socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Konfliktfeld Stadt

Cover Konfliktfeld Stadt. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2016. 144 Seiten. ISBN 978-3-8474-0532-0. 16,90 EUR.

Peripherie, Nr. 141.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand

über Shop des Verlags


Thema

Weltweit sind Städte inzwischen zu Kristallisationsorten sozialer Ungleichheiten, kultureller Diversität und Heterogenität und ökonomischer Widersprüche geworden. Die Art, wie die dadurch entstehenden Konflikte bearbeitet werden, hängt von soziokulturellen Faktoren ab; sicher wird die europäische Stadt in den entwickelten Gesellschaften mit Konflikten anders umgehen als die afrikanische oder asiatische Stadt. Aber immer geht es um die Art des Zusammenlebens und um die strukturellen Rahmenbedingungen, die eine Gesellschaft prägen, und die die soziale, kulturelle und ökonomische Kerndynamik der Städte bestimmen.

Städte waren schon immer und sind es heute noch in allen Kulturkreisen Motoren des Fortschritts, des kulturellen und sozialen Wandels und der Zivilisation; sie waren und sind auch immer politische Machtzentren und Zentren der politischen Organisation der Gesellschaft. Und gesellschaftliche Konflikte wurden und werden zuerst in den Städten virulent – nur wenige Konflikte entstanden im ländlichen Raum, bevor sie dann in den Städten ausgetragen wurden.

Autorinnen und Autoren

Die Autorinnen und Autoren kommen aus dem universitären Bereich und vertreten Fächer wie Entwicklungssoziologie, Ethnologie, Kultur- und Sozialwissenschaften, Politikwissenschaft und Geographische Stadtforschung.

Aufbau und Inhalt

Das Heft der Zeitschrift PERIPHERIE beinhaltet nach einer Hinführung zum Thema des Heftes fünf Beiträge, zwei Stichworte und eine Reihe von Rezensionen. Am Ende befinden sich noch eine Liste der eingegangenen Bücher und englischsprachige Summeries.

Zu: Zu diesem Heft

In einer Hinführung zum Thema wird das Konfliktfeld Stadt in der Breite seiner unterschiedlichen Aspekte vorgestellt. Von großen Akteuren wie Großinvestoren, Immobiliengesellschaften und Sicherheitsunternehmen ist die Rede, die Veränderungen in den Städten vorantreiben und von lokalen Regierungen, die mit Hilfe von Repression, Überwachung und (De-)Regulierung den städtischen Lebensstil beeinflussen und dadurch auch Widerstand erzeugen.

Aber auch die Gestaltungsmacht des Urbanen und die Forderung nach Recht auf Stadt und auf Einflussnahme auf politische Entscheidungen durch die Bürgerinnen und Bürger sind oft Anlässe für Konflikte.

Was macht im Spannungsfeld der Stadt einerseits als eine analytische Kategorie und andererseits als ein Ort eines urbanen Lebensstils das Städtische aus? Mit dieser Frage wird im Folgenden die Stellungnahme zu den einzelnen Beiträgen eingeleitet.

Zu: „Zur Wohnungsfrage“ im 21. Jahrhundert: Marktversagen, hilflose Politik und die globale Ausbreitung von Slums (Erhard Berner)

Der Autor beschäftigt sich zunächst mit der Urbanisierung in der Welt und in Anlehnung an Henri Lefèbvre mit dem Recht auf Stadt. Dass die Urbanisierung ein wesentliches Moment der Modernisierung und Zivilisation ist, ist unbestritten; der Autor zitiert dazu die Protagonisten wie Max Weber, Karl Marx und Friedrich Engels und weitere Autorinnen und Autoren. Mit Urbanität verbinden wir ja in der Regel einen bestimmten Lebensstil, der der europäischen Stadt eigen ist; insofern wäre zu unterscheiden zwischen Urbanisierung als der Entwicklung von Städten im Kontext der europäischen Kulturgeschichte mit ihren typischen Merkmalen und den Verstädterungsprozessen in anderen Kulturkreisen und der im Zuge der industriellen Verstädterung in Europa, die ja auch einen spezifischen Stadttyp – die Industriestadt – hervorgebracht hat.

