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Heike Deckert-Peaceman, Gerold Scholz: Vom Kind zum Schüler

Cover Heike Deckert-Peaceman, Gerold Scholz: Vom Kind zum Schüler. Diskurs-Praxis-Formation zum Schulanfang und ihre Bedeutung für die Theorie der Grundschule. Verlag Barbara Budrich (Opladen, Berlin, Toronto) 2016. 292 Seiten. ISBN 978-3-8474-0698-3. D: 29,90 EUR, A: 30,80 EUR.
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Thema

Je nach eigener wissenschaftstheoretischer oder forschungsmethodischer Position könnte man sagen: Endlich wieder einmal ein gesellschaftskritisches Buch für die Pädagogik bzw. deren Theoretiker und Praktiker(innen): „Eher selten sind Diskussionen, die sich auf die gesellschaftliche und kulturelle Einbettung des Schulanfanges in der Weise beziehen, das damit Rahmenbedingungen für den individuellen Schulerfolg gegeben sind.“ (S. 16)

Die beiden Autoren schlagen nicht diese oder jene Verbesserung für den Schulanfang vor, sondern sie richten ihren Blick auf das Ereignis Schulanfang im größeren kulturellen und gesellschaftlichen Zusammenhang mit ihrem eigenen Ziel: „Wir erweitern die erziehungswissenschaftliche Perspektive. Wir fragen nicht nur, wie durch ein konkretes Ereignis (Schulanfang) eine kulturelle Ordnung tradiert wird, sondern auch danach, wie am Schulanfang eine bestimmte Ordnungsvorstellung repräsentiert wird. Der Schulanfang ist deshalb für diese Frage prädestiniert, weil am Schulanfang alles Reden und Handeln über Kinder prospektiv ist. … Der Schulanfang ist so gesehen eine Art Brennglas, in dem sich sehr vieles an einem Punkt sammelt.“ (S. 20)

Die rein „pädagogische“ oder traditionelle Sicht auf den Schulanfang reicht den Verfassern nicht aus; ihr Anliegen ist, den „reinen“ „Pädagogen“ (die ja wörtlich die „Kinderführer“ sind – von griechisch pais, das Kind, und agein, führen –, um diese Etymologie noch einmal in Erinnerung zu rufen) ihren Blick zu schärfen und zu weiten. Die „Kinderführer“ werden von den Autoren nicht nur liebevoll und mit großem Verständnis gesehen und gezeichnet; sind sie es doch, die maßgeblich mit das „Kind von heute“ produzieren: Das „Bildungssubjekt nach Pisa“ (S. 14) ist das „gute, kreative und neugierige Kind“ … „gleichzeitig ständig lern- und leistungsbereit, auch schon lange vor der Schulpflicht…Es managt als Akteur professionell seine Bildungsbiographie…Sein kreatives Spiel dient nicht der Ausgestaltung einer Traumwelt, sondern ist in einem neoliberalen Sinne einer Verwertbarkeit als Humankapital unterworfen.“ (a.a.O.) „Die Bildungssubjekte von damals (bis in die 1990er Jahre) und heute unterscheiden sich, was insbesondere in der Transformation vom Kind zum Schüler deutlich wird.“(a.a.O.)

Dieses Zitat mag auch den Buchtitel („Diskurs-Praxis-Transformationen“) erklären. Die Autoren scheinen gar nicht erfreut darüber zu sein, dass heute die Kindergärten und Kindertagesstätten sowie Krippen sich „explizit als Bildungsinstitution“ (S. 15) verstehen und „dass eine frühere Einschulung bzw. Verschulung der frühen Kindheit die Leistungen der Einzelnen und damit die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Gesellschaft verbessern.“ (a.a.O.) Es wäre schön, wenn die Autoren auch bemängeln würden – evtl. auch wüssten –, dass etwa 10 % der Kinder eines Jahrgangs am Schulanfang scheitern (ich nenne sie „Stolperkinder“, weil sie bereits am Schulanfang über die Schwelle „stolpern“) und Ideen hätten, was dagegen zu unternehmen wäre; wenn sie wüssten, dass dies überwiegend männliche Kinder sowie überproportional Kinder mit Migrationshintergrund sind. Möglicherweise wäre das den Autoren auch gar nicht ihrem Anspruch gemäß, insofern sie mutig sagen: „Wir ziehen einen Bogen von der Vergangenheit über die Gegenwart in eine mögliche Zukunft. Wir entwerfen idealtypisch eine radikalmoderne Grundschule als Ausgangspunkt für eine kritische Diskussion in Politik, Praxis und Wissenschaft.“ (S. 26 f)

Aufbau

„Das Buch zielt darauf, den Schulanfang als Repräsentant für eine kulturelle Ordnung herauszuarbeiten.“ (S. 23). Es gliedert sich nach einer Einführung inhaltlich in neun Kapitel:

  1. Fremder Blick, Erzählungen über den Schulanfang, z.B. Heiner im Storchennest, Der Zuckertütenbaum, Bald bin ich ein Schulkind
  2. Historiografie des Schulanfangs in Deutschland, z.B. Reformpädagogik
  3. Kontinuitäten und Diskontinuitäten, z.B. Verhältnis von Kindergarten und Grundschule
  4. Schulanfang als Konsumfest und die Öffnung von Unterricht
  5. Was Kinder können (sollen), z.B. der bayerische Bildungsplan für den Kindergarten
  6. Zwischen Lebenswelt und System, u.a. „Die Schule als Weg des Kindes“ (Langeveld)
  7. Lehrerbildung und Berufskultur, z.B. Texte für den Lehrer in Ausbildung und Schulpraxis
  8. Selektionspraktiken am Schulanfang, u.a. „Das Konstrukt des homogenen Anfangs“
  9. Ausblick, u.a. Herausforderungen für Schulbildung, z.B. Globalisierung, Computerisierung, Verwissenschaftlichung

Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

Inhalt

Diese Palette an Themen und Fragestellungen behandeln die Autoren auf der Basis einer von ihnen methodisch breit angelegten Forschung. Unter Anschluss an Reckwitz plädieren sie „für einen poststrukturalistisch-dekonstruktiven Impuls, der sensibel ist für die Instabilitäten und Widersprüche der Formationen“ (S. 21) Die in der Publikation vorgelegte Untersuchung erfolgt auf der Grundlage von Fällen. Das Material ist vielfältig: „Fotos, Filme, Beobachtungen, Reden in Text und Audio, Kinderbücher, Theaterstücke, Lieder, Sprüche, Schultüten und ihre Füllungen, Geschenke zum Schulanfang, Werbung, Ratgeber für Eltern und Lehrer.“ (S. 22) Man kann sogar auf eigene empirische Untersuchungen hinweisen. „Die Analyse … ist im Sinne einer Bricolage … zu verstehen.“ (a.a.O.)

Wie sieht nun die neue Schule der Autoren aus – der „Idealtypische Entwurf einer Schule der Gegenwart“ (S. 258 ff)?

Logischerweise hat man ein Gebäude, in dem Unterricht stattfindet. „… man amüsiert sich nicht, sondern man lernt. … Man besucht den Unterricht, um sich zu bilden. … Der Unterricht lehrt nicht Wissen, sondern verhandelt es. … Die Lehrer sind Lehrer, nicht z.B. Lernbegleiter, weil sie ihre – notwendig – subjektive Bildung als Herausforderung den Schülern gegenüberstellen … Die Lehrer sind keine Philosophen, sie philosophieren nicht mit den Schülern, sondern sie lehren den Schülern Möglichkeiten, dem erlernten Wissen einen Sinn zu geben.“ (S. 258 f) Schuldenken hat sich einem grundlegenden Wandel zu unterwerfen, und es geht um eine „radikal moderne Schule“, „die ihren Auftrag primär in der Erziehung zur Mündigkeit versteht und insofern Bildung als Reflexionsraum ermöglicht.“ (S. 264) Auch die erziehungswissenschaftliche Grundschulpädagogik hat gemäß den Autoren umzudenken, will sie sich nicht weiterhin an der Bildung von „grundschulpädagogischen Mythen“ (S. 263) beteiligen.

Fazit

Ein interessantes und „lesens“-wertes, kultur- und gesellschaftskritisches Werk über Schulanfang und Einschulung, also ein hochbedeutsames Ereignis im Leben eines Kindes. „Lesenswert“ meint u.a.: Es dient nicht der schlichten methodischen Anregung von pädagogischen Fachkräften in der Praxis. Allerdings können diese sich hier wirklich inspirieren lassen und ggf. ihr eigenes Werk hinterfragen und durchdenken. Ich empfehle dieses kulturwissenschaftliche Werk, das sich nicht nur pädagogisch im engen Sinne, sondern auch gesellschaftskritisch versteht. Teilweise für Alt-68er eine schöne Sammlung von Reminiszenzen, für die Nachfahren und Heutigen eine intelligente Lektüre, die sich nicht alle Tage findet.


Rezensent
Prof. Dr. Norbert Huppertz
Homepage www.wibeor-baden.de/huppertz/
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Zitiervorschlag
Norbert Huppertz. Rezension vom 04.10.2018 zu: Heike Deckert-Peaceman, Gerold Scholz: Vom Kind zum Schüler. Diskurs-Praxis-Formation zum Schulanfang und ihre Bedeutung für die Theorie der Grundschule. Verlag Barbara Budrich (Opladen, Berlin, Toronto) 2016. ISBN 978-3-8474-0698-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21355.php, Datum des Zugriffs 10.12.2018.


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