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Sven Barnow, Eva Reinelt u.a.: Emotionsregulation. Manual und Materialien (...)

Cover Sven Barnow, Eva Reinelt, Christina Sauer: Emotionsregulation. Manual und Materialien für Trainer und Therapeuten. Springer (Berlin) 2016. 123 Seiten. ISBN 978-3-662-47773-1. D: 39,99 EUR, A: 41,11 EUR, CH: 42,50 sFr.
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Thema

Mit dem Begriff der Emotionsregulation wird gemäß einer allgemein anerkannten Definition des Emotionsforschers James Gross ein Prozess beschrieben, in dem auf das Erleben, die Intensität und Dauer, den Zeitpunkt und den Ausdruck von Emotionen eingewirkt wird. Emotionsregulation dient somit der Verstärkung, Abschwächung oder Aufrechtererhaltung von positiv-angenehmen und negativ-unangenehm erlebten Emotionen. Um dies zu erreichen, greifen Menschen auf unterschiedliche Strategien zurück, die nicht nur rein emotionsbasiert sondern gleichermaßen verhaltensbezogen und kognitiv sein können.

Von Bedeutung ist der Themenbereich der Emotionsregulation für weite Bereiche der Psychologie. So befassen sich Grundlagenfächer ebenso wie Anwendungsfächer mit der Thematik. Zunehmend wächst das Interesse vor allem in der Klinischen Psychologie und Psychotherapie. Nicht zuletzt aufgrund des stetigen Wachstums der sogenannten „Dritte-Welle-Verfahren“ der Verhaltenstherapie, welche emotionale Prozesse in den Mittelpunkt der Arbeit rücken steigt der Bedarf an therapeutischem Rüstzeug im Dschungel der Emotionen. Auch in unterschiedlichen Studien konnte aufgezeigt werden, dass als unangenehm erlebte Emotionen sowie ungenügend ausgebildete Fertigkeiten in der Emotionsregulation einen wesentlichen Einfluss auf die Entstehung und Aufrechterhaltung von psychischen Störungen haben. Im Gegensatz zu einer syndromspezifischen Herangehensweise kommt der Emotionsregulation mittlerweile die Bedeutung als transdiagnostischem, d.h. störungsübergreifendem Mechanismus für eine große Bandbreite an Störungen.

Es scheint daher nicht verwunderlich, dass die Literatur zu dieser Thematik wächst. Auch unter dem großen Schirm der Verhaltenstherapie wächst das Angebot an therapeutischer Literatur, um vor allem Praktiker mit praktischen Interventionen auszustatten.

Mit dem vorliegenden Buch wird dem Leser auf wissenschaftlicher Grundlage und aufgrund von Erfahrungen aus der Patientenarbeit eine Handlungsanweisung in manualisierter Form geliefert. Das Buch kann als eine Weiterentwicklung eines früheren, eher patientenorientierten Buches des Erstautors („Gefühle im Griff.“) betrachtet werden, mit einer Fokussierung auf die klinische Anwendung durch Fachkräfte.

Autor und Autorinnen

Prof. Dr.phil. Sven Barnow ist Leiter des Lehrstuhls für Klinische Psychologie und Psychotherapie und der Psychotherapeutischen Hochschulambulanz an der Universität Heidelberg. Er ist Autor mehrere Fachartikel und Buchpublikationen zu den Themen Emotionsregulation, Persönlichkeitsstörungen und Psychotherapie.

Dr. Eva Reinelt und Dr. Christina Sauer sind als Verhaltenstherapeutinnen Mitarbeiterinnen an der Universität Heidelberg.