Die Wohnungsfrage, mit der Friedrich Engels auf die Elendssituation der proletarischen Existenz in den Industriestädten aufmerksam machte, gewinnt an Aktualität. Der Autor beschreibt das Wohnungselend als systemisches Versagen des formellen Wohnungsmarktes. Er verbindet das Recht auf Stadt mit dem Recht auf Wohnung. Versagt die Marktlogik oder versagt die kommunale Wohnraumversorgungspolitik? Der Markt funktioniert ja offensichtlich, sonst hätten alle einen Zugang zu ihm – der Markt ist nicht demokratisch verfasst – zumindest nicht in kapitalistisch verfassten Staaten. Allerdings verweist der Autor auf Kulturkreise, in denen auch das Verständnis von Landbesitz, Eigentum und Landerwerb schwierig ist. Auch die staatliche Wohnraumversorgung in den Städten der Entwicklungsländer lässt zu wünschen übrig und führt zu informellen Siedlungsbewegungen und Wohnungsmärkten.

Der Autor geht weiter auf die Legalisierung, Sanierung und Gentrifizierung ein.

Gentrifizierung führt auch in entwickelten Ländern zur Vertreibung einer angestammten Bewohnerschaft und meist wird diese auch durch die Logik des Marktes zum Opfer. In Entwicklungsländern scheint dieser Prozess noch dramatischere Züge anzunehmen. Das belegt der Autor an einer Reihe von Beispielen aus diesen Ländern.

Was wäre denn eine zukunftsfähige Wohnungspolitik, die angesichts der Verwerfungen auf den Wohnungsmärkten denen Wohnraum verschaffen könnte, die sich den Zugang zum Markt nicht leisten können? Wer auf den Markt und seine Logik gehofft hatte, hat unrealistische Dinge erwartet. Der Markt ist nicht die kommunale oder staatliche Wohnraumversorgungsstelle für sozial Schwache und für die, die sich keine angemessene Wohnung in den Städten leisten können. Der Staat kann intervenieren und steuern, aber die Logik nicht außer Kraft setzen. Das gilt auch auf den Märkten in Entwicklungsländern. Sanierung von Slums ist eine derartige Intervention und sie gelingt nur unter der Prämisse, dass die dortige Bewohnerschaft auch dort nach der Sanierung bleiben kann.

Zu: Pixacao – Differenz, Säuberungspolitiken und Widerstand in „Global City“ Sao Paulo (Paul Schweizer, Paula Larruscahim, Fabio Vieira)

Die Entwicklung Sao Paulos zur Global City einer weltweit agierenden Ökonomie hat zur Verdrängung all dessen und all derer geführt, die nicht in dieses Bild passen. Die Reaktion der so Verdrängten war in den 1980er Jahren das Pixacao. Ist dies die südamerikanische Variante des europäischen Graffiti, soweit sie mit Protest verbunden wird? Auf alle Fälle geht es um das Beschmieren gerade der repräsentativsten Bauten dieser globalen Ökonomie und deren „Beschützer“. Das Autorenteam beschreibt diese Szene und ordnet sie hauptsächlich den Jugendlichen in den peripheren und benachteiligten Stadtteilen zu.

Vor dem Hintergrund eines Forschungsprojektes analysiert das Autorenteam dieses Phänomen. Es beschreibt zunächst die Wirtschaftsmetropole Sao Paulo als Weltstadt und Global City vor dem Hintergrund einer Reihe von Forschungen. Weiter geht das Autorenteam auf die Geschichte und Philosophie des Pixacao ein, die auch mit der Entwicklung eines subkulturellen Milieus verbunden ist. Es ist eine Mischung von Protest und Amüsement und der Spannung, was passiert.

Wie wird das Phänomen in den Medien bearbeitet und welche rechtlichen Konsequenzen hat das Handeln in diesem Kontext? Diese Fragen werden auch unter dem Aspekt der Kriminalisierung dieses Verhaltens diskutiert, das aber auch außer Kontrolle zu sein scheint. Sozialwissenschaftler bezeichnen Pixacao als eine Politik der Armen, als einen urbanen Protest und ein Alphabet des Klassenkampfes. Dies wird ausführlich erörtert und mit Beispielen unterlegt. Zum Schluss verweist das Autorenteam auf dieses Phänomen in Europa.

Zu: Frauenamateurfußball in Rio de Janeiro – Umkämpfter Sport- und Stadtraum (Julia Haß)

Fußball ist in Brasilien eigentlich eine Männerdomäne. Fußball war und ist einer der zentralen und identitätsstiftenden Faktoren jeden Brasilianers und Fußball wird überall gespielt, auch in den Städten und an Orten, die keine Fußballplätze sind. Die Autorin beschäftigt sich mit dem Frauenamateurfußball. Amateurfußball hatte neben dem organisierten Fußball eigentlich keine große Bedeutung und Frauenfußball schon gar nicht – im Gegenteil er wurde sogar bekämpft. Dies alles wird zunächst ausführlich erörtert.

