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Wolfgang Schönpflug: Psychologie - historisch betrachtet

Cover Wolfgang Schönpflug: Psychologie - historisch betrachtet. Eine Einführung. Springer (Berlin) 2016. 49 Seiten. ISBN 978-3-658-11471-8. D: 9,99 EUR, A: 10,27 EUR, CH: 10,50 sFr.
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Thema

Die Psychologie als Disziplin präsentiert sich den heutigen Studierenden und Interessierten in einer mannigfaltigen Reichweite und Vielfalt: Teildisziplinen behaupten sich inzwischen in eigenen, separierten Studiengängen wie beispielsweise der Neuropsychologie oder der Wirtschaftspsychologie neben anderen Studiengängen der Psychologie. Zu diesem Status haben u. a. rasante Entwicklungen innerhalb der Institutionalisierungsgeschichte der Psychologie in Deutschland während des 20. Jahrhunderts als auch Studienreformen und andere Einflüsse geführt. Die hinter diesen Dynamiken stehende Geschichte der Psychologie ist jedoch nicht nur weniger bekannt, sie ist mangels verpflichtendem Prüfungswissen in den Studiengängen der Psychologie in Deutschland dem Selbststudium überlassen. Die Publikation „Psychologie – historisch betrachtet“ von Wolfgang Schönpflug unterstützt die Studierenden in ihrer Eigeninitiative zur Vertiefung der komplexen Entwicklungsanlässe und -richtungen in der Psychologiegeschichte und bietet gemäß der Zielsetzung der Reihe essentials innerhalb der Springer Fachmedien „aktuelles Wissen in konzentrierter Form“.

Autor

Wolfgang Schönpflug wurde 1936 geboren und war von 1974 bis 2003 Professor für Allgemeine Psychologie an der FU Berlin. Bereits seit einigen Jahrzehnten widmet er sich Untersuchungen zur Geschichte und Systematik der Psychologie. Er ist Initiator des „Memorandums zur Zukunft des Faches Geschichte der Psychologie“, welches innerhalb der scientific community auf die Wichtigkeit der Vermittlung historischer Kenntnisse innerhalb des Psychologiestudiums hinweist und die Aufnahme verbindlicher curricularer Inhalte zur Psychologiegeschichte in den Studiengängen fordert.

Entstehungshintergrund

Ausgehend von dem Umstand, dass Psychologiegeschichte – anders als Medizingeschichte oder Geschichte anderer Disziplinen – keine verbindliche curriculare oder gar institutionelle Verortung hat, bedarf es einer Handreichung für das notwendige Selbststudium. Diese Handreichung, welche die Studiengänge in Deutschland leider bisher nicht leisten, wird durch die Publikation „Psychologie – historisch betrachtet“ geleistet.

Aufbau und Inhalt

In elf Kapiteln wird der Leserschaft eine Wissens- und Reflexionsplattform gegeben, welche zu weiteren, systematischen Vertiefungen einzelner historischer Aspekte zur Psychologiegenese genutzt werden kann. Dabei geht der Autor Wolfgang Schönpflug strukturierend von der gegenwärtigen Psychologie aus und stellt in zehn Kapiteln die prägenden Einflüsse und relevanten Grundlagen der gegenwärtigen Psychologie ausgehend von den drei beeinflussenden „P“ der Psychologie dar:

  • Psychologie als Lehrfach,
  • Popularpsychologie und
  • praktische Psychologie.

Daran schließt die Darstellung der relevanten Grundlagen und Entwicklungen der Bewusstseinspsychologie, der Tiefenpsychologie, Differentiellen Psychologie und Kognitionspsychologie sowie Psychodiagnostik an. Auch die Psychotherapie als Heilberuf wird in ihren Entstehungslinien skizziert. Im 11. Kapitel erfolgt eine Reflexion zu Gegenwart und Zukunft der Psychologie. Die Publikation schließt mit einem stichwortartigen Überblick über die Inhalte des Essentials ab.

In den gegenwärtigen Studiengängen der Psychologie bleibt oft zu wenig Zeit, um über die Paradigmen, Welt- und Menschenbilder sowie weitere Einflussgrößen von Wissenschaft zu sprechen. Für eine professionelle wissenschaftliche Grundlage und professionelles akademisches Berufswissen ist jedoch das strukturierte Wissen zu den Entstehungskontexten wissenschaftlicher bzw. akademischer Inhalte unerlässlich. Wohl in kaum einer Disziplin gibt es so mannigfaltige Herangehensweisen und Teil-/Gegenstandsbestimmungen wie in der Psychologie. Betrachtet man die Psychologie historisch, so werden parallele und auf einander bezogene ebenso wie unabhängig entstandene und aus dem internationalen Diskurs herrührende Entwicklungslinien deutlich: Geistes- und naturwissenschaftliche Forschungslinien werden aufgezeigt, kognitions- und neurowissenschaftliche Zugänge dargestellt. Wolfgang Schönpflug vermag es, diese in ihrem Kern vorzustellen, zu unterscheiden und orientierend zu charakterisieren. Hierdurch wird Neugier an den zum Teil als überwunden geltenden Ansätzen ebenso geweckt wie auch Aufmerksamkeit erzeugt, wo und wann sich vermeintlich Neues in der Psychologie im Kern vielleicht als bereits Altes präsentieren könnte und umgekehrt.

