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Ronny Jahn: Im Sog des Infantilen. Schulleitung als Beruf

Cover Ronny Jahn: Im Sog des Infantilen. Schulleitung als Beruf. Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH (Wiesbaden) 2016. 225 Seiten. ISBN 978-3-658-14847-8. D: 39,99 EUR, A: 41,11 EUR, CH: 41,50 sFr.

Rekonstruktive Bildungsforschung, Band 9.
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Thema

Diese Dissertation setzt sich die Profession des Schulleiters als Thema. Insbesondere wird dabei das Leben in der Schule und die Komplexität dieser Tätigkeit reflektiert. Im Gegensatz zu dem gängigen Blick auf Schulleiter im Rahmen „neuer“ Schulentwicklungsstrategien untersucht der Autor die Bedingungen in der Schule mit Hilfe eines psychoanalytischen Ansatzes.

Zur Erfassung der Komplexität im Handlungsfeld Schulleitung dienen ethnografische Feldstudien, die mit Hilfe der objektiv-hermeneutischen Analysemethode nach Oevermann untersucht werden.

Autor

Der Autor Dr. Ronny Jahn ist Soziologe und Erziehungswissenschaftler. Er arbeitet u.a. an der International Psychoanalytic University Berlin sowie als freier Supervisor und Organisationsberater.

Aufbau

Ronny Jahns Buch gliedert sich in drei große Felder:

  1. Forschungsrahmen
  2. Ethnografische Feldstudien
  3. Objektiv-hermeneutische Analysen des Schulleiterhandelns

Eine Zusammenfassung und eine methodologische Nachbetrachtung schließen diese Forschungsarbeit ab.

Inhalt

Zunächst wird der Forschungsrahmen erläutert. Dabei wird nicht nur die rechtliche und organisatorische Position des Schulleiters im System Schule beschrieben, sondern auch der Blick auf die Diskussion über die vermehrte Eigenständigkeit von Schule und die damit steigende Verantwortung des Schulleiters gerichtet.

Parallel hierzu entwickelt Ronny Jahn seinen spezifischen Blick auf die Besonderheiten der Lehrerrolle und auf das Machtgefüge in der Schule. Er leitet hier schon seine wesentlichen Thesen her:

  1. „Im Sog des Infantilen“
  2. „Kultur des Machtverdikts“

Zu a) Der psychoanalytisch hergeleitete Begriff „Im Sog des Infantilen“ leitet sich aus der Überlegung her, dass sich erwachsene Lehrer in einer Schule mit der eigenen, überwunden geglaubten Infantilität, konfrontiert sehen. Hier verdeutlicht sich ein zentrales Handlungsproblem des Lehrerberufs. Sie müssen an ihrer Rolle orientiert bleiben trotz ständiger kindlicher Aufforderung diese zu verlassen.

Zu b) Schulleiter sind mit einem Machtverdikt konfrontiert. Lehrer handeln zunächst in ihren Unterrichtssituationen autonom und sind ihren Schüler gegenüber „mächtig“. In der Schule bildet sich ein Autonomie-Paritäts-Muster heraus. Schulleiter müssen also den Spagat leisten zu führen, wo Führung nicht legitimiert ist.

Dieser psychoanalytische Blick wird im Weiteren anhand von ethnografischen Feldstudien verifiziert. Ronny Jahn beobachtet nun den Schulalltag von Schulleitern und analysiert die aufgezeichneten Gespräche mit Hilfe der objektiv-hermeneutischen Methode nach Oevermann. Diese Methode sucht den Zugang zur sozialen Wirklichkeit über die Analyse materialisierter Rückstände sozialer Aktivitäten (hier: Protokolle). Analysiert werden Gesprächsprotokolle dreier Schulen aus Berlin-Brandenburg.

Am ausführlichsten wird die Sitzung der erweiterten Schulleitung eines Gymnasiums in Berlin analysiert. Es folgen kürzere Analysen einer Dienstbesprechung an einer Gesamtschule sowie eines Elterngesprächs in einer Grundschule.

Die Aufzeichnungen werden zunächst einer sequenzanalytischen Fallrekonstruktion unter-zogen. Daran schließt sich Fallstrukturhypothese an. Abschließend wird eine Fallstruktur-generalisierung formuliert.

In einer abschließend Zusammenfassung wird der Frage nachgegangen, in wieweit sich die hypothetischen Vorannahmen sowie die eingesetzten Methoden in der Untersuchung verifiziert bzw. dazu geeignet waren diese zu bestätigen.

Diskussion

Ronny Jahn wagt sich an ein schwieriges und komplexes Thema heran. Wie leiten Lehrer als Schulleiter Schulen, in welchem Umfeld tun sie das, mit welchen Widerständen haben sie zu kämpfen?

Er nutzt dazu einen psychoanalytischen Ansatz und analysiert an Hand von Protokollen aus der Schulleitungspraxis mit Hilfe der objektiven Hermeneutik die soziale Wirklichkeit von Schule als Organisation und Institution.

Die Protokolle der drei Schulen werden mit dem Blick auf die anfänglich formulierten Hypothesen

  1. „Im Sog des Infantilen“
  2. „Kultur des Machtverdikts“

untersucht. Die Sequenzierung der Quellenmaterialien und die daraus gezogenen Schlüsse überzeugen und sind immer wieder wissenschaftlich hinterlegt. Die Analysen zeigen die Komplexität schulleiterischen Handelns, das sich doch wesentlich von den Leitungstätigkeiten anderer Einrichtungen unterscheidet. Sie spiegeln die Widersprüchlichkeiten des schulischen Alltags wider. Aus allen Gesprächssequenzen sind die Grundwidersprüche des Schullebens spürbar: Autonomie versus Machtansprüche, Auflehnung versus Unterwerfung (Sog des Infantilen), keine gemeinsame fachlich fundierte Sprache/fachlicher Diskurs. Man erkennt die Qualität der Analysemethode, bietet sie doch die Chance anhand der einzelnen Worte bzw. Sätze unwiderlegbar die soziale Situation zu begreifen.

Es gelingt Ronny Jahn, seine Hypothesen mit Hilfe der objektiven hermeneutischen Analyse der Protokolle schlüssig zu bestätigen. Die soziale Wirklichkeit in der Schule und das darin stattfindende Schulleiter-handeln wird so durch diese ethnografische Studie aus meiner Sicht erstmalig beschrieben. Das Buch ist ein Gegenentwurf zu den gängigen Herangehensweisen zur Weiterentwicklung von Schule zu selbständigen Einheiten mit starken, fähigen Schulleitern an der Spitze. Die Betrachtung des schulischen Alltags mit dem Ansatz und den Instrumenten Ronny Jahns bringt Schulentwicklung weiter als die großen Steuerungsentwürfe der Administration, die vielfach im „Sog des Schulalltags“ versanden.

Fazit

Ronny Jahn hat ein überraschendes Buch über das Leben in der Schule geschrieben. Sein psychoanalytischer Forschungsansatz, der durch die Analysemethode der objektiven Hermeneutik verifiziert wird, beleuchtet das Handeln eines Schulleiters aus einer für mich neuen Sicht. Als ehemaliges Mitglied einer Schulleitung war für mich zunächst der Ansatz überraschend und doch logisch, zeigt sich doch im schulischen Alltag permanent der „infantile Sog“. Dass schulisches Rollenhandeln stark durch Muster der Machtabwehr gekennzeichnet sind, war mir im Vorfeld klar. Die Analysen der Sprachprotokolle machten aber noch einmal sehr deutlich, dass dieses „Machtverdikt“ die Interaktionen in der Schule sehr stark beeinflussen und schulleiterisches Handeln manifestieren.

Insofern bin ich Ronny Jahn dankbar für dieses Buch. Es machte mir mein eigenes Lehrer-handeln transparenter und hat mich an vielen Stellen an die Grenzen meines Handelns in der Schulleitungstätigkeit erinnerte.

Aus meiner heutigen Beratersicht kann ich nur jedem Berufskollegen empfehlen dieses Buch vor einem Kontrakt im Bereich Schule zu lesen. Es lassen sich viele „Beratungsfallen“ im Umfeld Schule umgehen, wenn man den von Ronny Jahn entwickelten Blick sich vergegenwärtigt.


Rezension von
Alfred Baumann
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Zitiervorschlag
Alfred Baumann. Rezension vom 06.04.2017 zu: Ronny Jahn: Im Sog des Infantilen. Schulleitung als Beruf. Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH (Wiesbaden) 2016. ISBN 978-3-658-14847-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21396.php, Datum des Zugriffs 14.07.2020.


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