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Nkechi Madubuko: Empowerment als Erziehungsaufgabe

Cover Nkechi Madubuko: Empowerment als Erziehungsaufgabe. Praktisches Wissen für den Umgang mit Rassismuserfahrungen. Unrast Verlag (Münster) 2016. 152 Seiten. ISBN 978-3-89771-597-4. D: 9,80 EUR, A: 10,10 EUR.
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Akkulturationsstress

Fremd ist der Fremde (nicht) nur in der Fremde …, diese abgewandelte Spruch des Münchner Komikers Karl Valentin will deutlich machen, dass Fremdsein eine Situation ist, die jeden Menschen betrifft. Mit der Gedichtstrophe „Lass mich Ich sein, damit du Du sein kannst“ wird ausgedrückt, dass zur eigenen Identität das empathische Empfinden vom Selbst des Anderen gehört: Ich bin selbst Eigener und Fremder! Gelänge diese Einsicht, gäbe es Rassismus, Höherwertigkeitsvorstellungen und Fremdenfeindlichkeit nicht! Amnesty International hat einen (Auto-)Aufkleber herausgebracht, in dem es heißt: „Ich nehme Rassismus persönlich!“. In der „globalen Ethik“, der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte vom 10. Dezember 1948, kommt zum Ausdruck, dass die Anerkennung der allen Mitgliedern der menschlichen Familie innewohnenden Würde und ihrer gleichen und unveräußerlichen Rechte die Grundlage der Freiheit, der Gerechtigkeit und des Friedens in der Welt bildet. Darauf gründet das „Internationale Übereinkommen zur Beseitigung jeder Form von Rassendiskriminierung“ vom 7. März 1966, mit dem sich die Völker der Erde verpflichten, „jede auf der Rasse, der Hautfarbe, der Abstammung, dem nationalen Ursprung oder dem Volkstum beruhende Unterscheidung, Ausschließung, Beschränkung oder Bevorzugung, die zum Ziel oder zur Folge hat, dass dadurch ein gleichberechtigtes Anerkennen, Genießen oder Ausüben von Menschenrechten und Grundfreiheiten im politischen, wirtschaftlichen, sozialen, kulturellen oder jedem sonstigen Bereich des öffentlichen Lebens vereitelt oder beeinträchtigt wird“, zu verhindern.

Entstehungshintergrund und Autorin

In einem Songtext der schwedischen Hip-Hop-Künstlerin Neneh Cherry heißt es: „I know where I´m going / and where I am coming from. / So here I come!“. Diese Aufforderung will ja zum Ausdruck bringen, dass Anerkennung und Ablehnung, Empathie und Rassismus Eigenschaften sind, die weder in den Genen der Menschen liegen, noch vom Himmel fallen oder aus der Hölle kommen; sie sind menschengemacht in ihren positiven und negativen Ausprägungen. Es kommt also darauf an, sie in Aufklärungs-, Bildungs- und Erziehungsprozessen zu fördern oder zu verhindern. Von Rassismen und Vorurteilen sind Menschen jeder Altersstufe und Herkunft bedroht. Insbesondere Kinder leiden unter Ausschließungsformen. Wie kann es gelingen, dass sie Selbstbewusstsein und Verhaltensstrategien gegen Ohnmachtsgefühle und dem Ausgeliefertsein an rassistische Angriffe entwickeln?

Die deutsch-nigerianische Soziologin, Moderatorin und Schriftstellerin Nkechi Madubuko ist überzeugt, dass Eltern, ErzieherInnen, PädagogInnen und in Beruf und Freizeit tätige Menschen in der Lage sind, dass betroffene Kinder „eine seelische Widerstandskraft ( ) entwickeln, mit der sie Erfahrungen wie Rassismus, Vorurteile und Diskriminierung besser verarbeiten können“. Anregungen und Hilfestellungen vermittelt sie mit dem Büchlein „Empowerment als Erziehungsaufgabe“. Es sind Aspekte, die „Empowerment im Sinne der Stärkung von Selbstvertrauen und Erhöhung der Handlungskompetenz“ herausstellen.

Aufbau und Inhalt

Der Ratgeber wird in acht Kapitel gegliedert.

