben zu den InterviewpartnerInnen, die sich hier auf deren Berufshintergrund beschränken. Linder weist darauf hin, dass die Aussagen innerhalb der zweiten Interviewgruppe (ExpertInnen) z. T. stark konträr zueinanderstehen und stark vom je konkreten beruflichen Tätigkeitsfeld geprägt sind. Im Wesentlichen werden durch die Interviewpartner die Typologisierung von Missbrauchstätern nach Groth bestätigt. Mit Bezug auf die Forschungsfrage finden sich im Interviewmaterial Hinweise, die den Wunsch nach normkonformem Leben pädophiler Männer bestätigen, was z. B. die Führung einer Ehe mit einer erwachsenen Partnerin und die Gründung einer Familie beinhalten kann. Ebenso ergeben sich auch hier Hinweise auf eine Verantwortungsübernahme durch die betroffenen Männer (welche die Folgen von Missbrauchsverhalten kennen und einschätzen können) und auf Rollenmerkmale der Kinder, die durch ihre kindliche Position in Kontext von Vaterschaft geschützt werden und sich eine Sexualisierung dieser Beziehung erschwert. Ebenso fehlen bei den leiblichen Kindern oftmals typische Opfermerkmale, so die Einschätzung der InterviewpartnerInnen.

Resümee. Ricarda Lindner fasst in diesem Abschnitt die zentralen Erkenntnisse ihres Forschungsprojekts zusammen. Leibliche Kinder pädophiler Väter, welche bereits früher außerhalb der Familie mit Missbrauchshandlungen auffällig geworden waren, werden durch unterschiedliche Motive und Faktoren vor einem Übergriff des eigenen Vaters geschützt. Darunter fällt der Wunsch der betroffenen Männer, ein normkonformes Leben zu führen, deren Fähigkeit und Bereitschaft zur Verantwortungsübernahme, besondere Rollenphänomene die auf der gewachsenen nicht-sexuellen Beziehung zwischen Vater und Kind beruhen. Daneben verfügen leibliche Kinder betroffener pädophiler Väter nicht über spezifische Opfermerkmale, welche die Möglichkeit (Gefahr) eines sexuellen Missbrauchs erhöhen könnte. Abschließend setzt sich die Autorin kritisch mit den Grenzen des vorgelegten Forschungsprojekts auseinander und formuliert in einem Fazit, dass sich durch die vorliegenden Ergebnisse weitere Forschungsfragen und -projekte ergäben, welche vor allem im Bereich der Therapieforschung angesiedelt werden.

Zielgruppe

Die Studie ist für alle Berufsgruppen relevant, die im Rahmen von Beratung oder Therapie mit pädophil orientierten Männern arbeiten.

Diskussion

Die empirische Studie wählt mit ihrem Fokus auf Schutzfaktoren, welche Missbrauchshandlungen pädophil orientierter Männer an eigenen, leiblichen Kindern verhindern können eine im Bereich der Delinquenzforschung wenig verbreiteten Zugang. Dort wird meist nach Risikoaspekten gefragt, diese als Grundlage für Therapiemaßnahmen und prognostische Einschätzung herangezogen. Die Beschäftigung mit Schutzfaktoren und gelingendem, straffreien Leben weitet den Blick und führt weg von der Einengung des Blickwinkels, der vorwiegend auf Defizite und Risikoanteile abhebt. Diese Perspektive hat in den Kriminalwissenschaften in den letzten zehn Jahren an Fahrt aufgenommen, unter dem Begriff des Good-Life-Model und ressourcenorientierten Ansätzen wurden zuletzt erhebliche Beiträge formuliert, die auch auf protektive Faktoren hindeuten und deren Relevanz vor allem für die Therapieplanung und -gestaltung betonen. Leider greift Ricarda Lindner diese neueren Theoriebeträge nicht auf, so dass die eigentlich innovative Fragestellung ihrer Forschung teilweise ohne entsprechende Fundierung auskommen muss. Dennoch gelingt der Autorin ein differenzierter und durchaus tiefer Blick in das Bedingungsgefüge der Rückfallfreiheit pädophil orientierter, früher bereits straffällig gewordener Männer in Bezug auf eigene, leibliche Kinder. Spannend ist die Darstellung der Überschneidung, vor allem aber der Nicht-Überschneidung der Einschätzung zwischen den Betroffenen und ihren Therapeuten. Hier deutet sich eine z. T. stark unterschiedliche Auffassung an, welche sicher nicht ohne Konsequenz für das therapeutische Geschehen bleiben dürfte; eine Fragestellung die über den Rahmen der vorliegenden Studie, es handelt sich um eine Diplomarbeit, hinausgeht.

Auffallend ist die Beschäftigung mit den Begrifflichkeiten, vor allem dem der Pädophilie. Linder legt großen Wert auf eine (scheinbar) kritische Haltung bezüglich des Begriffs und ersetzt diesen -zunächst- durch den der Pädosexualität, wodurch eine Einengung auf das tatsächliche Sexualverhalten betroffener Männer erfolgt und die intrapsychischen, vor allem emotionalen Aspekte ausgeklammert werden. Die Konsequenz daraus ist in der Formulierung der Forschungshypothesen zu sehen, welche in keinem Fall auf diese Ebene abzielen, sondern eher soziale Aspekte (z. B. Qualität der Beziehungen) benennen, oder andere soziale Kontextfaktoren (Opfermerkmale, Normvorgaben) fokussieren. Unabhängig davon zeigt die Autorin, dass auch im Rahmen von Universitären Abschlussarbeiten (hier im Rahmen einer Diplomprüfung) eine weitgehend differenzierte Auseinandersetzung mit einem (nebenbei bemerkt deutlich schwierigen) Themenkomplex möglich sind. Die Art der vorgestellten Interviewleitfäden und die Darstellung der Kategorienbildung unter Anwendung der Methodenwahl der qualitativen Inhaltsanalyse nach Mayring sind überzeugend und sehr gut bewältigt. Die Tatsache, dass in dem Forschungsprojekt nur wenige Interviews geführt wurden (in der Gruppe der Straftäter lediglich vier Personen) ergibt keine Einengung in der Befunderhebung, das erhobene Material ist dicht genug, um ausreichende Kategorien zu bilden. Allerdings wäre durch eine offenere Forschungshaltung (die sich vor allem am Umgang mit dem Begriff der Pädosexualität abzeichnet) ein breiteres Ergebnisspektrum erzielbar gewesen.

Fazit

Ein gelungenes Beispiel dafür, dass in universitären Qualifikationsarbeiten (Diplomprüfung) erfreulich differenzierte Forschungsbefunde erhoben werden können. Die Beschäftigung mit den theoretischen und begrifflichen Grundlagen der Pädophilie, die Darstellung des Forschungsdesigns und der -instrumente, die äußerst differenzierten Ausführungen zur Datenauswertung, Kategorienbildung und deren Diskussion überzeugen deutlich und lassen die überschaubare empirische Studie als äußerst gelungenes Beispiel für solche Studienprogramme erscheinen.


Rezensent
Dr. phil. Gernot Hahn
Dipl. Sozialpädagoge (Univ.), Sozialtherapeut
Klinikum am Europakanal Erlangen Forensische Ambulanz
Homepage www.gernot-hahn.de
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Zitiervorschlag
Gernot Hahn. Rezension vom 22.12.2016 zu: Ricarda Lindner: Inzestuöses Missbrauchsverhalten von pädosexuellen Vätern. Eine empirische Studie. Verlag Dr. Kovač GmbH (Hamburg) 2016. ISBN 978-3-8300-8516-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21345.php, Datum des Zugriffs 17.10.2017.


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