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Matthias Lohre: Das Erbe der Kriegsenkel

Cover Matthias Lohre: Das Erbe der Kriegsenkel. Was das Schweigen der Eltern mit uns macht. Gütersloher Verlagshaus Verlagsgruppe Random House GmbH (Gütersloh) 2016. 255 Seiten. ISBN 978-3-579-08636-1. D: 19,99 EUR, A: 20,60 EUR, CH: 26,90 sFr.
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Thema

Das Buch geht aus der Perspektive des Sohnes dem Schweigen des Vaters über seine Erfahrungen als Kriegskind in der Zeit des Nationalsozialismus nach. Im Wechsel zwischen der Suche nach Spuren in der eigenen Familiengeschichte und der Suche nach Antworten in sozialpsychologischen Befunden bildet der Autor ein Interaktionsmuster zwischen den Generationen heraus. Dieses speist sich aus Beschweigen, Sprachlosigkeit und Selbstvergewisserung der erlittenen Kriegstraumata und erfuhr über zwei Generationen nach Kriegsende hinweg seine Prägung durch den gesellschaftlichen Umgang mit Nationalsozialismus und Holocaust. Die „Kriegsenkel“ empfinden dies vermehrt als Last, doch gelinge es ihnen meist erst nach dem Tod ihrer Eltern, eine Sprache für diese Erblast zu finden. Der Autor, selbst „Kriegsenkel“, wählt dafür das Mittel des Schreibens. Er identifiziert dabei zwei miteinander konkurrierende Themen: die Sozialisation der Elterngeneration einerseits, geprägt von traumatischen Kriegserfahrungen, NS-Erziehung und einem nicht aufgelösten Schulddiskurs, andererseits die sich chronifizierende „bleierne“ Wirkung der Kriegserfahrung der Eltern auf ihre Kinder, die sich äußere in „mangelndem Selbstwertgefühl, extremen Schuldgefühlen und diffuser Angst.“

Autor

Matthias Lohre, Jahrgang 1976, Journalist und Autor, u.a. für die taz, die Zeit und Zeitonline.

Aufbau und Inhalt

Kapitel 1 Kriegskinder & Kriegsenkel. In diesem Kapitel (S. 22-30) unternimmt der Autor eine Erklärung der beiden generationellen Zuschreibungen „Kriegskinder“ und „Kriegsenkel“ bezogen auf die Zeit des Zweiten Weltkriegs. Dabei fasst er die Jahrgänge zwischen 1929 und 1947 zu den „Kriegskindern“ und diejenigen zwischen 1955 und 1975 Geborenen zu den „Kriegsenkeln“. Damit bezieht er sich auf die ab den 80er Jahren beginnende Debatte über eine bis dahin im öffentlichen Bewusstsein nicht zur Kenntnis genommene Generationserfahrung: Die Realität der Kinder und Jugendliche vor allem in den letzten Kriegsjahren und der unmittelbaren Nachkriegszeit. War der Alltag aller zunehmend geprägt von den Schrecken der Bombardierungen, wurden bereits die älteren Jugendlichen noch zu den Flakhelfern zur Flugabwehr miteingezogen, und somit unmittelbar den Kriegshandlungen ausgesetzt. Zudem begann für viele zu Kriegsende, gerade in den damals noch besiedelten deutschen Ostgebieten bzw. auch in den Gebieten deutscher Besatzung die Erfahrungen im Zuge von Flucht und Vertreibung, die die Lebensumstände noch lange nach Kriegsende grundlegend veränderten. Dahinter verbargen sich nicht nur Heimatverlust, Hunger oder Trennung von den Eltern, sondern auch das Mit- oder direkte Erleben von Gewalterfahrungen und Tod. In der unmittelbaren Nachkriegszeit lebten in Westdeutschland noch neun Millionen Kinder unter unwürdigen Lebensverhältnissen, die Hälfte davon waren Lagerkinder. Da diese Erfahrungen gegenüber den Erwachsenen nicht zu Gehör gebracht werden konnten, bildete diese Generation laut Lohre eine mit zunehmenden Alter wachsende Depression aus, die sich in einem Lebensgefühl des „Ich Zuerst“ und des Rückzugs auf das Private äußerte. Dabei bezieht er sich auf den Journalisten Jens Jessen, der im Jahr 2008 in einem Artikel in der Zeit diesen Zusammenhang näher ausführte, wie auch auf die Trauma-These des Altersforschers Hartmut Radebold, der vor allem die Situation der Kinder in Westdeutschland in den Blick nahm. Das Leid dieser Kriegskinder habe sich auf deren Kinder übertragen, da sie mit der Gründung ihrer Familien ihre Erfahrung der nicht erfahrenen Liebe kompensieren wollten, die sie vor allem von ihren eigenen Kindern erwarteten. Die Eltern-Kind-Beziehung habe von Beginn an diesem Erwartungsdruck nicht standhalten können und sei daher „wenig belastbar“ gewesen. (S. 24) Als Folge begründete sich ein eigenes Lebensgefühl der „Kriegsenkel“, das sich in einer grundlegenden Unzufriedenheit äußerte, obwohl sie in der Mehrheit die Ziele der Eltern „Wohlstand und Leistung“ gemessen nach ihrem eigenen Bildungsstand und Lebensstandard erreicht hätten. Viele würden in der Erinnerung die herrschende Atmosphäre in ihrem Elternhaus als „bleiernes Schweigen“ beschreiben, da diese Erfahrungen, die hinter diesen unausgesprochenen und nicht zu erfüllenden Kompensationsanforderungen gestanden hätten, im Dunkeln und somit für beide – Eltern wie Kinder – unverstanden blieben. Damit diese „vererbte Erfahrung“ nicht an die nachfolgende Generation weitergegeben werde, müssten die Kriegsenkel endlich die „Trümmer“ aus den Seelenlandschaften der Familien beseitigen.

Kapitel 2 Fremde Eltern, fremde Welten. Diese allgemeinen Befunde bewegen den Autor in das Leben seines Vaters einzutauchen, von dem er kaum etwas wusste, als er starb, außer, dass dieser fast ein halbes Jahrhundert, von der Lehrzeit bis zur Rente in den 1990er Jahren bei der Deutschen Post arbeitete, und, dass er für damalige Zeiten spät, mit Anfang 30 heiratete. Er, der Sohn, erinnere ihn als einen „abwesenden Vater“, der am Leben seiner fünf Kinder kaum Interesse zeigte. Vorherrschend war das Bedürfnis des Vaters „nach Ruhe und Gleichklang“, das auch die Routinen des Zusammenlebens in der Familie bestimmte. Erst der Tod des Vaters und nicht schon der frühe Abschied von der Mutter, sie starb im Alter von 65 Jahren, löste beim Sohn ein tiefes Nachdenken über die eigene latente Unzufriedenheit und nagende Selbstwertängste aus, die er rotz seiner beruflichen Erfolge nie abschütteln konnte, die er nun mit dem Gefühl der Fremdheit gegenüber den eigenen Eltern in Verbindung brachte. Das, was bislang als eine rein persönliche Geschichte und familiäre Prägung galt, schien typisch für das Verhältnis zwischen der Generation der Kriegskinder und der Kriegsenkel zu sein: „All das bräuchte niemanden sonderlich zu interessieren, spiegelte es nicht bis ins Detail das Lebensgefühl vieler Kriegsenkel: die Fremdheit gegenüber den Eltern; die Unsicherheit darüber, wer man selbst ist; die diffusen Schuldgefühle; der Glaube, nirgendwo wirklich hin zu gehören; der Drang immer noch mehr leisten zu müssen, ohne zu wissen, wozu: die quälenden Selbstermahnungen; und schließlich die tiefe Sehnsucht, endlich irgendwo an- und zur Ruhe zu kommen.“ (S. 43).

