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Kerstin Kazzazi, Angela Treiber u.a. (Hrsg.): Migration - Religion - Identität

Cover Kerstin Kazzazi, Angela Treiber, Tim Wätzlod (Hrsg.): Migration - Religion - Identität. Aspekte transkultureller Prozesse = Migration - religion - identity. Aspects of transcultural processes. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2016. 297 Seiten. ISBN 978-3-658-06509-6. D: 34,99 EUR, A: 35,97 EUR, CH: 37,00 sFr.
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Thema und Aktualität

Die Themenbereiche „Migration“ und „Identität“ wurden in den letzten Jahren immer wieder im wissenschaftlichen und im politischen Diskurs aufgegriffen. Das sind grundständige Begriffe, deren wissenschaftliche Basis unbestritten ist. Auch „Religion“ hat als Topos in den populären und populistischen Debatten um Migration und gesellschaftliche Konzepte stark an Bedeutung gewonnen. Durch zunehmende Mobilität und Migration von Menschen sind die Erfahrung sozialer und kultureller Heterogenität, die Pluralität von Lebensweisen an vielen Orten zum Normalfall geworden. Zusammen mit der Präsenz von Wissensbeständen aus unterschiedlichen Deutungshorizonten verlangt dies von Menschen, mit Mehrdeutigem und Ambiguitäten des Kulturellen, Sprachlichen, Religiösen und Weltanschaulichen zu leben. Im Fokus stehen die Transformationsprozesse in gesellschaftlichen und individuell erfahrungs- und handlungsorientierten Zusammenhängen. Transkulturalität wird dabei als ein heuristisches Instrument verstanden, um den Prozesscharakter von Kulturen und die Dynamik des fortwährenden Aushandelns von Inhalten und Dingen sowie deren Bedeutungen in sozialen Prozessen zu erfassen. Menschen mit Migrationshintergrund stehen im Alltag häufig vor speziellen Herausforderungen. Der Blick auf den Alltag der Menschen mit Migrationserfahrung zeigt die variationsreichen Verbindungen von individuellen und gruppenspezifischen Bedürfnissen, Referenzen zum Herkunftsland und Orientierungen am neuen gesellschaftlichen Umfeld.

Im Focus der vorliegenden Untersuchung liegen Migration, Religion, Identität als Aspekte transkultureller Prozesse in ihrer vielschichtigen Wechselbeziehung zueinander. Der vorliegende Band versammelt interdisziplinäre Beiträge zum Thema „Migration, Religion, Identität: Aspekte transkultureller Prozesse“, die im Rahmen der Abschlusskonferenz des 2011 gegründeten interdisziplinären Graduiertenkollegs „Migration im Kontext von Religionen und Kulturen im Rahmen der Globalisierung“ an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt vom 21.-23.11.2013 von den KollegiatInnen erarbeitet und vorgestellt wurden. Das Paradigma der „Transkulturalität“ w urde als zentraler, übergreifender Ansatz gewählt. Die Studien zur Migration im Rahmen des Graduiertenkollegs bilden das breite Spektrum historisch-kritischer Praxis, qualitativer Sozial- und Kulturforschung, die Bandbreite interpretativer wie quantitativ analytischer fachspezifischer Verfahrensweisen. Der Band dokumentiert zugleich die fruchtbare Diskussion der Forschungsergebnisse mit renommierten VertreterInnen der Migrationsforschung aus den unterschiedlichen Disziplinen. Ihre Beiträge vervollständigen den erfolgreichen Abschluss des Kollegs.

HerausgeberInnen

  • PD Dr. Kerstin Kazzazi ist an KU Eichstätt-Ingolstadt tätig und Sprecherin des Graduiertenkollegs „Migration“.
  • Prof. Dr. Angela Treiber ist Inhaberin der Professur für Europäische Ethnologie/Volkskunde an der KU Eichstätt-Ingolstadt.
    Dr. Tim Wätzold ist als Post-Doc-Stipendiat des Graduiertenkollegs „Migration“ an KU Eichstätt-Ingolstadt tätig.