Die Autorin setzt sich mit dem Stadtraum und seiner Aneignung durch Sport auseinander. Der Raum wird zu einem sozialen Raum, wenn sich die Akteurinnen und Akteure diesen Raum aneignen, weil sie dort ihre Interessen realisieren und Bedürfnisse befriedigen können. Das gilt auch für Geschlechterrollen. Der sozialökologische Kontext des Sozialisationsmilieus prägt auch Geschlechterrollen und -beziehungen. Die Autorin geht dann weiter auf die spezifische Situation der Geschlechter in lateinamerikanischen Großstädten ein und belegt dies mit verschiedenen theoretischen Ansätzen.

Ausführlicher diskutiert dann J. Haß den Frauenamateurfußball in Rio de Janeiro in seiner Vergangenheit und heute, analysiert Frauen als Spielerinnen und Trainerinnen auf den Fußballplätzen des Aterro do Flamengo, ein wichtiger Ort des Freizeit- und Amateurfußballs in Rio. Dort trainiert ein Team eines wichtigen Amateurvereins in Verbindung mit einer NGO. Dies wird ausführlich und engagiert erörtert.

Weiter geht es um die Frage nach der sozialen Herkunft und den sozialen Unterschieden im Kontext von Geschlechtsdiskriminierungen. Im Zentrum stehen Frauen und Mädchen in marginalisierten Positionen, zumal Mädchen in den unteren sozialen Statusgruppen einen geringeren Zugang zu sportlichen Aktivitäten haben als Jungen.

Zu: Im- und Export von Aufstandsbekämpfung: Von Rio de Janeiro nach Port-au-Prince und zurück (Frank Müller, Markus-Michael Müller)

Vor dem Hintergrund eines neuen Sicherheitskonzepts in Rio de Janeiro und die Einführung einer „Pazifizierungspolizei“ fragen die Autoren, ob diese Veränderung nicht eher eine Militarisierung des Urbanen darstellt als eine Pazifizierung.

Sie beschreiben diese Strategie im Kontext der geopolitischen Ambitionen Brasiliens als „emerging power“. Auf der Basis von Interviews mit lokalen NGO´s, die soziale Aufgaben übernommen haben und Angehörigen der Sicherheitskräfte analysieren die Autoren die Aufstandsbekämpfungsdebatte in den Städten und ihre Rückkehr nach Lateinamerika. Dabei begründen die Autoren ausführlich das Ziel des Sicherheitskonzepts als „Schutz der Zivilbevölkerung“ und den Kampf gegen eine bestimme Art Sozialer Arbeit, die als „bewaffnete Sozialarbeit“ apostrophiert wird. Die Autoren reihen diese Art der Aufstandsbekämpfung in eine lange Tradition kolonialer Herrschaft ein, in der indigene Bevölkerungsgruppen immer wieder bekämpft wurden.

Anschließend belegen die Autoren an Hand von ausführlich beschriebenen Beispielen verschiedener Einsätze ihre These der urbanen Militarisierung.

Zu: Umkämpfter Freiraum: Die Erfindung des städtischen im Norden Namibias, 1950-1980 (Gregor Dobler)

Der Autor beschreibt die Geschichte der Urbanisierung Nordnamibias, die eigentlich erst nach dem zweiten Weltkrieg beginnt. Diese Urbanisierung beginnt im Grunde nicht mit der Entstehung von Städten, die auf Grund ihrer Größe, Dichte und Heterogenität urbane Strukturen aufweisen. Vielmehr beginnt sie mit einer lokalen Praxis in Siedlungsformen, die man auf Grund ihrer baulichen Gestaltung nicht Städte nennen kann, die aber ein soziales Leben entfalten, das der Autor auch mit der Beschreibung Georg Simmels erfasst: die Auseinandersetzung mit dem Anderen, dem Fremden, die eine bestimmte Öffentlichkeit erzeugt und die damit verbundenen Formen von politischen und sozialen Umgangsformen im öffentlichen Raum.

Der Autor beschreibt dann die Voraussetzung früher Verstädterung in Nordnamibia. Mit Verstädterung ist etwas anderes gemeint als Urbanisierung. Schließlich funktioniert Verstädterung auch, ohne dass so etwas wie das Urbane entsteht.

