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Sabine Pleschberger, Christof S. Eisl (Hrsg.): Tageshospize - Orte der Gastfreundschaft

Cover Sabine Pleschberger, Christof S. Eisl (Hrsg.): Tageshospize - Orte der Gastfreundschaft. Teilstationäre Angebote in Palliative Care. der hospiz verlag Caro & Cie. oHG (Ludwigsburg) 2016. 425 Seiten. ISBN 978-3-941251-96-0. D: 19,99 EUR, A: 20,30 EUR.
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Thema

Seit geraumer Zeit haben sich in modernen westlichen Gesellschaften die für das Sterben bedeutsamen Wissensbestände und Praxisfelder, institutionelle Formen und Kontexte mit ihren je spezifischen Rollen- und Beziehungsgefügen, ausdifferenziert und zunehmend konstituiert. Ihnen kommt die Aufgabe zu, die Umsetzung eines guten Sterbens im Rahmen bestehender und neu zu schaffender Strukturen zu implementieren und zu realisieren. Parallel sorgen Initiativen und ambulante Hospizdienste dafür, Sterben zuhause, im privaten, intimen Raum zu ermöglichen. Innerhalb etablierter Nutzungsfelder, zu denen zweifelsohne das Sterben auf der Palliativstation oder das Sterben im stationären Hospiz zählen, hat sich auch das Tageshospiz einen Platz gesichert, auch wenn der Eigenwert des Tageshospizes, wie die HerausgeberInnen im Vorwort schreiben, bislang wenig wahrgenommen wird. Es ist das Anliegen dieses interdisziplinären Sammelbandes, diesen Eigenwert herauszustellen und aus unterschiedlichen Perspektiven zu akzentuieren.

Von besonderer Bedeutung und konstitutiv für das Tageshospiz scheint zu sein, dass sie BesucherInnen in eine Gastrolle weisen, in der sie lediglich vorübergehender Teil des Geschehens vor Ort sind. Diese Gastrolle definiert nicht nur die interaktiven Modelle zwischen Personal und BesucherInnen, sie verweist darüber hinaus auf Attribute, die eher dem privaten Leben und Raum zugeschrieben werden und weniger dem öffentlichen.

Herausgeberin und Herausgeber

Sabine Pleschberger ist Diplomkrankenschwester, Sozial-, Pflege und Gesundheitswissenschafterin. Ihre Erfahrungen fußen auf langjähriger Tätigkeit in Forschung und Lehre in Palliative Care und Pflegewissenschaft. Zuletzt war sie Gastprofessorin am Institut für Allgemeinmedizin an der Medizinischen Hochschule Hannover. Seit März 2016 ist sie als Wissenschafterin an der österreichischen Plattform für Interdisziplinäre Alternsfragen (ÖPIA) in Wien sowie in freier Praxis tätig.

Christof S. Eisl studierte Theologie, Werkerziehung und Religionspädagogik, Sozialmanagement und verfügt über Zusatzkenntnisse in Palliative Care, Kommunikation und Führung. Seit 2003 ist er Geschäftsführer der Hospiz-Bewegung Salzburg sowie Vorstandsmitglied des Dachverbandes Hospiz Österreich. Darüber hinaus ist er als Referent tätig und war maßgeblich an der Curriculumsentwicklung des Masterlehrganges für Palliative Care der Paracelsus Medizinischer Privatuniversität Salzburg beteiligt.

Aufbau

Der Sammelband umfasst neben einer Einführung der HerausgeberInnen zu den historischen Entwicklungslinien, der Umsetzung der Hospizidee im Tageshospiz, und einem Anhang mit den Kurzbiographien der AutorInnen sechs Grundkapitel, die wiederum in einzelne Unterkapitel gegliedert sind. Insgesamt waren an der Entstehung des Sammelbandes mehr als dreißig fachkundige Personen aus Deutschland und Österreich beteiligt. Der Buchband strukturiert sich nach der Einleitung wie folgt:

  1. Tageshospize – Entwicklung, Konzept und Verbreitung
  2. Evaluation eines Tageshospizes – Salzburg
  3. Team und -struktur im Tageshospiz
  4. Weitere Formen und Angebote im teilstationären Bereich
  5. Ein Tageshospiz gründen – Fallstricke, Tipps und Tricks
  6. Tageshospize als Teil einer lebendigen Sorgekultur
  7. Anhang

Inhalt

Mit dem ersten Kapitel des Sammelbandes werden die Anfänge, Entwicklungen, Verbreitungen und konzeptionellen Fragen rund um das Tageshospiz vorgestellt und ausdifferenziert. So beschreibt Sabine Pleschberger in ihren Ausführungen über Tageshospize in Großbritannien deren konzeptionelle Besonderheiten und ihren Status quo. Danach vergegenwärtigen Michaela Fink und Reimer Gronemeyer die Anfänge des ersten Tageshospizes in Deutschland, das 1993 in Halle (Saale) eröffnet wurde, und erinnern an das Vermächtnis des Gründers Heinrich Peras. Daran schließt die überblicksartige Darstellung der Konzeption und des Entwicklungsstandes der Tageshospize in Österreich durch Christof S. Eisl an. Neben den spezifischen Charakteristika in der Angebotsstruktur und der Darlegung der interprofessionellen Versorgung werden im Anschluss einige Tageshospize vorgestellt. Nachfolgend beschreibt Sabine Pleschberger in Grundzügen, was in anderen Ländern über Tageshospize und im Besonderen über ihre Wirksamkeit geforscht wurde. In den letzten beiden Kapiteln wird die konkrete Praxis und Umsetzung der Tageshospizarbeit anhand zweier NutzerInnengruppen reflektiert. Am Beispiel von Menschen mit onkologischen Erkrankungen zeichnet Irmgard Maria Singh zunächst Bedürfnisse und Anforderungen dieser speziellen Personengruppe nach. Anschließend gibt Harald Weikl Einblicke in die tageshospizliche Betreuung von Menschen mit Amyotropher Lateralsklerose.

Das zweite Kapitel widmet sich alsdann den Ergebnissen der wissenschaftlichen Evaluation des Tageshospizes in Salzburg, die besonders von Sabine Pleschberger und Doris Pfabigan getragen und in spezifischen Phasen der Erhebung von weiteren Personen unterstützt wurde. In dem ersten Abschnitt wird das Evaluationskonzept, das einem Mixed-Methods-Approach folgt, und das Evaluationsdesign inklusiver Stichproben und Erhebungszeiträume vorgestellt und anschließend die Erfahrungen in der Umsetzung reflektiert. Im zweiten Abschnitt wird das Tageshospiz Salzburg, seine historische Entwicklung, Konzeption und Arbeitsweise, näher beleuchtet. Elisabeth Schaffenrath-Kendlbacher hat bei der Ermittlung der Perspektive der Tagesgäste mitgewirkt. Diese wurde anhand von leitfadengestützten Beobachtungen und Interviews erhoben, während die Wirksamkeit der Tageshospize aus Sicht der Angehörigen mittels Fragebogenerhebung erfasst wurde. An diesem Teil haben Elisabeth Nöhammer und Claudia Wenzel mitgewirkt. Die zentralen Resultate werden schließlich zusammengeführt und entlang der Dimensionen Struktur, Prozess und Ergebnis hinsichtlich der Zielsetzung diskutiert und in den Gesamtkontext eingebettet.

Das dritte Kapitel befasst sich mit dem Team und der Gestalt der Teamstruktur im Tageshospiz, zu dem Mai Ulrich mit seiner Abhandlung über ehrenamtliches Engagement als Grundpfeiler der hospizlichen Arbeit einführt. Barbara Schnöll führt den Dialog weiter und beschreibt in ihrem Beitrag Rolle und Aufgabenspektrum der Pflege(-kräfte) am Beispiel des Tageshospizes Kleingmain. Über die medizinische Behandlung und Betreuung referieren im Anschluss Irmgard Maria Singh und Petra Wagner aus der Perspektive ihres ärztlichen Handelns, wobei darin den Aspekten Kommunikation und Flexibilität ein großer Stellenwert zukommt. Danach widmen sich Christof S. Eisl und Sabine Pleschberger den beiden Professionen Sozialarbeit und Psychotherapie, die dem betreuenden Team je nach Gesamtkonzept der Einrichtung zur Verfügung stehen. Im anschließenden Beitrag schildert Klaus Schweiggl, ausgehend von seinem langjährigen Engagement im Tageshospiz Wien die Rolle der Seelsorge. Abschließend gehen Anne Elisabeth Höfler und Christof S. Eisl auf die Besonderheiten und Herausforderungen von Teamarbeit und Teamleitung im Kontext des Tageshospizes ein.

Im vierten Kapitel des Bandes wird schließlich weiteren Formen und Angeboten im teilstationären Bereich, vornehmlich in Deutschland, Rechnung getragen. Franziska Speicher zeichnet in ihrem Beitrag Erfahrungen aus der praktischen Arbeit am Beispiel des Theodorus Kinder-Tageshospizes in Hamburg nach, das 2008 gegründet wurde. Dass das Tageshospiz auch ein Ort für Trauernde ist und dieses entsprechende Angebote etabliert haben, wird in dem Beitrag von Anke Schramm-Schmidt und Ansgar Ullrich skizziert. Dabei wird das Tageshospiz als sehr niederschwelliges Angebot für PatientInnen und Trauernde verstanden. Anhand eines Modellprojekts in Aschaffenburg wird von Alfred Paul die palliativmedizinische Tagesklinik als Ort einer spezialisierten palliativmedizinischen Multiprofessionalität anhand bestehender Angebots- und Behandlungsstrukturen vorgestellt. Es wird ebenso als niederschwelliges Therapieangebot begriffen. Im Anschluss daran wird durch Boris Hait, Ursula Prinz-Rogosch und Barbara Engler-Lueg (unter Mitarbeit von Stefan Schröer und Bernadette Stock) ein weiteres palliativmedizinisches Tagesangebot, das Palliativzentrum am Katharinen-Hospital Unna, dargestellt. Den Abschluss dieses Kapitels bildet der Beitrag von Doris Pfabigan und Sabine Pleschberger, in dem sie Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen geriatrischen Tageszentren und Tageshospizen näher beleuchten.

Schließlich erfahren LeserInnen in Kapitel fünf, was bei der Gründung eines Tageshospizes so allerlei zu beachten ist. Christof S. Eisl eröffnet mit einer Sammlung von ‚häufig gestellten Fragen‘ von allgemeiner Bedeutung einschließlich ihrer Antworten. Erich Rösch spannt den Faden weiter und gibt Einblicke in die Finanzierung von Tageshospizen in Deutschland. Daran anschließend nähern sich Claudia Nemeth und Christof S. Eisl in ihrem Beitrag der Thematik des Qualitätsmanagements im Tageshospiz, in dem sie Qualität in den Dimensionen Struktur, Prozess und Ergebnis zu beschreiben versuchen. Hingegen rücken Petra Wagner, Erich Baumgartner und Eric Stoiser die anfänglichen Hürden im Aufbau eines Tageshospizes (Albert-Schweitzer-Hospiz) in Graz in den Mittelpunkt ihrer Ausführungen. Es geht ihnen darum, beispielhaft zu zeigen, welche Bedeutung dem Aspekt einer guten Vernetzungsstruktur mit anderen Angeboten der spezialisierten Hospiz- und Palliativversorgung zukommt. In „Die Zeit war nicht reif“ lässt Paulina Wosko alsdann die PionierInnen Ulrike Proba-Köhler und Gerd Orzel ihre Erfahrungen mit dem Aufbau und der Schließung des Tageshospizes Erkrath resümieren.

