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Tina Hollstein: Illegale Migration und transnationale Lebensbewältigung

Cover Tina Hollstein: Illegale Migration und transnationale Lebensbewältigung. Eine qualitativ-empirische Studie. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2016. 363 Seiten. ISBN 978-3-658-15151-5. D: 49,99 EUR, A: 51,39 EUR, CH: 51,50 sFr.
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Thema

Der Begriff ‚Illegale Migration‘ ist an sich irreführend, wie die Autorin gleich zu Beginn vermerkt: Es geht um MigrantInnen, die in „aufenthaltsrechtlicher Illegalität“ leben – um ihre Lebensgeschichte, ihre Beziehungsnetzwerke, Einkommens- und Arbeitsbedingungen und um ihr Bewältigungshandeln unter den Bedingungen eines immer engmaschigeren Ausländer- und Aufenthaltsrechts. Über die Lebensrealität dieser Menschen weiß man wenig, alle 10-12 Jahre erscheint mal eine fundierte Untersuchung; der öffentliche Diskurs und das politische Interesse drehen sich um die vorgeblich von diesen Menschen ausgehenden Bedrohungen, und um Maßnahmen zu ihrer Kontrolle (so Hollsteins Einleitungskapitel).

Autorin

Dr. Tina Hollstein forscht am Institut für Erziehungswissenschaft der Universität Mainz zu Migration, sozialer Bewältigung und Unterstützung, und zu Pflege und Alter.

Begrifflich-theoretischer Rahmen und Erhebungsmethode

Das Buch wurde als Dissertation verfasst. Gleichwohl ist es sprachlich gut zugänglich und inhaltlich übersichtlich gegliedert. Allerdings müssen nicht-fachliche LeserInnen längere Passagen bewältigen, die dem theoretisch-begrifflichen Rahmen und der Begründung der Erhebungsmethode gewidmet sind. Die thematischen und begrifflichen Eingrenzungen wurden einleitend vorausgestellt, das zweite Kapitel befasst sich mit den Rahmenbedingungen.

Das hochkomplizierte Aufenthaltsrecht setzt Migranten, die ohne oder mit gefälschten Papieren eingewandert sind oder deren Aufenthaltsrecht abgelaufen ist, vielfältigen Maßnahmen und Entdeckungsrisiken aus, im Alltagsleben und auf dem Arbeitsmarkt. Kühl von Hollstein festgestellt und wichtig zu wissen: Nach seriösen Berechnungen handelt es sich in Deutschland (2014) um 200.000 bis höchstens 500.000 Personen, deren Straftaten fast nur im Bereich von Aufenthaltsrecht und Urkunden(-fälschung) liegen; Auffälligkeiten, geschweige denn Straftaten müssen vermieden werden, denn diese Menschen können kein Entdeckungsrisiko eingehen (und umgekehrt, was die Autorin nicht vermerkt: Kriminelle AusländerInnen werden es vermeiden, sich in Zufallskontrollen durch fehlende Papiere verdächtig zu machen). Die Betroffenen selbst wiederum leben recht vereinzelt, sind juristisch wehrlos und werden leicht Opfer krimineller Delikte.

Abschließend erläutert Hollstein, dass in sozialwissenschaftlichem Verständnis „Bewältigungshandeln“ sowohl tägliches Zurechtkommen als auch Überlastung bedeuten kann, und dass soziale Unterstützung hauptsächlich über Netzwerke vermittelt wird (deren Nutzung auch Belastungen mit sich bringen kann).

Im dritten Kapitel wird der Arbeitsansatz dargestellt. Die Autorin hat „qualitative“ Interviews als offene, auf Erzählen gerichtete Gespräche mit kleinen Nachfragen geführt. Der Zugang war ziemlich schwierig; nach langer Suche ließen sich vor allem über medizinische Hilfsorganisationen (Medinetze; Malteser) acht Interviews realisieren, zwei der Befragten waren inzwischen legalisiert. Diese Schwierigkeiten liegen in der Sache, und auch in den Begrenzungen eines Dissertationsvorhabens. Aber ein vielfältigeres Herangehen – das z.B. Alt (2003) realisierte – hätte wohl das Auswertungsproblem erleichtert: Es fällt schwer, von wenigen Einzel-Geschichten und -Details zu einem Überblick zu gelangen (s. u. „Lebensbewältigung“).

Drei Fälle

In Kapitel vier werden drei Fälle ausführlich präsentiert, die für unterschiedliche Konstellationen stehen. Die Falldarstellung ist geordnet nach Zielen und Verläufen der (z.T. wiederholten) Zuwanderung, Unterstützungsbeziehungen in Deutschland und im Herkunftsland, Arbeitsbedingungen und Alltagsproblemen, den starken Einengungen durch das fehlende Aufenthaltsrecht, und den hierzu entwickelten eigenen Strategien; sehr geschickt wird dies je nach Fallkonstellation erweitert.

  1. Ein Moldavier ging wegen der großen Armut zu Hause nach Deutschland und fand dort eher zufällig eine Stelle als Landarbeiter. Er hielt sie über Jahre und konnte den ausbeuterischen Lohn im Laufe der Zeit etwas erhöhen. Über Mehrverdienst und Zugewinne (grenzüberschreitender Handel; Gründung eines Kleinunternehmens zu Hause) verbesserte sich der Status der Familie zu Hause – und damit wuchs die Distanz zur einfachen Dorfbevölkerung dort. Die wachsenden Kosten von Grenzüberquerungen (einschließlich Kosten einer Abschiebung) konnte er durch Legalisierung – Einbürgerung als Rumäne – beenden. Dennoch blieb er in Deutschland auf sich gestellt, Landsleute erwiesen sich als zunehmend unsolidarisch, und er verharrte in prekären Arbeitsverhältnissen („ohne Arbeitserlaubnis ist schlecht und mit Arbeitserlaubnis ist auch schlecht.“ S. 123)
  2. Eine Frau aus Serbien war dort in Kriminalität abgerutscht, ihre Migration nach Deutschland glich einer Flucht. Hierbei und später einigen schwierigen Situationen wurde ihr geholfen, teils von ihrem Vater, teils – v.a. bei Gesundheitsproblemen – von Organisationen. Aber ihr Lebenspartner half ihr wenig und bedrohte sie zugleich. Sie fand nur „scheiß Arbeit“ (S. 147), überwiegend als Niedriglohn-Küchenkraft. Angesichts der anhaltend prekären Erwerbs- und Beziehungslage und fehlender Rückkehrmöglichkeit litt ihr Selbstbild. Sie suchte es zu retten, indem sie kleine Erfolge sich selbst, Misserfolge auf eine sehr abwertende Weise vor allem anderen MigrantInnengruppen zuschrieb. Weitgehend auf sich gestellt und unfähig, ihre Situation aus eigener Kraft zu verbessern, blieb ihr nur die allgemeine Hoffnung auf Trennung vom Partner, auf Legalisierung durch einen EU-Beitritt Serbiens, und auf eine (bislang nicht erreichte) Höherqualifizierung. Die Autorin spricht hier von „Defensivstrategie“ (S. 169).
  3. Eine Putzfrau aus Ecuador konnte über viele Jahre kleine Geldüberschüsse an ihre Familie zu Hause überweisen. Die bei diesem Job immer schwankenden Einkünfte sowie Gesundheitsprobleme in den letzten Jahren ließen sich lange Zeit mit kleinen Ersparnissen und Hilfen (u.a. von einer Freundin) ausgleichen. Der Mann arbeitete in Spanien auf dem Bau, wurde aber schließlich arbeitslos und musste auch unterstützt werden. Zwei Töchter zogen nach Europa, blieben aber bislang teils in Ausbildung, teils in kleinen Jobs und konnten wenig beitragen. Die große räumliche Distanz zur Familie wurde mit fast täglicher Telekommunikation überbrückt, Heim- und Besuchsreisen blieben selten und teuer. Das Projekt eines Cafés in Ecuador, von dem die Familie leben soll, ist immer noch nicht greifbar.

Drei Grund-Situationen werden geschildert: Selbsthilfe mit Beziehungspotentialen und mit Verbesserungsperspektiven im Herkunftsland; fehlende Beziehungen und Verharren am prekären Rand des deutschen Arbeitsmarktes; Erwerbstätigkeit (bei sinkenden Einkommensmöglichkeiten) für die außerhalb lebende Familie und Änderung der Beziehungen von ganz hilfreich zu teilweise belastend. Die Lektüre der gut 100 Seiten plastischer und übersichtlicher Darstellung ist ein Gewinn, auch wenn die vielen wörtlichen, mit allen Ausdrucksschwächen der Befragten gebrachten Zitate oft umständlich paraphrasiert und teils überinterpretiert werden.

Lebensbewältigung

In Kapitel fünf (115 Seiten) werden alle acht Interviews ausgewertet nach Themenbereichen. Hier schlagen freilich die begrenzten Erhebungsmöglichkeiten und das wenig strukturierte Interviewen durch: Die Befunde werden überwiegend logisch entwickelt und nur illustriert aus den acht Interviews. So bleibt manches abstrakt, neben sehr interessanten Einsichten finden sich stellenweise recht enge ‚Wenn-dann‘-Aussagen, es gibt kaum ergänzende Information aus anderen Untersuchungen.

‚Illegale‘ Migration erfolgt aus „existentieller Perspektivlosigkeit“ heraus (S. 218) und erfordert Geldreserven in der Startzeit. Die Kosten (und damit das Geschäft der Schleuser und Fälscher) wachsen mit dem Ausbau von gesetzlichen Regelungen und Grenzkontrollen. Illegaler Aufenthalt funktioniert nur mit Hilfe sozialer Netzwerke, und deren Hilfen tragen gleichzeitig zur Senkung der Migrationskosten bei. Der Zugang zum deutschen Wohnungsmarkt ist riskant wegen der allgemeinen Meldepflicht und nur über ‚legale‘ Unterstützer zugänglich. Zum besonderen (Schwarz-) Arbeitsmarkt finden sich relativ beschränkte Einsichten. Alle Befragten litten an zeitlicher und körperlicher Überlastung und blieben Willkür und Ausbeutung ausgeliefert; die Autorin spricht von einer „Praxis des ‚Aushaltens und Hinnehmens‘ im Arbeitskontext“ (S. 259); sie schließt Ausführungen über die allgemeine Prekarisierung des Arbeitsmarktes an. Der Blick der Betroffenen vom untersten Rand des Arbeitsmarktes her ist jedenfalls wenig schmeichelhaft („wir sind in Deutschland bloß für Geld“, S. 263). – Das Thema ‚Krankheit Papierloser‘, gemeinhin nur Gegenstand von Fachuntersuchungen und -diskussionen, behandelt Hollstein (erstmals in Deutschland!) aus der Perspektive der Betroffenen. Die asylrechtlichen Beschränkungen des Menschenrechts auf Gesundheit führen zu Unsicherheit und zum Hinausschieben von Krankenbehandlungen. Medizinische Hilfs-Strukturen sind nur beschränkt zugänglich und wenig tragfähig. – Die Illegalität des Aufenthalts schränkt die Beziehungen und Kommunikationsmöglichkeiten drastisch ein. Die Kontakte Betroffener beschränken sich auf wenige Schlüsselpersonen (mit legalem Status) und ansonsten fast nur auf Landsleute. Grenzüberschreitende Familienbeziehungen sind meist mit Leistungsverpflichtungen verbunden, vermitteln aber Sinngebung und Rückhalt. Papierlose haben keine Handlungschance gegen ihre existentielle Unsicherheit, denn die Möglichkeiten von Legalisierung sind äußerst beschränkt, sie bleiben ständig in der Defensive. Ihre Perspektiven des Bleibens oder Gehens hängen von der Lage im Herkunftsland und vom Erreichen des Migrationsziels ab – dies ist eine der (zu) abstrakt präsentierten abschließenden Einsichten.

Transnationales und Schluss

Ein wenig als Pflichtübung erscheint das entsprechende 6. Kapitel mit nur 22 Seiten. Der Ansatz transnationaler Migrationsforschung wird rezipiert; Hollsteins Fragestellung zielt auf „transnationale Sozialräume“, d.h. stabile und intensive Sozialbeziehungen über mehrere Orte und Länder hinweg. Die Lebensbewältigung in aufenthaltsrechtlicher Illegalität hängt ab von den rechtlich gesetzten Chancen der Grenzüberwindung und von den technischen Kommunikationsmöglichkeiten; Telekommunikation ist leicht und kostengünstig, sie wird Alltags-prägend und ist zugleich eine Ressource. Relevant sind auch die Möglichkeiten sozialer Verbesserung im Herkunftsland. Als entscheidend wertet die Autorin die individuellen Potentiale – erfahrene Unterstützung (manchmal auch Belastung) durch Sozialbeziehungen sowie eine Erweiterung des Wissens und des geistigen Horizonts. Ungeklärt bleibt, ob und wie Erwerbschancen mit Transnationalisierung zusammen hängen.

Die Schlussbetrachtung ist kurz und prägnant. Menschen nehmen illegale Existenzbedingungen in fremder Umgebung auf sich, um ein miserables Leben zu verbessern. Die rechtliche Lage und die Erwerbsbedingungen bringen immer Ohnmachtserfahrung und extrem beschränkte Handlungsmöglichkeiten mit sich. Nur informelle Ressourcen ergeben eine tragfähige Lebensbasis, zentral für die Lebensbewältigung sind dabei Sozialbeziehungen und informeller Austausch im Aufnahmeland sowie grenzüberschreitend in andere Länder. Leben und Erwerbsarbeit im Aufnahmeland sind gleichbedeutend mit Marginalität; eine ernsthafte Chance zur eigenständigen Verbesserung des Lebens gibt es nur im Herkunftsland und nur unter günstigen Auspizien.

Fazit

Das Buch erscheint zu rechter Zeit. Gelegentlich der stark gewachsenen Zuwanderung seit 2015 wurden die gesetzlichen Zuwanderungsrestriktionen, Kontrollen und Abschiebungsmöglichkeiten erweitert, und damit ist das Abtauchen von immer mehr Menschen in einen ‚illegalen‘ Aufenthalt vorprogrammiert. Das Buch von Tina Hollstein gibt erstmals seit dem Erscheinen von Jörg Alts Untersuchung vor 13 Jahren wieder einen detaillierten Blick in die Lebensmöglichkeiten von Menschen unter aufenthaltsrechtlicher Illegalität. Die Migrantinnen werden nicht miserabilistisch dargestellt, sondern als handelnde Subjekte, zwar rechtlich und im Erwerbsleben marginalisiert, aber fähig, auf eigenen Beinen zu bleiben, informelle Ressourcen zu mobilisieren und meist ihre Familie und Andere zu unterstützen. In einem – für meine Begriffe entscheidenden – Kapitel werden diese Lebens- und Handlungsmöglichkeiten anschaulich und differenziert dargestellt. In einem weiteren Kapitel werden sie systematisch gefasst, meist aufschlussreich, aber stellenweise abstrakt oder unbestimmt; das liegt vor allem an den schwierigen Erhebungsbedingungen, mit denen die Autorin sich herumschlagen musste, aber auch an den Beschränkungen ihrer Herangehensweise.

Lesenswert ist das Buch allemal – allerdings um einen hohen Kaufpreis.

Literatur

Alt, Jörg (2003): Leben in der Schattenwelt. Problemkomplex „illegale“ Migration. Karlsruhe: von Loeper Literaturverlag


Rezensent
Dr. Rainer Neef
bis 2010 akad. Oberrat für Stadt- und Regionalsoziologie am Institut für Soziologie der Universität Göttingen
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Zitiervorschlag
Rainer Neef. Rezension vom 30.01.2017 zu: Tina Hollstein: Illegale Migration und transnationale Lebensbewältigung. Eine qualitativ-empirische Studie. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2016. ISBN 978-3-658-15151-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21407.php, Datum des Zugriffs 14.11.2018.


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