Der Autor geht auf die Siedlungsformen bis 1950 ein und diskutiert dann die im 19. Jahrhundert bereits eingetretenen Veränderungen der lokalen Ökonomie durch koloniale Märkte: Arbeitsmigration, Ladengeschäfte und neue Berufe. Dennoch bleiben die Städte bis in die 70er Jahre des vorigen Jahrhunderts in einer Größenordnung unserer Land- und Kleinstädte. Auch dies verhandelt der Autor ausführlich.

Wie die Herausbildung urbaner Gesellschaftsformen die namibische Gesellschaft insgesamt veränderte, fragt der Autor dann. Die namibische Gesellschaft veränderte sich durch Fremde die dauerhaft blieben, durch Arbeitsmigration aus den ländlichen Regionen. Die Angehörigen aus anderen Gebieten Namibias brachten ihr Wohn – und Lebensformen mit, was auch zu Konflikten führte. Dies alles wird ausführlich erörtert, bevor der Autor dann die Frage stellt, wem die Stadt gehört.

Die Urbanisierungsgeschichte Namibias ist auch eine Kolonialgeschichte, von ihr zumindest nicht zu trennen. Die Frage, wem die Stadt gehört, ist immer auch eine Machtfrage und eine Frage der Freiheit, die die Stadt immer geboten hat. Der Autor beschreibt dieses Verhältnis von Macht und Freiheit mit neuen Formen der Selbstbestimmung in der Stadt und dem Unterlaufen von Hierarchien einerseits und der kollektiven Verdichtung von Lebensstilen und Identitäten. Die Situation, dass die Machtverteilung nicht klar geregelt war, beschreibt der Autor als Frontier.

Zu: PERIPHERIE-Stichwort Recht auf Stadt (Anne Vogelpohl)

Wohnungslosigkeit, Gentrifizierung ethnische und sozialräumliche Segregation, neoliberale Stadtpolitik aktivieren immer mehr Menschen bis hin, dass daraus Stadtbewegungen werden. Die Autorin nimmt dies zum Anlass, über das Recht auf Stadt nachzudenken. H. Lefèbvres Postulat des Rechts auf Stadt hat eine Renaissance und unterstützt die praktisch-politische Seite dieses „Einklagen des Rechts auf Stadt“.

Die Autorin setzt sich dann auch ausführlich mit diesem französischen Soziologen auseinander. Wer hat in einer komplexen Stadt welches Recht auf Stadt und worauf? Ist es die Nachbarschaftsinitiative, die NGO oder Initiativen in den Metropolen Brasiliens, die sich aus den Favelas speisen? Das Recht auf Stadt ist kein einfaches Modell der Beteiligung an allen Entscheidungen und Prozessen. Es ist noch nicht einmal das Recht auf Aushandlungsprozesse. Stadt ist nach Lefèbvre dort, wo sich Menschen begegnen, um kollektiv Dinge und Ideen zu entwickeln, wie man zusammenleben soll und darauf hat der Mensch ein Recht. Stadt ist insofern auch urban als dieses Zusammenleben auf Unterschiedlichkeit und Getrenntheit beruht. Die Autorin setzt sich damit auseinander, verweist auf weitere Literatur und regt implizit an, sich mit Lefèbvre ausführlicher auseinanderzusetzen, um zu verstehen, was dieses Recht auf Stadt wirklich bedeutet.

Zu: PERIPHERIE-Stichwort Recht auf Urbanität (Anne Huffschmid)

Hat man ein Recht auf Urbanität? Hat man es, weil man in einer Stadt wohnt, und wer hat bei aller Unterschiedlichkeit der sozialen Verhältnisse in einer Stadt welches Recht auf Urbanität?

Die Autorin versteht unter Urbanität zunächst einen Diskurs über die städtische Lebensweise und Lebensqualität in der modernen Stadt. Sie diskutiert dies im Zusammenhang mit den für die Großstadt typischen Merkmalen von Dichte und Heterogenität, Privatheit und Öffentlichkeit. Und sie sieht die Geschichte der Stadt als eine Geschichte der bürgerlichen Gesellschaft und ihrer Emanzipation aus feudalen Strukturen und Verhältnissen.

Wir müssen über den Tellerrand der europäischen Bürgerstadt hinweg auch in andere Kulturkreise schauen. Die Autorin regt an, Lateinamerika zu betrachten. Die lateinamerikanische Großstadt ist eine fragmentierte Stadt, die in der Öffentlichkeit ein immer neu zu verhandelndes Diktum ist, das sich in der Praxis realisiert. Das ist anders als in der europäischen Stadt. Es geht auch um Selbstinszenierung und -behauptung. Man inszeniert sich nicht, weil man da ist, sondern, um überhaupt zu existieren. Identität ist an Identitätsdarstellung gebunden und die braucht einen Raum. Ob sie einen urbanen Raum braucht, ist sicher eine berechtigte Frage. Die Autorin setzt sich mit unterschiedlichen Aspekten des Urbanen in der lateinamerikanischen Großstadt auseinander und setzt diese Aspekte noch einmal kritisch ins Verhältnis zu dem, was die europäische Großstadt ausmacht, wenn es um deren Logik von Integration und Ausgrenzung und um ihre Urbanität geht.

