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Andrew Buckley, Carole Buckley: Coaching oder Therapie?

Cover Andrew Buckley, Carole Buckley: Coaching oder Therapie? Junfermann Verlag GmbH (Paderborn) 2016. 290 Seiten. ISBN 978-3-95571-408-6. D: 30,00 EUR, A: 30,90 EUR.
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Thema

Bei Formaten psychosozialer Beratung taucht wie von selbst die Frage auf: Mehr psycho oder mehr sozial oder mehr Beratung? Coaching hat Nachbarn: Beratung, z.B. als Fachberatung oder Training, auf der einen und Therapie auf der anderen Seite. So wenig Berührungsängste Coaches im Allgemeinen zur Seite Fachberatung und Training haben, so sehr haben sie Bedenken in die andere Richtung:

  • Wo verläuft die Grenze zwischen Coaching und Therapie?
  • Kann man die auch versehentlich übertreten?
  • Kann im Coachingprozess plötzlich Therapiebedarf relevant werden?
  • Kann ein Coach unbeabsichtigt traumatische Erfahrungen anrühren?
  • Und woran erkennt ein Coach denn, ob er es mit einem Krankheitsbild zu tun hat oder mit einer Coaching-Fragestellung?

Diese Fragen stellen auch Teilnehmende an Coachingweiterbildungen immer wieder.

Wenn Menschen eine psychiatrisch oder psychotherapeutische Praxis aufsuchen, sind diese Fragen – zumindest zunächst – entschieden: Läge keine psychische Störung vor, suchte dieser Mensch nicht Hilfe in einer Therapie. Beim Coaching ist es anders: Menschen suchen einen Coach auf, weil sie vor einer anspruchsvollen Aufgabe stehen; weil sie möglicherweise eine neue, herausfordernde Stelle übernommen haben; weil sie eine Schwäche bei sich sehen, an der sie arbeiten möchten etc. Gleichzeitig ist Coaching ein „Arbeiten im Grenzbereich“, weil Coaches immer wieder Menschen begegnen, die sich „im Prodromalstadium einer psychischen Erkrankung, häufig einer depressiven Störung“ befinden. Es ist gut, dafür hinreichend sensibilisiert zu sein – und über die dafür nötigen Kenntnisse zu verfügen. Dazu leistet das Buch einen sehr wertvollen Beitrag.

AutorInnen

Andrew Buckley und Carole Buckley repräsentieren das Thema des Buches sozusagen in eigener Person: Andrew Buckley hat viele Jahre als Business-Coach und -berater gearbeitet, Carole Buckley ist Medizinerin mit dem Arbeitsschwerpunkt ganzheitliche Behandlungsverfahren, sie ist vor allem interessiert am Zusammenhang zwischen psychischer Gesundheit und den Bedingungen beruflicher Arbeit.

Aufbau und Einführung

Das Buch umfasst drei Teile:

  1. „Arbeiten im Grenzbereich“,
  2. „Was wird eigentlich gesagt?“
  3. „Klassifikation psychischer Störungen, ihre Definition, Epidemiologie und Management“.

Vorangestellt sind ein Vorwort des Psychiaters Mike Nowers und eine Einführung von Andrew Buckley, nachgestellt ein Literaturverzeichnis und der Index.

In der Einführung geht Buckley der Frage nach, wie ein Coach psychologische Probleme identifizieren und gegebenenfalls handhaben kann, wie er erkennen kann, wann der Boden von Coaching verlassen wird und andere Formen der Unterstützung angebracht sind. Psychische Probleme (chronische oder akute) erweisen sich als Hindernisse für effektives und hilfreiches Coaching, umso mehr müssen Coaches in der Lage sein, Anzeichen für solche Probleme erkennen können. „Wie kann dieses Buch helfen?“ fragt Buckley am Ende seiner Einführung.

Zu I. Arbeiten im Grenzbereich

Teil I beginnt mit dem Kapitel: „Ein Gesamtbild erstellen“. Dieses Kapitel enthält wichtige Fragestellungen für den Fortgang des Buches und das Thema Coaching oder Therapie überhaupt. Eine klassische Beschreibung der Grenzlinie zwischen den beiden Formaten ist diese: Coaching hat es mit (psychisch) gesunden Menschen zu tun, Therapie mit kranken bzw. mit als krank definierten. Es wäre also einfach – wenn es einfach wäre. Ob jemand als psychisch gesund gelten kann, wird ja vor Beginn eines Coachings üblicherweise nicht überprüft, so dass ein Coach lediglich mit einer entsprechenden Annahme arbeiten kann. Unter Überschrift „Was ist normal?“ stellen die Autoren fest: „Eine eindeutige Aussage darüber zu machen, dass eine Person psychisch gesund ist, stellt sich als sehr schwierig dar.“ (S. 25) Und: „Eine Definition psychischer Gesundheit beruht mehr auf der Fähigkeit, in hinreichendem Maße zu funktionieren, als auf einer allgemein akzeptierten Skala für ‚Gesundheit‘.“ (S. 26) Gleichwohl gibt es Anzeichen psychischer Erkrankungen, auf die zu achten im Coaching wichtig ist, um einen angemessenen Umgang damit zu finden. (Es ist hilfreich, dass sich am Ende jedes Kapitels eine Aufstellung der „Lernziele“ findet. So kann man von da aus noch einmal nachlesen, was möglicherweise unklar geblieben ist.

