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Hannelore Schlaffer: Das Alter. Ein Traum von Jugend

Cover Hannelore Schlaffer: Das Alter. Ein Traum von Jugend. Suhrkamp Verlag (Berlin) 2016. 109 Seiten. ISBN 978-3-518-24094-6. D: 9,95 EUR, A: 10,30 EUR, CH: 14,90 sFr.
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Thema

Hannelore Schlaffer stellt in diesem Essay Überlegungen über das Alter an, dabei setzt sie sich kritisch mit Altersbildern auseinander. Ihr Material sind philosophische und literarische Texte, vermischt mit Alltagsbeobachtungen. Entlang der Themen „Krankheit und Schönheit“, „Todesangst und Lebenshunger“ geht sie zunächst auf grundsätzliche Fragen ein, um dann spezifische Charaktere zu schildern, die prototypisch für unterschiedliche Lösungen im Umgang mit der unabwendbaren Tatsache des Alter(n)s gelten können wie „Staatsmann“, „Großvater“, „der große Alte“, „der Lebensmüde“ oder „Senioren und Seniorinnen“. Ein spezifisches Interesse zeigt sie für die Geschlechterdifferenz des Alters, wobei sie konstatiert, dass es für Männer und Frauen unterschiedliche Kulturen des Alters gibt.

Autorin

Hannelore Schlaffer war Professorin für Neuere deutsche Literatur an den Universitäten Freiburg und München und lebt als Essayistin und Publizistin in Stuttgart.

Entstehungshintergrund

Das Buch ist die Wiederauflage eines 2003 publizierten Essays.

Aufbau und Inhalt

Im ersten Kapitel „Krankheit und Schönheit“ lässt Schlaffer Bilder des idealen Alters Revue passieren. „Eigentlich gibt es kein Alter, denn wer alt und glücklich ist, kann sich für jung halten“ (S. 8). Dabei konstatiert die Autorin, dass vor dem 18. Jahrhundert Krankheit als Bedrohung für alle Lebensalter galt, danach wurde Krankheit als Begleiterscheinung des Alternsprozesses jedoch „hinweggeredet“ (S. 12). Demgegenüber werde für Frauen Alter als der Verlust der Schönheit codiert, dem durch Maßnahmen der Schönheitschirurgie bzw. Kosmetik entgegenzusteuern sei, während sich die altersbedingten Veränderungen der Männer als würdevolle Altersschönheit darstellten.

Das zweite Kapitel verbindet „Todesangst und Lebenshunger“ (S. 20), Schlaffer knüpft dabei bei Philippe Ariès und seiner Geschichte des Todes an. Da der Tod nicht mehr offensichtlicher Teil der Gesellschaft sei, werde auch das Alter diffus, da es keine „klare Vorstellung von dem, was Alter sei und wann es beginne“ (S. 21) bestünde. Im Gegensatz dazu gäbe es drei Phasen im Alter „die ersten Pensionsjahre, das altersschwache Greisenalter und die Sterbezeit“ (ebd.). Schlaffer ortet in der rastlosen Aktivität von frisch Pensionierten die Verdrängung der Todesangst ebenso wie in der Beschäftigung mit richtiger Ernährung und Fitness, die das biologische Alter überwinden will. Eine andere Ebene, die Schlaffer anspricht, ist die kollektive Angst vor der Gruppe der Alten als gesamtes, hier nimmt sie Bezug auf die Diskurse rund um demografische Entwicklungen, die die steigende Zahl der älteren Menschen als Gefahr für die Gesellschaft konstruieren.

Im dritten, umfangreichsten Kapitel „Charaktere“ zeichnet Schlaffer einen Bogen vom „Staatsmann“, über den „Großvater“, den „großen Alten“ und den „Lebensmüden“ bis zu den „Senioren und Seniorinnen“ der Gegenwart. Schlaffer beginnt mit Cicero, der dem (männlichen) Alter Würde und Weisheit zuspricht, das dadurch die Autorität habe, den Staat zu lenken und beschreibt anschließend, wie in der Figur des „Großvaters“ dieser Herrschaftsanspruch ins Private übertragen wurde, eine Rolle, die insbesondere für ältere Männer ohne Amt und Landgut Kompensation verspreche. „Der große Alte“ in der Sphäre von Kunst und Kultur, für den Goethe den Prototyp abgibt, werde als Genie verehrt, auch wenn er in Realität keine Funktionen mehr ausübe. Als Kontrast dazu dient „der Lebensmüde“, für den Schlaffer Jean Amérys Schrift „Über das Altern. Revolte und Revolution“ als Ausgangspunkt nimmt. Hier werde der Körper und sein Verfall zur Gegenthese der Weisheit und Vergeistigung im Alter, dieser Gebundenheit an den alternden Körper werde mit „Depression oder Zynismus“ (S. 63) begegnet. Diese Perspektive sei heute vom „wohlversorgten Ruhestand“ und der Gruppe der „Senioren und Seniorinnen“ abgelöst worden, die im Alter die „glücklichste“ Phase des Lebens vor sich haben. Schlaffer listet eine Reihe von Bezeichnungen für diese Gruppe auf, die allerdings nur Menschen mit ausreichendem sozialen, kulturellem und finanziellem Kapital einzuschließen scheint: „Selpies“ (second life people), „Woopies“ (well off older people), „Wollies“ (well income old leisure people) oder „Grampies“ (grown active moneyed people in excellent state) (S. 67). Schlaffer schildert die Lebenswelten dieser Gruppe und sorgt sich um die „Emanzipation der Männer über sechzig“, die „am Gängelband“ ihrer Ehefrauen hängen würden (S. 72).

