socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Michael Richter: Neue Heimat Deutschland

Cover Michael Richter: Neue Heimat Deutschland. Zuwanderung als Erfolgsgeschichte. Edition Körber (Hamburg) 2016. 232 Seiten. ISBN 978-3-89684-178-0. D: 16,00 EUR, A: 16,50 EUR, CH: 23,50 sFr.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


„Es geht nicht nur darum, die Flüchtlinge mit Suppe und Sandwiches zu empfangen“

Flüchtlingstragödien, Integrationsscheitern, rechtsextreme, fremdenfeindliche, populistische und rassistische Parolen gehören mittlerweile zu den Aufgeregtheiten und Kakophonien in Deutschland und in vielen europäischen Ländern. Die gewaltsamen und kriminellen Auseinandersetzungen, die von Angriffen auf Migranten bis hin zu Attacken und Zerstörung von Flüchtlingsheimen reichen, nehmen zu. Es gibt aber auch positive Meldungen. Und die durchaus überraschende, breite Willkommenskultur zeigt, dass Empathie und Verantwortung in der Gesellschaft lebendig sind. In einer Reihe von wissenschaftlichen Analysen wird gegen Populismus und Polarisierung angegangen (Gute Flüchtlinge, schlechte Flüchtlinge?! Demokratie gegen Menschenfeindlichkeit. Zeitschrift für Wissenschaft und Praxis, 1/2016, www.socialnet.de/rezensionen/21024.php). Bemerkenswertes Engagement wird dargestellt (Kerstin Platsch, Drei Syrer an meinem Esstisch. Eine Reporterin kämpft für die Integration von Flüchtlingen, 2016, www.socialnet.de/rezensionen/21545.php). Es geht um die Erfahrung, dass Menschen, wenn sie sich empathisch begegnen, mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede entdecken (Mehmet Gürcan Daimagüler, Kein schönes Land in dieser Zeit. Das Märchen von der gescheiterten Integration, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/12723.php); und darum, dass Wandel und Veränderung Bereicherung für Gesellschaft bedeuten (Herfried Münkler / Marina Münkler, Die neuen Deutschen. Ein Land vor seiner Zukunft, 2016, www.socialnet.de/rezensionen/21453.php).

Autor

Der Autor und Regisseur Michael Richter informiert seit langem über Flüchtlingskrise, Fluchtursachen und Migrationspolitik. Seine Berichte und Dokumentationen erreichen über Rundfunk, Film und Fernsehen viele Menschen (Michael Richter, Fluchtpunkt Europa. Unsere humanitäre Verantwortung, 2015, www.socialnet.de/rezensionen/19248.php). Mit seinem Buch „Neue Heimat Deutschland“ setzt er sich dafür ein, dass es für diejenigen Flüchtlinge, die in Deutschland im Sinne des Menschenrechts auf Asyl und aus humanitären Gründen bleiben können, Perspektiven für sich und das ihrer Familien geben müsse: „Daher geht es jetzt darum, die Flüchtlinge mit dem Leben in Deutschland vertraut zu machen. Mehr qualifizierten Deutschunterricht anzubieten, Plätze in Kindergärten und Schulen für die Kinder und Praktikumplätze für die (jungen) Erwachsenen bereitzustellen, Wohnmöglichkeiten für alle zu schaffen“. Er erzählt von Menschen, die aus Empathie, Verantwortung und Menschlichkeit professionell und ehrenamtlich engagiert mitarbeiten, dass aus dem (zögerlichen und eher abwehrenden) Einwanderungsland Deutschland eine Erfolgsgeschichte für alle auf Augenhöhe wird. Denn diese Erfahrung wird in seinen Berichten deutlich: Empathisches und humanes Denken und Handeln ist eine Investition, bei der oft mehr Gutes zurück kommt als man hinein gibt!

Aufbau und Inhalt

In sieben Kapiteln stellt der Autor die vielfältigen, aktuellen Ereignisse, Abläufe und Situationen dar, in denen die Herausforderungen deutlich und die Aufgaben genannt werden, mit denen mit Fug und Recht gesagt werden kann: Deutschland ist ein Einwanderungsland, das sich der Chancen und Verantwortung bewusst und in der Lage ist, in den Zeiten der Globalisierung und Migration human zu handeln. Es sind im wesentlichen drei Kriterien, von denen es abhängt, ob Integration gelingt:

  1. Wie ist die Wohnsituation der Geflüchteten und Zuwanderer?
  2. Wie nehmen sie am Bildungssystem teil?
  3. Wie ist der Zugang zum Arbeitsmarkt?