Aufbau und Inhalte

Der vorliegende Band greift zentrale Aspekte auf, die für eine qualifizierte Betrachtung von Themenbereichen Migration, Religion, Identität als Aspekte transkultureller Prozesse in ihrer vielschichtigen Wechselbeziehung zueinander von Bedeutung sind. Das Buch gliedert sich in die folgenden fünf Teile:

  1. „Mobilitäten“
  2. „Religion“;
  3. „Sprache(n)“;
  4. „Identität(en)“.
  5. „Perspektiven“.

In der Einführung geben Kerstin Kazzazi und Angela Treiber eine Einführung in die Thematik und einen Ausblick auf Inhalte und Aufbau ihrer Arbeit. Laut der Autorinnen, haben zunehmende Mobilität und Migration von Menschen die Erfahrung sozialer und kultureller Heterogenität, die Pluralität von Lebensweisen an vielen Orten zum Normalfall werden lassen. Zusammen mit der multimedialen Präsenz äußerst heterogener Wissensbestände aus unterschiedlichen Deutungshorizonten verlangt dies von Menschen verstärkt, mit Mehrdeutigem und mit Ambiguitäten des Kulturellen, Religiösen und Weltanschaulichen zu leben. Die damit verbundenen Transformationsprozesse in gesellschaftlichen, politischen, kulturellen wie auch in individuell erfahrungs- und handlungsorientierten Zusammenhängen stehen im Zentrum des Interesses des Graduiertenkollegs (vgl.S.V). Die Autorinnen setzen sich mit den Begriffen „Kultur“, „Religion“ und „Identität“ auseinander.

Im einleitenden Beitrag analysiert Klaus Bade die medial wirkmächtigen, öffentlichen Debatten um das Einwanderungsland Deutschland insbesondere des letzten Jahrzehnts in der bundesdeutschen Gesellschaft.

Das Graduiertenkolleg vereint Studien zur Migration, die sich mit verschiedenen Aspekten der genannten Thematik auseinandersetzen, die Problemstellungen aufgreifen und dabei unterschiedliche Regionen und Zeiträume fokussieren. Sie bilden das breite Spektrum historisch-kritischer Praxis, qualitativer Sozial- und Kulturforschung, die Bandbreite interpretativer wie quantitativ analytischer fachspezifischer Verfahrensweisen. Diese Vielfalt führte zu lebhaften und anregenden Diskussionen um Zugänge und Methoden, aber auch um den Disziplinen verpflichtete Perspektiven auf theoretische Konzepte und den fachsprachlichen Umgang mit Begriffen. Es waren differenzierte Auseinandersetzungen mit keineswegs einheitlichem Ausgang. Dies zeigt sich auch in der Zusammenschau der Texte und den unterschiedlichen Nuancen von Standpunkten oder Auffassungen der AutorInnen. Zusammenhänge, Gemeinsamkeiten und Widersprüche zwischen den Disziplinen werden sichtbar.

Die Beiträge dieses Bandes geben anregende Einblicke in vielfältige Praxisprojekte und sind zahlreichen Aspekten der Migrationsthematik gewidmet. Die Mehrzahl der Studien setzt beim Alltag der Menschen mit Migrationserfahrung an, d.h. bei ihren Lebenswelten und Erfahrungsräumen. Subjekt- und akteurzentrierte Perspektiven wurden, soweit die Zugänge und Quellenbasis es zuließen, herausgearbeitet. Sie eröffnen einen Blick auf die variationsreichen, komplexen interaktiven Verbindungen von individuellen und gruppenspezifischen Bedürfnissen, Referenzen zum Herkunftsland und Orientierungen am neuen gesellschaftlichen Umfeld.

Der Band beinhaltet u a. historische Studien, die auf ganz unterschiedliche lokale, globale sowie transnationale An- und Verbindungen der Migrantengruppen verweisen. Von unterschiedlicher Intensität des Austausches und Bedeutung unterliegen diese Kontakte historischem Wandel. Die von den Migranten unterhaltenen, Grenzen überschreitenden sozialen, politischen und ökonomischen Beziehungen über Netzwerke, Organisationen, Institutionen ermöglichen Transfers von Wissensvorräten mit ihren Bedeutungsgeweben, von Ideen und Praktiken (Kramer; Wätzold; Wolff). Kramer setzt sich in seinem Beitrag mit den kontinuierlich verlaufenden Akkulturationsprozessen in Migrationsprozessen auseinander, die sich als äußerst vielgestaltig erweisen. Die Beträge lassen auch erkennen, dass Gesellschaften nicht mehr als territorial klar abgeschlossene, in sich homogene Sozialgebilde ausschließlich in nationalstaatlichen Grenzen gedacht werden sollten. Vielmehr gibt eine sozialtheoretische Öffnung des Begriffs auf jeweilige gesamtheitliche Formationen von sozialen Beziehungen, Handlungsweisen und Institutionen neue Perspektiven auf sonst ausgeblendete dynamische, gesellschaftlich inhärente soziale Räume.

Im Beitrag von Lesser wird gezeigt, wie eigene Stereotypisierungen zu Strategien von Dazugehören-Wollen für die Schaffung neuer nationaler Identitätskonstruktionen entwickelt werden, die allerdings ohne die Abgrenzung von Anderen und deren Ausgrenzung ebenfalls nicht auskommen.

Ruokonen-Engler zeigt in ihrem Beitrag, wie personale Selbstethnisierung zur Herstellung eines erweiterten Handlungs- und Zugehörigkeitsraumes dienen kann, um private wie gesellschaftliche Machtverhältnisse zu verhandeln und individuell zu bewältigen.

In mehreren Beiträgen wird Sprache als Distinktionspraxis und Ausdruck sozialer, kultureller Identitäten herausgearbeitet. Diese Beiträge verweisen auf die Zusammenhänge von Migrationsformen, sprachpolitischen Rahmenbedingungen des Auswanderungs- und Einwanderungslandes (Mehrsprachigkeit/Einsprachigkeit) und individuellen Positionierungen und geben Einblicke in die Variationsbreite von Identitätsbildungen über Sprache. Außerdem lassen sie Bezüge zwischen tradierter gesellschaftlicher Mehrsprachigkeit und der Ausbildung von dezentrierten, multiplen, situationsabhängigen Identitäten vermuten.

Zielgruppen

Das Buch eignet sich für Studierende und Lehrende der Studiengänge aus den Bereichen Sozialarbeit, Sozialpädagogik, Erziehungswissenschaften, empirische Sozialforschung und Migrationsforschung. Es kann sich aber auch an diejenigen Leser richten, die sich für die Migrationsthematik interessieren, und könnte deshalb für einen breiten Leserkreis empfohlen werden.

Fazit

Die Beiträge des vorliegenden Bandes geben anregende Einblicke in vielfältige Praxisprojekte und sind zahlreichen Aspekten der Migrationsthematik gewidmet. Der Band markiert den erfolgreichen Abschluss des Graduiertenkollegs „Migration im Kontext von Religionen und Kulturen“ der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt. Wie Klaus J. Bade in seinem einleitenden Beitrag anmerkte, sind die Ergebnisse des Kollegs kultur- und gesellschaftswissenschaftlich, aber auch kultur- und gesellschaftspolitisch von Belang.

Mein persönlicher Eindruck ist: Es handelt sich hier um ein interessantes und lesenswertes Buch, das zum Weiterdenken anregt. Die gesammelten Erkenntnisse wurden in einer klaren und verständlichen Sprache dargelegt, was das vorliegende Buch zu einer aufschlussreichen und lohnenswerten Lektüre macht.


Rezensentin
Dr. Olga Frik
Finanzuniversität Omsk, Russische Föderation. Ehemalige Lehrbeauftragte und Gastwissenschaftlerin an der Leibniz-Universität Hannover
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Zitiervorschlag
Olga Frik. Rezension vom 28.06.2017 zu: Kerstin Kazzazi, Angela Treiber, Tim Wätzlod (Hrsg.): Migration - Religion - Identität. Aspekte transkultureller Prozesse = Migration - religion - identity. Aspects of transcultural processes. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2016. ISBN 978-3-658-06509-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21371.php, Datum des Zugriffs 23.09.2017.


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