Das vierte Kapitel „Der alte Mann und das Mädchen“ widmet sich dem Phänomen der Verjüngung älterer Männer durch jüngere Frauen, wobei Schlaffer in einem geschichtlichen Rückblick den veränderten Blick darauf schildert: von der „Lächerlichkeit“, über die „Peinlichkeit“ hin zur heutigen „Bewunderung“ (S. 80).

Im fünften Kapitel führt Schlaffer ihre These von den „zwei Kulturen“ (S. 95) im Alter, der männlichen und der weiblichen, aus. Frauen würden ihr Alter verschweigen, würden ent-erotisiert und dies durch Kleidung und Haarschnitt auch selbst verstärken. Als Gegenmodell wird die „unwürdige Greisin“, wie Brecht seine Großmutter nennt, entworfen oder auch Bettina von Brentano als Vorbild genommen, die nach dem Tod ihres Mannes „männliche Freiheiten“ (S. 103) für sich beanspruchte. Das Buch endet mit der resignierten Feststellung, dass „intelligenten alternden Frauen“ zwar mittlerweile offen stünde, zu denken, zu schreiben, zu publizieren, in dieser Weise frei zu sein, dass ihnen allerdings die Liebe vorenthalten sei, denn es gäbe „keine alternde Venus“ (S. 104).

Diskussion

Das Buch bietet exemplarische Einblicke in unterschiedliche Alter(n)sdiskurse, die assoziativ aneinander gereiht und in prägnanten Formulierungen zugespitzt werden. Dabei werden die gewählten Themen ausschnitthaft und nur begrenzt systematisch ausgeführt, da nicht nur Grundlagenwerke wie Simone de Beauvoirs „Das Alter“ (1972) nur beiläufig erwähnt zu werden, sondern durch die fehlende Aktualisierung auch kluge Reflexionen gerade von Frauen wie etwa „Älter werden“ (2006) von Silvia Bovenschen schmerzlich vermisst werden.

Zudem wird die eigene heteronormative weiße Mittelschichtsperspektive als allgemeingültig präsentiert, ohne aber den eigenen Erfahrungshintergrund kritisch zu reflektieren. Ärgerlich wird dies, wenn pauschal unterstellt wird, dass sich keiner schäme, den Eintritt in die Frühverrentung „so früh wie möglich einzuleiten“ (S. 68). Dies ist angesichts der hohen Anzahl von älteren Menschen, die von Kündigungen betroffen sind oder aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr erwerbsfähig sind, wenn nicht zynisch, so doch ignorant.

Schlaffer konstatiert, dass älteren Frauen kein anerkannter Platz in der Gesellschaft zugestanden werde, der ihnen „Würde, Weisheit und Autorität“ (S. 102) verleihe, vielleicht ist der feuilletonistische Stil auch als Gegenentwurf zu verstehen, da er die akademischen Konventionen der Argumentation hinter sich lässt und sich die Freiheit nimmt, assoziativ „Reden [zu] schwingen“ (S. 104).

Interessant ist die These, dass die Verleugnung von Krankheit und Tod als Teil des Alterns für Männer funktioniert, indem Männer das Altern an Frauen delegieren und sich durch junge Frauen als Partnerinnen der Illusion hingeben können, ewig jung zu bleiben. Männer mit jugendlichen Zweit- und Drittfrauen erführen Bewunderung ob ihrer sexuellen Potenz (aktuelles Beispiel Mick Jagger), Frauen stehe diese Alternative nicht offen, sie müssten im Gegenteil schon im jugendlichen Alter mithilfe von Kosmetik und plastischer Chirurgie das Schreckgespenst des Verlustes der körperlichen Attraktivität bekämpfen. Aber auch hier zeigt sich, dass eine Aktualisierung des Textes gut gewesen wäre, denn auch ältere Männer sind zunehmend Adressaten von Aktivitäten, die das Alter (zumindest optisch) hintanhalten sollen.

Fazit

Der Essay bietet pointiert formulierte Einblicke in kulturwissenschaftliche (vor allem literaturwissenschaftliche) Diskurse über das Altern. Wer allerdings einen vollständigen aktuellen Überblick sucht, sollte die Lektüre durch andere Zugänge ergänzen.


Rezensentin
Prof. Mag. Dr. Eva Fleischer
Professorin am Studiengang für Soziale Arbeit, Management Center Innsbruck
Homepage www.mci.edu/faculty/eva.fleischer.html
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Zitiervorschlag
Eva Fleischer. Rezension vom 27.12.2016 zu: Hannelore Schlaffer: Das Alter. Ein Traum von Jugend. Suhrkamp Verlag (Berlin) 2016. ISBN 978-3-518-24094-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21364.php, Datum des Zugriffs 15.06.2019.


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