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Klaus Grunwald, Hans Thiersch (Hrsg.): Praxishandbuch Lebenswelt­orientierte Soziale Arbeit

Cover Klaus Grunwald, Hans Thiersch (Hrsg.): Praxishandbuch Lebensweltorientierte Soziale Arbeit. Handlungszugänge und Methoden in unterschiedlichen Arbeitsfeldern. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2016. 3. Auflage. 496 Seiten. ISBN 978-3-7799-2183-7. D: 34,95 EUR, A: 35,90 EUR, CH: 45,90 sFr.
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Thema und Entstehungshintergrund

Das in den 1970er und 1980er Jahren von Hans Thiersch u.a. entwickelte institutionenkritische Konzept der Lebensweltorientierung ist nach wie vor eines der bekanntesten und bedeutsamsten Rahmenkonzepte Sozialer Arbeit. Es steht für eine (radikale) Orientierung am Adressaten und dessen Lebenswelt und leitet daraus Konstruktionsprinzipien und Professionalisierungsmuster Sozialer Arbeit ab. Von Kritiker_innen wurde u.a. moniert, das Konzept sei zu allgemein gehalten und es sei für die Vielfalt der Aufgaben in unterschiedlichen Arbeitsfelder mit den dort notwendigen Zugängen nicht ausreichend ausgearbeitet. Vor diesem Hintergrund veröffentlichten Klaus Grunwald und Hans Thiersch 2004 den Sammelband „Praxis Lebensweltorientierter Sozialer Arbeit“ mit dem Ziel, darzustellen wie sich das Konzept in der Praxis verschiedener Arbeitsfelder und Querschnittsaufgaben der Sozialen Arbeit ausbuchstabieren lässt. Im Herbst 2016 haben Hans Thiersch und Klaus Grunwald die 3. Auflage des Werkes mit leicht verändertem Titel (Handbuch) herausgegeben. Der völlig neu überarbeitete Band ist umfangreicher, es sind viele neue Autor_innen vertreten sowie Themenfelder/Inhalte dazu gekommen. Aus der ursprünglichen Idee der Überarbeitung, so Grunwald und Thiersch, sei letztendlich ein ganz neues Buch herausgekommen, was den Entwicklungen in den Arbeitsfeldern, den Fachdiskursen und in den sich verschiedenen sozialpolitischen Großwetterlagen geschuldet sei, aus denen sich auch für das Konzept der Lebensweltorientierung neue Profilierungen und Differenzierungen ergeben (müssen) (vgl. S.11).

Herausgeber

Die Herausgeber, Hans Thiersch, emeritierter Professor der Sozialpädagogik an der Universität Tübingen und Klaus Grunwald, Professor an der Dualen Hochschule Stuttgart verbindet ein jahrzehntelanger Arbeitszusammenhang.

Aufbau

Das Handbuch umfasst mit Anhang 612 Seiten, ist in drei Kapitel (Adressat_innen, methodische Ansätze sowie Kontexte und benachbarte Diskurse) gegliedert und beinhaltet insgesamt 47 Beiträge von 49 Autor_innen (u.a. Harald, Ansen, Petra Bauer, Maria Bitzan, Cornelia Füssenhäuser, Klaus Grunwald, Ute Karl, Fabian Kessl und Susanne Maurer, Stefan Köngeter, Renate und Hans Thiersch, Sabine Schneider, Thomas Rauschenbach, Reinhard Wiesner, Barbara Stauber und Andreas Walther). Neben „bewährten“ Themen aus den vorausgegangenen Auflagen wie Lebensweltorientierung in den Erziehungshilfen (Matthias Moch), Lebensweltorientierung in der Sozialpsychiatrie (Klaus Obert), Sozialmanagement (Klaus Grunwald) oder Lebensweltorientierte Arbeit in der Migrationsgesellschaft (Hamburger), sind Themenbereiche neu aufgenommen worden, z.B. Lebensweltorientierung in der Kindertagesbetreuung (Renate Thiersch und Barbara Weiß), Beratung zwischen Tür und Angel (Maria Knab), Medien und Lebenswelt (Torben Fischer-Gese) und Lebensweltorientierte Arbeit in der Onkologie (Hans Thiersch). Als Hintergrund und Voraussetzung werden zwei Beiträge der Herausgeber, eine Fallgeschichte, erläutert von Hans Thiersch und eine ausführliche systematisch angelegte Darstellung des Konzeptes Lebensweltorientierung von Hans Thiersch und Klaus Grunwald vorausgestellt.

Im Vergleich zu den vorausgegangenen Auflagen neu ist das Kapitel „Kontexte und benachbarte Diskurse“. Darin aufgegriffen werden Verknüpfungen zu Sozialarbeitspolitik, Recht, Bildung, Pflege und Sozialraum sowie zu anderen Theoriebeständen der Sozialen Arbeit wie Lebensbewältigung (Böhnisch und Raithelhuber/Schröer). Die Herausgeber verweisen im Vorwort darauf, dass sich die Zugänge über die Gliederung nicht immer voneinander trennen lassen und dass versucht wurde im Sachregister Querverbindungen transparent zu machen. Ein inhaltliches Nachwort der Herausgeber bindet die vorangestellten Beiträge in die aktuellen Diskurse ein, beschreibt und füllt inhaltliche Lücken, positioniert sich nochmals und blickt in die Zukunft.

Ausgewählte Inhalte

Das Konzept Lebensweltorientierte Soziale Arbeit bezieht sich auf die Komplexität widersprüchlicher und offener Lebenssituationen der Adressat_innen und die Vielfalt organisatorischer und methodischer Zugänge der Sozialen Arbeit im Prinzip einer strukturierten Offenheit und im Horizont sozialer Gerechtigkeit. Das Vorhaben des Bandes ist, „das Konzept Lebensweltorientierung in seiner Tragfähigkeit für die Soziale Arbeit, in ihren vielfältigen Praxen darzustellen, also deutlich zu machen, dass und worin es ein Basiskonzept ist, dass sich vielfältig konkretisieren lässt, dass und worin es Gestaltungsanregungen für konkrete Praxen geben kann, dass und worin Bezüge zwischen den spezifischen Praxen deutlich werden, die auf wechselseitige Anregungen und Provokationen und darin auch auf eine die Praxen verbindende und fundierende Berufsidentität verweisen. Und schließlich, dass und worin in dem Konzept Lebensweltorientierung Voraussetzungen zur Klärung der Position der Sozialen Arbeit im weiteren Feld der sozialen und pädagogischen Aufgabenfelder gegeben sind“ (S. 582). Entsprechend breit und vielgestaltig ist das Bild, das mit den Beiträgen des Handbuches dargelegt und diskutiert wird.

Joachim Merchel beispielsweise diskutiert die Frage, inwieweit das Konzept der Lebensweltorientierung ein tragfähiges Handlungsprinzip im Kinderschutz darstellt. Er geht dabei der Frage nach, ob Lebensweltorientierung insbesondere an den Stellen der Sozialen Arbeit, die aufgrund ihres expliziten Kontrollcharakters aus den Diskursen der Lebensweltorientierung ausgeblendet wurden, als kritisches Korrektiv, als Stachel, Wirkung entfalten kann. Lebensweltorientierung wäre hier als ein Imperativ zu verstehen, auch in kritischen Lebens- und Erziehungskonstellationen bestimmte Grundsätze zur Geltung zu bringen, was er an den Beispielen Diagnosebögen, Hausbesuche und Schutzkonzepte verdeutlicht.

Maria Bitzan arbeitet die Besonderheiten von Gemeinwesenarbeit (als Arbeitsfeld und Arbeitsweise) in Zeiten der Sozialraumorientierung heraus, um dann die im disziplinären und professionellen Kontext der Sozialen Arbeit liegenden Bezüge zum Konzept der Lebensweltorientierung darzulegen. Sie geht davon aus, dass Gemeinwesenarbeit und Lebensweltorientierung normative Ansprüche teilen (Die Menschen in ihrer Lebenswelt zu aktivieren unter Einbezug ihrer spezifischen und differierenden Interessen sowie ihrer Lebensbedingungen, damit sie die Kontrolle über ihre Lebensverhältnisse (wieder-)erlangen) und schlägt Bögen zwischen Konfliktarbeit und Strukturierter Offenheit sowie dem Prinzip der Aushandlung und Beteiligungsmomenten in der GWA. Zwei Thesen werden genauer ausgeführt: 1. Lebensweltorientierung kann sich schärfen wenn sie Prinzipien der Gemeinwesenarbeit einbezieht – und Lebenswelten nie als individuelle Lebenswelten, sondern als sozial vermittelte beobachtet. 2. Sozialraumorientierung kann sich schärfen, wenn sie mit Lebensweltorientierung gefüllt wird. Abschließend wird GWA im Zuge einer neoliberalen Sozialpolitik und den Tendenzen der Rückgabe von Verantwortung an nichtstaatliche Akteure kritisch diskutiert und resümiert: Gemeinwesenarbeit kann aber auch nicht in einer naiven romantischer Gerechtigkeitsphantasie als eigenständiger Gegenpol konzipiert werden, vielmehr agiert sie immer innerhalb der Verhältnisse. Eine diese Spannungen berücksichtigende Professionalität ist nur möglich im Medium von Reflexivität (S. 379).

Lothar Böhnisch nimmt in einem kurz gehaltenen Beitrag (S.531-536) eine Verhältnisbestimmung der Konzepte Lebensweltorientierung und Lebensbewältigung vor, versucht dabei die Konzepte zu kontrastieren, aber auch aufeinander zu beziehen. Sein Ausgangspunkt ist dabei, dass Bewältigungsprozesse und damit verbundene Selbstäußerungen und Handlungen der Adressat_innen sozialer Hilfe lebensweltlich eingebunden sind, Lebensbewältigung also einen lebensweltorientierten Bezug habe. Der wissenschaftstheoretische Unterschied bestehe darin, dass sich das Konzept der Lebensweltorientierung durch eine phänomenologisch-deskriptive Theorieperspektive ausweist, während das Bewältigungskonzept als systematisch-deduktiv bezeichnet werden kann (vgl. S.531)

Diskussion

Der Sammelband löst das Vorhaben ein, Konkretisierungsmöglichkeiten für klassische Arbeitsfelder der Sozialen Arbeit, aber auch für angrenzende Arbeitsfelder wie das Gesundheitswesen, die Pflege, die Arbeit mit Menschen mit Behinderungen oder die Straffälligenhilfe vorzustellen, Zudem werden Querschnittsthemen wie geschlechtsspezifische Aspekte, Kasuistik, Planung sowie organisations- und qualitätsbezogene Probleme erörtert. Die Breite des Bandes macht u.a. deutlich, dass das theoretische Konzept weit über eine Fokussierung auf Jugendhilfe hinausgeht, aktuelle Entwicklungen aufgegriffen und analysiert und der Einmischungsauftrag und die kritische Perspektive gefasst bzw. ausbuchstabiert werden können. Die Autor_innen haben die Aufgabe unterschiedlich gelöst und unterschiedliche Schwerpunkte gesetzt, was dem Gegenstand angemessen ist. Nur vereinzelt ist der Beitrag mehr zu einer Dokumentation der Entwicklungen in einem Arbeitsfeld geraten, in dessen Rahmen die lebensweltorientierte Perspektive unsichtbar oder zumindest nicht explizit herausgearbeitet bleibt. Das Platzierung des Kapitels „Kontexte und benachbarte Disziplinen“ und die darin enthaltenen Beiträge unterstreichen zum einen den aktuellen Einmischungsauftrag der Sozialen Arbeit, verdeutlichen aber auch das Grundverständnis der Herausgeber, dass das Konzept der Lebensweltorientierung ein theoretisches Konzept unter mehreren ist und sein soll und dass Kooperation und Bezugnahme für Weiterentwicklungsprozesse von großer Bedeutsamkeit sind. Für die Disziplin und das Studium wäre es interessant, wenn es zukünftig weitere Veröffentlichungen geben könnte, in denen sich verschiedene Theoretiker_innen systematisch aufeinander beziehen bzw. sich die Mühe machen, sich zueinander ins Verhältnis zu setzen (wie in den Beiträgen von Raithelhuber/Schröer zu Agency und LWO und Böhnisch Lebensbewältigung und LWO).

Grundsätzlich kann gesagt werden, dass der Aufbau des umfangreichen Bandes gut durchdacht ist und die gehaltvollen Beiträge der Herausgeber eine wichtige Klammer bilden – mit einem ausführlichen systematischen Beitrag zu Beginn (S.24-64) und einem Nachwort, in dem sie die Beiträge nochmals in inhaltliche Diskurse und weiterführenden Überlegungen einbinden und damit eine Abrundung auf hohem Niveau erfolgt.

Fazit

Der Band ist für das Studium und die Ausbildung gedacht und möchte Anregungen und Ermutigungen für weiterführende Entwicklungen in der Praxis der Sozialen Arbeit geben. Ich lehre an einer Hochschule u.a. kontinuierlich Theorien der Sozialen Arbeit. Dabei ist die Grundfrage: was kommt in den Blick, wenn ein Handlungsfeld oder ein Fall durch die Brille einer der Theorien betrachtet wird – und was unterscheidet die Theorien voneinander? Dieses aktuelle Handbuch ist dabei von großem Nutzen und eine vielfältige „Materialmappe“, die die oben genannte Zielsetzung einzulösen vermag. Deshalb sollte dieses Praxishandbuch in Hochschulbibliotheken im Bereich der Sozialen Arbeit, Gesundheit und Pflege aber auch in Praxisstellen ausreichend vorhanden sein. Weiter wäre wünschenswert, dass ähnlich aufgesetzte Praxishandbücher zu weiteren Theorien der Sozialen Arbeit existieren.


Rezensentin
Prof. Dr. Claudia Daigler
Professorin für Integrationshilfen und Übergänge in Ausbildung und Arbeit an der Hochschule Esslingen
Homepage www.hs-esslingen.de/de/mitarbeiter/claudia-daigler.html
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Zitiervorschlag
Claudia Daigler. Rezension vom 03.01.2017 zu: Klaus Grunwald, Hans Thiersch (Hrsg.): Praxishandbuch Lebensweltorientierte Soziale Arbeit. Handlungszugänge und Methoden in unterschiedlichen Arbeitsfeldern. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2016. 3. Auflage. ISBN 978-3-7799-2183-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21388.php, Datum des Zugriffs 21.10.2019.


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