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Hartmut Häußermann, Walter Siebel: Stadtsoziologie. Eine Einführung

Cover Hartmut Häußermann, Walter Siebel: Stadtsoziologie. Eine Einführung. Campus Verlag (Frankfurt) 2004. 263 Seiten. ISBN 978-3-593-37497-0. D: 19,90 EUR, A: 25,60 EUR, CH: 43,70 sFr.
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Einführung in das Thema

Stadtsoziologie hat im Bereich der "spezielle(n) Soziologien" (Kerber/Schmieder 1994) in den letzten Jahren einen immer größeren Stellenwert eingenommen. Fragen gesellschaftlicher Entwicklung werden zunehmend im Kontext mit der gegenwärtigen Situation und der Perspektive der Städte diskutiert. Dies gilt für die sich zunehmend spreizende Entwicklung von Armut und Reichtum ebenso wie für die demografischen Prognosen - die Stichworte hierzu lauten: "Sozialräumliche Polarisierung" und "schrumpfende"/"perforierte" Städte. Die Themen innerhalb der Stadtsoziologie spiegeln gesellschaftliche Trends in treffender Weise wider. So stand Anfang der 90er Jahre im Kontext von Individualisierungsthesen und Lebensstildebatten die Diskussion über Aufwertungsprozesse in den Städten (Gentrification) im Vordergrund der meisten Publikationen aus diesem Bereich. In den letzten Jahren haben, parallel zur Diskussion um "neue Armut" und um gesellschaftliche Integration/Desintegration, Themen wie soziale und ethnische Segregation an Bedeutung gewonnen. Darüber hinaus hat die Stadtsoziologie auch viele "ureigene" Themen, die zweifelsohne wiederum auf gesellschaftliche Bezüge verweisen, etwa die Entwicklung des öffentlichen Raumes. Nimmt man Grenzbereiche wie "lokale Demokratie" und "Architektursoziologie" hinzu, wird der gewachsene Stellenwert noch deutlicher.

Zum Hintergrund des Entstehens des Buches

Wie die Unterzeile des Titels verrät, handelt es sich um ein Lehrbuch. Hartmut Häußermann und Walter Siebel sind seit vielen Jahren mit großem Engagement in der Lehre tätig. Zugleich sind sie die wohl bekanntesten Autoren in der deutschsprachigen Stadtsoziologie, die diese "spezielle Soziologie" dem Buch "Neue Urbanität" (1987) und mit zahlreichen weiteren Veröffentlichungen maßgeblich etabliert haben.

Aufbau und Inhalt

Das Buch gliedert sich in vier Kapitel:

  1. "Urbanisierung und Strukturwandel"
  2. "Städtische Lebensweise und urbane Kultur
  3. "Stadt als empirischer und theoretischer Gegenstand"
  4. "Stadt und Ungleichheit.

Als fünftes Kapitel findet sich das Protokoll eines Gespräches mit den Autoren zu inhaltlichen Fragen der Veröffentlichung und zur Perspektive der Stadtforschung.

Die ersten vier Kapitel umfassen 14 Unterpunkte, die jeweils mit einem Block von Kontrollfragen abschließen, die eine Reflexion des Lehrstoffes ermöglichen. In einem Glossar werden die wichtigste Begriffe erklärt, z.B. Segregation: "Die Struktur oder das Muster, in dem verschiedene soziale Gruppen verschiedene Teilgebiete einer Stadt vorrangig bewohnen..." (231). Und es gibt nach Überschriften geordnete Empfehlungen für weiterführende Literatur.

Nach einer kurzen historischen Einführung in die Entwicklung der Urbanisierung und Verstädterung im Kontext der Industrialisierung werden im Kapitel II soziologische Zugänge vorgestellt und zwar mit dem Schwerpunkt der Abgrenzung von städtischer und ländlicher Lebensweise. Gut verständlich werden jene theoretische Grundlagen erläutert, auf die in fast allen stadtsoziologischen Texten Bezug genommen wird: Die Betrachtungen von Georg Simmel zur Besonderheit der Großstadt und zu den "Mentalitäten oder Einstellungen" der Großstädter (36), bekannt durch den heute schwerlich zu verstehenden Hinweis auf die "Blasiertheit" des Städters. Die Arbeiten im Umfeld der Chicago School, "die in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts das Weltzentrum der Stadtforschung bildeten" (45) und auf die auch heute noch in der Diskussion um soziale Segregation bedeutsam sind (54). Zur Polarität von "Öffentlichkeit und Privatheit" wird in die Gedankengänge von Hans Paul Bahrdt (1961) eingeführt und die Fortführung/Weiterentwicklung der Diskussion dazu vorgestellt - hier findet sich auch ein Hinweis auf die These "ortsloser Urbanität" (66). Es folgen im zweiten Kapitel Ausführungen zu Stadt als Wirtschaftssystem, zum "Suburbanismus", der Stadtflucht ins Grüne und zu Gemeindestudien, deren Bedeutungsverlust vermerkt wird (85).

Im dritten Kapitel stehen Theorien im Vordergrund, "die Stadt als eine eigenständige 'Ursache' für bestimmte gesellschaftliche Entwicklungen konzipieren" (89) und zwar sowohl aus Sicht konservativer Stadtkritik als auch aus kapitalismuskritischem Ansatz, wie dies bei Manuel Castells der Fall ist. In kurzer Darstellung werden Hinweise zu den Stadtsoziologie betreffenden Aussagen von Karl Marx/Friedrich Engels, Max Weber und Louis Wirth vorgestellt, Letztgenannter hat mit den Kriterien "Größe", "Dichte" und "Heterogenität (der Bevölkerung) "Urbanität als Lebensform" zu verallgemeinern versucht. Diese theoretischen Ansätze erfahren eine kritische Reflexion (95ff.).

Es folgen Ausführungen zur Abgrenzung Gemeinde/Gesellschaft, wobei der Begriff der Nachbarschaft (Netzwerke) eine besondere Bedeutung einnimmt. Unter der Überschrift "Wie werden Städte produziert?" gehen die Autoren der Frage nach, "welche gesellschaftlichen Kräfte Einfluss auf die Stadtentwicklung hatten bzw. haben, also wie ihre Strukturen entstanden sind - und welche Folgen diese für das soziale Leben haben" (117). Hier werden vier unterschiedliche theoretische Ansätze vorgestellt: Die "sozialökologische Theorie, die politisch-ökonomische Theorie der New Urban Sociology, die ökonomische Theorie und die politische Theorie" (118ff.).

Der gegenwärtigen Bedeutung des Themas angemessen nimmt der Begriff der Segregation, sowohl als soziale und als auch ethnische Segregation, im Kapitel IV mit ca. 50 Seiten breiten Raum ein. Hier findet sich, nach analytischer Darstellung, eine deutlich kritische Bewertung der "kumulativen Effekte sozialer Segregation", die ohne Intervention zu "Ghettos ohne Mauern" (171) führen. Anzumerken ist, dass dieser Unterpunkt mit einem sehr unkritischen Hinweis auf das Programm Soziale Stadt abschließt (ebenda), was unter Umständen so verstanden werden kann, dass hiermit eine sinnvolle und ausreichende Intervention/Regulation stattfindet (siehe auch S. 222). Das Thema ethnische Segregation wird als Pro- und Contra Diskussion vorgestellt und schließt mit kritischen Hinweisen zur Ambivalenz der Einwanderungspolitik in Deutschland (195).

Es folgen als letzter Unterpunkt Ausführungen zur "feministischen Stadtkritik", bei der Susanne Frank als Ko-Autorin mitwirkt.

Im 'Nachgang' (Fragen von J. Wurtzbacher an die Autoren) werden einige der Ausführungen noch einmal in einen gesamtgesellschaftlichen Zusammenhang gestellt. Dabei kommen auch offene Fragen zur Sprache, z.B. die Kontroverse um "die Mischung von Quartieren" (219). Auch der Hinweis von Walter Siebel auf die Möglichkeit steigender Segregation durch die Folgen staatlicher Politik und demografischer Entwicklung ist bedeutsam, schließlich geht es hierbei um nicht weniger als die Perspektive des tendenziellen Wegfalls räumlicher Erfahrung von Begegnungen mit Menschen anderen sozialen oder auch ethnischen Hintergrunds (220).

Abschließende Bemerkungen

Ein wichtiges Buch, da bis dato keine solche umfassende Einführung in die Stadtsoziologie vorgelegt wurde und sich diese Veröffentlichung durch eine gut verständliche Sprache auszeichnet. Sicherlich sinnvoll ist die Kombination mit dem Band "Großstadt - Soziologische Stichworte" (Hrsg. H. Häußermann 1998/2000), in dem zu vielen Bereichen vertiefende Aufsätze unterschiedlicher Autorinnen und Autoren zu finden sind.

Auch wenn einleitend begründet eine Trennung von Stadtsoziologie und Stadtpolitik begründet (16) und doch noch eine Übersicht über unterschiedliche politische Theorieansätze zum Verhältnis von Stadtentwicklung und Stadtpolitik vorgestellt werden (S. 118ff.), ist es doch bedauerlich, dass frühere Ausführungen der Autoren zu den strukturellen Hintergründen einer Spaltung der Stadt (z.B. Dreiteilung der Stadt 1987/1991, Festivalisierung der Stadtpolitik 1992/1993) nicht Eingang in die Veröffentlichung finden. Erörterungen der Gründe für Tendenzen in der Stadtpolitik, zugunsten von Großprojekten, Sauberkeits- und Sicherheitskampagnen die Entwicklung einer "Soziale Stadt" in sträflicher Weise zu vernachlässigen bzw. zu beschädigen, wären auch im Rahmen einer Einführung in die Stadtsoziologie sinnvoll.


Rezensent
Prof. Dr. Reinhold Knopp
Professor für Stadt- und Kultursoziologie Hochschule Düsseldorf
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Zitiervorschlag
Reinhold Knopp. Rezension vom 11.01.2005 zu: Hartmut Häußermann, Walter Siebel: Stadtsoziologie. Eine Einführung. Campus Verlag (Frankfurt) 2004. ISBN 978-3-593-37497-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/2140.php, Datum des Zugriffs 21.11.2017.


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