Kapitel 3 Erster Weltkrieg und die Folgen. Doch wie ließen sich die Prägungen des Vaters näher fassen und „Wann begannen die Traumata?“. Der Autor geht diesen Fragen in Gesprächen mit Zeitgenossen und Bekannten seines Vaters nach und identifiziert diese als Folge der Erziehungspraktiken der Großelterngeneration und deren Kriegserfahrungen im Ersten Weltkrieg. Der Erziehungsalltag realisierte sich als eine Fortführung von militärischem Drill, Gewalt und der Erziehung zur Unterordnung. So erzählte der Schulkamerad des Vaters, der Großvater sei bekannt als der „schlagende Lehrer im Dorf“ bis hinein in die NS-Zeit gewesen. Der Großvater habe damit zur Praxis der schwarzen Pädagogik im NS-Regime beigetragen, die auf der Verneinung jeglicher Ausbildung von Individualität jenseits der NS Ideologie beruhte. In der Hitlerjugend wurde den Kindern und Jugendlichen die Herausbildung einer eigenständigen Persönlichkeit abtrainiert und stattdessen die vollkommene Ausrichtung auf den Krieg zum sozialen Leitbild erhoben. Mit Verweis auf die Ausführungen des Psychoanalytikers Werner Bohleber konnte hier die Traumatisierung der Kriegskinder ihren Ausgang genommen haben: „Durch die Angst […] wird der seelische Schutzschild durchbrochen, der Organismus durch nicht zu bewältigende Qualitäten von Erregungen überflutet, wodurch das Ich in einen Zustand völliger Hilflosigkeit gerät.“ (S. 62). Der Vater habe nie, wie auch die anderen seiner Generation, über die in Kindheit und Jugend erlittene Gewalt gesprochen. Denn damals galten diese Erfahrungen als „normal“, für die man keine Sprache suchte, sodass sie im Ungefähren verborgen blieben. Eben dieses Ungefähre habe sich auf die Kriegsenkel übertragen und dies umso mehr, da sich auch die Kindheitserfahrungen beider in gewisser Weise deckten. „Beide Generationen können nicht genau benennen, worunter sie leiden, Ihre Not wird umso quälender, weil sie glauben, kein Anrecht aufs Leiden zu haben.“ (S. 67). Da es sowohl die Kriegskinder als auch die Kriegsenkel ihren Eltern „mit aller Kraft“ recht machen wollten, hätten auch die Kriegsenkel ihre Wut für sich behalten und somit das Beschweigen der Kriegserfahrung weiter tradiert. Diese These bezieht sich auf die Aussagen der Autorin Sabine Bode, nach denen die „Kriegsenkel in ihrer Mehrheit geprägt von einer außergewöhnlichen Loyalität gegenüber Mutter und Vater.“ wären, „[…] der sie ihre eigene Weiterentwicklung und ihre Wünsche nach Unabhängigkeit unterordnen.“ (S. 69)

Kapitel 4 Zweiter Weltkrieg und Nachkriegszeit. In diesem Kapitel taucht der Autor weiter in die Lebenswelt des Vaters ein. Mit dessen achten Geburtstag am 1. September 1939 begann der Krieg. Es war der Tag des Überfalls der deutschen Armee auf Polen. In Gesprächen mit einem ehemaligen Schulkameraden des Vaters, versucht er zu verstehen: Was machte ihn zum Kriegskind? Beobachtete er die Bomber am Nachthimmel? Wie waren die Beziehungen zu den Kindern aus der „Großstadt“, die mit den Müttern aus Schutz vor den Bombardierungen aufs Land evakuiert wurden? Ab wann musste er Hunger erleiden? Welchen Rückhalt erfuhr er vom eigenen Vater? Welchen Eindruck machten ideologische Erziehung und Durchhalteparolen von „Gott und Heimat, Blut und Leben“, mit denen den Kindern bedeutet wurde, es sei ihre Pflicht, die Zähne zusammen zu beißen und Gefühle zu unterdrücken. Hinter diesen Phrasen verbarg sich eine Realität alltäglich erlebter Hilflosigkeit und Einsamkeit, ohne Hoffnung auf die Zuwendung der Eltern. Der Psychotherapeut Werner Bohleder hat bei Menschen, die in ihrer Kindheit diese Art der Einschüchterung und Zurückweisung in Verbindung mit Traumata erfuhren, oft langanhaltende Persönlichkeitsstörungen beobachtet. „Sie ziehen sich zunehmend aus Beziehungen zurück, wirken traurig, leiden unter Affekteinschränkungen und dissoziativen Zuständen. Ihre Erinnerungen sind weniger lebendig und manchmal verzerrt.“ (S. 85) Eine Jugend unter den Folgen des Kriegsendes bedeutete für den Vater ein Hineinwachsen in eine Gesellschaft, in der Zerstörung, Tod, Verlust und die beschwiegenen nationalsozialistischen Verbrechen vorherrschten: 3,2 Mi Vertriebene, 1,7 Millionen getötete Soldaten und 11 Millionen in Gefangenschaft, Witwen und 2,5 Millionen Waisen lautete die offizielle Bilanz, auf der die Millionen der Opfer der NS-Verbrechen und die ungeheure Zerstörung in Folge des Krieges in Europa nicht aufgeführt wurde. So erinnerte sich der Schulfreund des Vaters „Der Bereich ‚Drittes Reich‘ […] spielte in den ersten zehn Jahren nach dem Krieg für uns überhaupt keine Rolle. Jeder wusste, wer in der Partei gewesen war, aber man sprach nicht darüber.“ (S. 90) Nach den Traumatherapeuten Udo Baer und Gabriele Frick-Maer habe es sich für die Generation der Kriegskinder als folgenschwer erwiesen, für diese Erfahrungen keinen Ausdruck und keine Sprache entwickeln zu können. Damit seien ihre Emotionen „in Schach gehalten und abgespalten“ worden (S. 95) mit der Folge, auch die Gefühle für die eigenen Kinder, wie auch deren Emotionen ihnen gegenüber nicht mehr wahrnehmen zu können.

Kapitel 5 Überlebensschuld und Lebensfreude. Die Wiederbegegnung mit seinem Onkel ließ den Autor Seiten seines Vaters erkennen, die ihm bislang unbekannt waren. Der Vater sei für den Onkel, den jüngeren Bruder, in Kindheitstagen ein Vorbild gewesen, der „aus der Enge des alten Bauernhauses hinausstrebte“ und dem es 1946 gelang, im direkten Anschluss an die Volksschule bei der Post unterzukommen. Damit begann die Unabhängigkeit vom Elternhaus und die Erfahrung, ein von der Last der Kriegsjahre befreites, eigenständiges Leben zu führen. Der Schriftsteller Rolf Dieser Brinkmann, Jahrgang 1940 beschrieb diese Last, von der sich der Vater doch nie befreien konnte, als das Lebensgefühl „nichts als eine einzige Entschuldigung“ zu sein, „dass man überhaupt da ist.“ (S. 106) Zu dieser vermeintlichen Freiheit zählte auch der Entschluss mit 32 Jahren, selbst eine Familie zu gründen. Die Mutter des Autors lebte im Nachbardorf und half im elterlichen Tante-Emma-Laden. Eine Anekdote, die von der Schwägerin des Vaters erinnert wird, verrät viel über die Haltung gegenüber den eigenen vier Kinder, die in engen Abständen auf die Welt kamen: Anlässlich eines Familientreffens wurde der Vater gefragt, ob er für seinen anderen Bruder, der eben selbst Vater geworden war, einen Kinderwagen mitgebracht habe. Darauf verneinte der Vater mit dem Hinweis, diesen selbst zu brauchen, und auf die Nachfrage, ob denn schlechte Zeiten käme, der Vater sagte, diese seien schon unterwegs. Gemeint war die baldige Geburt des ersten Sohnes – des Autors. So begann ein innerfamiliäres Sprechen über die bislang ausgesparten Schwierigkeiten in der Eltern-Kinder Beziehung, über den Jähzorn und die Ungeduld des Vaters, der keine liebevolle Beziehung zu den eigenen Kindern finden konnte.

Kapitel 6 Täter und Opfer. Die Suche nach Spuren zu den Kriegserfahrungen der Mutter führt zur Frage nach den Verantwortungszusammenhängen der Großeltern hinsichtlich der NS-Verbrechen. Inwiefern waren sie auch Täter, und, welche Folgen hatte das Beschweigen ihrer Taten für ihre Kinder (und Enkel)? Wie sich herausstellte, trat der Großvater früher der NSDAP bei, als er in der Nachkriegszeit dann zugab, Das Heim der Familie stellte sich als arisiertes Eigentum der jüdischen Familie David heraus, die gezwungen war, an den Großvater zu verkaufen, um dann Opfer des Holocaust zu werden. Die bislang in der Familie erzählte Geschichte, der Großvater habe mit dem Kauf des Hauses zumindest anfangs dazu beigetragen, die Familie David vor Verfolgungsmaßnahmen zu retten, wird als Rechtfertigung der eigenen Verstrickung als Profiteur der antisemitischen Maßnahmen hinterfragt. Die Kindheitserinnerungen der Mutter an sie vielen Bombardierungen zu Kriegsende wurden ihr später nicht erklärt: Das Elternhaus lag nahe der Startbahn der V2 Rakete und somit im Kriegsgeschehen. Im Privaten verhaftet blieben auch die vielen Konflikte, die nach der Rückkehr des Großvaters aus der Gefangenschaft das Familienleben beeinträchtigten.

Kapitel 7 Deutsche Mutter und ihre Kinder. Neben dieser erfahrenen Fremdheit der Mutter gegenüber dem Vater teilte sie mit Millionen von anderen Kindern ihrer Generation auch das durch die „schwarze Pädagogik“ erfahrene Leid. Mit diesem Begriff wird die Wende im Nationalsozialismus durch das Leitbild einer „Erziehung zum Gehorsam und zur Sauberkeit“ bezeichnet, das unmittelbar an traditionell repressive Erziehungskonzepte anschloss. Dieses Leitbild war und ist vor allem mit einem Namen verbunden: Johanna Harrer, die Autorin des zu einem der populärsten Ratgebers in der NS-Zeit avancierten Werkes „Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind.“ (1934). In ihrer Anleitung zur „Kaltherzigkeit und Beziehungsarmut“ (S. 148) verband Harrer die Rolle der Frau, ihre „ewig neue(n) Pflicht der deutschen Frau“, der „Familie, dem Volk der Rasse Kinder zu schenken“ mit erzieherischen Normen, die Kinder zu Menschen „flink wie Windhunde […] zäh wie Leder und hart wie Kruppstahl“ zu formen. Humanistische Werte, elterliche Zuwendung und die Heranbildung von „Eigenpersönlichkeiten“ sagte Harrer den Kampf an. Bis Kriegsende wurden 490.000 Exemplare verkauft. Doch dann verschwand das Buch nicht, sondern wurde, von rassistischer Begrifflichkeit bereinigt, bis ins Jahr 1987 mit einer Auflage von 1,2 Millionen weiterverkauft. Erklären lässt sich der weitere Erfolgsweg des Buches mit der ungebrochenen Kontinuität einer Erziehung, nicht nur im familiären, sondern auch im öffentlichen Bereich tradiert wurde, bspw. auch in der Ausbildung von Erzieherinnen, Säuglingsschwestern und Fürsorgerinnen. Diese setzte weiterhin auf die Mittel von Zucht und Angst statt auf Zuneigung und individuelle Förderung. Die Kehrseite waren Aggression und Bindungsstörungen.

Kapitel 8 Kriegsenkel und Kriegsenkelinnen. Das Suchen einer gemeinsamen Sprache über die Erfahrungen als Kriegsenkel beschäftigt auch die Geschwister untereinander. Wie lässt sich eine geschwisterliche Identität als Kriegsenkel herausbilden und welche Bahnen lassen sich für die unterdrückten Vorwürfe gegenüber den nicht mehr lebenden Eltern finden. Am Ende des Kapitels steht der sehr bemerkenswerte Satz: „Aber noch immer fehlt mir die Sprache, um mit Ihnen [den Eltern, d.V.] zu reden. Ich bin solange vor ihnen davongelaufen, dass ich nicht weiß, wie ich mich ihnen nähere.“ (S. 198). Erinnerungen kommen an die Oberfläche, die bislang kein Thema zwischen den Geschwistern waren: die Dominanz der Mutter als emotionales Bezugssystem in der Familie, zu der man „auf der steten Suche nach Wärme und Aufmerksamkeit“ (S. 166) in Konkurrenz zueinanderstand. Der Vater, der „emotional blockiert“ keine Zuwendung geben konnte, war Verursacher dieser Konstellation und Mitkonkurrent zugleich. Das Bedürfnis geliebt zu werden oder gar zu äußern, wie sehr man darunter litt, das Bedürfnis nach Zuwendung und Geborgenheit unterdrücken zu müssen, wurde von den Geschwistern als ein elterlich verordnetes Tabu empfunden, das die Kinder bis ins Erwachsenenalter nicht anrührten. Unvergessen sind die Sprüche ihrer Eltern, wie „Jetzt stell dich nicht so an“, „Lass gut sein, um des lieben Friedens willen“, oder „Das wird mir alles zu viel“ (S. 169) Auch angesichts einer gesellschaftlichen Umgebung, in der sich dank „Wirtschaftswunder“ die Lebensverhältnisse ständig verbesserten und soziale Aufstiege möglich waren, blieben die Eltern, in der vergangenen Erlebniswelt ihrer eigenen Kriegskindheit und Jugend verhaftet. Damit überantworteten sie ihren Kindern normative Konzepten, die zwar in den äußeren Lebensumständen nicht mehr ihre Entsprechung finden konnten, für die Kinder aber als unreflektiert empfundene Schuldigkeit und Pflicht gegenüber den Eltern lange Wirkung zeigten, bspw. durch einen Leistungshunger, der nie zu stillen war, da dieser letztlich auf die (nicht zu erreichende) Anerkennung der Eltern ausgerichtet war.

Kapitel 9 Verstehen und Nicht-Verzeihen. Welche Relevanz hat das beginnende Verstehen über die Weitergabe der Erfahrungen und Prägungen der Kriegskinder auf die Kriegsenkelgeneration für die psychologische Seite. Der Psychotherapeut Udo Baer diskutiert das Erfordernis, mit ambivalenten Gefühlen und Haltungen gegenüber den eigenen Eltern umgehen zu können. „Wir können Hochachtung für ihre Aufbauleistung empfinden und zugleich vieles unverzeihlich finden.“ (S. 210). Da die Eltern mit ihren in der Kindheit erfahrenen Belastungen oder Verletzungen keine konkreten Erinnerungen verbinden, fehlen ihnen somit Bilder und Sprache dafür. Dies macht es dann deren Kinder wiederum schwer, die Ursachen der von den Eltern erlittenen Traumata zu fassen und zu verstehen. Wesentlich und besonders belastend für die Kriegsenkel sei dabei vor allem die emotionale Sprachlosigkeit.

Kapitel 10 Mutter- und Vater Seelenallein. Am Ende steht die Einsicht des Autors, dass die einst kindlichen Wahrnehmungen und die mit ihnen verbundenen Gefühle ihre eigene Berechtigung erhalten müssen und nicht gegen die Leistungen und das Bemühen der Eltern ihnen gegenüber aufgerechnet werden dürfen. Zurück, an dem Haus der Kindheit und dem Grab der Eltern wandelt sich die persönliche historische Spurensuche in eine therapeutische Erfahrung. Der Epilog greift den in der Einleitung vorangestellten Tod des Vaters, der die Spurensuche erst ausgelöst hat, wieder auf und schließt mit dem Abschied vom Vater.

Diskussion

Das Buch greift zwei Debatten um die transgenerationelle Perspektive hinsichtlich der Folgen von Nationalsozialismus, Zweiter Weltkrieg und Holocaust auf, den Generationsdiskurs über mögliche und erwünschte tradierte Prägungen von der Ersten Generation auf die folgenden, und diejenige über die spezifische Sozialisation der „Kriegskinder“ bzw. „Kriegsenkel“. Diese erinnerungskulturellen Generationsdebatten auf Seiten der ehemaligen „Täter“ Gesellschaften finden sich nur zu einem gewissen Teil auch auf Seiten der Nachkommen der Verfolgten und Opfer der Shoah.

Der Generationsdiskurs im deutschsprachigen Bereich war zu Beginn auf die erste Generation bzw. deren Handlungen und mögliche Verstrickungen in der NS-Zeit fokussiert, auch, als sich nach der zweiten auch die dritte Generation zu Wort meldete, bspw. der Beitrag dazu von Claudia Brunner und Uwe von Seltmann mit dem bezeichnenden Titel „Schweigen die Täter, reden die Enkel“ (2004) [1]. Mit der Wahrnehmung der Enkel verlagerte sich dann das Interesse mehr in Richtung interfamiläre Tradierung, wie in dem Buch von Ulla Roberts „Spuren der NS-Zeit im Leben der Kinder und Enkel. Drei Generationen im Gespräch“ (1998), oder für die fachwissenschaftliche Debatte um Erinnerungskultur bspw. die Untersuchung von Harald Welzer et. al. „Opa war kein Nazi“ (2002) [2]. Mit dem Verschwinden der Großelterngeneration wurden vermehrt die Eltern zum Bezugspunkt der Auseinandersetzung. Doch auch hier blieben die Kernthemen, wie im vorliegenden Buch die Last der Erfahrungen der NS Zeit bzw. Kriegszeit und das Beschweigen von Tabus. Dabei wurden aber auch interessante Erkenntnisse über die Auseinandersetzung dieser Kohorte der „Dritten Generation“ gewonnen, die im Buch fehlen und mindestens dazu hätten dienen können, einige immer wiederkehrende Vermutungen zu konkretisieren: So eruiert Michael Kohlstruck in seiner Untersuchung „Zwischen Erinnerung und Geschichte. Der Nationalsozialismus und die jungen Deutschen“ (1997) [3] über die Haltung der Enkelgeneration gegenüber dem Nationalsozialismus und insbesondere der „Schuldfrage“ mittels einer empirisch qualitativen Herangehensweise unterschiedliche „Typen“, die ein sehr viel weiteres Spektrum der Auseinandersetzung abbilden, als die Befunde des vorliegenden Bandes vermuten lassen. Zur Dritten Generation zählte er all diejenigen, deren Eltern nach 1930 geboren waren.

Fazit

Das Buch liest sich als Prozess der Selbstvergewisserung: Was bedeutete es Sohn zu sein von Eltern, die zur Generation der „Kriegskinder“ zählten. Mit dem Verstehen und der Anerkennung der damit verbundenen Verquickung von gesellschaftlicher und familiärer Sozialisation vor allem des Vaters gelingt dem Autor auch eine Identitätsklärung für sein weiteres Leben. Dabei überzeugen vor allem diejenigen Einblicke in die Realität der „Kriegsenkel“, die im Ringen um das Verstehen einer Geschichte, für die es bislang keine Sprache gab, entstehen: die Seiten des Vaters, die bislang unbekannt waren, die Gespräche mit Onkel, Tante und Schwester, wie auch die inneren Dialoge mit dem verstorbenen Vater, die Suche nach der prägenden Macht des Öffentlichem im Privaten, die Potenziale, die sich daraus für eine kollektive, öffentliche Verarbeitung ergeben. Schemenhaft und versteckt hinter den Vermutungen und Deutungen des Sohnes bleiben dagegen bis zum Schluss Vater und Mutter. Das hat zwei Gründe: die im Buch beschriebene Deutungskonkurrenz zwischen „Kriegskindern“ und „Kriegsenkeln“, und, damit verbunden, werden die Erinnerungen an sie weder angebunden an noch reflektiert mittels Quellen, die Aussagen und Erfahrungen der Kriegskinder lebendig werden lassen.


[1] Brunner, Claudia/Seltmann/Uwe v., Schweigen die Täter, reden die Enkel, Frankfurt a. M. 2004.

[2] Roberts, Ulla, Spuren der NS-Zeit im Leben der Kinder und Enkel. Drei Generationen im Gespräch, München 1998; Welzer, Harald/Moller, Sabine/Tschugnall, Karoline, „Opa war kein Nazi“. Nationalsozialismus und Holocaust im Familiengedächtnis, Frankfurt a. M. 2002.

[3] Kohlstruck, Michael, Zwischen Erinnerung und Geschichte. Der Nationalsozialismus und die jungen Deutschen, Berlin 1997.


Rezensentin
Prof. Dr. Annette Eberle
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Zitiervorschlag
Annette Eberle. Rezension vom 14.03.2018 zu: Matthias Lohre: Das Erbe der Kriegsenkel. Was das Schweigen der Eltern mit uns macht. Gütersloher Verlagshaus Verlagsgruppe Random House GmbH (Gütersloh) 2016. ISBN 978-3-579-08636-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21360.php, Datum des Zugriffs 18.08.2018.


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