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Karen Nolte: Todkrank. Sterbebegleitung im 19. Jahrhundert

Cover Karen Nolte: Todkrank. Sterbebegleitung im 19. Jahrhundert. Medizin, Krankenpflege und Religion. Wallstein Verlag (Göttingen) 2016. 260 Seiten. ISBN 978-3-8353-1852-6. D: 24,90 EUR, A: 25,60 EUR.
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Thema

Karen Noltes Anliegen ist es, „die soziale Praxis im Umgang mit Schwerkranken und Sterbenden in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts anhand alltagsnaher Quellen verschiedener Akteure und Akteurinnen am Sterbebett zu rekonstruieren [sowie…] Konzepte der Sterbebegleitung aus dem Bereich der Medizin, der Pastoralmedizin und der protestantischen Krankenpflege herauszuarbeiten.“ (8) Zielgruppen werden keine benannt.

Autorin

PD Dr. phil. Karen Nolte studierte nach ihrer Ausbildung zur Krankenschwester Geschichte, europäische Ethnologie und Soziologie. Sie ist Akademische Rätin und Privatdozentin am Institut für Geschichte der Medizin an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg. Die Schwerpunkte ihrer Forschung liegen im Bereich der Medizingeschichte, Psychiatriegeschichte, Patientengeschichte und Geschichte der Krankenpflege im 18., 19. und 20. Jahrhundert sowie im Bereich der Wissenschaftsgeschichte, Körpergeschichte, Geschlechtergeschichte und Alltagsgeschichte im 19. und 20. Jahrhundert.

Aufbau

Das Buch gliedert sich nach einer Einleitung in fünf Kapitel.

  1. In Kapitel 1 beschreibt sie die drei im 19. Jahrhundert prominenten unheilbaren Krankheiten Krebs, Schwindsucht und Wassersucht.
  2. Das soziale Umfeld des Sterbens, in der bürgerlichen Familie oder in den Armutsvierteln, stellt sie in Kapitel 2 dar.
  3. Die ärztliche Praxis am Sterbebett rekonstruiert sie aus ärztlicher Perspektive in Kapitel 3,
  4. den Umgang mit Schmerzen aus der Perspektive von Ärzten, Betroffenen und Pflegenden in Kapitel 4.
  5. Thema von Kapitel 5 ist das selige Sterben und die Rolle der SterbebegleiterInnen.

Zum Schluss fasst Nolte ihre Ergebnisse in „Sterbebettgesellschaft im 19. Jahrhundert. Ein Fazit“ zusammen.

Den Anhang bilden Danksagung, archivalische Quellen, Literaturverzeichnis und Abbildungsverzeichnis.

Inhalt

In der Einleitung begründet Nolte den im häuslichen Bereich liegenden Schwerpunkt ihrer praxeologisch angelegten Untersuchung. (8f.) Die Menschen am Sterbebett bezeichnet sie als „Sterbebettgesellschaft“. (10) Deren Perspektive auf Schwerkranke und Sterbende, auf den Sterbeprozess und auf den konkreten Umgang mit Schwerkranken während des langen Prozesses des Sterbens sollen herausgearbeitet werden (10f.) – die ärztliche, pflegerische und seelsorgliche Perspektive sowie die Perspektive der Betroffenen und der Angehörigen. (11f.) Um die Studie handhabbar zu machen, beschränkt sie sich auf „Selbstzeugnisse des protestantisch-pietistischen Milieus“. (13) Kritisch grenzt sie sich von romantisierenden Vorstellungen des Sterbens und von der Vorstellung ab, „dass Ärzte in früheren Zeiten vor dem medizinischen Fortschritt […] ihren schwerkranken Patienten und Patientinnen nur tatenlos gegenüber stehen konnten.“ (11) Das wird bereits im ersten Kapitel deutlich, in dem aus kultur- und medizingeschichtlicher Perspektive die Krankheiten Krebs, Schwindsucht und Wassersucht darstellt werden (14), weil es um solche Sterbende gehen soll, „die vor ihrem Tod an einem unheilbaren Leiden erkrankt waren“. (12)