Studierende und Interessierte an der Psychologie werden durch die vorliegende Publikation befähigt, kritisch reflektierend mit gegenwärtigen Ansätzen in der Psychologie umzugehen bzw. diese entsprechend ihres Entstehungskontextes zu hinterfragen. Nach dem Studium dieser Publikation kann ein Selbststudium zu ausgewählten historischen Aspekten vertieft werden, da relevante Grundlagenliteratur bzw. Originalquellen über das Literaturverzeichnis ausgewählt werden können.

Diskussion

Wenngleich es inzwischen eine Vielzahl unterschiedlich umfangreicher Publikationen zur Geschichte der Psychologie gibt, so gibt es doch nur wenige, die den Namen „Handreichung“ verdienen und dies in doppeltem Sinne: Zum einen leistet die vorliegende Publikation in ihrem handlichen, nur 50-seitigen Format eine komprimierte und damit auch zeitlich rasche Vermittlung wesentlicher Inhalte, so dass auch heutige Studierende der Psychologie sich innerhalb der gegenwärtigen Studienstruktur selbstständig einen Überblick über historische Verläufe bis zur gegenwärtigen Psychologie verschaffen können. Zum anderen bleibt genug Raum, um ein vertiefendes Selbststudium anzuregen, das dann zu anderen inhaltlichen Schwerpunkten führen kann. Hier bieten allein die rasanten Entwicklungen innerhalb der Institutionalisierungsgeschichte der Psychologie in Deutschland seit Einrichtung des ersten Lehrstuhls für Psychologie 1923 an der Universität Jena und seit Einführung einer Diplomprüfungsordnung für Psychologie 1941 hochinteressante Anknüpfungspunkte, auf welche die vorliegende Publikation bedingt durch die Grundstruktur nicht eingehen kann.

Besonders hinzuweisen wäre jedoch auch auf die politische Dienstbarkeit der Psychologie in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, welche unter Aspekten der Praktischen Psychologie zwar angedeutet wird, jedoch die ethisch-moralischen Verwerfungen und Tragweite einzelner psychologischer Konzepte nicht diskutiert oder bewertet. Dafür aber mahnen die abschließenden Stichworten zur Publikation „Passen Sie auf, wie das weitergeht!“ zu Aufmerksamkeit und Wachsamkeit gegenüber der Unübersichtlichkeit vermeintlich neuer Ansätze in der Psychologie. Diese Empfehlung kann auch als Aufforderung zum aktiven Interesse gegenüber den ausgelassenen und wenig bekannten Inhalten der Psychologie verstanden werden. Er gilt aber den aktuellen Prozessen und Veränderungen in der Psychologie und nimmt die Leser mit in ein aktives Interesse gegenüber der Psychologie in Deutschland.

Fazit

Die Psychologie historisch zu betrachten, erfordert ein strukturelles und strukturiertes Wissen um die verschiedenen und einander teilweise gegensätzlichen Ansätze, die zu der gegenwärtigen Psychologie geführt haben, verstehen und voneinander abgrenzen zu können. Skizzenhaft helfen hier die Essentials von Wolfgang Schönpflug, um sich bei Interesse von hier aus selbstständig weiter zu bilden. Das Büchlein garantiert den Zugang zu den einflussreichsten Konzepten und Theorien der Psychologie und ist eine gute Einführungslektüre, um sich von hier aus intensiver mit der Geschichte der Psychologie auseinander zu setzen und auch kritisch auf gegenwärtige Positionen zu beziehen.


Rezensentin
PD Dr. Susanne Guski-Leinwand
Prof. a. D, Dipl.-Psych., FH Dortmund/Friedrich-Schiller-Universität Jena
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Zitiervorschlag
Susanne Guski-Leinwand. Rezension vom 18.01.2017 zu: Wolfgang Schönpflug: Psychologie - historisch betrachtet. Eine Einführung. Springer (Berlin) 2016. ISBN 978-3-658-11471-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21363.php, Datum des Zugriffs 16.09.2019.


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