Mit Kapitel sechs schließlich wird der Reigen geschlossen und die unterschiedlichen Betrachtungen und Gewichtungen der hier versammelten Texte von der Einzelperspektive zu einem Ganzen vereint, in dem Tageshospize im Gesamtkontext einer „lebendigen Sorgekultur“ als gesellschaftliches Selbstverständnis verortet werden. Unter der Überschrift „Sorgekultur in der Gemeinde und Tageshospize“ widmet sich der Beitrag von Klaus Wegleitner und Werner Mühlböck gemeindeorientierter Initiativen und Projekte zur Stärkung der Sorgekultur am Lebensende. Am Beispiel des Modellprojekts „Sorgende Gemeinde im Leben und Sterben“ in Landeck, Tirol, werden konzeptionelle Überlegungen vorgestellt. Einen kritischen und gleichzeitig zur Vorsicht mahnenden Blick auf (die Entwicklung von) Kinderhospize(n) werfen Andreas Heller und Reimer Gronemeyer in ihren Ausführungen, wenn sie die Idee des Hospizlichen mit der Vermarktung des Sterbens konterkarieren. Die hohe Spendenbereitschaft ist dann auch Ausgangs- und Vexierpunkt ihrer Schlussfolgerungen für das Kinderhospiz als Raum „absichtsloser Gastfreundschaft“ (S. 408). Letztlich wagen Sabine Pleschberger und Christof S. Eisl einen „Ausblick auf Tageshospize als Orte der Gastfreundschaft.“ In diesem Beitrag werden zusammenfassende Gedanken, offene Fragen sowie Anschlussmöglichkeiten für weitere Forschung und Praxis offeriert.

Diskussion

Vorliegender Sammelband spiegelt Ergebnis und Reflexion unterschiedlicher wissenschaftlicher und praxisnaher Erfahrungen mit dem Modell des Tageshospizes wider. Und vereint damit gleichzeitig all jene Aspekte, die eine tiefgründige Betrachtung des Themas erst möglich machen. Im Kern wird die weitreichende wie komplexe Frage verhandelt, in welcher Form Tageshospize als Teile einer umfassenden Sorgekultur zur selbstverständlichen Teilhabe von Sterbenden und ihren Bezugspersonen beitragen können. Dabei wird das nicht weniger rühmliche wie augenscheinliche Anliegen verfolgt, „die Essenz der Hospizidee zum Ausdruck“ (S. 409) zu bringen, in dem soziale Prozesse offengelegt werden, die das derzeitige Spannungsfeld zwischen Sterben, Tod und Trauer und der Gesellschaft konstituieren. Ein zunächst großes Ersinnen aber nach Beenden der Lektüre stellt man fest, dass dieser Anspruch wahrlich eingelöst wurde. Die vielfältigen Beiträge zeichnen sich nicht nur durch fachliche Verbundenheit aus, sondern bilden in Summe ein äußerst facettenreiches Gesamtbild, in dem es LeserInnen ein Leichtes ist, Argumentationslinien nachzuvollziehen. Multidimensionalität und -professionalität leiten die Ausführungen und zeigen, dass Tiefgang und leserfreundliche Sprache einander nicht ausschließen. Es gelingt den AutorInnen insgesamt, Erkenntnisse einer vernetzten Sterbekultur mit Fragen der praktischen Umsetzung im Kontext des Tageshospizes zu verbinden und dadurch wertvolle Hinweise zur (Weiter-)Arbeit zu vermitteln und Denkanstöße zur initiieren.

Fazit

Für all jene Interessierten, die die gegenwärtigen Debatten und Diskurse um die moderne Sterbebegleitung in Tageshospizen (und darüber hinaus) verfolgen, ist das Buch äußerst lesenswert, da es differenzierte Sichtweisen unterstützt, ohne das Gesamte aus den Augen zu verlieren. Hier eine Lücke zu schließen, war längst überfällig. Insofern verdient dieser Sammelband besondere Aufmerksamkeit und Würdigung.


Rezensentin
Dr. Doris Lindner
Homepage www.kphvie.ac.at
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Zitiervorschlag
Doris Lindner. Rezension vom 23.12.2016 zu: Sabine Pleschberger, Christof S. Eisl (Hrsg.): Tageshospize - Orte der Gastfreundschaft. Teilstationäre Angebote in Palliative Care. der hospiz verlag Caro & Cie. oHG (Ludwigsburg) 2016. ISBN 978-3-941251-96-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21352.php, Datum des Zugriffs 20.06.2019.


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ISSN 2190-9245

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