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Fritz Schütze (Hrsg.): Sozialwissen­schaftliche Prozessanalyse

Cover Fritz Schütze (Hrsg.): Sozialwissenschaftliche Prozessanalyse. Grundlagen der qualitativen Sozialforschung. Verlag Barbara Budrich (Opladen, Berlin, Toronto) 2016. 296 Seiten. ISBN 978-3-8474-0791-1. D: 38,00 EUR, A: 35,90 EUR.

Herausgegeben von Werner Fiedler und Heinz-Hermann Krüger.
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Thema

Das Buch enthält Aufsätze von Fritz Schütze (und Co-AutorInnen), die zwischen 1976 und 2008 publiziert wurden. Es handelt sich mithin nicht um ein weiteres Werk des Autors mit einem neuen Thema, wie der Titel des Buches suggerieren mag; vielmehr werden zum Teil schwer zugängliche Grundlagentexte des Autors zur qualitativen Sozialforschung zusammengestellt.

Autor/Herausgeber

Der Autor Fritz Schütze ist bekannt als bedeutender Vertreter qualitativer Sozialforschung in Deutschland, dessen Namen vermutlich viele WissenschaftlerInnen auch aus angrenzenden Disziplinen mit der Biografieforschung und mit der Methode des narrativen Interviews verbinden. Schütze hat jedoch darüber hinaus substanzielle Beiträge zu weiteren Themen (Professionstheorie, kollektive Identität, symbolischer Interaktionismus) verfasst, auch seit seiner Emeritierung an der Universität Magdeburg im Jahr 2009.

Wie die beiden Herausgeber im Vorwort schreiben, verfolgen sie mit der Publikation die Absicht, wichtige Aufsätze von Fritz Schütze wieder zugänglich zu machen und damit gleichzeitig „das Lebenswerk eines bedeutenden Wissenschaftlers und Forschers“ zu würdigen.

Aufbau

Für das vorliegende Buch wurden acht Aufsätze Schützes ausgewählt. Diese werden gerahmt durch das Vorwort der beiden Herausgeber, durch einen einführenden Beitrag von Carsten Detka & Thomas Reim zur Forschungsarbeit Schützes sowie durch ein Verzeichnis von 103 Publikationen Schützes.

Detka & Reim, beide wissenschaftliche Mitarbeiter am Institut für Soziologie der Universität Magdeburg, stellen in ihrem Einführungstext vor, nach welchen Prinzipien sie die Aufsätze Schützes für den Band auswählten: Statt einer chronologischen Ordnung reihten sie die Aufsätze nach thematischen Gesichtspunkten. So steht am Beginn ein Beitrag Schützes aus 2005, in dem dieser seine grundlegende Sicht qualitativer Forschungsmethodologie erörtert. Danach werden Aufsätze zur Biografieforschung und zum narrativen Interview wiedergegeben, gefolgt von zwei Aufsätzen zur Diskurs- und Konversationsanalyse. Abgerundet wird der Band durch zwei Aufsätze Schützes zum professionellen Handeln.

Der Abdruck weiterer Arbeiten Schützes scheiterte nach Aussage von Detka & Reim aus verlagsrechtlichen oder aus Platzgründen. Die zweite Begründung klingt nicht völlig überzeugend, wenn man ein thematisch breiter aufgestelltes Werk mit seinen wesentlichen Aussagen einer interessierten Leserschaft zugänglich machen möchte.

Inhalt

Um die Beitragsreihe mit den bereits anderenorts publizierten Aufsätzen Schützes vorzustellen, werden publizistische Angaben und zentrale Aussagen der Aufsätze wiedergegeben. So soll ein Überblick ermöglicht werden, welche Themen aus dem Werk Schützes in dem Buch ausführlich zur Darstellung kommen.

Der Titel des ersten Textes, „Eine sehr persönlich generalisierte Sicht auf die qualitative Sozialforschung“ (2005) signalisiert, worauf man sich als LeserIn einzustellen hat. Schütze rekapituliert hier die Entwicklung qualitativer Forschung, an der er selbst aktiv beteiligt war und ist. Er befasst sich resümierend unter anderem mit der Einzelfallorientierung, mit dem Forschungsprozess bei der Analyse der Untersuchungsmaterialien (strukturelle Beschreibung, analytische Abstraktion, Fallvergleich, theoretische Erklärung), geht auf die öfters missverstandene, jedoch lediglich beschränkte Rolle des „subjektiv gemeinten Sinnes“ in der qualitativen Sozialforschung und Soziologie ein und nimmt eine Einschätzung wichtiger qualitativer Forschungsansätze der letzten beiden Jahrzehnte vor. In diesem Text zeigt Schütze auch relativ ausführlich die (unverzichtbare) Funktion von Forschungswerkstätten für die qualitative Sozialforschung auf. Er hebt im Text weiterhin die Bedeutung des kontrastiven Fallvergleichs hervor, der je nach Fragestellung umfangreiche Erhebungen erfordert, um die „theoretische Varianz“ im untersuchten Kollektiv ausschöpfen zu können.

Mit Biografieforschung beschäftigen sich die folgenden drei Beiträge Schützes. In einem gut lesbaren Aufsatz aus dem Jahre 1983 („Biografieforschung und narratives Interview“) schildert Schütze Zielsetzung, Auswertungsschritte und Anwendungsmöglichkeiten autobiografisch-narrativer Interviews. Bereits in dieser relativ frühen Publikation macht er darauf aufmerksam, dass sein Forschungsinteresse sich keineswegs auf subjektive Deutungsmuster konzentriert, sondern diese nur als Grundlage von rekonstruierten Lebensgeschichten betrachtet, das heißt, auf deren Strukturen und generellen Verlaufsgestalten abhebt. Deutlich wird im Text die Komplexität des Auswertungsprozesses, um diesem Forschungsziel zu entsprechen. Der Aufsatz ist mit einem Nachtrag Schützes aus 2015 versehen: Während der ursprüngliche Aufsatz auf die Analyse narrativer Textelemente fokussiert war, hält es Schütze mittlerweile für erforderlich, verstärkt die argumentativen Textpassagen in der Biografieanalyse zu berücksichtigen. Der nächste (englischsprachige) Text entstammt einem Weiterbildungscurriculum aus den Jahren 2007/2008. Entlang einer Fallvignette wird darin insbesondere ausführlich auf Strukturen und Funktionen (inclusive möglicher Fehldeutungen) autobiografischer Stegreiferzählungen eingegangen. Im nachfolgenden Aufsatz aus dem Jahr 1995 widmet sich Schütze dem grundlagentheoretischen (gleichzeitig wegen seines metaphorischen Charakters missverständlichen) Konzept der Verlaufskurve (im Englischen: trajectory), das er von Anselm Strauss übernommen hat. Damit sollen langfristige und eskalierende Verläufe des Erleidens in einer Biografie (z.B. bei Krankheiten oder bei Suchtentwicklungen) und ihre identitätsverändernden Auswirkungen im Detail analysiert werden können. Dieses nach Meinung Schützes in der interpretativen Soziologie lange vernachlässigte Konzept über langfristig wirkende, mitunter in ihrer Entstehungsdynamik erst durch rekonstruktive Analysen erkennbare Erleidensprozesse wird biografischen Handlungsschemata gegenübergestellt, die die aktive, gestaltende Rolle der Individuen in ihren Interaktionen betonen.

Es folgt ein Beitrag, der sich mit konversationsanalytischen Methoden, also generell mit der soziolinguistischen Analyse von Texten, seien es Transkripte von narrativen Interviews und Gesprächen oder originär schriftliche Texte, befasst. Es handelt sich um den häufig zitierten Aufsatz von Werner Kallmeyer & Fritz Schütze mit dem Titel „Konversationsanalyse“ aus dem Jahr 1976. Trotz der Erläuterungen an Beispielen liegt hier ein sprachlich sehr komprimierter Text vor, der einerseits diskursanalytische Ansätze skizziert, andererseits sich im Einzelnen mit den elementaren Aspekten der Gesprächsorganisation und der Realisation von Handlungsschemata befasst, die die Basis für (gelingende) kommunikative Handlungen und Interaktionen darstellen. Der Aufsatz aus 1993, der zur Illustration der Diskursanalyse sich im Buch anschließt, vergleicht Berichte über studentische Proteste 1967/68 und 1989/90 in FAZ und Frankfurter Rundschau. Nur die interpretative Analyse eines der journalistischen Texte ist für LeserInnen hinreichend nachvollziehbar, weil der interpretierte Text vollständig wiedergegeben wird. Dieser Aufsatz zeigt mithin die generelle Schwierigkeit von qualitativer Forschung auf, Interpretationen umfangreicherer Textmaterialien in seitenmäßig engem Publikationsrahmen so darzustellen, dass man die Stichhaltigkeit der Interpretationen überprüfen kann und nicht nur auf die Interpretationskunst der Autoren vertrauen muss. Der aufgenommene Beitrag von Schütze und Mitarbeiterinnen ist somit zwar nicht als geglücktes Beispiel für qualitative Analysen zu betrachten, aber entgegen den Intentionen der Herausgeber/Redakteure zeigt er Grenzen der Darstellbarkeit von derartig gewonnenen Forschungsergebnissen auf.

Bei den beiden Arbeiten mit professionstheoretischen Fragestellungen, bezieht sich Schütze aufgrund seiner Berufsbiografie explizit auf die Soziale Arbeit. Im ersten dieser Texte aus dem Jahr 1993 widmet sich Schütze der Fallanalyse („Die Fallanalyse. Zur wissenschaftlichen Fundierung eines klassischen Instruments der Sozialarbeit“). Schütze ist überzeugt, dass die Sozialforschung mit ihren subtilen, interpretativen Methoden wirksam dazu beitragen kann, die in der Sozialen Arbeit Tätigen bei der Entwicklung professionellen Handelns zu unterstützen. Fallanalysen im Rahmen von Forschungswerkstätten werden als geeignetes Arrangement angesehen, um Reflexions- bzw. Selbstreflexionsprozesse bei den professionell Handelnden anzuregen und diese für die Bewältigung paradoxer Handlungsanforderungen zu sensibilisieren, etwa um eine Balance von autonomes Handeln der KlientInnen fördernden und einschränkenden Handlungsoptionen zu finden und entsprechende Handlungsimplikationen zu erkennen. Systematisch mit den Paradoxien, Schwierigkeiten und Fehlerpotenzialen im professionellen Handeln (in der Sozialen Arbeit) beschäftigt sich der letzte in das Buch aufgenommene Text Schützes aus dem Jahr 2000. Schütze listet hier explizit 15 Paradoxien professionellen Handelns in der Sozialen Arbeit auf und stellt deren Bedingungen und Wirkungen im Zusammenhang dar. Er erläutert, wie in der Sozialen Arbeit Tätige die mit den unaufhebbaren Paradoxien verbundenen Schwierigkeiten bewältigen oder daran scheitern, das Ziel professionellen Handelns erreichen oder verfehlen können.

Diskussion

Es ist zweifellos verdienstvoll, die Beiträge eines Protagonisten der qualitativen Sozialforschung zusammenzustellen und so die theoretischen und methodologischen Grundlagen qualitativer Forschung, wie sie von einem wichtigen Vertreter dieser Forschungsausrichtung konzeptualisiert wurden, in Erinnerung zu rufen. Eine solche Zusammenstellung vermag zudem zu verdeutlichen, mit wieviel Aufwand und methodischer Disziplin die kompetente Durchführung derartiger Forschungsprojekte verbunden ist.

Bei dieser Ausgangslage und bei einem Wissenschaftler wie Fritz Schütze mit einer Vielzahl thematisch und theoretisch-methodologisch unterschiedlicher Beiträge ist dieses Unterfangen allerdings nicht „mit links“ zu bewältigen. Eine Herausforderung für die Herausgeber und Redakteure stellen die Vorstellung, Auswahl, Reihung und das Redigieren der Texte für eine derartige wissenschaftliche Anthologie dar.

So ist zu kritisieren, wie in die Texte eingeführt wird. Detka & Reim nennen in ihrem Einleitungstext zwar die Auswahlprinzipien, wählen selbst für die Vorstellung der Schütze-Texte aber eine andere Reihenfolge als die dann im Buch vorgenommene Reihung. Aufgrund der komprimierten Darstellungsweise der abgedruckten Schütze-Texte mit zum Teil spezieller Begrifflichkeit wäre gegebenenfalls eine etwas ausführliche Vorstellung des wissenschaftlichen Werkes Schützes oder ein Glossar rezeptionsfreundlicher gewesen, zumal wenn nur eine begrenzte Auswahl von Texten abgedruckt wird. Ohnehin ist die Vorstellung der Texte sehr knapp oder zum Teil missverständlich. Man erfährt zwar, dass Fritz Schütze als Jugendlicher längere Zeit Krankenhauspatient war, nicht jedoch, dass dem an zweiter Stelle abgedruckten Text ein aktueller relativierender Kommentar des Autors angefügt ist.

Bei der Auswahl der Arbeiten Schützes hätte man gerne den einen oder anderen weiteren Beitrag gewünscht, was meines Erachtens schon dadurch möglich gewesen wäre, wenn man statt der teilweise identischen Inhaltsverzeichnisse der einzelnen Beiträge ein Gesamtverzeichnis erstellt hätte. Auch über die Auswahl selbst lässt sich streiten. So wurde bereits auf die Problematik der abgedruckten Arbeit zu studentischen Protesten hingewiesen. Des Weiteren ist die Entscheidung der Herausgeber/Redakteure des Buches diskutierbar, einen resümierenden Rückblick mit einer explizit „persönlichen Sicht“ an den Beginn der Beitragsreihe zu stellen. An verschiedenen Stellen kulminiert die „persönliche Sicht“ Schützes in idiosynkratischen Formulierungen und mühsam zu entschlüsselnden syntaktischen Konstruktionen wie ein Beispiel verdeutlichen mag: „Die analytische Betrachtungshaltung der strukturellen Beschreibung ist der exzentrisch positionierte, hypostatische Blick von der Seite, der durch die Beachtung der formalen Aufzeigemarkierer konstituiert wird“ (S.26). Ob derartig komprimierten Aussagen wie diese zu Einzelfallanalysen tatsächlich für die „Eingängigkeit dieses Textes“ sprechen (Detka & Reim in ihrer Einleitung, S.12) und ob mit solchen nicht weiter explizierten Formulierungen „die Existenzberechtigung der qualitativen Sozialforschung zu plausibilisieren“ ist, wie Schütze selbst abschließend meint (S.45), lässt sich anzweifeln.

Hinzu kommen redaktionelle Nachlässigkeiten. Mögliche Fehler beim Einscannen des Textes oder im Original wurden von den Herausgebern/Redakteuren nicht korrigiert, was an manchen Stellen die Lektüre beeinträchtigt. Dass selbst auf dem rückseitigen Cover des Buches ein Fehler und eine unvollständige Herausgeber-Angabe zu finden ist, mag man als Schönheitsfehler verbuchen, erweckt jedoch den Eindruck von Nachlässigkeiten beim Editieren des nicht unwichtigen Werkes.

Fazit

Das Buch enthält einige zentrale, teilweise schwer zugängliche Beiträge aus dem wissenschaftlichen Werke von Fritz Schütze zur qualitativen Sozialforschung und gestattet so einen kompakten Eindruck von der Komplexität qualitativer Sozialforschung und ihrer Fragestellungen. Leider fehlen manche wichtigen Texte aus Platzgründen oder wegen urheberrechtlicher Probleme. Ein Glossar oder ein längerer einleitender Beitrag zu den abgedruckten Texten oder zum wissenschaftlichen Werk Schützes insgesamt hätten geholfen, die Texte eines theoretisch und stilistisch nicht „einfachen“ Autors auch dem Forschungsnachwuchs näher zu bringen. Redaktionelle Nachlässigkeiten trüben das Gesamtbild eines für qualitativ Forschende wertvollen Buches.


Rezensentin
Prof. Dr. Christel Walter
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Zitiervorschlag
Christel Walter. Rezension vom 03.02.2017 zu: Fritz Schütze (Hrsg.): Sozialwissenschaftliche Prozessanalyse. Grundlagen der qualitativen Sozialforschung. Verlag Barbara Budrich (Opladen, Berlin, Toronto) 2016. ISBN 978-3-8474-0791-1. Herausgegeben von Werner Fiedler und Heinz-Hermann Krüger. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21377.php, Datum des Zugriffs 23.07.2017.


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