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Heiko Kleve: Komplexität gestalten

Cover Heiko Kleve: Komplexität gestalten. Soziale Arbeit und Case-Management mit unsicheren Systemen. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2016. 166 Seiten. ISBN 978-3-8497-0092-8. D: 24,95 EUR, A: 25,70 EUR.
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Thema

Mit seinem neuen Buch unternimmt Kleve aufbauend auf seinen bisherigen Werken den spannenden Versuch, systemische Theorieangebote mit anderen postmodernen Strömungen und Ansätzen zu verbinden. Auf dieser Basis leistet er wichtigen Beitrag zur weiteren notwendigen theoretischen Reflexion und Fundierung Sozialer Arbeit.

Aufbau und Inhalt

Bei Kleves Gedankenführung steht der Umgang mit Komplexität und komplexen Systemen im Mittelpunkt und diesbezüglich werden drei grundlegende Perspektiven entfaltet, die damit auch die Gliederung und Struktur der Publikation vorgeben:

  1. theoretische Grundlagen,
  2. professionelle Haltungen und
  3. drittens konstruktiven Umgang mit Komplexität in der Sozialen Arbeit.

Die Analogie dieser drei Perspektiven mit dem (reform)pädagogischen Dreiklang vom Lernen mit Kopf, Herz und Hand ist offensichtlich und vom Autor bewusst und passend gewählt.

So werden im ersten Teil (Kapitel 1-3) theoretische Grundlagen und Perspektiven in Bezug auf gesellschaftliche Komplexität entfaltet. Dabei werden drei Aspekte besonders hervorgehoben:

  • Zum einen der gesamtgesellschaftliche Wandel,
  • zum zweiten die Komplexität in Institutionen und Organisationen und
  • zum dritten Spannungen und Dynamiken in familiären Systemen zwischen Tradition und postmoderner Komplexität.

Ein besonderer Fokus im ersten Teil bildet die Erweiterung systemischer Grundlagen unter Rückgriff auf den Managementtheoretiker Peter Drucker um die These, dass sich alle gegenwärtigen Gesellschaften derzeit in einem tief greifenden sozialen, sehr stark technisch-medial beeinflussten Wandel befinden. Dieser Wandel manifestiert sich in einem Übergang von der funktional differenzierten zu einer durch Internet und Kommunikationsmedien umfassend und vielfältig vernetzten Gesellschaft. Diese Entwicklung gleicht einer Revolution und verstärkt nochmals die Komplexität gesellschaftlicher Systeme und Dynamiken und erfordert damit ein neues sensibles, postautoritäres, dialogisches und partizipatives Verständnis im Umgang mit dieser Komplexität von allen relevanten Akteuren auch von denen der Sozialen Arbeit.

Auf der Basis dieser theoretischen Grundlagen werden fortlaufend Fragen zur Haltung und zur Methodik in der Sozialen Arbeit erörtert und Handlungsanregungen entfaltet. So erfolgt im zweiten Teil (Kapitel 4-6) ein differenziertes Plädoyer für notwendige Perspektiv und Paradigmenwechsel von einer modernen zu einer postmodernen Haltung. Eng damit verbunden sind Kleves kritische Reflexionen von dysfunktionalen und ambivalenten Tendenzen in der Sozialen Arbeit, insbesondere in Bezug auf zwei Spannungsfelder:

  1. das Spannungsfeld von Wissen und Nichtwissen und
  2. das Spannungsfelder von Hilfe und Hilfe zur Selbsthilfe in sozialarbeiterischen Handlungsfeldern.

Die damit verbundenen Argumentationslinien verweisen bereits auf den dritten Teil (Kapitel 7 bis 9), in dem das methodische Handeln im Mittelpunkt steht. Dabei werden methodische Perspektiven für eine komplexitätsannehmende Soziale Arbeit eröffnet mit einem besonderen Augenmerk auf die grundsätzliche Ambivalenz zwischen einer sich selbst fortlaufend ausweitenden und einer sich selbst begrenzenden Sozialen Arbeit. Die methodischen Überlegungen konzentrieren sich zudem, wie der Buchtitel bereits ankündigt, auf das Case Management und damit verbunden auf eine verstärkt auf individuelle Problemlagen reagierende und damit helfend-unterstützend-beratende sozialarbeiterische Praxis.

Diskussion und Fazit

Diese enge Fokussierung ist allerdings ambivalent. Einerseits ermöglicht sie eine sehr detaillierte Bearbeitung der mit dem Case Management verbundenen Herausforderungen. Andererseits geraten alle anderen Ansätze und Modelle Sozialer Arbeit zu sehr aus dem Blick und es entsteht bisweilen der Eindruck, dass Soziale Arbeit ohne Problemorientierung und ein auf diese Probleme reagierendes Case Management gar nicht denkbar sei. Doch zahlreiche Praxisfelder, z.B. im Kontext der Bildungs- und Gemeinwesenarbeit unterliegen grundsätzlich anderen Logiken, sind verstärkt präventiv ausgerichtet und erfordern dennoch eine ebenso gründliche systemisch-postmoderne Reflexion und Fundierung. Dass Kleve diese in seinem lesenswerten Buch nicht leistet ist keine Kritik, sondern soll eher Andere einladen, dem Beispiel von Kleve zu folgen und auch über das Case Management hinaus zu einer systematischen Theoriediskussion in der Sozialen Arbeit beizutragen.

Der nicht neue, aber wichtige von Kleve in Erinnerung gerufene Appell und Anspruch, den Umgang mit unsicheren Systemen und Komplexität in der Sozialen Arbeit kritisch-reflexiv zu gestalten soll und muss auch über das Case Management hinaus eingelöst werden.


Rezensent
Prof. Dr. Norbert Frieters-Reermann
Professor für Theorien und Konzepte Sozialer Arbeit an der Katholischen Hochschule NRW
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Zitiervorschlag
Norbert Frieters-Reermann. Rezension vom 30.11.2016 zu: Heiko Kleve: Komplexität gestalten. Soziale Arbeit und Case-Management mit unsicheren Systemen. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2016. ISBN 978-3-8497-0092-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21346.php, Datum des Zugriffs 19.11.2019.


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