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Hermann Müller: Professionali­sierung von Praxisfeldern der Sozialarbeit

Cover Hermann Müller: Professionalisierung von Praxisfeldern der Sozialarbeit. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2016. 296 Seiten. ISBN 978-3-8474-0784-3. D: 36,00 EUR, A: 37,10 EUR.
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Thema

Soziale Arbeit hat sich in den letzten Jahrzehnten beständig weiter entwickelt und immer mehr ausdifferenziert, verbunden mit der Tendenz zu höherer Spezialisierung in den Hilfsangeboten sowie der Erschließung neuer Aufgaben- und Problemfelder. So wie die Aufgaben sind auch die Praxisfelder der Sozialen Arbeit sehr vielfältig geworden.

Zugleich hat das Interesse an der Professionalität Sozialer Arbeit in den letzten Jahren sowohl in der Praxis als auch innerhalb der Theoriebildung ebenso deutlich zugenommen. Was Professionalität im Kern ausmacht, wird kontrovers diskutiert und zunehmend empirisch aufgeklärt (vgl. exemplarisch die Bände der Schriftenreihe des Springer-Verlags „Edition Professions- und Professionalisierungsforschung“).

Das vorliegende Buch greift einige der Praxisfelder der Sozialen Arbeit auf und will untersuchen, „inwieweit sie ein Mandat und eine Lizenz für die Soziale Arbeit legitimieren und die Rahmenbedingungen professioneller Arbeit fördern oder behindern“ (Angabe auf dem rückwärtigen Deckblatt) und so einen Diskussionsbeitrag zur Weiterentwicklung der Profession Sozialer Arbeit in diesen ausgewählten Praxisfeldern liefern.

Autor

Dr. Hermann Müller ist wissenschaftlicher Mitarbeiter und Lehrbeauftragter am Institut für Sozial- und Organisationspädagogik an der Universität Hildesheim.

Aufbau und Inhalt

Neben der Einleitung besteht die Arbeit aus drei Teilen, wobei der Teil B mit über 200Seiten den Kern der Publikation ausmacht.

In der Einleitung geht es neben der Klärung der Zusammenhänge zwischen Mandat und Lizenz in Verbindung mit der Professionalisierung der Sozialen Arbeit und der Benennung des Arbeitsschwerpunkts (Bedingungen, die professionelle Arbeit fördern oder behindern) um den Aufbau des Buches.

In Teil A unter dem Titel Theoretische Diskussion und Fragestellung befasst sich der Autor mit den Professionen aus soziologischer Perspektive sowie mit der Professionsentwicklung in der Sozialen Arbeit (Der Autor spricht fast durchgehend von „Sozialarbeit“). Folgende Merkmale von Professionen werden thematisiert: Lizenz und Mandat, wissenschaftliche Grundlage, relative Autonomie von Markt und Administration, praktische Ausbildung nach dem Studium und Professionsethik. Als besonders bedeutsam für die Bearbeitung der Thematik wird die Kategorie der Professionalisierungsbedürftigkeit von einigen Berufen betrachtet, die noch nicht professionalisiert sind.

In Teil B geht es um die Praxisfelder der Sozialarbeit, die der Autor anhand von Interviews mit Sozialarbeitenden sowie von zur Verfügung stehenden Daten wie Beobachtungsprotokollen erforscht hat, ohne die Daten nach methodischen Gesichtspunkten ausgewählt zu haben. Nach einer theoretischen Einführung werden folgende 14 Praxisfelder vorwiegend nach den Kategorien Lizenz und Mandat, Professionalisierungsbedürftigkeit, Professionalisierbarkeit, Professionalität, Praxisfeld und Professionsentwicklung untersucht (Benennungen im Original!):

  1. Sozialpädagogische Arbeit mit Älteren
  2. Soziale Arbeit mit Wohnungslosen und von Wohnungslosigkeit bedrohten Personen
  3. Sozialarbeit im Stadtteil
  4. Arbeit im Jugendzentrum
  5. Jugendamt: Hilfen zur Erziehung und Kinderschutz
  6. Sozialpädagogik und Jugendstrafrecht
  7. Jugendberufshilfe I: Die Historische Entwicklung? Sozialpädagogische Hilfe oder „Surrogatkarriere“
  8. Jugendberufshilfe II: Sozialpädagogik im Jobcenter
  9. Inklusive Jugendhilfe und Jugendberufshilfe
  10. Psychiatrie und Sozialpädagogik
  11. Schulsozialarbeit oder Schulsozialpädagogik
  12. Sozialarbeiter in der stationären Suchttherapie
  13. Sozialarbeit und Beratung
  14. Sozialarbeit im Gefängnis

Die Arbeit schließt dann in Teil C mit einer Diskussion zur Professionsentwicklung, die einmal in Bezug auf den „Gegenstand Sozialer Arbeit“ sowie auf die „Qualifikationsprofile und Methoden: Fallarbeit, Erziehung und Gruppenarbeit“ geführt wird.