Im ersten Kapitel wird von ausgewählten, spontanen Hilfen und Initiativen von meist Ehrenamtlichen berichtet, die im Herbst 2015 Flüchtlinge empfangen, beraten, mit Lebensmitteln und Kleidung weiter helfen und so den positiven Eindruck in der Öffentlichkeit vermittelten, dass in Deutschland eine „Willkommenskultur“ herrsche. Es sind Szenen auf den Bahnhöfen in München, Stuttgart, Frankfurt, Hamburg …, in Städten und Gemeinden, wie etwa in Fallingbostel in der Lüneburger Heide. Es sind spontane Angebote von Firmenchefs, jungen Flüchtlingen einen Praktikumplatz in ihren Betrieben anzubieten. Da sind aber auch die Hürden, die das Asylverfahren aufrichtet, weil Flüchtlinge ohne abgeschlossenes Verfahren keine Arbeit aufnehmen dürfen. Es sind die Zustände in den Notunterkünften, die von den Gemeinden in Turnhallen, ehemaligen Kasernen, nicht benutzten Fabrikgebäuden und in Containerlagern eingerichtet werden. Und es sind die nicht immer erfolgreichen und durchdachten städtebaulichen Planungen, möglichst schnell und billig Wohnraum für die Flüchtlinge bereit zu stellen. Da sind aber auch die Architekten und Städtebauer, die mit viel Fantasie und Kreativität Wohnungen bauen, die nicht zu Ghettos werden.

Im zweiten Kapitel setzt sich der Autor mit dem „Nadelöhr Asylverfahren“ auseinander. Es ist die gute wie schlechte, professionelle wie zufällige Arbeit der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF), die Asylanträge positiv oder negativ entscheiden. Es sind die Schwierigkeiten bei der Identifizierung der Flüchtlinge, von Missverständnissen (und auch von bewusstem Vertuschen), etwa bei der sprachlichen Verständigung, der staatlichen Festlegungen über sichere und unsichere Herkunftsländer. Es sind die langen Wartezeiten, bis eine Entscheidung getroffen wird; etwa, wenn der 32jährige Syrer Ghassan Aloda klagt: „In Syrien habe ich Archäologie studiert. Aber ich möchte hier eine Weiterbildung als Restaurator machen …, deshalb muss ich nach Berlin fahren, um dort Restaurierung zu studieren. Das geht aber nicht ohne Pass … “.

Im dritten Kapitel stellt der Autor fest: „Deutschland, ein Einwanderungsland!“. Er erzählt die Geschichte der 25jährigen Deutsch-Afghanin Rayana, die vor 14 Jahren mit ihren Eltern nach Deutschland gekommen ist und erfolgreich und engagiert an der Hamburger Hochschule für Angewandte Wissenschaften Außenwirtschaft studiert und sich nebenbei in der Flüchtlingsarbeit engagiert. Um Erfolgsgeschichten nicht als zufällige Entwicklungen abzutun, ist es notwendig, ihre Geschichte und die deutsche, zweigeteilte Geschichte der Einwanderungsbewegungen seit dem Zweiten Weltkrieg zu kennen und zu reflektieren.

Das vierte Kapitel trägt die Überschrift: „Voller Energie“. Der Autor berichtet von Einwanderungs- und Integrationsbeispielen, wie sie sich im Frühjahr 2016 in Deutschland darstellen. Es sind die Rückschläge durch Ereignisse, wie sie sich zu Sylvester 2015/16 in Köln ereigneten. Es sind die Aggressionen und Ideologien, wie sie von rechtsradikalen und populistischen, fremdenfeindlichen Gruppierungen provoziert werden, die das positive Bild von einer Willkommenskultur in Deutschland beeinträchtigen. Sie werden aber überlagert und ausgebessert durch die Berichte von gelingendem Ankommen; etwa die drei syrischen Familien, die im brandenburgischen Dorf Golzow im Oderbruch, an der deutsch-polnischen Grenze, in einem verlassenen Bauernhof eine Bleibe gefunden haben, von der Dorfgemeinschaft aufgenommen wurden und mit ihren Kindern eine positive Zukunft erwarten können. Da sind die Situationen, wie sie sich in Bad Fallingbostel positiv und durch aktive Mithilfe der Bewohner entwickeln. Da sind die erfreulichen und hilfsbereiten Aktivitäten von vielen Deutschen, die Sprachunterricht erteilen, Hilfen bei Amtsgeschäften leisten und z. B. unbegleitete junge Flüchtlinge in den Familien aufnehmen.