Die Perspektive auf Sterbende und ihr soziales Umfeld (Kapitel 2) ist aufgrund der Quellenlage stets eine bürgerliche. Hinweise auf das Sterben in Armenvierteln erhalten wir aus der „Perspektive bürgerlicher Armenpfleger und -pflegerinnen resp. Gemeindediakonissen, deren Handeln durch bürgerliche christliche Normen strukturiert war.“ (69) „Sowohl die Arbeit der Frauenvereine als auch die der Diakonissen steht im Kontext der protestantischen Idee der ‚Inneren Mission‘, mit der Unglaube und somit auch Armut in den unterbürgerlichen Schichten bekämpft wurde. Armenfürsorge und Krankenpflege waren also stets mit dem Ziel verknüpft, die besuchten armen Kranken zur christlichen Lebensführung zu erziehen.“ (74) Sterben findet in der Rahmung einer „Sterbebettgesellschaft“ statt. Dazu gehören in der bürgerlichen Familie neben der Familie Menschen aus dem nahen und weiteren Freundeskreis, Ärzte, Krankenwärterinnen, nichtakademische Heilpersonen und Seelsorger. (224) Das Sterbebett war ein öffentlicher Ort (64), so dass in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts nicht von einer Privatisierung des Sterbens gesprochen werden kann. (67) Die „Sterbebettgesellschaft“ in den Armutsvierteln bestand „nicht zwingend aus nahen Familienangehörigen, setzte sich vielmehr entsprechend der Lebensumstände zusammen: Witwen, ledige Frauen, aber auch proletarische Familien beherbergten Untermieter […]. Nicht nur diese ‚Mitbewohner‘, sondern auch Menschen aus der Nachbarschaft gehörten zu der Gemeinschaft, die sich um Schwerkranke und Sterbende in Armenquartieren kümmerten.“ (69) Zu Hause zu sterben wurde in bürgerlichen Kreisen einem Aufenthalt im Krankenhaus vorgezogen. (68) Aber auch nur eine Minderheit der unteren sozialen Schichten verstarb in einem Krankenhaus. Deren medizinische Versorgung war durch Armenärzte organisiert. (93) Das Sterben zu Hause geschah dabei unter prekären Umständen. Zudem wurden die Schwerkranken dem Prinzip der Hilfe zur Selbsthilfe folgend dazu angehalten, für ihren Lebensunterhalt zu arbeiten. (101) Der Aufenthalt in einem Krankenhaus mochte für manch kranken Armen die komfortablere Lösung sein. (69)

In Kapitel 3 rekonstruiert Nolte die Ärztliche Praxis am Sterbebett im Rahmen der Ärztlichen Ethik dieser Zeit. Zählte die medizinische und menschliche Begleitung Sterbender zu den wesentlichen Aufgaben und Pflichten der Ärzte (103), so setzte um 1800 eine Entwicklung ein, „in der das Wissen um den ‚guten Tod‘ zu einem ‚ärztlichen Spezialwissen‘ wurde.“ (103) Akademischen Ärzten ging es darum, „ihre Präsenz am Sterbebett gegenüber Laien und anderen Professionen zu behaupten und zu etablieren.“ (103) Euthanasia palliativa beinhaltete dabei zum einen eine lindernde Behandlung (besonders bei Schmerzen und Krämpfen) und zum anderen „eine ursächlich am Krankheitsgeschehen ansetzende Therapie, die zwar die Krankheit nicht beseitigen, wohl aber deren Verlauf verzögern konnte“ (123), auch wenn diese Maßnahmen die Kranken belasteten. (131) Wenngleich lebensverkürzende Handlungen durch Ärzte abgelehnt wurden, wurden lebensgefährliche palliative Operationen damit befürwortet, „dass ein schneller Tod durch die Operation eine Erlösung für die schwer leidenden Krebskranken sei.“ (155) Im Rahmen eines fürsorglichen Handelns sollte den Betroffenen die Wahrheit über ihren Zustand bis zuletzt verschwiegen werden, um sie nicht unnötig mit einer „Gemütserschütterung“ zu schwächen und ihre Lebenszeit damit zu verkürzen. (110) Die Angehörigen indessen sollten aufgeklärt werden, um sich auf den Tod seelisch und praktisch vorbereiten zu können. (112).

Den Umgang mit Schmerzen vertieft Nolte in Kapitel 4. Seit dem 17. Jahrhundert hat sich ein tiefgreifender Wandel in der Vorstellung von der Genese des Schmerzes vollzogen. Schmerz wird zunehmend als körperliches Ereignis konzipiert, „das religiöse Verständnis der Erlösung durch den Schmerz sei sukzessive durch das naturwissenschaftliche Verständnis der Erlösung vom Schmerz ersetzt worden. […] Das leidende Ich habe sich auf diese Weise von der Quelle des Schmerzes distanziert.“ (158) Die Diakonissen halten im Rahmen der „Seelenpflege“ an der religiösen Deutung fest. „Krankheit und Schmerzen wurde von den Schwestern je nach Vorleben und Seelenzustand eines Kranken entweder als Prüfung oder Strafe Gottes gedeutet. Schmerzen als göttlichen Plan anzunehmen und bewusst zu durchleben, war nach pietistisch-christlicher Auffassung wesentlich für die Läuterung der Seele. Nach tiefer Überzeugung der Diakonissen war es demnach auch notwendig, die eigene Sündhaftigkeit zu erkennen und sich aufrichtig zu Gott zu bekennen, um entweder geheilt zu werden oder selig zu sterben.“ (180)

In Kapitel 5 über Das selige Sterben stilisiert Nolte die seelische Sterbebegleitung im Übergang vom 18. ins 19. Jahrhundert zum umkämpften Terrain verschiedener AkteurInnen. „Im Zuge der Medikalisierung des Sterbens definierten Ärzte nicht nur die medizinische Behandlung von Beschwerden und Schmerzen – die sogenannte äußere Euthanasie – als Kompetenzbereich und Pflicht akademisch ausgebildeter Mediziner, vielmehr sahen studierte Ärzte sich selbst auch für die menschlich-religiöse Sterbebegleitung – die sogenannte innere Euthanasie – als besonders qualifiziert an.“ (188) Die angeführten Zitate begründen m.E. ihre These nicht hinreichend und ihre Schlussfolgerung nicht notwendig. Die drei an dieser Stelle nicht kontextualisierten Texte sprechen m.E. weniger von Konkurrenz als vielmehr vom Schaden, den eine christliche Seelsorge anrichten kann, wenn sie statt Hoffnung Todesfurcht verbreitet, was an die Figur der Gemütserschütterung erinnert. (191, 200) Die Sorge um den inneren Menschen scheint den Zitaten von Nolte folgend eher die Sorge für Ruhe im und um den Schwerkranken zu sein. (189f.) Die Landgeistlichen, so Nolte weiter, betrachteten neben der Seelsorge die Sorge für das leibliche Wohl von Schwerkranken als ihre Aufgabe. Sie waren „medizinisch ausgebildet, um im Notfall und wenn kein Arzt verfügbar war, bei ihren kranken Gemeindemitgliedern medizinische Hilfe leisten zu können.“ (192) Die überwiegend ärztlichen Quellen bieten m.E. eine rein pastoralmedizinisch normative Perspektive, die pastoraltheologischen bleiben Aussagen über eine etwaige pastoralmedizinische Praxis am Sterbebett schuldig. Lediglich einmal findet sich ein deskriptiver Hinweis. (204) Und es bleibt offen, ob dies eine zu verallgemeinernde oder rein konfessionsgebundene Praxis war. Konflikte gab es, so Nolte weiter, auch zwischen Pastoren und Diakonissen, „die sich beide in unterschiedlichen Funktionen um die Seele und den kranken Leib der Gemeindemitglieder bemühten.