Diskussion und Fazit

Sowohl die theoretische Diskussion überProfessionen und Professionsentwicklung in der Sozialen Arbeit im ersten Teil als auch die Auswertung der Daten erfolgen aus der soziologische Perspektive nach Oevermann, Schütze und Hildenbrand. Das ist dem Autor sicher gut gelungen. Was aber nicht ganz nachvollziehbar ist, dass er mit seinem Buch einerseits Anstöße für die Wiederbelebung der Diskussion über Professionsentwicklung geben will (S. 15), aber andererseits die Diskussionen und Weiterentwicklungen der letzten Jahre in diesem Zusammenhang (beispielsweise die aktuellen Publikationen der bereits oben genannten Edition Professions- und Professionalisierungsforschung) nicht berücksichtigt.

Im vorliegenden Buch wird aufgezeigt, wie facettenreich die Praxisfelder der Sozialen Arbeit und wie unterschiedlich ihre Entwicklungsstände in Bezug auf die Professionalisierung sind, wobei aufgrund der verwendeten Daten und des Vorgehens vielfach der Eindruck eines Wirrwarrs entsteht: Ein Großteil des Datenmaterials ist rund 20 Jahre alt und vom Autor selbst erhoben. Hierbei kann man unterstellen, dass in den analysierten Praxisfeldern inzwischen einiges weiterentwickelt hat. In Bezug andere Praxisfelder greift der Autor wiederum auf Datenmaterial und Analysen von anderen Veröffentlichungen zurück (Kapitel 10) bzw. verwendet gar kein Datenmaterial im Sinne von Fallstudie (Kapitel 9).

Dieser verwirrende Eindruck wird u.a. auch dadurch verstärkt, dass bestimmte fachliche Entwicklungen und Debatten in dem Buch keine Berücksichtigung finden. Nur ein Bespiel: Dass das Buch konzeptionell bewusst so angelegt ist, deutet bereits der Titel des Buches an, erhält es doch die traditionelle Trennung von Sozialarbeit und Sozialpädagogik weiter aufrecht. Es verwundert, da bereits der Titel der Schriftenreihe „rekonstruktive Forschung in der Sozialen Arbeit“ vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Modernisierungs- und Ausdifferenzierungsprozesse die Verzahnung der beiden historisch gewachsenen Perspektiven Sozialarbeit und Sozialpädagogik zu dem nunmehr weitgehend integrierten Handlungsfeld einer Sozialen Arbeit sichtbar macht. Der Autor thematisiert dies nicht und geht gleich in der ersten Zeile mit der antiquierten Schrägstrichvariante Sozialarbeit/Sozialpädagogik zu Werke. Dabei hat die Fachwelt schon längst dies mehrheitlich aufgegeben und sich auf den Oberbegriff Soziale Arbeit geeinigt und umgestellt (siehe sogar die Umbenennung des Klassikers von Otto/Thiersch: Handbuch Soziale Arbeit oder des Wörterbuchs Soziale Arbeit von Kreft/Mielenz).

Auch wenn das Buch einige interessante Ergebnisse zur Professionalisierung von manchen Praxisfeldern der Sozialen Arbeit liefert, ist die Professionalisierungsdebatte in der Sozialen Arbeit sicher weiter als vom Autor zur Kenntnis genommen.


Rezensent
Prof. Dr. Süleyman Gögercin
Duale Hochschule BW Villingen-Schwenningen, Fakultät für Sozialwesen
Homepage www.dhbw-vs.de/hochschule/mitarbeitende/sueleyman-g ...
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Zitiervorschlag
Süleyman Gögercin. Rezension vom 11.11.2016 zu: Hermann Müller: Professionalisierung von Praxisfeldern der Sozialarbeit. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2016. ISBN 978-3-8474-0784-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21350.php, Datum des Zugriffs 16.10.2019.


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