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Rüdiger Wink (Hrsg.): Multidisziplinäre Perspektiven der Resilienzforschung

Cover Rüdiger Wink (Hrsg.): Multidisziplinäre Perspektiven der Resilienzforschung. Springer (Berlin) 2016. 377 Seiten. ISBN 978-3-658-09622-9. D: 49,99 EUR, A: 51,39 EUR, CH: 62,50 sFr.
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Thema

Die 28 Autoren und Autorinnen sind mehrheitlich Forschende und Lehrende an deutschen Hochschulen und Instituten und möchten gebündelt aktuelle Erkenntnisse aus ihren Studien und zum Verständnis des Begriffs Resilienz vermitteln. Sie arbeiten in ganz unterschiedlichen Disziplinen.

Aufbau

Nach einer Einleitung folgen 14 Kapitel aus ganz verschiedenen Perspektiven: Resilienz und soziale Arbeit, Resilienz und Psychologie, Resilienz an der Schnittstelle von Public Health und Gerontologie, Resilienz aus erwachsenenbildnerischer, ingenieurwissenschaftlicher, aus soziologischer und katastrophensoziologischer Sicht. Aber auch die urbane sozial-ökologische Resilienz und die wirtschaftsgeografische Seite von Resilienz werden behandelt, ebenso erfahren wir einiges über resiliente Regionen und Städte. Eine breite Auslegeordnung.

Angesichts der Fülle und des Umfangs des Werkes folgt hier nur eine kleine Auswahl an Hinweisen.

Ausgewählte Inhalte

Im einleitenden Kapitel stellt der Herausgeber klar, dass es im vorliegenden Sammelband um eine Bestandesaufnahme aus der Sicht verschiedener Perspektiven geht und legt dar, dass die bisher jeweils verwendeten Resilienzbegriffe stark von normativen Festlegungen und historischen Kontextbedingungen bestimmt wurden und werden.

Fookens Beitrag beschreibt die Vorläufer des Konzepts und gibt einen aktuellen kurzen Überblick über die vielen psychologischen Bezüge (Entwicklungs-, Bindungs-, Gesundheitspsychologie usw.).

Zander/Roemer plädieren im Kontext der Sozialen Arbeit für eine jeweils fallbezogene Analyse von Schutz- und Risikofaktoren und weisen auf gelungene Resilienzförderprojekte mit Roma-Kindern hin.

Wadenpohl sieht Resilienz an der Schnittstelle von Public Health und Gerontologie und plädiert für eine «Building Resilience» im Sinne eines Prozesses in der Interaktion von Person und Situation, besonders auch im Alter: relative Gesundheit, personale Integrität und Funktionalität sind wichtige Stichworte dazu.

Für Höfler steht die Bewältigungskapazität – die eigenen Lebensbedingungen aktiv selber gestalten – als Bildungsauftrag im Zentrum der modernen Erwachsenenbildung und sie erachtet hier die erworbene Resilienz als wichtige Basis.

Lassen sich – und wie? – kritische Infrastrukturen ‚resilient‘ gestalten angesichts von Naturkatastrophen, Terrorismus usw.? Der Beitrag von Scharte/Thoma beschreibt ‚Resilience Engineering‘ und legt den Fokus auf eine Orientierung am Möglichen statt am Wahrscheinlichen (z.B. AKW-Unfall). Die Vulnerabilität kritischer Infrastrukturen wird mit verschiedenen Messmethoden erfasst und die Ergebnisse sollen Städteplanern dann zur Verfügung gestellt werden.

Blum et al. kritisieren aus soziologischer Perspektive u.a. ein Resilienzverständnis, das zu leichtfertiger Anpassung und Flexibilität verführt (als Beispiel die US-Armee mit ihrem Resilienz- Training für Soldaten) und warnen vor einem naiven Steuerungsoptimismus.