Entstehungshintergrund

Dem Klappentext zufolge richtet sich das Buch an Therapeuten, Trainer und Berater und soll eine strukturierte Handlungsanleitung für ein Training zur Emotionsregulation über einen Zeitraum von 8 Wochen liefern. Das Buch vermeidet bewusst eine störungsspezifische Indikation, sondern richtet sich an Menschen mit Störungen der Emotionsregulation. Damit sind Menschen gemeint, die bspw. unangemessene emotionale Reaktionen zeigen, oder unter zu lange andauernden negativen Emotionen leiden. Eine Verbesserung beteiligter emotionaler Prozesse ist daher von Bedeutung für das emotionale Befinden, das allgemeine Wohlbefinden und für psychische Störungen. Eine solche Verbesserung kann nach Ansicht der Autoren durch ein Einwirken auf die flexible Nutzung verschiedener Emotionsregulationsstrategien geschehen, da bei Betroffenen jene Flexibilität meist fehlt oder durch Defizite gekennzeichnet ist. Hier setzen die Autoren mit ihrem Training und dem Ziel einer gesunden Emotionsregulation an. Das Buch beinhaltet ein Manual für ein Gruppentraining mit mehreren Modulen und kann in Ergänzung zum bereits in zweiter Auflage erschienenen Selbsthilfebuch „Gefühle im Griff!“ genutzt werden.

Aufbau

Das Buch ist insgesamt knapp gehalten und auf das Wesentliche komprimiert. Es besteht aus zwei Teilen, einem theoretischen und einem praktischen Abschnitt.

  1. Im ersten Teil werden theoretische Grundlagen sowie empirische Daten vorgestellt, während
  2. der zweite Teil den Ablauf der einzelnen Sitzungen sowie einer Boostersitzung beschreibt.

Die einzelnen Kapitel sind vergleichbar. Zu Beginn werden die Ziele der Sitzung vorgestellt, gefolgt von der jeweiligen Sitzungsstruktur. Nach einer abschließenden Zusammenfassung folgen die zu verwendenden Arbeitsmaterialien. Diese sind über einen im Buch enthaltenen Code auch online abrufbar. Das Buch schließt mit einem Literatur- und Stichwortverzeichnis. Das Buch ist durchgehend zweifarbig, einige Arbeitsblätter werden durch Grafiken und Bilder aufgelockert.

Zu Teil I: Theoretische Grundlagen

Im ersten Kapitel geben die Autoren eine Einleitung und klären über wichtige Grundlagen auf. So erfährt der Leser die Unterscheidung zwischen Emotionen, Gefühlen und Stimmungen sowie weitere Begriffsklärungen. Neben einer Definition des Begriffs Emotionsregulation folgen aktuelle Forschungsbefunden, die sich vor allem auf die Nutzung bestimmter Emotionsregulationsstrategien und deren Adaptivität beziehen. Zur gezielten Nutzung und Auswahl der Adressaten erfolgen Hinweise zu den Zielen des Trainings, Fragen der Indikationsstellung und der praktischen Anwendung. Die Autoren gehen auch auf die Nutzung im Einzelsetting ein. Zur Begleitung des Trainings steht außerdem der Heidelberger Fragebogen zur Erfassung von Emotionsregulationsstrategien (H-FERST) zur Verfügung.

Im zweiten Kapitel zur Evaluation, welches sehr kurz gehalten ist, werden Erfahrungsberichte von Teilnehmern wie auch Daten aus Begleitstudien wiedergegeben.

Zur Struktur des Gruppentrainings finden sich im dritten Kapitel entsprechende Hinweise. Neben Informationen über Struktur und Ablauf sind Anweisungen zur Nutzung eines Vertrags und zur Beachtung von relevanten Gruppenregeln enthalten.

Zu Teil II: Ablauf der einzelnen Sitzungen.

Das eigentliche Gruppentraining „Gefühle im Griff!“ ist im zweiten Abschnitt des Buchs auf insgesamt neun Kapitel aufgeteilt, welche den jeweiligen Sitzungen entsprechen. Neben einer Einführungs- und einer Abschlusssitzung enthält das Training eine optionale Boostersitzung, welche nach Trainingsende geplant und durchgeführt werden kann.