Ein zweites Kapitel ist überschrieben mit: „Informationen sammeln“ und thematisiert die „Alarmglocken“, auf die ein Coach hören sollte – nicht um eine Diagnose stellen zu können, wohl aber um eine begründete Entscheidung treffen zu können, ob ein Coaching sinnvoll fortgesetzt werden kann oder ob eine andere Form der Unterstützung indiziert ist. Es sei angemerkt, dass hier wie an vielen anderen Stellen des Buches darauf hingewiesen wird, wie hilfreich die Begleitung durch Supervision ist.

Unter der Überschrift „Was man berücksichtigen muss“ werden weitere Perspektiven benannt und reflektiert, die in eine verantwortliche Entscheidung über Abbruch oder Fortsetzung eines Coachings einfließen sollten, z.B. der vertragliche Kontext, die Perspektiven des Coaches und des Coachees, die der beruflichen Standards, rechtliche Aspekte etc.

Den Abschluss des ersten Teils bildet das vierte Kapitel mit dem Titel: „Was kommt als Nächstes?“ Dabei gibt es fünf Optionen: 1. Das Coaching mit dem Klienten fortsetzen, 2. Das Coaching fortsetzen, aber zusätzliche Unterstützung einbeziehen, 3. Das Coaching begründet abbrechen, 4. Das Coaching abbrechen, den Coachee aber bei der Suche nach weiterer Unterstützung begleiten, 5. Maßnahmen ergreifen, um sicherzustellen, dass der Klient angemessene Hilfe bekommt. (S. 96) All diese Optionen werden ausführlich reflektiert.

Zu Teil II „Was wird eigentlich gesagt?“

Teil II bietet Fallvignetten zur Illustration der im ersten Teil entwickelten Grundlinien. Anhand von acht fiktiven Klienten werden unterschiedliche Optionen erwogen, diverse Aspekte benannt, ethische Fragestellungen erörtert etc. Am Ende jedes Kapitels werden „Schlussfolgerungen“ benannt und die zum Kapitel gehörigen Lernziele aufgelistet.

Zu Teil III „Klassifikation psychischer Störungen, ihre Definition, Epidemiologie und Management.“

Teil III liefert Informationen, mit denen Coaches sensibilisiert werden für die schon genannten Alarmglocken in folgenden Bereichen:

  • Depressive Störungen;
  • Angststörungen, Phobien und Stress;
  • Substanzmissbrauch/Sucht;
  • Behinderungen und Beeinträchtigungen;
  • psychotische und Persönlichkeitsstörungen;
  • Essstörungen;
  • Psychosexuelle Probleme.

Das abschließende 20. Kapitel ist den drei Behandlungsoptionen gewidmet:

  1. psychiatrisch-medikamentös,
  2. formelle Gesprächstherapie und
  3. Geduld – letzteres deshalb, weil viele psychische Störungen vorübergehender Natur sind.

Diskussion

Coaches brauchen ein Grundwissen über psychische Störungen und Erkrankungen, um hinreichend sensibel zu sein für Alarmzeichen, die sich im Coachingprozess zeigen. Es bleibt allerdings dabei, dass die Übergänge zwischen Belastungsreaktionen, Anpassungsstörungen und behandlungsbedürftigen Krankheitsbildern fließend sind, so dass die Entscheidung, welche Konsequenzen aus den Beobachtungen gezogen werden müssen, nie eindeutig ist. Gerade deshalb finde ich den immer wiederholten Hinweis auf die Notwendigkeit von Supervision oder anderer externer Beratung sehr hilfreich, wenn es darum geht, als Coach professionell sauber und ethisch verantwortlich zu handeln.

Die Stärke des Buches liegt in seiner Praxisorientierung. Es ist kein Grundkurs in Psychotherapie, sondern eine auf das Arbeitsfeld Coaching bezogene Grundorientierung. Die Sprache ist allgemein verständlich, der Weg von den grundlegenden Fragen, die beim Thema „Coaching oder Therapie“ auftauchen, über die konkreten Fallbeschreibungen, in denen das Handeln von Coaches kritisch reflektiert wird, bis hin zur Beschreibung von Grundformen psychischer Störungen ist nachvollziehbar und lehrreich – was, wie gesagt, durch die Benennung der Lernziele überprüft werden kann. Der Band gehört auf die Literaturliste von Coaching-Weiterbildungen. Aber auch erfahrene Coaches werden das Buch mit großem Gewinn lesen, eben weil sie erfahren sind und deshalb mit vielem, was im Buch beschrieben wird, eigene Coachingszenen verbinden können. Den Autor*innen merkt man an, dass sie mit beiden Metiers vertraut sind: sowohl mit Coaching als auch mit Therapie.

Fazit

Eine gute und umfangreiche Antwort auf eine Frage, die im Zusammenhang mit Coaching immer wieder auftaucht, und der Versuch, das Grenzgebiet zwischen Coaching und Therapie zu erkunden. Der erste Teil reflektiert vor allem die für Coaches entstehenden Fragen, der dritte Teil bietet das psychologische Fachwissen und der zweite Teil führt beides zusammen: Was ist noch Coaching und wo ist schon Therapie gefragt? Eine Leseempfehlung für alle Coaches!


Rezensent
Peter Schröder
Pfarrer
(Lehr-)Supervisor (DGSv), Seniorcoach (DGfC)
Homepage www.resonanzraeume.de
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Zitiervorschlag
Peter Schröder. Rezension vom 16.01.2017 zu: Andrew Buckley, Carole Buckley: Coaching oder Therapie? Junfermann Verlag GmbH (Paderborn) 2016. ISBN 978-3-95571-408-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21358.php, Datum des Zugriffs 12.12.2019.


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