Im fünften Kapitel relativiert der Autor die teils euphorischen und unrealistischen Erwartungshaltungen in Teilen der Bevölkerung, insbesondere in der Wirtschaft, dass die Zuwanderung den prognostizierten, demographischen Mangel von Arbeitskräften ausgleichen könne. Aber es sind auch hier die positiven Aktivitäten, die zwar nicht kurz-, aber mittel- und längerfristig zu einer gelingenden Integration beitragen: „2016 ist das Jahr der Praktika“, in Betrieben, öffentlichen Einrichtungen und Hochschulen. Auch hier wieder die erfreulichen Beispiele, etwa des Potsdamer Zentrums für Gewerbeförderung, bei dem „Lotsen zum Arbeitsplatz“ erfolgreich tätig sind.

Das sechste Kapitel trägt die Überschrift: „Chance Vielfalt“. Es ist eine Auseinandersetzung mit den Chancen, wie sich eine Gesellschaft und ein Land verändert, wenn nicht Ablehnung und Fremdenhass vorherrschen, sondern Offenheit und Empathie. Im Jahresgutachten 2015 des Sachverständigenrats deutscher Stiftungen für Integration und Migration (SVR) wird darauf hingewiesen, dass die jahrelange Weigerung, dass Deutschland ein Einwanderungsland ist, für die langfristige, gesellschaftliche Entwicklung fatal und schädlich sei. Diese Fehlentwicklungen gilt es zu überwinden. Auch hierfür wieder eine Reihe von positiven Beispielen, etwa in Berlin-Wedding, wo eine private Schule eingerichtet wurde („Quinoa“), weil „Bildung ein Schlüsselfaktor in Einwanderungsgesellschaften ist“; oder im Hamburger Kirchdorf-Süd im Stadtteil Wilhelmsburg. Dort ist es gelungen, eine Ghettoisierung der dort untergebrachten Flüchtlingsfamilien zu verhindern: „Zwischen den Hochhäusern hat sich ein Leben entwickelt, so bunt wie die Bewohner des Stadtteils“.

Schließlich zieht im siebten und letzten Kapitel der Autor eine erste Bilanz: „Sommer 2016“. Es sind Lichtblicke, die die Kakophonien der Populisten übertönen (vgl. dazu auch: Jan-Werner Müller, Was ist Populismus? Ein Essay, 2016, www,socialnet.de/rezensionen/21538.php). Zahlreiche Initiativen, Vereine und Netzwerke haben sich gebildet, die dazu beitragen, dass die Flüchtlinge, die in Deutschland bleiben können, eine Chance erhalten, sich und ihre Familien selbst zu ernähren und sich in die Gesellschaft zu integrieren; wie z. B. die Hamburger „Arbeitsgemeinschaft selbständiger Migranten (ASM)“; oder die Arbeit des Berliner Coachs Wolfgang Jockusch, der bundesweit Gemeinden und Unternehmen berät, wie Integration, Verständigung und interkulturelle Kooperation möglich werden. Die Schilderungen des Autors insbesondere über die erfolgreiche Unterbringung von Kindern der Flüchtlingsfamilien in Kindertagesstätten und Schulen, ihr Lachen, ihr Spielen, ihre Wissbegierden und ihr Lerneifer sind mehr wert als die der Bedenkenträger und Menschenfeinde.

Fazit

Michael Richter gelingt es, mit seinen Berichten über „Zuwanderung als Erfolgsgeschichte“ eine perspektivenreiche und optimistische Betrachtung der lösbaren Probleme und Fragen bei der Einwanderungs- und Migrationsgeschichte im aktuellen Deutschland vorzulegen. Er redet die durchaus schwierigen Entwicklungen nicht schön; vielmehr schafft er es, die Wirklichkeiten nicht zu verdrängen oder zu verschweigen, sondern sie in Beziehung zu setzen zu den viel stärker wirkenden humanen, empathischen und rationalistischen Aktivitäten von Eingesessenen, die Einwanderer in die Gesellschaft auf- und anzunehmen!


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
E-Mail Mailformular


Alle 1370 Rezensionen von Jos Schnurer anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 04.11.2016 zu: Michael Richter: Neue Heimat Deutschland. Zuwanderung als Erfolgsgeschichte. Edition Körber (Hamburg) 2016. ISBN 978-3-89684-178-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21413.php, Datum des Zugriffs 17.07.2019.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung