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Julia Spiegl (Hrsg.): Vereinbarkeit von Beruf und familiären Sorgepflichten

Cover Julia Spiegl (Hrsg.): Vereinbarkeit von Beruf und familiären Sorgepflichten. Grenzen, Möglichkeiten und Perspektiven für Person – Familie – Organisation. Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH (Wiesbaden) 2016. ISBN 978-3-658-14574-3. D: 24,99 EUR, A: 25,69 EUR, CH: 26,00 sFr.
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Thema

Die bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf hat inzwischen eine jahrzehntelange Tradition und befasst sich vorrangig mit dem Arrangement von erwerbstätigen Eltern und ihren minderjährigen Kindern. Inzwischen ist eine Vielzahl von gesetzlichen und betrieblichen Strategien vorhanden, welche es ermöglichen, beide Aufgaben paritätisch organisieren zu können. Mit der Alterung der Bevölkerung und der wachsenden Zahl an Pflegebedürftigen fokussierte die Vereinbarkeitsforschung zunehmend die Belange von Erwerbstätigen mit einer Pflegeverantwortung gegenüber älteren Familienmitgliedern. Diese Form der Sorgearbeit unterscheidet sich maßgeblich von jener der Kinderbetreuung und verlangt nach neuen Vereinbarkeitsstrukturen auf Seiten der Arbeitgeber. Denn die Doppelaufgabe von Pflege und Beruf ist in physischer und psychischer Hinsicht für die Arbeitnehmer*innen hoch belastend. Stress, Krankheit, Produktivitätsverlust, Absentismus und die Tendenz zum früheren Ausstieg aus dem Erwerbsleben stellen sich als Folgen dar. Die Berufstätigkeit mit ihrer sinnstiftenden aber auch monetären Komponente aufrechtzuerhalten, ist für die meisten Betroffenen von höchstem Belang.

Anhand dieser Befunde diskutiert die vorliegende Publikation zehn verschiedene Beiträge, die sich auf die bessere Vereinbarkeit von Pflege- und Erwerbstätigkeit beziehen. Die Untersuchungen beziehen sich dabei auf qualitative und quantitative Untersuchungen in Österreich und gehen von der Universität Graz aus und beziehen deren Personalpolitik mit ein. Entstanden ist ein Sammelband mit kritischen Reflexionen zum Komplex der Vereinbarkeit und inkludiert umfassende Maßnahmenpakete, die sowohl Organisationen als auch den darin Beschäftigten Möglichkeiten einer pflegesensiblen Personalpolitik aufzeigen.

Herausgeberin

Julia Spiegler, Mag. Erwachsenenbildnerin. Seit 2011 Leiterin der Abteilung unikid & unicare sowie Vereinbarkeitsbeauftragte an der Universität Graz.

Aufbau und Inhalt

Das Buch gliedert sich in zehn Kapitel, die jeweils als abgeschlossene Aufsätze zu einem Themenbereich in der Angehörigenpflege dargestellt sind. Die Kapitel 1, 4, 5, 7, 8, 9 und 10 widmen sich spezifisch der Sorgearbeit von jungen Müttern und Vätern in den ersten Lebensjahren ihrer Kinder, wobei die Kapitel 2, 3 und 6 konkret die Vereinbarkeit von Pflege und Beruf thematisieren.

Im ersten Kapitel wird der Berührungspunkt der Angehörigenpflege in der Universität Graz beschrieben. Es finden sich Befunde über ein Unverständnis seitens kinderloser Kolleg*innen bis hin zu einem entstandenen Universitätskindergarten, welcher nach wie vor von jungen Wissenschaftler*innen genutzt wird.

Das zweite Kapitel lenkt den Fokus auf pflegende Erwerbstätige, welche sich neben dem Beruf um ein älteres Familienmitglied kümmern. Hierzu wurden Interviews mit hoch qualifizierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern durchgeführt, die ihre Schwierigkeiten in dem besonderen Setting beschreiben. In der Auswertung der Befragung kommt zum Vorschein, dass das wissenschaftliche Personal sich dem Arbeitgeber nicht offenbart und somit die Vereinbarkeit im Privaten händelt. Möglichkeiten gesetzlicher Auszeiten oder die Reduzierung auf Teilzeit werden nicht genutzt, da ein Karriererückschlag befürchtet wird.

Die gleiche Zielgruppe liegt der Untersuchung aus Kapitel drei zugrunde. Angestellte bei einem großen Wohlfahrtsträger berichteten über ihre Probleme bei der Vereinbarkeit von Pflege- und Erwerbsarbeit. Als größte Belastungen stellten sich die psychische Beanspruchung, Zeitknappheit und die ständige Erreichbarkeit heraus. Diese Ergebnisse decken sich mit einer Vielzahl von empirischen (inter-)nationalen Studien mit dem gleichen Schwerpunkt. Als mögliche Lösung präferiert die Autorin, neben innerbetrieblicher Aufklärung und Thematisierung, eine sozialpolitisch initiierte Unterstützung, die auf vermehrte Angebote einer Tages- und Kurzzeitbetreuung sowie auf die Beratung von pflegenden Angehörigen und deren Unterstützung mittels Sachleistungen abzielt.

Das vierte Kapitel wendet sich der Rolle von erwerbstätigen Müttern eher philosophisch zu. Es handelt vom Zwiespalt als Frau eine ambitionierte berufliche Laufbahn anzustreben und dabei die Bedürfnisse der eigenen Kinder nach Schutz und Entwicklung nicht zu vernachlässigen. In einem Monolog der von der Autorin selbst ausgeht, erörtert sie mütterliches Denken im Kontext von gesellschaftlicher und privat empfundener Fürsorgehaltung. Es wird dabei deutlich, unter welchem Druck besonders karriereforcierte Frauen stehen.

Das fünfte Kapitel stellt zu Beginn heraus, was Vereinbarkeit in den Kontexten von Familie und Pflege bedeuten kann und welche Anforderungen jeweils daraus resultieren. Die Gemeinsamkeit der Vereinbarkeitsstrategie wird auf Seiten der Unternehmen formuliert und verlangt ein Gleichgewicht zwischen Stabilität, Flexibilität und Individualität der Angebote. Dabei schließen sich die Unterstützungsformen nicht aus, sondern ergänzen sich. Sie haben einen Signalcharakter und machen zum einen die Sorgearbeit von Beschäftigten sichtbar, und zum anderen ermöglichen sie einen flexiblen Einsatz je nach Bedarfslage und Sorgeverantwortung der Mitarbeiter*innen.

Der moralischen Frage, ob Kinder dazu verpflichtet sind, sich im besonderen Ausmaß um ihre Eltern zu kümmern, behandelt Kapitel sechs. Ausgehend von einer Reziprozität in einer Eltern-Kind-Beziehung erörtert die Autorin Aspekte der Schuldtheorie, der Freundschaftstheorie und der Besonderer-Güter-Theorie. Aus der Eltern-Kind-Beziehung können Verpflichtungen resultieren, die aber hoch interpretativ sind, da erfahrene Fürsorge nicht zwangsläufig als Gegenleistung interpretiert werden muss.

Daran anschließend folgt in Kapitel sieben ein Diskurs zu Müttern in Führungspositionen, welche die Autorin als ein seltenes Phänomen beschreibt. Zugrunde liegt eine qualitativ-explorative Studie, welche die Autorin mit neun jungen Müttern in den Chefetagen geführt hat. Trotz teilweise umfangreicher Vereinbarkeitsmöglichkeiten können diese von Frauen in Führungspositionen kaum genutzt werden, da diese eingeräumte Flexibilität mit den Arbeitsanforderungen kollidiert. Kinder werden daher häufig nicht thematisiert oder müssen neben den anderen Terminen in Excel-Sheets organisiert werden. Unterstützung erhalten diese Frauen häufiger von ihren (Ehe-)Männern als von den Unternehmensvorständen.

Kapitel acht enthält eine Auswertung zu den Arbeitsbedingungen von Wirtschaftspädagoginnen. Wesentlich ist, dass sich diese Berufsgruppe mit den gleichen Vereinbarkeitsschwierigkeiten konfrontiert sieht wie andere Branchen auch. Je nach Betätigungsfeld variieren dabei die Komplikationen. Es gilt, je flexibler die Arbeitszeitmodelle desto besser gelingt die Vereinbarkeit von Kind und Beruf.

Eine verwandte Thematik untersuchte eine Masterthesis in Kapitel neun, welche das Arrangement von Studieren mit Kind quantitativ untersuchte. Hierzu wurden Studierende der Universität in Graz mit mind. einem Kind befragt. Eine logische Schlussfolgerung ist, dass sich das Studium dann besonders gut mit einer Elternschaft vereinbaren lässt, wenn die Vorlesungszeiten nicht am Abend oder am Wochenende stattfinden. Zudem wird ein bestehender Universitätskindergarten als entlastend genannt. Viele Studentinnen profitieren zudem von der Unterstützung ihres Partners, was in der Arbeitswelt weitaus weniger zu beobachten ist.

Das letzte Kapitel behandelt die Entstehung von Einrichtungen der frühen Kindheit und beschreibt neben deren pädagogischem Anliegen das Gründungsmotiv, welches sich vor allem auf die Vereinbarkeitskomponente von Erwerbs- und Familienleben bezieht.

Im Nachwort des Buches sind die Vereinbarkeitsinstrumente der Universität Graz für Studierende und Mitarbeitende mit Kind oder pflegebedürftigen Angehörigen aufgezeigt. Diese reichen von allgemeinen Beratungsangeboten, Informationsveranstaltungen, flexiblen Kinderbetreuungsmöglichkeiten bis hin zu einer bedarfsorientierten Entlastung.

Diskussion und Fazit

Alle Beiträge sind in sich abgeschlossene kleinere Forschungsprojekte. Interessant wäre es gewesen, hätte man die Ergebnisse der einzelnen Studien miteinander verglichen und die Ergebnisse zueinander ins Verhältnis gesetzt. Auch ein Abgleich oder eine Bewertung anhand neuerer Literatur und Studien geschieht nur rudimentär. Zwar ist jeder Aufsatz in sich stimmig, aber eine verbindende Komponente bspw. mit einer übergeordneten Forschungsfrage hätte der Publikation etwas Innovatives verliehen. So aber verharrt sie auf einer deskriptiven Ebene, die zwar die gängigen Annahmen aus diesem Forschungsfeld stützt und bedient, neue Erkenntnisse zeigen sich aber nicht. Jedes Kapitel stellt Handlungsempfehlungen aus, welche zum Ende noch einmal gebündelt für die jeweilige Kategorie „Pflege und Beruf“ sowie „Familie und Beruf“ hätten aufgezeigt werden können. Gleiches gilt für die Strategien.

Dennoch bieten die Ausführungen einen Überblick zu aktuellen Problemlagen in der Vereinbarkeitsdebatte und zeigen noch einmal die wichtigsten Spannungsfelder. Ich empfehle dieses Buch jenen, die noch am Beginn ihres Forschungsstandes zum Thema Vereinbarkeit von Beruf und familiären Sorgepflichten stehen. Zudem empfehlen sich die Aufsätze für Studierende, die sich mit ihrer Abschlussarbeit beschäftigen, da sie gute Beispiele liefern, wie man diese aufbereiten und publizieren kann.


Rezensentin
Dipl. Sozialpädagogin Katja Knauthe
M.A., Lehrkraft für besondere Aufgaben am Lehrstuhl für Soziale Gerontologie, Hochschule Zittau/Görlitz
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Zitiervorschlag
Katja Knauthe. Rezension vom 14.05.2017 zu: Julia Spiegl (Hrsg.): Vereinbarkeit von Beruf und familiären Sorgepflichten. Grenzen, Möglichkeiten und Perspektiven für Person – Familie – Organisation. Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH (Wiesbaden) 2016. ISBN 978-3-658-14574-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21412.php, Datum des Zugriffs 22.08.2019.


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