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Maya Dolderer, Hannah Holme u.a. (Hrsg.): O Mother, Where Art Thou? (Mutterschaft und Mütterlichkeit)

Cover Maya Dolderer, Hannah Holme, Claudia Jerzak, Ann-Madeleine Tietge (Hrsg.): O Mother, Where Art Thou? (queer-)feministische Perspektiven auf Mutterschaft und Mütterlichkeit. Verlag Westfälisches Dampfboot (Münster) 2016. 217 Seiten. ISBN 978-3-89691-844-4. D: 24,90 EUR, A: 25,60 EUR.
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Thema

Das Thema des interdisziplinären Sammelbandes ist es, verschiedene Bedeutungen, Formen und Erfahrungen von Mutterschaft und Mütterlichkeit aus feministischer Perspektive aufzuzeigen.

Herausgeberinnen

  • Maya Dolderer studierte Musik, Germanistik und Erziehungswissenschaften in Leipzig und interessiert sich für ästhetische Theorie, feministische Psychoanalyse und pädagogische Philosophie.
  • Hannah Holme studierte Philosophie und Germanistik (mit 1. Staatsexamen) sowie Soziologie, Kommunikations- und Medienwissenschaft in Leipzig.
  • Claudia Jerzak studierte Soziologie, Kunstgeschichte und Germanistik in Dresden. Ihre Forschungsschwerpunkte sind u.a. Geschlechterforschung/Queer Theory im Zusammenhang mit Rechtsextremismus und Kapitalismustheorie.
  • Ann-Madeleine Tietge studierte Psychologie in Bremen und València. Mit ihrem Forschungsschwerpunkt – die Rekonstruktion von Männlichkeit in heterosexuellen Paarbeziehungen – liefert sie auch einen Beitrag zu diesem Band. Alle vier Herausgeberinnen sowie zwei weitere Autorinnen werden in ihren Promotionsvorhaben von der Hans-Böckler-Stiftung gefördert.

Autorinnen und Autor

Insgesamt kommen 17 Autorinnen und ein Autor zu Wort. Bis auf zwei Personen haben alle ein wissenschaftliches Studium abgeschlossen, am häufigsten Soziologie (7), gefolgt von Politologie (3), Germanistik (3), Sozialwissenschaften (2), Philosophie (2), Erziehungswissenschaften (2), Genderstudies (2) und einigen weiteren Fachrichtungen.

Entstehungshintergrund

Der Sammelband ist aus der Wissenschaftlerinnen-Werkstatt hervorgegangen. Die Herausgeberinnen bedanken sich bei der Hans-Böckler-Stiftung für die finanzielle Unterstützung.

Aufbau

Nach dem Vorwort der Herausgeberinnen ist die Aufsatzsammlung in drei Teile gegliedert und umfasst insgesamt 14 Beiträge, davon ist einer in englischer Sprache verfasst.

In der Einleitung wird die Frage gestellt, „weshalb das Thema Mutterschaft und Mütterlichkeit in aktuellen feministischen Debatten im deutschsprachigen Raum so wenig Platz einnimmt“ (S. 8). Mutterschaft wird mit Retraditionalisierung in Verbindung gebracht, die mit links-feministischen Aktionsformen schwer zu vereinbaren seien. Es wird aufgezeigt, dass es Unterschiede zwischen deutschen und nicht-deutschen Mutterschaftskonzepten gibt und die Ablehnung von Mütterlichkeit innerhalb der feministischen Bewegungen die Frauen auszuschließen droht, die nicht über Beruf und Karriere sondern über ihre Kinder soziale Anerkennung erhalten.

