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Wolfgang Domma (Hrsg.): Pädagogische Kunsttherapie und Soziale Arbeit

Cover Wolfgang Domma (Hrsg.): Pädagogische Kunsttherapie und Soziale Arbeit. Beiträge zur Theorie, Praxis und Forschung. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2016. 191 Seiten. ISBN 978-3-8474-0561-0. D: 28,00 EUR, A: 28,80 EUR, CH: 34,80 sFr.
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Thema und Aufbau

Der Themenband ist in drei Bereiche unterteilt, d.h.

  1. theoretische Korrespondenzen,
  2. Praxisperspektiven und
  3. Forschungsperspektiven

mit jeweils mehreren Beiträgen, und wird von einem ausführlichen Vorwort des Herausgebers eingeleitet.

Entstehungshintergrund

Das Ästhetische in der Sozialen Arbeit ist auch Thema einer Tagung des Zentrums für Ästhetik und Kommunikation (ZÄSKO) an der KatHO NRW als innovative Hochschulplattform gewesen. Mit diesem Zentrum soll für Kunst- und Kulturprojekte eine finanzielle Basis ermöglicht bzw. kultur- und sozialpolitisch eine Förderung und Anerkennung von entsprechenden Projektarbeiten unterstützt werden. Es geht um den Aufbau eines Netzwerkes für verschiedenste Kunst- und Kulturprojekte im Raum NRW über das ZÄSKO-Element, das seit vier Jahren besteht. Mit dieser Veröffentlichung wird dem Anliegen zudem entsprochen.

Inhalt

Der Teil Theoretische Korrespondenzen umfasst drei Beiträge, in denen zum einen von W. Domma eine Standortbestimmung für die Pädagogische Kunsttherapie bezogen auf die Soziale Arbeit vorgenommen wird. Es geht um Anknüpfung an den von H.-G. Richter 1977 dargelegten Ansatz zum ‚Therapeutischen Kunstunterricht‘, der dann 1984 zur ‚Pädagogischen Kunsttherapie‘ in einem gleichnamigen Buch umbenannt wurde. Der Kontext dieser Theoriebildung wird aufgezeigt, um Pädagogische Kunsttherapie im Bezugsfeld zur Sozialen Arbeit zu thematisieren. In dem Zusammenhang wird die Ästhetische Bildung als konzeptionelle Bezugsgröße herausgestellt, bzw. es gilt an sie anzuknüpfen, um ästhetische Bildungsprozesse in dem spezifischen Kontext zu verdeutlichen. Dahingehend bieten sich die beiden Methoden ‚Werkstattprinzip‘ und ‚Projektarbeit‘ als Vermittlungsformen für die Pädagogische Kunsttherapie an. Einerseits geht es um Ästhetische Bildung in nicht-formalisierten Bildungsprozessen und andererseits um Pädagogische Kunsttherapie im Verhältnis zur Klinischen Sozialarbeit. Dies beinhaltet den Einbezug lebensweltlicher und sozialräumlicher Dimensionen, um für die ästhetische Bildung als Pädagogische Kunsttherapie erweiterte Konzepte und Modelle zu entwickeln. Ein zirkuläres Zusammenspiel von medialer Methodik, reflexiver Professionalität und organisatorischen Voraussetzungen wird für die Entfaltung einer Pädagogischen Kunsttherapie in der Sozialen Arbeit gefordert, und zwar als Beitrag zum Aufbau eines ganzheitlichen ästhetischen Ausdruckssystems. In dem Sinne sieht W. Domma Pädagogische Kunsttherapie an der Erstellung eines künstlerischen Produkts orientiert und unterscheidet sie damit von künstlerischen Arbeitsweisen, wie sie bezogen auf basale Stimulation, Wahrnehmungsförderung seiner Meinung nach beispielsweise in der frühkindlichen Pädagogik und Heilpädagogik einbezogen werden.

Zum anderen bezieht sich R. Treptow auf ästhetisch-kulturelle Bildung und Soziale Arbeit in der Thematisierung von Anforderungen und Thematiken. Dabei geht er von vier Bezügen aus, d.h. von einer kulturellen Welt als Gesamtheit der symbolisch strukturierten Sinnkomplexe im Kontext von Enkulturationsprozessen des Individuums, einer instrumentell-technischen Welt hinsichtlich mechanischer und digitaler Wirkungszusammenhänge, einer sozialen Welt als direkte und indirekte Interaktionen mit konkreten Anderen und weiterhin einer Welt des Selbst als Rolle der Ich-Bildung bezogen auf einen kontextabhängigen Verlauf in der Lebensgeschichte des Individuums. Im Hinblick auf die jeweiligen Weltbezüge leitet er folgende Kompetenzen ab: Selbstkompetenz, kulturelle Kompetenz, soziale Kompetenz und instrumentelle Kompetenz. Für die Bildung im Lebenslauf wird subjekt- und organisationstheoretisch nach Übergängen und Herausforderungen unterschieden. Für Kultur und Soziale Arbeit sieht er beispielsweise den sozialen Anspruch als Integrations- und Inklusionsaufgabe in interkultureller Praxis, als ethisch-moralische Legitimation bezogen auf Förderungsbedingungen und als Aufklärung über Unabhängigkeit und gesellschaftliche Instrumentalisierung von Kunst und Ästhetik. In der perspektivischen Anwendung wird Ästhetisch-Kulturelle Bildung als verbunden mit einer Utopie eines besseren Lebens verstanden.

Im dritten Beitrag geht G. Theunissen auf die Kunst von Außenseitern in Kunstzentren und in der Kulturarbeit bezogen auf Inklusion und Teilhabe von Menschen mit Behinderungen ein. Im Vergleich zur sogenannten professionellen Kunst hat es schon immer eine autodidaktisch angeeignete Kunst (self taught art) gegeben, zu der auch die ‚Idiots savants‘ zählen. Im Hinblick darauf nimmt er Bezug auf die kulturhistorische Entwicklung anhand der Art Brut Bewegung inszeniert von J. Dubuffet in der Nachkriegszeit, aber auch auf die Outsider Art (Außenseiter-Kunst), deren Bezeichnung aus dem angloamerikanische Raum stammt und vielfach in kreativen Werkstätten und Kunstzentren entsteht. Diese Angebote werden konzeptionell wie folgt unterschieden, d.h. nach einem kunsttherapeutischen Betätigungsfeld, nach der Ausrichtung auf künstlerisches Schaffen – vielfach für den Kunstmarkt bestimmt – und Einrichtungen als ‚offenes Atelier‘ im Sinne eines Freizeitangebots für sogenannte Hobby- und Sonntagsmaler, aber auch für Außenseiter-Künstler. In dem Zusammenhang geht G. Theunissen exemplarisch auf den Außenseiter-Künstler Georg Brand ein, um dann die US-amerikanischen Kunstzentren im System der Behindertenhilfe vorzustellen. Kunstzentren stellen sich beispielsweise in zwei größeren Trägern der Behindertenhilfe im Raum Los Angeles als ‚offene Ateliers‘ dar, die eine Teilhabe und Inklusion behinderter Menschen ermöglichen. Zudem haben sich inklusive Projekte im Gemeinwesen herausgebildet, die als gemeindebezogene Programme eine vielschichtige integrations- und inklusionsfördernde Kulturarbeit hervorgebracht haben. Im Resümee verweist er auf eine moderne Behindertenarbeit am Beispiel von Kalifornien mit den Leitprinzipien wie Empowerment, gesellschaftliche Teilhabe und Inklusion. Im Vergleich zu Deutschland handelt es sich bei den Kulturzentren um eigenständige, politisch wertgeschätzte und anerkannte Institutionen ‚freier Kunst‘, und zwar das sozio-kulturelle Leben einer multikulturellen Gesellschaft bereichernd und von der zugehörigen Gemeinde wahrgenommen. Diesen Aspekt als ‚part of the community‘ macht er an neun Punkten fest mit dem perspektivischen Ausblick einer entsprechenden Umsetzung in Deutschland.

Im zweiten Teil werden anhand von drei Beiträgen Praxisperspektiven vorgestellt, die mit farbigen und schwarz-weißen Bildbeispielen anschaulich belegt werden. Im ersten Beitrag von P. Vogt geht es um Pädagogische Kunsttherapie mit Kindern und Jugendlichen in einer Förderschule mit dem Förderschwerpunkt emotional-sozialer Entwicklung.

Im zweite Beitrag von S. Mrassek-Stübner wird Imaginationsförderung als Methode der Sozialen Arbeit vorgestellt, und im dritten Beitrag von W. Domma werden die Erfahrungen von Kunst im Steinbruch anhand eine Gesprächsaufzeichnung mit dem Bildhauer W. Bauer dargelegt. Einerseits wird der theoretische Kontext aufgezeigt und andererseits werden Umsetzungsformen bzw. exemplarische Fallbeispiele als auch eindrucksvolle Projektarbeiten vorgestellt.

Im dritten Teil zu Forschungsperspektiven werden zwei Forschungsarbeiten thematisiert. Es handelt sich zum einen um eine Arbeit im Kinderhospiz ‚Lebensthemen Form geben‘ von A. Zeien als qualitative Studie zur ästhetischen Praxis und konzeptioneller Baustein in dem Feld der Deutschen Kinderhospizakademie.

Zum anderen wird von L. Bastgen, L. Distelrath und N. Weinberger zum Thema ‚Molle Entdeckungsreise‘ eine Perspektive der Sozialraumaneignung mittels Ästhetischer Forschung vorgestellt. In diesem Zusammenhang werden jeweils der theoretische Bezugsrahmen, angewandte Methoden, das Forschungsdesign mit entsprechenden Praxisbeispielen behandelt und die Ergebnisse der Studien fundiert benannt

Fazit

Im Ganzen handelt es sich um einen gelungenen Themenband, der aus unterschiedlichen Themenschwerpunkten Zugänge und Perspektiven für die Pädagogische Kunsttherapie bezogen auf die Soziale Arbeit aufzeigt. Diese Veröffentlichung ist für alle in der Ausbildung und Forschung Tätigen von Interesse, aber auch für sozio-kulturelle Träger in der Ausrichtung auf Inklusion und Teilhabe von behinderten Menschen. Mit den Ausblicken auf andere Arbeitsformen in sozio-kulturellen Institutionen und in der Ästhetischen Bildung lassen sich innovative Umsetzungsformen ableiten, die eine gesellschaftliche Bereicherung beinhalten können. Zudem lädt es zu einer kritischen Auseinandersetzung mit den vorgestellten wissenschaftlichen und praxisorientierten Kontexten ein.


Rezensentin
Prof. Dr. habil. Ruth Hampe
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Zitiervorschlag
Ruth Hampe. Rezension vom 16.09.2016 zu: Wolfgang Domma (Hrsg.): Pädagogische Kunsttherapie und Soziale Arbeit. Beiträge zur Theorie, Praxis und Forschung. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2016. ISBN 978-3-8474-0561-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21394.php, Datum des Zugriffs 19.08.2019.


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