Urbane sozial-ökologische Resilienz – Beitrag von Deppisch – zeigt, unter welchen Bedingungen eine Stadt oder Stadtregion mit Veränderungen und Bedrohungen umzugehen vermag. Dieses Thema wird in der Risiko- und Katastrophenforschung (Beitrag von Fekete et al.) weitergeführt: Verwundbarkeitsindikatoren (Beispiel Klimawandel) und Katastrophenschutz sind zwei Stichworte. Resilienz wird hier mit den 4 E (Empowerment, Engagement, Education und Encouragement der Bevölkerung) umschrieben. Das Ziel wäre eine resiliente Stadt.

Die Diskussion über regionale ökonomische Resilienz setzen Strambach/Klement fort: so vermögen resiliente Regionen nach wirtschaftlichen Krisen wieder rascher in einen Gleichgewichtszustand zu gelangen, in dem sie sich neuorientieren. Resilienz als interne Steuerungsleistung eines Systems (Mensch, Unternehmen, Region, Staat) beinhaltet – so Lukesch – die Fähigkeit eines Wandlungszyklus, der Erneuerung, Entfaltung, Erhaltung und Auflösung umfasst. Allerdings: Die Resilienz eines Systems gilt ihr nur als erstrebenswert, wenn es aus gesellschaftlicher und ökologischer Sicht auch nachhaltig ist. Für regionale Resilienz liegt u.a. ein Resilience Capacity Index (RCI) aus den USA vor.
Vom Braunkohlenbergbau zum Tourismus im Lausitzer Seenland: Lintz et al. zeigen an diesem Beispiel zum regionalen Strukturwandel Möglichkeiten, Voraussetzungen, und Grenzen der Anpassungsfähigkeit einer Region nach der Wende in Ostdeutschland von 1990-2009. Die Resilienz industriell geprägter Städte (Bremen und Leipzig) mit ihrer mehrheitlich gut gelungenen Anpassung an Strukturkrisen beleuchten Plöger/Lang in ihrem letzten Beitrag

Diskussion

Ein anspruchsvolles, vielseitiges und anregendes Buch, das vielfältige Bereiche der Resilienzforschung mit aktuellen Untersuchungen enthält. Ein Übergewicht von sozial-ökologisch bzw. wirtschaftsgeografisch orientierten Autorinnen und Autoren fällt dabei auf, alle arbeiten in Deutschland bzw. in Österreich. So hätte man – in einem Handbuch – gerne noch etwas z.B. über Resilienz und Psychiatrie, Resilienz in der Sozialarbeit, Resilienz in der Palliativmedizin, Psychobiologie der Resilienz, Resilienz in der Schule oder über Resilienz in der Frühpädagogik erfahren – aber auch aussereuropäische Studien zu Resilienz in anderen Kulturen (Beispiel Afrika) wären spannend. Ebenso hätten man noch angloamerikanische AutorInnen aufnehmen können. Allerdings hätte das den Rahmen eines Sammelbandes gesprengt. Die einzelnen Beiträge sind unterschiedlich leicht lesbar, einzelne Beiträge überschneiden sich inhaltlich gelegentlich. Trotzdem ein lesenswertes Buch für alle, die sich mit auch spezifischeren und Makro-Aspekten der Resilienzforschung vertraut machen möchten.

Fazit

Der Sammelband bietet einen guten Einblick in die aktuelle Forschung in den Themenfeldern Resilienz und soziale Arbeit, Resilienz und Psychologie, Resilienz an der Schnittstelle von Public Health und Gerontologie, urbane sozial-ökologische bzw. wirtschaftsgeografische Resilienz, Resilienz aus erwachsenenbildnerischer, ingenieurwissenschaftlicher, soziologischer und katastrophensoziologischer Sicht sowie regionaler Resilienz. Wer an diesen Themen interessiert ist, erhält viele interessante und spezifische Informationen und Anregungen.


Rezensent
Prof. Dr. Jürg Frick
emeritiert, Pädagogische Hochschule Zürich
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Zitiervorschlag
Jürg Frick. Rezension vom 02.11.2016 zu: Rüdiger Wink (Hrsg.): Multidisziplinäre Perspektiven der Resilienzforschung. Springer (Berlin) 2016. ISBN 978-3-658-09622-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21361.php, Datum des Zugriffs 19.09.2019.


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