Zu I. Übermütter, Landesmütter und Kinderlose – Diskurse über Mutterschaft

Der erste Beitrag Bilder und Bürde. Funktionen und Transformationen von Mutterschaft von Sarah Speck beschreibt die Mutterschaft als „Teil eines Deutungsmusters, dessen Genese nicht zufällig in die Herausbildung der kapitalistisch bürgerlichen Gesellschaft fällt“ (S. 26). Sie spannt den Bogen von Rousseau über Fröbel und Pestalozzi und stellt das Konzept Mutterschaft in den Zusammenhang mit der Entstehung der Nationalstaaten. Als problematisch wird der Anspruch der bürgerlichen Frauenbewegung zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts beschrieben, weibliche Fähigkeiten in die (koloniale) Gesellschaft zu tragen. Die Entwicklung des Mutterbildes in der jüngeren Vergangenheit ist aus Specks Sicht einerseits durch die Psychologisierung und anderseits durch wirtschaftliche Krisen und veränderte Anforderungen des Arbeitsmarktes gekennzeichnet. Nach dem aktuellen Leitbild sollte die Frau „für ein glückliches, erfülltes Leben … möglichst Beruf und Familie haben“ (S. 37), wobei zwischen anspruchsvoller Erziehungsarbeit und lästiger Haushaltsarbeit unterschieden wird, die ggfs. an Hilfskräfte delegiert werden kann. Die gegensätzlichen strukturellen Anforderungen von männlich geprägter Lohnarbeit und Hausarbeit können zu Zeit- und Prioritätsproblemen führen. Sarah Speck verweist dabei auf die Soziologin Sharon Hays, der zufolge die Logik der „intensiven Bemutterung“ stärker sei als die Logik des Arbeitsplatzes (Hays, 1996). Anzeichen für eine aktuelle Aufwertung der Mutterschaft in der Mittelschicht sieht Speck in den Ansprüchen an Biokost, frühe Zweisprachigkeit oder Begabtenförderung. Sie deutet diese als Abwehrmechanismen gegen soziale Abstiegsängste. Abschließend stellt die Autorin fest, dass Mutterschaft schon immer eine flexible Frau erfordert hat und gerade diese Fähigkeit im neuen Kapitalismus gebraucht wird.

Feministische Mutterbilder? – Eine Verständigung von Feminismus und Mutter-Sein vor dem Hintergrund ost- und westdeutscher Entwicklungen ist der Titel des Beitrags von Judith C. Enders und Mandy Schulze. In ihrem gut lesbaren Text möchten sie eine positive Deutung von Mütterlichkeit mit dem feministischen Diskurs verknüpfen. Die Autorinnen beginnen mit einigen historischen Aspekten wie dem Entstehen des Mutterschaftsbegriffs im Kontext der Industrialisierung, das Fortbestehen des nationalsozialistischen Mütterbildes in dem bis in die 1990er Jahre erhältlichen Buch „Die (deutsche) Mutter und ihr erstes Kind“ sowie die ambivalente Haltung der zweiten Frauenbewegung gegenüber Mutterschaft und Kinderwunsch. Spannend ist der Vergleich der Mutterrolle in Ost- und Westdeutschland. Die durchgehende Berufstätigkeit von Müttern galt vor der Wende und gilt noch immer als normatives Leitbild in den ostdeutschen Bundesländern. In Westdeutschland galt lange Zeit der zumindest zeitweilige Berufsausstieg nach der Geburt eines Kindes als Norm, was als Entscheidungskonflikt erlebt wurde. Im feministischen Diskurs zeigte sich die Unterschiedlichkeit der Lebensentwürfe. Ein positives feministisches Mütterbild fehlt indes. Die Autorinnen plädieren für eine neue Form der feministisch orientierten Mütterlichkeit. Eine Annäherung zeichnet sich in der Einstellung zur Erwerbstätigkeit im Hinblick auf das Wohlergehen des Kindes ab: in beiden Teilen Deutschlands wird Erwerbstätigkeit zunehmend seltener als schädlich eingeschätzt.

Bettina Haidinger beschreibt die Transnationale Mutterschaft: Zwischen jetzt und dort, zwischen hier und später. Die transnationale Mutterrolle wird am Beispiel ukrainischer Migrantinnen beschrieben, die in Wiener Privathaushalten arbeiten, während ihre eigenen Kinder zuhause von anderen Personen versorgt werden. Sie migrieren, um für das wirtschaftliche Wohlergehen der Kinder zu sorgen, können aufgrund der räumlichen Distanz aber andere Formen der Zuwendung nicht wahrnehmen. Die Frauen und ihre Kinder leiden zunächst unter der Trennung und später unter der emotionalen Distanz. Die Autorin merkt an, dass die Mütter zwar körperlich abwesend seien, aber dennoch einen großen Einfluss auf die Ökonomie, die Familienformation und somit auch auf die Gesellschaft haben können. Transnationale Mutterschaft geht immer mit einem Gefühl der Zerrissenheit einher, beinhaltet aber auch die Chance, traditionelle Geschlechterbeziehungen und Rollenzuweisungen zu überdenken.

Dorothee Beck widmet sich in ihrem Beitrag Mutti ist die beste der medialen Inszenierung der Politikerinnen Angela „Mutti“ Merkel, der „Landesmütter“ Hannelore Kraft und Heide Simonis sowie Ursula von der Leyen als „Mutter der Kompanie“. Die Politikerinnen werden in ihren Rollen und – insbesondere bei Angela Merkel – im Wandel ihrer Rolle beschrieben. Die Autorin stellt fest, dass Geschlechterstereotype sich zwar verändern: Galt Emotionalität in der Vergangenheit als (weibliche) Schwäche, kann sie heute ebenso Politikern zugeschrieben werden, während Politikerinnen auch „sachorientiert, rational und autoritär“ (S. 72) auftreten können. Dennoch bleibt die mediale Bewertung von mütterlichen Zuschreibungen aus Sicht von Beck im androzentrischen Denkschema stecken und ist damit offen für Trivialisierung und Abwertung der Politikerinnen.

Sarah Diehl beschreibt in ihrem Beitrag Die Uhr, die nicht tickt – über das schlechte Image der kinderlosen Frau die von ihr wahrgenommene Erwartung an Frauen, sich mit zunehmendem Alter für die Mutterwerdung zu entscheiden. Dabei beklagt sie einerseits, „dass Kinderkriegen gegen die Gefahr der Selbstaufgabe und der Mehrfachbelastung abgewogen werden muss“ (S. 84) und die Mutterrolle zumindest zeitweilig eine absolute Priorität beanspruche. Zum anderen beklagt die Autorin, dass sich Frauen von der Gesellschaft unter Druck gesetzt fühlten, Mutter werden zu wollen und es den Frauen „immer noch an Vorbildern und einer Sprache [fehle], mit der sie ihre Kinderlosigkeit als positives Selbstverständnis formulieren können“ (S. 86). Die von ihr interviewten kinderlosen Frauen empfanden ihr Leben aber nicht als defizitär oder sinnentleert. In Bezug auf die Angst, mit der Kinderlosigkeit die falsche Lebensentscheidung getroffen zu haben, gibt Diehl zu bedenken, dass das auch auf andere Lebensentscheidungen zutreffen könne wie etwa auf die Wahl des Berufs oder des Wohnorts.

Zu II. Sister From Another Mother – Aktuelle und vergangene Formen der Kollektivität und Solidarität

Gisela Notz beschreibt in ihrem historischen Rückblick Mütter außerhalb der Kleinfamilie. Kritik der konservativen Mütterlichkeit der 1970er Jahre die emanzipatorischen Bestrebungen und alternativen Lebensformen des ausgehenden 20. Jahrhunderts. Im Zuge der 1968er Studentenbewegung entwickelte sich die Frauenbewegung, die sich stark auf Simone der Beauvoir bezog. Innerhalb der Frauenbewegung gab es neben der gemeinsamen „Kritik an der patriarchalen Abhängigkeit und Unterdrückung“ (S.103) auch Konflikte zwischen Lesben und heterosexuellen Frauen, Müttern und Nicht-Müttern. Gemeinsamkeiten sahen die Frauen in der Gründung von Wohngemeinschaften zur Aufhebung der geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung und zur ökonomischen Absicherung. Neben den gemischtgeschlechtlichen entstanden reine Frauen-Wohngemeinschaften von Frauen mit und ohne eigene Kinder mit dem Vorsatz, Geld, Arbeit und Kindererziehung zu teilen. Wohngemeinschaften wurden für so bedeutend angesehen, dass das BMFSFJ 1973 eine entsprechende Studie veröffentlichte. Heute, so stellt Notz fest, werden Wohngemeinschaften vorwiegend als zweckdienliche Wohnform einer vorübergehenden Lebensphase durchlaufen und kaum als alternative Lebensform angestrebt.

Die in Amerika lebende Autorin Akilah S. Richards beschreibt in ihrem englischsprachigen Beitrag Affirming the Vallue of Black Motherhood – A Personal Essey die lange Tradition Schwarzer Communities am Beispiel ihrer Jamaikanischen Familie. Als Othermothering bezeichnet, beschreibt sie die selbstverständliche Verantwortungsübernahme für alle Kinder der Community durch alle dort lebenden Frauen, unabhängig von biologischer Mutterschaft. Richards macht deutlich, dass Black Motherhood in Amerika auch heute noch bedeutet, Kinder für das Leben in einer alltäglich rassistischen und frauenfeindlichen Gesellschaft stark zu machen.

Marie Reusch betrachtet Mutterschaft im feministischen Fokus. Der Zusammenhang von Mutterschaft und Emanzipation in wissenschaftlichen Texten und Mütter-Blogs.Reusch wählt damit zwei sehr unterschiedliche Zugänge. Während die wissenschaftliche Sichtweise Mutterschaft als „spezifische Organisationsform patriarchal-kapitalistischer Herrschaft“ (S. 17) versteht, berichten die Bloggerinnen auch über Freude, Glück und Freiräume durch und mit ihrer Mutterschaft. Diese Aspekte der Lust und Freude finden im feministischen akademischen Diskurs keinen Raum. In einschlägigen Zeitschriften und Buchreihen werden unter feministischem Blickwinkel sozialstaatliche Unterstützungsmaßnahmen für Mütter zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf, generative Reproduktion und medizintechnische Möglichkeiten sowie Aspekte der Bevölkerungspolitik betrachtet. In feministischen Mütter-Blogs geht es neben feministischen und gesellschaftskritischen Positionierungen auch um alltagsrelevante Berichte, Tipps und Ratschläge sowie eben Freude an der Mutterschaft.

Joke Janssen nimmt In meinem Namen. Eine trans*/queere Perspektive auf Elternschaft ein. Sie stellt eingangs das weitgehende Fehlen von trans- und queeren Perspektiven auf Mutterschaft fest. Sie schreibt: „Solange bestimmte biologische Vorgänge nicht ernsthaft vom angeblichen biologischen Geschlecht und Gender getrennt werden, wohnt Debatten um Schwangerschaft und Stillen also eine Naturalisierungstendenz inne und diese schließt trans*/queere Erfahrungswelten aus“ (S. 150). Aus ihrer Sicht sollte Schwangerschaft unabhängig vom Geschlecht betrachtet werden. Sie plädiert für die Entkoppelung von Geschlecht, Schwangerschaft und Fürsorge. Die Verantwortungsübernahme für Pflegekinder kann als eine Form der queeren Elternschaft betrachtet werden.

Zu III. Keine Sorge!? Für- und Selbstsorge

Jochen König schreibt in seinem persönlichen Essay Mütter und Väter über das Leben mit seiner Tochter Fritzi, die er von Geburt an allein erzieht. Er entwickelt dabei mütterliches Verhalten, orientiert sich an anderen Müttern und grenzt sich von den neuen coolen Vätern ab, die aus seiner Sicht nicht die letztendliche Verantwortung tragen. Daneben reflektiert er die gesellschaftlichen Rollenzuschreibungen, in denen er sich nicht wiederfindet. Seine Tochter nennt ihn Mama. Dass man nicht von Müttern lernen könne, wie man ein guter Vater ist, widerspricht König ganz entschieden. Inzwischen hat der Autor eine weitere Tochter, die zwei Mütter hat, mit denen er sich die Verantwortung teilt. Die Leserin ist gespannt auf die Fortsetzung.

Eine ebenfalls subjektive Sicht auf das Mutterglück mit einem kleinen Kind schildert Sabine Dreßler mit ihrer literarischen Figur Therese, die bei aller Bereitschaft zur Selbstaufgabe durch das permanente Schreien ihrer Tochter an ihre Grenzen stößt. Es ist keine feministische aber für manche Mutter realistische Sichtweise auf Mutterschaft und ihre zeitweilig schwierigen Phasen. Auch wenn es sich um einen Auszug aus dem gleichnamigen Buch handelt, kann die Schilderung als Kurzgeschichte für sich stehen.

Wie die Elternschaftsnorm, d.h. die Erwartung, Kinder zu bekommen, von Erwerbstätigen im Gesundheitswesen (Ärzte, Krankenschwestern, Therapeuten im ambulanten und stationären Setting) erlebt wird, hat Tanja M. Brinkmann untersucht. Der Beitrag „Wann kriegt ihr endlich Kinder?“ Zur Legitimationsnot von Kinderlosigkeit basiert auf 28 Interviews mit kinderlosen Männern und Frauen zwischen 31 und 56 Jahren. Erwartungen von Familie, Freunden oder Kollegen bzgl. Kinderwunsch richten sich vor allem an heterosexuelle, in Partnerschaft lebende Paare, während Singles und homosexuell orientierte Personen seltener nach ihren Kinderwünschen gefragt werden. Brinkmann und andere Autoren, auf die sie sich bezieht, erleben gewollte Kinderlosigkeit als erklärungsbedürftig. Kinderlosigkeit werde auch mit mangelnder Empathiefähigkeit, Egoismus und Konsumorientierung in Verbindung gebracht. Gleichzeitig erleben Kinderlose, dass sie im beruflichen Alltag Privilegien genießen.

In ihrem Beitrag Niemand ist dem anderen seine Mutti untersucht Ann-Madeleine Tietge die Mütterlichkeit in heterosexuellen Partnerschaften. Dafür hat sie fünf Paare gemeinsam und getrennt interviewt und die Aussagen tiefenhermeneutisch in einem Team hinsichtlich latenter Inhalte interpretiert. Aus Sicht der Interpretationsgruppe erscheinen „viele“ der fünf Frauen als dominant, „einige von ihnen“ sind Hauptverdienerinnen, „manche“ legen wenig Wert auf Äußerlichkeiten (S. 191). Bei allen fünf Paaren wurde die „Inszenierung einer Mutter-Sohn-Beziehung“ gefunden (ebd.). Die wahrgenommene Unentschlossenheit und Kindlichkeit eines Mannes wurde von der Gruppe als „Moment männlicher Herrschaft“ ausgelegt. Sofern ein Mann sich an die Wünsche der Partnerin angepasst hat, wird dies als Verharren in der mütterlichen Position interpretiert. Nicht alle Interpretationen sind nachvollziehbar und die Erkenntnisse aus fünf Paarbeziehungen nicht verallgemeinerbar. Es fehlt die kritische Distanz zum Studiendesign.

Einen weiteren Aspekt der Sorgearbeit eröffnet das Interview mit Tove Soiland mit dem Titel Die mütterliche Gabe hat keine symbolische Existenz. Soiland zeigt auf, dass Sorgearbeit in den letzten Jahrzehnten eine Abwertung erfahren hat und junge Frauen sich dafür rechtfertigen müssen, dass sie gern bei ihren Kinder zuhause bleiben. „Alles was mit Fürsorglichkeit und Bezogenheit zu tun hat, bei dem ich mein eigenes Ich nicht ins Zentrum stelle, sondern für jemand anderes da sein muss oder vielleicht einfach will, gilt heute als unemanzipiert“ (S. 204) stellt Soiland fest. Fürsorgearbeit ist Beziehungsarbeit und sie braucht Zeit. Sie entzieht sich der Rationalität der Warenwelt und hat in der politischen Öffentlichkeit keinen Raum. Das Care-Problem sei ein gesamt-gesellschaftliches Problem. Soiland schlägt vor, die politischen Ziele mit der Reflexion der eigenen Praxis zu verknüpfen.

Diskussion und Fazit

Der Titel des Bandes in frühneuenglischer Sprache ist dem Filmtitel „O Brother, Where Art Thou? – Eine Mississippi-Odyssee“ der Coen-Brüder aus dem Jahr 2000 entlehnt. Der Titel legt nahe, dass sich das Buch an eine ausgewählte intellektuelle Leserschaft wendet.

Der Anspruch, Mutterschaft und Mütterlichkeit aus unterschiedlichen Perspektiven zu betrachten wird eingelöst, wobei die queer-feministische Perspektive nur in wenigen Beiträgen diskutiert und als fehlend beschrieben wird. Einige Texte sind gut lesbar geschrieben. Andere richten sich offenbar nur an die kleine Schar der Fach-Wissenschaftlerinnen, die inhaltlich im Thema stehen und Freude an gediegener Sprache haben.

Insgesamt macht die Vielfalt der Ansätze vom wissenschaftlichen Diskurs über historische Abhandlungen, empirische Forschungsergebnisse und literarische Beiträge zum Thema Mutterschaft den Band lesenswert.


Rezensentin
Friederike Otto
Leiterin des Forschungsverbundes Familiengesundheit. Medizinische Hochschule Hannover, Medizinische Soziologie OE 5420
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Zitiervorschlag
Friederike Otto. Rezension vom 02.06.2017 zu: Maya Dolderer, Hannah Holme, Claudia Jerzak, Ann-Madeleine Tietge (Hrsg.): O Mother, Where Art Thou? (queer-)feministische Perspektiven auf Mutterschaft und Mütterlichkeit. Verlag Westfälisches Dampfboot (Münster) 2016. ISBN 978-3-89691-844-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21373.php, Datum des Zugriffs 23.07.2017.


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