  1. Im ersten werden mit dem Titel „Verletzte Seelen“ Beispiele vorgestellt, mit denen Rassismen in Wort und Tag im Alltagsgeschehen bewusst gemacht, Entstehungsgründe und Situationen verdeutlicht werden und auf die Bedeutsamkeit von gelingenden sozialen Beziehungen aufmerksam gemacht wird.
  2. Im zweiten Kapitel stellt die Autorin mit dem „Empowerment-Konzept“ die Fähigkeit vor, mit Rassismen umzugehen und sie zu verarbeiten.
  3. Im dritten Kapitel wendet sie sich an ihre Hauptadressaten, die Eltern, indem sie sie ermutigt, mit dem eigenen Selbstbewusstsein und Empfinden die Persönlichkeit des Kindes zu stärken.
  4. Im vierten Kapitel wird der reflektierte „Umgang mit Rassismuserfahrungen“ thematisiert.
  5. Im fünften Kapitel wird mit der Maßnahme „Innerer Schutzraum“ auf die Wichtigkeit hingewiesen, den Kindern im Zuhause ein emotionales Wohlbefinden und eine Sicherheit anzubieten. Die Autorin plädiert für eine vorurteilsbewusste Erziehung, anstatt einer Tabuisierung von Wirklichkeiten (vgl. dazu auch: Anton Pelinka, Hrsg., Vorurteile. Ursprünge, Formen, Bedeutung, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/12918.php).
  6. Im sechsten Kapitel wird als Ergänzung zum „Inneren Schutzraum“ der „Äußere Schutzraum“ genannt, der (nicht nur) für Kinder und Jugendliche mit Migrationsgeschichte notwendig ist und sich in der zivilgesellschaftlichen und humanen Verantwortung zeigt, und in pädagogischen und sozialen Akzeptanzräumen und Organisationsformen realisiert.
  7. Mit dem siebten Kapitel setzt sich die Autorin mit „Problematische(n) Verhaltensweisen“ auseinander, die im Bildungs- und Erziehungsprozess eher der Zielsetzung schaden, die Kinder und Jugendlichen gegen Rassismen und Diskriminierungen zu stärken, wie z. B. eine Situation tabuisieren, zu ertragen oder zu bagatellisieren.
  8. Im achten Kapitel werden die diskutierten und problematisierten Aspekte in einem „Leitfaden für zukünftige Empowerment-Eltern“ zusammengefasst. Er könnte gleichsam den Aufhänger für ein Bildungs- und Aufklärungsseminar in der Erwachsenenbildung bilden.

Im Anhang werden im Glossar ausgewählte Begriffe aus dem Empowerment-Diskurs erläutert.

Fazit

Der Ratgeber „Empowerment als Erziehungsaufgabe“ formuliert keine neuen pädagogischen Aufgaben; vielmehr vermittelt er hilfreiche und wertvolle Hinweise, wie Erziehungsberechtigte mit Rassismuserfahrungen von Kindern und Jugendlichen umgehen sollten. Die Autorin schöpft dabei sowohl aus eigenen, existentiellen Erfahrungen als „neue Deutsche“, Mutter von drei Kindern, als auch aus ihrer (Dissertations-)Forschungsarbeit „Akkulturationsstress von Migranten“, die sie 2010 am der Heinrich Heine Universität in Düsseldorf vorlegte. Das handliche Büchlein kann man getrost in der Jackentasche mit sich tragen und auf den Wohnzimmertisch legen. Die Autorin weiß, wovon sie spricht, und sie vermittelt die nachdenkenswerten Informationen empathisch, glaubhaft und zum aktiven Handeln herausfordernd, und zwar nicht nur für Eltern von Kindern, die aufgrund ihrer Herkunft, ihres Aussehens oder ihres Andersseins direkt von rassistischen Angriffen, Vorurteilen und Höherwertigkeitsvorstellungen betroffen sind, sondern für alle Erziehungsberechtigten, die dafür eintreten, dass Menschenwürde und Gleichberechtigung zu selbstverständlichen, nicht relativierbaren und allgemeingültigen Grundlagen eines humanen Menschseins werden.


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 06.12.2016 zu: Nkechi Madubuko: Empowerment als Erziehungsaufgabe. Praktisches Wissen für den Umgang mit Rassismuserfahrungen. Unrast Verlag (Münster) 2016. ISBN 978-3-89771-597-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21365.php, Datum des Zugriffs 17.07.2018.


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