“ (204) Die Diakonissen sahen in der Seelenpflege Sterbender mit dem Ziel eines seligen Todes den Kern christlicher Krankenpflege. (17, 205) Aber auch mit Ärzten gerieten sie in Konflikt. Denn für „eine effektive Seelenpflege war die unbedingte Voraussetzung, dass die Sterbenden nicht nur darüber aufgeklärt wurden, dass ihre schwere Krankheit unheilbar war, vielmehr sollten sie so früh wie möglich wissen, dass sie sterben mussten.“ (219f.) Dies führte zum „ernsthaften Konflikt zwischen ihrer Pflicht, die Seele ihrer Pfleglinge zu heilen und der Gehorsamspflicht dem Arzt gegenüber […], wenn die Kranken ahnungslos waren und nach Weisung des Arztes auch bleiben sollten.“ (220) Diakonissen mussten also einerseits den Ärzten gehorsam sein, andererseits „sollten sie sich im Bereich der Seelenpflege den Pfarrern unterordnen, die für die Krankenseelsorge in der Gemeinde und in den Krankenhäusern zuständig waren.“ (222) Abschließend wird die Perspektive der Betroffenen herausgearbeitet. Welche Bedeutung die Betroffenen „den hier untersuchten Professionen auf dem Weg zu einem seligen Tod einräumten“ (189), bleibt m.E. unbeantwortet. Ergebnis ist: „Im pietistischen Bürgertum des 18. und 19. Jahrhunderts“ besuchten Freunde und Verwandte Sterbende, „um sie spirituell auf dem Weg in den seligen Tod zu begleiten“. (225) Religiöse Sterbebegleitung ist im Rahmen der Familiarisierung der Religion im Übergang vom 18. zum 19. Jahrhundert eine Familienangelegenheit. (229) Besuche von Pfarrern am Sterbebett werden in Sterbestundenberichten selten erwähnt. (228) Über deren Bedeutung wird keine Aussage gemacht. Ärzte hingegen treten „als stetige Begleiter von Sterbenden häufig in Erscheinung.“ (231) Über die Bedeutung der Ärzte aus der Perspektive der Betroffenen wird nichts gesagt. Die Diakonissen bleiben unerwähnt.

Fazit

Nolte bietet viele m.E. wertvolle, sehr informative und differenzierte Einblicke in die Praxis der Sterbebegleitung in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts im pietistisch-protestantischen Milieu. Sie wendet sich gegen die Vorstellungen eines romantisierten Sterbens, einer Privatisierung des Sterbens und gegen die Vorstellung von in dieser Zeit optionslosen Ärzten. Sie stützt demgegenüber die Vorstellungen einer Medikalisierung des Sterbens (7 und 232 m.E. widersprüchlich) und einer Familiarisierung von Religion verbunden mit der Stärkung des Phänomens der „Sterbebettgesellschaft“, die auch Überschrift ihres Fazits ist.

Nach dem bereichernden Lesen des Buches irritiert der Untertitel „Religion“, da das Thema des Buches eher die Seelsorge ist, und es irritiert das Versprechen des Aufdeckens von Konzepten, die in einer zu erwartenden Abgeschlossenheit im Buch nicht zu finden sind und möglicherweise in der Begrenzung auf den Ausschnitt der Häuslichkeit des pietistisch-protestantischen Milieus auch gar nicht gefunden werden müssen.


Rezensent
Manfred Baumann
Ev. Dipl.-Theologe, Gesundheits- und Krankenpfleger, Ethikberater, M.A. Pflegewissenschaft
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Zitiervorschlag
Manfred Baumann. Rezension vom 27.02.2017 zu: Karen Nolte: Todkrank. Sterbebegleitung im 19. Jahrhundert. Medizin, Krankenpflege und Religion. Wallstein Verlag (Göttingen) 2016. ISBN 978-3-8353-1852-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21353.php, Datum des Zugriffs 21.09.2017.


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