  1. In Sitzung 1 erfolgt eine allgemeine Einführung zu den Themen Emotion und Emotionsregulation. Neben dem obligatorischen Kennenlernen geht es hier vor allem um psychoedukative Aspekte.
  2. In Sitzung 2 sollen sich die Gruppenteilnehmer gezielt mit Emotionsregulationsstrategien beschäftigen. Im Rahmen einer geleiteten Achtsamkeitsübung soll das eigene Emotionserleben erfahrbar gemacht werden, um vor allem den Zusammenhang zwischen Körperhaltung und Gefühl zu veranschaulichen. Auf Ebene der Regulationsstrategien geht es in dieser Sitzung inhaltlich um Power Posing, Ablenkung durch positive Aktivitäten und in Vorbereitung auf die kommende Stunde um emotionale Unterdrückung.
  3. Sitzung 3 dreht sich demnach um Unterdrückung (Suppression). Die Teilnehmer sollen sich mit den kurzfristigen und langfristigen Folgen der Gefühlsunterdrückung befassen, ebenso wie mit dem Gegenteil, einem überschießenden „Rauslassen“ von Gefühlen. Ziel ist das angemessene Ansprechen eines Gefühls ohne Verhaltensexzess. Zur Veranschaulichung werden dem Leser Tipps für ein Verhaltensexperiment gegeben. In einer Hausaufgabe sollen sich die Teilnehmer mit der Technik des expressiven Schreibens befassen.
  4. Ziel von Sitzung 4 ist die Bewusstwerdung des Einflusses eigener Bewertungen auf Emotionen und damit die Strategie Neubewertung. Den Teilnehmern soll hier das aus der rational-emotiven Therapie entnommene ABC-Schema vermittelt werden. In einer Übung soll zudem die Fähigkeit zum Perspektivenwechsel trainiert werden.
  5. Sitzung 5 weist Grübeln als maladaptive Emotionsregulationsstrategie aus. Die Teilnehmer sollen sich anhand von Beispielen ein Verständnis über die Folgen von Grübelschleifen und eine Übersicht über mögliche Strategien gegen Grübeln verschaffen. Akzeptanz als eine Bewältigungsmöglichkeit soll besonders für die anschließende Stunde vorbereitet werden.
  6. In Sitzung 6 geht es thematisch um Akzeptanz und Problemlösen. Mit den Gruppenmitgliedern soll ein erstes Verständnis von Vermeidung und deren Folgen erarbeitet werden. Nach der wichtigen Unterscheidung zwischen Akzeptanz und Veränderung soll den Teilnehmern das kognitiv-verhaltenstherapeutisch bewährte Problemlösemodell vermittelt werden.
  7. Zu einem vertieften Verständnis von Vermeidung gelangt die Gruppe in Sitzung 7. Ziel der Sitzung ist die Erarbeitung von hilfreichen Strategien im Umgang mit Vermeidung und die Bearbeitung einer Situation, welche schon seit längerem vermieden wird. Diese Situation soll unter Berücksichtigung der in den vergangenen Einheiten erarbeiteten Strategien als Hausaufgabe angegangen werden.
  8. Sitzung 8 bildet den Abschluss. Hier soll insbesondere das vergangene Verhaltensexperiment besprochen werden. Zur Unterstützung wird den Teilnehmern der „Innere Helfer“ zur Stärkung des Selbstwerterlebens vorgestellt. Wichtige Schlüsse aus dem Gruppentraining werden am Ende der Sitzung gemeinsam erworben.
  9. Im letzten Kapitel werden kurz Hinweise zur Nutzung einer Boostersitzung gegeben. Hier sollen mit den Teilnehmern zwischenzeitliche Veränderungen erarbeitet und verblasstes Wissen aufgefrischt werden.

Diskussion

Das vorliegende verspricht eine strukturierte Handlungsanleitung für ein achtwöchiges Programm zur Verbesserung der Emotionsregulation. Dies geschieht inhaltlich durch eine Erarbeitung verschiedener Emotionsregulationsstrategien, welche in hilfreich und hinderlich unterschieden werden können. Das Buch richtet sich daher vor allem an Praktiker aus den Bereichen Psychotherapie, Coaching und Beratung.

Die Vermittlung geschieht anhand von acht Gruppensitzungen, die einem klaren Ablaufschema folgen. Nach Einschätzung der Autoren lassen sich die darin beinhalteten Elemente auch im Einzeltherapeutischen Setting nutzen. Was bei der Durchsicht des Buches sofort auffällt, ist die Kürze. Auf etwas mehr als 100 Seiten wird das komplette Vorgehen einschließlich Hinweisen zur Datenlage und zu grundlegenden Begrifflichkeiten vermittelt. Dies erfordert ein gewisses Maß an Vorbildung, stellt den Novizen jedoch keineswegs vor ein unlösbares Problem.

Didaktisch ist das Buch hervorragend aufbereitet, so dass der Leser im Handumdrehen zu einem Verständnis der relevanten Keypoints kommt. Dies ist insofern begrüßenswert, als dass das Buch vorzugsweisen in stationär-psychotherapeutischen Settings seine Anwendung finden wird. Und hier ist Zeit für weitschweifige Lektüre oft Mangelware. Im Gegensatz zu anderen manualisierten Konzepten sparen die Autoren auch an Beispielen und beschränken diese auf ein absolutes Minimum. Dadurch wird jedoch höchstens dem unerfahrenen Anwender die Idee genommen, wie eine Sitzung laufen kann.

Die Inhalte sind von der Dichte der zu vermittelnden Konzepte und deren Intensität gut auf das angesprochene Klientel abgestimmt. So lässt sich die Gefahr einer Überforderung als gering einschätzen. Auch für Coaching- bzw. Beratungskontexte eignet sich der Inhalt entsprechend. Als Manko erscheinen lediglich jene Strategien, die als Hausaufgabe aufgegeben und in der kommenden Stunde nicht als Hauptthema, sondern im Rahmen des Wochenrückblicks aufgegriffen werden. Hier wird zuweilen Pulver verschossen, bzw. nicht ausreichend genutzt (so z.B. das expressive Schreiben). In der Praxis kann sich dies in einer Ausdehnung der Rückmelderunde und in Schwierigkeiten des Alltagstransfers niederschlagen.

Nichtsdestotrotz kann das Buch mit seiner thematischen Aktualität, einer guten wissenschaftlichen Fundierung und einer hohen Praxistauglichkeit punkten. Die Strukturierung erscheint maßgeschneidert, um Novizen einen sicheren Halt in der Vermittlung zu geben, ohne erfahrenere Praktiker einzuschränken. Durch den immer wieder wechselnden Vermittlungsstil aus frontaler Theorie und erlebnisorientierten Übungen bleibt das Gruppentraining sicher für alle Teilnehmer interessant und nutzbringend.

Originär und dabei inhaltlich nachvollziehbar ist die Auswahl der zu bearbeitenden Emotionsregulationsstrategien. Damit unterscheidet sich das Buch von anderen Therapiemanualen bzw. Fachbüchern und stellt ebenfalls eine nützliche Ergänzung dar. Durch den Einbezug des enthaltenen Fragebogens ergeben sich außerdem für den Anwender Möglichkeiten für eine direkte Rückmeldung an den Patienten und Evaluation des eigenen Trainings.

Fazit

Das Trainingsmanual Emotionsregulation von Barnow, Reinelt und Sauer stellt eine positive Ergänzung in diesem Themenbereich dar. Durch seine klare Struktur, der kompakten und präzisen Aufbereitung und der inhaltlich konzisen, nachvollziehbaren Auswahl der zu bearbeitenden Emotionsregulationsstrategien ist die hohe Praxistauglichkeit bei gleichzeitiger Aktualität und wissenschaftlicher Fundierung gewährleistet.


Rezensent
Dipl.-Psych. Tobias Eisenmann
Dipl.-Soz.päd.
Ehem. Wissenschaftlicher Mitarbeiter - Lehrstuhl für Psychologische Diagnostik, Universität Erlangen-Nürnberg; in Ausbildung zum Psychologischen Psychotherapeuten in Verhaltenstherapie
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Zitiervorschlag
Tobias Eisenmann. Rezension vom 30.06.2017 zu: Sven Barnow, Eva Reinelt, Christina Sauer: Emotionsregulation. Manual und Materialien für Trainer und Therapeuten. Springer (Berlin) 2016. ISBN 978-3-662-47773-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21389.php, Datum des Zugriffs 22.10.2018.


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