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Bünyamin Werker: Gedenkstätten­pädagogik im Zeitalter der Globalisierung

Cover Bünyamin Werker: Gedenkstättenpädagogik im Zeitalter der Globalisierung. Forschung, Konzepte, Angebote. Waxmann Verlag (Münster, New York) 2016. 309 Seiten. ISBN 978-3-8309-3496-7. D: 39,90 EUR, A: 41,10 EUR.
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Thema

Dass das Ende der Generation der Zeitzeugen die Arbeit der NS-Gedenkstätten nachhaltig prägt, wird in der Gedenkstättenlandschaft seit vielen Jahren breit diskutiert. Auch der vorliegende Band leistet zu diesem Diskurs einen Beitrag. Er befasst sich dabei aber mit einem bisher noch wenig beachteten Aspekt: Parallel zum Verlust des Kontextes der Generation der Zeitgenossen und mit vielfältigen Bezügen dazu findet ein Prozess der Globalisierung der Erinnerungsarbeit statt, der weitreichende Auswirkungen auf die Forschung, die Konzepte und die Angebote der NS-Gedenkstätten hat. Dies betrifft insbesondere die Dimension der Gedenkstätten als Lernorte.

Bünyamin Werker hat die dazu vorliegende Literatur analysiert, eigene empirische Forschungen durchgeführt und bereits realisierte Projekte ausgewertet.

Autor

Bünyamin Werker war in der historisch-politischen Bildungsarbeit auf Kriegsgräberstätten tätig und forscht zur Erinnerungskultur in der Migrationsgesellschaft sowie zu Themen der historischen Bildungsforschung. Er kennt die Arbeit der Gedenkstätten damit sowohl aus dem Zusammenhang der praktischen Arbeit als auch der wissenschaftlichen Reflexion.

Entstehungshintergrund

Die Ausrufung des 27. Januars zum „International Day of Commemoration in Memory of the Victims of the Holocaust“ durch die UN-Generalversammlung anlässlich der 60. Jahrestages der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz im Jahr 2005 hat symbolhaft deutlich gemacht, dass die Erinnerungsarbeit an die Verbrechen der Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft eine internationale Aufgabe geworden ist. Voraussetzungen für diesen Prozess waren insbesondere vier miteinander korrespondierende Entwicklungen: die Historisierung dieser Erinnerung nach der Zeit des von den Zeitzeugen getragenen kommunikativen Gedächtnisses, die damit eng zusammenhängende Mediatisierung der Erinnerungsarbeit, die sich aus der zunehmenden zeitlichen Distanz ergebende Relationierung der Geschehnisse als Lösung aus einer spezifisch deutsch-jüdischen Betrachtungsweise des Themas und die Entkontextualisierung, die sich aus der zunehmenden Präsenz eines generalisierenden, auf die Universalität der Menschenrechte abzielenden Ansatzes der Erinnerungsarbeit in den Gedenkstätten ergibt.

Aufbau und Inhalt

Im ersten Kapitel werden der Forschungsgegenstand des Bandes erläutert und der theoretische Bezugsrahmen dargestellt. Als wesentliche Orientierungspunkte werden dabei die unterschiedlichen Erwartungen der Gesellschaft an die NS-Gedenkstätten und die Funktionen, die diese wahrnehmen können, beschrieben. In erster Linie sind Gedenkstätten Orte des Gedenkens und Erinnerns im Rahmen des kulturellen Gedächtnisses einer Gesellschaft. Gleichzeitig sind sie aber auch sowohl Orte als auch Gegenstand der öffentlichen Debatten zu ihrem Themenfeld und damit zentrale Punkte einer Erinnerungs- und Geschichtskultur. Darüber hinaus macht sie ihre pädagogische Arbeit zu Orten des historisch-politischen Lernens.

Das zweite Kapitel befasst sich mit der Einordnung der Gedenkstättenarbeit in den Kontext der Globalisierungsprozesse. Dabei kommen jeweils gesondert die globale Ebene, die kontinentale-europäische Ebene und die nationale Ebene in den Blick. Für Deutschland fokussiert der Autor seine Überlegungen vor allem auf den Aspekt, dass die Gesellschaft in ihrer Ausprägung als Einwanderungsgesellschaft keineswegs mehr von einer homogenen, aus der Nationalgeschichte abgeleiteten Erinnerungskultur geprägt ist. Gemeinsam ist allen diesen Entwicklungen, dass sie sowohl eine Pluralisierung von Erinnerungen fördern als auch das Entstehen von sich voneinander abgrenzenden „Re-Nationalisierungen“ von Erinnerungen begünstigen können.

Zentrales Thema des dritten Kapitels ist die Frage, inwieweit in der wissenschaftlichen Befassung mit der Gedenkstättenpädagogik die Herausforderungen der Globalisierung bereits Niederschlag finden. Diese Überlegungen betreffen sowohl das Verständnis von Erinnerungskultur als auch die Fragen ihrer möglichen Wirkungen auf die Rezipientinnen und Rezipienten und die konkreten Ausprägungen der pädagogischen Arbeit. Von besonderer Relevanz für die Praxis der Bildungsarbeit in den Gedenkstätten ist dabei der aus einer im Auftrag der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung, Zukunft“ durchgeführten Studie abgeleitete Hinweis, dass die Einschätzung der Wichtigkeit des Themas „Nationalsozialismus“ bei den Schülerinnern und Schülern wesentlich mit dem Schultyp (Gymnasien 97%, Haupt-, Real-, Gesamtschulen 72%) korreliert, und zwar unabhängig vom Vorhandensein eines Migrationshintergrundes (Seite 116).

Das vierte Kapitel diskutiert Modelle und Differenzierungen der Gedenkstättenpädagogik, die sich mit dem historischen Lernen im Zusammenhang mit den Veränderungen der Gesellschaft durch Globalisierung und Migration befassen. Dabei kommt zunächst der Ansatz einer historisch orientierten Menschenrechtsbildung in den Blick, die in einer Einwanderungsgesellschaft vor dem Hintergrund sehr unterschiedlicher Erfahrungen der Teilnehmenden stark differenziert werden muss. Anschließend stellt der Autor an zwei Beispielen (dem Projekt „Konfrontationen“ des Fritz-Bauer-Instituts und dem „Dokumentenkoffer Geschichten teilen“ des Vereins Miphgasch/Bewegung e.V. und des Hauses der Wannsee-Konferenz) das Modell des interkulturellen Geschichtslernens vor, das dem Umstand gerecht zu werden versucht, dass aufgrund der diversen Erfahrungen der Jugendlichen über Themen und deren Bewertung nur noch multiperspektivisch gesprochen werden kann.

Im letzten Kapitel wird gefragt, inwieweit sich die Globalisierungsthematik bereits in den pädagogischen Angeboten der NS-Gedenkstätten in Deutschland widerspiegelt. Dazu werden im Hinblick auf die Fragen der interkulturellen Multiperspektivität und der Menschenrechtsorientierung die Ergebnisse einer qualitativen Inhaltsanalyse von 14 Gedenkstätten vorgestellt. Dabei wird deutlich, dass ein Großteil der untersuchten Institutionen – die allerdings auch zu den großen und am stärksten professionalisierten Akteuren in der deutschen Gedenkstättenlandschaft gehören – diese Aspekte in ihrer Arbeit im Hinblick auf ihre Ziele, die vermittelten Themen, die eingesetzten Methoden, die in den Blick genommenen Zielgruppen und die aufgebauten Kooperationen (die im Text etwas verwirrend „Profession“ genannt werden) bereits berücksichtigen.

Diskussion

Deutlich wird, dass die spezifische Herausforderung der Globalisierung für die NS-Gedenkstätten darin besteht, der Einbindung ihrer Arbeit in den globalen Kontext in allen Belangen gerecht zu werden und gleichzeitig keinen Verdacht aufkommen zu lassen, die nationale Verantwortung für die Verbrechen der nationalsozialistischen Herrschaft und des Zweiten Weltkriegs in irgendeiner Weise relativieren zu wollen. Der Autor weist auf die Kompliziertheit dieser Gratwanderung in verschiedenen Zusammenhängen hin, dabei wäre aber auch ein Hinweis auf die Komplexität des Verhältnisses der Gedenkstättenlandschaft zu den derzeitigen rechtsgerichteten Tendenzen in der Gesellschaft wichtig gewesen: Einerseits sind sie ihre offensichtlichen gesellschaftlichen Gegenspieler, andererseits beziehen die Gedenkstätten aus ihnen auch den aktuellen politischen und pädagogischen Nachweis ihrer Legitimität.

Das Anerkennen des Kontextes der Globalisierung hat auch tiefgreifende Konsequenzen für die Qualifikation der Gedenkstättenpädagogen, die künftig nicht nur die Geschichte des Nationalsozialismus und das Thema der ständigen Bedrohtheit der Menschenrechte vermitteln, sondern diese auch in den Kontext der vielfältigen Erfahrungen ihres diversen Publikums mit Formen der Unterdrückung und der Gewalt sowie dessen Konflikterlebnissen einordnen müssen. Daraus ergibt sich das Risiko einer Relativierung und Aufrechnung der nationalsozialistischen Verbrechen ebenso wie die Chance für vielfältige aktuelle Bezugnahmen der Vermittlung.

Fazit

Die Auseinandersetzung mit den Auswirkungen, die das Ende der Epoche der Zeitzeugen auf die Vermittlung der Zeitgeschichte und insbesondere ihres empathischen Aspektes hat, führte dazu, dass die Veränderungen des gesellschaftlichen Kontextes, in dem die Vermittlungsarbeit stattfindet und vor allem auch die Veränderungen des Publikums, an das sich die Vermittlung richtet, lange weniger im Fokus der Debatte standen. Die Arbeit von Bünyamin Werker ergänzt deshalb die Diskussion der aktuellen Herausforderungen für die deutsche Gedenkstättenlandschaft um eine wichtige Facette.

Der Band ist eine gute Positionsbestimmung, die zeigt, dass die NS-Gedenkstätten den Kontext der Globalisierung nicht nur akzeptiert, sondern für ihre pädagogische Arbeit auch schon nutzbar gemacht haben. Gleichzeitig wird aber auch sehr deutlich, dass noch viele mit der Globalisierung im Zusammenhang stehende Aufgaben zu bewältigen sind. Dies gilt insbesondere auch vor dem aktuellen Hintergrund, dass die Heterogenität des jugendlichen Zielpublikums der Gedenkstätten in der durch die Migration geprägten Gesellschaft noch einmal deutlich zugenommen hat.


Rezensent
Prof. Dr. Bernhard M. Hoppe
Thüringer Staatskanzlei und TU Kaiserslautern
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Zitiervorschlag
Bernhard M. Hoppe. Rezension vom 28.12.2016 zu: Bünyamin Werker: Gedenkstättenpädagogik im Zeitalter der Globalisierung. Forschung, Konzepte, Angebote. Waxmann Verlag (Münster, New York) 2016. ISBN 978-3-8309-3496-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21405.php, Datum des Zugriffs 15.12.2017.


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