Diskussion

Das Schwerpunktheft von PERIPHERIE gibt einen Überblick über die aktuelle Diskussion um das Konfliktfeld Stadt und das aus unterschiedlichen Perspektiven. Die Wohnungsfrage des 19. Jahrhundert hat sich vielleicht nur verschärft, im Grundsatz hat sie sich nicht verändert. Hinter der historischen Fragestellung von Engels u. a. stand ja nicht nur die elende Wohnungslage des Proletariats in den entwickelten Industriezentren. Dahinter stand auch die Frage, inwieweit eine Wohnung zu den Menschenrechten gehört, ob man nicht einfach eine Wohnung braucht, um überhaupt zu (über)leben. Und sind Slums und ihre Hütten menschwürdige Wohnverhältnisse? Die Frage ist aber nicht, ob der Markt versagt, sondern ob die staatlichen Kontroll-, Steuerungs- und Interventionsinstrumente versagen. Denn die Marktlogik funktioniert solange so, wie wir sie vorfinden, solange wie wir auch eine kapitalistisch verfasste marktförmige Ökonomie haben.

Das gilt vielleicht auf für die in anderen Beiträgen angesprochenen Fragen der Säuberungspolitik, der Genderpolitik im Sport und der Aufstandsbekämpfung in den Metropolen Lateinamerikas. Denn die dort angesprochenen Politikbereiche haben auch etwas mit einer global agierenden Wirtschaft zu tun, die auf Grund ihrer Transinternationalität staatliche Politik strukturell zwingt, ihren Forderungen gerecht zu werden. Da geht es nicht nur um eine mit Werten unterlegte Ordnungspolitik, sondern auch um wirtschaftliche Interessen – und die werden immer mehr zu politischen Steuerungsinteressen ganzer Staaten.

Ob die Stadt als Gemeinwesen und Lebensform, als Wohnungs- und Wirtschaftsstandort in diesem Prozess eine entscheidende Rolle spielt, muss vielleicht noch deutlicher artikuliert werden. Denn das berührt auch die Frage nach dem Recht auf Stadt und auf Urbanität. Welche Stadt kann diese Urbanität noch leben und kennen wir nicht längst jene Stadt, die den unkomplizierten demokratischen Zugang zum Recht auf Stadt und zur Urbanität nur noch wenigen gesellschaftlichen Gruppen ermöglicht? Das gibt zu denken.

Fazit

Das Heft gibt einen informativen Überblick über einige wichtige Konfliktfelder der heutigen Großstadt in Europa und in Lateinamerika. Die Beiträge konzentrieren sich auf Aspekte der Stadt, die die kulturelle und soziale Dynamik einer Stadt ohnehin bestimmen und die auch einen Einblick in die Stadtpolitik und deren Verständnis von Stadt als einem urbanen Lebensraum erlauben.

Summery

This number of the PERIPHERIE gives an informative overview of the conflicts in cities in Europe and South America. We have to do with economic conflicts produced by the logic of the market. As important example is the housing market described and analysed. The housing question is a central aspect of the social question since the development of the big cities in the phase of industrialisation in the 19th century in Europe. The cultural and social dynamic of big cities produce a specific logic of exclusion and inclusion, which conflicts produces and the density and heterogeneity of the urban population strengthen these conflicts. How reacts a municipal administration and policy on these conflicts?


Rezensent
Prof. Dr. Detlef Baum
Professor em. Arbeits- u. Praxisschwerpunkte: Gemeinwesenarbeit, stadtteilorientierte Sozialarbeit, Soziale Stadt, Armut in der Stadt Forschungsgebiete: Stadtsoziologie, Stadt- und Gemeindeforschung, soziale Probleme und soziale Ungleichheit in der Stadt
E-Mail Mailformular


Alle 166 Rezensionen von Detlef Baum anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Detlef Baum. Rezension vom 25.11.2016 zu: Konfliktfeld Stadt. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2016. ISBN 978-3-8474-0532-0. Peripherie, Nr. 141. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21369.php, Datum des Zugriffs 22.07.2019.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung